07.03.1966

ÖLPESTTod im Film

Der Fall beschäftigte den Bundestag und die Regierungen in Kiel und Kopenhagen. Er versetzte Bergungsunternehmen und Bundesmarine in Alarmzustand, ließ Krabben- und Muschelfischer um ihre Fänge bangen und Professor Rudolf Drost vom Internationalen Rat für Vogelschutz um 50 000 Vogelleben fürchten. Und dem Geschäftsführer der Helgoländer Kurverwaltung. Willi Hinrichs, entrang er den Stoßseufzer: "Wir beten und wir hoffen, daß die Pest nicht in die Nähe kommt."
Die Angst vor der Pest - das ist die Furcht vor jenen 35 000 Tonnen Erdöl, die das Wrack des 39 Seemeilen westlich von Helgoland havarierten norwegischen Tankers "Anne Mildred Broevig" Ende letzter Woche schon 14 Tage lang umschlossen hielt.
Wenn dieses ÖL aus den Ladetanks des Schiffes in die Nordsee gerät, droht eine Ölpest ohnegleichen. Denn niemals zuvor erlitt ein Tanker von der Größe des Havaristen so nahe der Küste Schiffbruch. Niemals zuvor war die Gefahr so groß, daß ein schmieriger, stinkender Ölfilm ganze Küstenstriche überzieht und - insbesondere in den deutschen und dänischen Seebädern - Schäden unübersehbaren Ausmaßes anrichtet.
Seit das britische Küstenschiff "Pentland" (Ladung: Whisky in Fässern) am 20. Februar im Nebel mit seinem Steven den Ladetank 10 und den Maschinenraum des 29mal so großen Tankerriesen aufschlitzte und in Brand setzte, stehen Bergungsspezialisten und Schifffahrtsbehörden vor Aufgaben, für die es bisher kein Beispiel gibt und die bis zum Ende letzter Woche ungelöst blieben.
Wind und Seegang machten es zunächst unmöglich, den nach dem Brand mit seinem Achterschiff auf Grund gegangenen Tanker mit seiner Ladung zu bergen. Die Versuche, das Schiff zu retten, wurden vollends aussichtslos, als sich das ausgebrannte Achterschiff immer tiefer in den sandigen Meeresboden eingrub und nach und nach 5000 Tonnen Erdöl in die Nordsee quollen.
Nun mußten sich alle Anstrengungen darauf konzentrieren, entweder das Öl aus dem Schiffsrumpf in andere Tankfahrzeuge umzupumpen oder aber - falls der mit dem Vorschiff noch immer aus dem Wasser ragende Tanker zerbersten sollte - auslaufendes Öl zu vernichten.
Die norwegische Reederei Th. Broevig - die nach einer internationalen Vereinbarung verpflichtet ist, alles zu tun, um eine Ölpest zu verhindern - hofft auf die Zählebigkeit ihres Wracks. Sie glaubt, daß es den Schiffsbergern gelingt, den größten Teil der 35 000 Tonnen Öl abzupumpen, bevor das Schiff vollends in der Nordsee verschwindet.
Zumindest theoretisch besteht diese Möglichkeit selbst dann noch, wenn der Tanker auf dem Grund der an dieser Stelle 38 Meter tiefen Nordsee liegt. Taucher könnten, extrem ruhiges Wetter vorausgesetzt, Schläuche anbringen und Pumpschiffe die Tanks leersaugen.
Wahrscheinlicher hingegen ist, daß die einmal auf Grund gegangene "Anne Mildred Broevig" während der bevorstehenden Frühjahrsstürme vom Sandschliff zersägt und von der Gezeitenströmung so lange unterspült wird, bis das Wrack Stück um Stück auseinanderbricht und dem Öl den Weg an die Oberfläche freigibt.
Auf diesen Fall und auf die Gefahr weiterer Ölausbrüche noch vor dem endgültigen Untergang des Tankers bereitet sich unterdessen ein eigens gebildeter Einsatzstab des Wasser- und Schiffahrtsamtes Cuxhaven vor. Er legte Vorratslager mit Ölvertilgungsmitteln - sogenannten Emulgatoren - an, die auf Öl im Wasser dieselbe Wirkung haben wie Lezithin auf das Fett in der Milch. Normalerweise haben Öltröpfchen das Bestreben, sich auf der Wasseroberfläche zu einem dichten Film zusammenzuschließen. Die Emulgatoren jedoch zerlegen den Ölfilm wieder in einzelne Tröpfchen und kapseln sie so ein, daß sie frei im Wasser schweben, durch Schiffsschraubenschläge und Meeresströmungen über weite Seeräume verteilt und schließlich biologisch abgebaut werden können.
Im Labor und bei mehreren Demonstrations-Versuchen bewährte sich die Ölvertilgung mit Emulgatoren. Nie aber wurden sie bisher gegen eine so mächtige Ölflut eingesetzt, wie sie aus dem Rumpf der "Anne Mildred Broevig" quellen könnte. Vor allem ist unbekannt, ob der Emulsionseffekt so lange anhält, bis die Öltröpfchen weit genug verteilt sind.
Die Vorboten der Pest, die droht, falls Bergung oder Vernichtung des Öls mißlingen, haben inzwischen schon Opfer gefordert. Auf See wurden Vögel gesichtet, die hilflos in Lachen des ersten Ölausbruches festsaßen, und auf Sylt trieben ölverpestete Vogel-Kadaver an. Die schleswig-holsteinische Landesregierung erteilte Ende letzter Woche Genehmigung, für einen Katastrophen-Fonds "Tiere in Not" zu sammeln.
Wrack der "Anne Mildred Broevig": "Wir beten und wir hoffen"

DER SPIEGEL 11/1966
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