14.03.1966

„PAULUS HAT JESUS NICHT VERSTANDEN“

Jesus weiß von dem, was für Paulus das ein und alles ist, - nichts. Mag man immer auf seinen Anspruch verweisen, zum Messias ausersehen zu sein: daß er sich selbst zum Gegenstande eines Glaubens oder einer Lehre gemacht hätte, muß man trotz einigen Evangelienworten, die es sagen, bezweifeln. Daß er seinem Tode Bedeutung für das Heil zugeschrieben hätte, ist so unwahrscheinlich wie möglich, obwohl auch dieser Gedanke ein paar Mal in die Evangelien eingedrungen ist ...
Man kann auch sagen: bei Paulus ist die erste Frage, ob der Mensch Glied der Kirche ist. Alle menschliche Vortrefflichkeit kann ihm keinen Wert verleihen, wenn er nicht diese Bedingung erfüllt oder an den gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn glaubt. Dieser Gedanke kennt zwar keine Schranke der Nationalität, aber er wird selbst zu einer Schranke, die zwei Klassen von Menschen scheidet. Rein menschlich-sittliche Maßstäbe zur Beurteilung der Frömmigkeit, wie sie Jesus handhabt, kann es deshalb für Paulus gar nicht geben.
Vorwürfe gegen Paulus auszusprechen, ist müßig. Er hat sich seine Religion ja nicht willkürlich zurechtgezimmert, sondern hat inneren und äußeren Nötigungen gehorcht. Nur den Tatsachen selbst darf man nichts abdingen. Und
will man nicht beiden Gestalten jede geschichtliche Bestimmtheit nehmen, so ergibt sich, daß der Name "Jünger Jesu" für Paulus wenig paßt, wenn man damit ein geschichtliches Verhältnis zu Jesu bezeichnen will.
Im wesentlichen ist er im Vergleich mit Jesus eine neue Erscheinung, so neu, wie es bei einem großen gemeinsamen Untergrunde nur möglich ist. Er steht von Jesus viel weiter ab als Jesus selbst von den edelsten Gestalten jüdischer Frömmigkeit.
Es hilft auch nichts, zu sagen, Paulus könne gar nicht ebenso wie Jesus lehren, da er eben auf die Gestalt und das Leben Jesu zurückblicke. Wir brauchen es nicht zu wiederholen: das Lebenswerk und Lebensbild Jesu hat die paulinische Theologie eben nicht bestimmt.
An dieser Tatsache läßt sich nicht rütteln, mag Paulus soviel von Jesus gewußt haben, als er will, mögen Erzählungen von ihm ihn tiefer bewegt haben, als wir wissen, mag er gelegentlich in der Missionspredigt auch dies oder das von Jesus berichtet haben.
Er selbst hat sich freilich als Jünger und Apostel Jesu gefühlt und seine Ehre darin gefunden, es zu sein; des Neuerns ist er sich nicht bewußt gewesen. Aber angesichts dieser Tatsachen kann dies wahrlich niemals beweisen, daß er Jesu Werk wirklich nur fortgesetzt und Jesus verstanden hätte, überdies war der, dessen Jünger und Diener er sein wollte, gar nicht eigentlich der geschichtliche Mensch Jesus, sondern ein anderer...
In drei Sätzen läßt sich zusammenfassen, was Paulus für die christliche Religion gewesen ist:
1. Durch seine Missionsarbeit hat er sie auf einen neuen Boden, in die eigentliche Welt der griechisch-römischen Kultur verpflanzt.
2. Er hat den Jesusglauben nicht nur über die Enge des Judentums hinaus-, gehoben, sondern vom Judentum selbst losgerissen und damit der christlichen Gemeinschaft zuerst das Selbstbewußtsein einer neuen Religion gegeben.
3. Er ist der erste christliche Theologe gewesen und hat durch, seine Theologie die entstehende Religion entscheidend umgewandelt ...
Die Missionswirksamkeit des Paulus hat den Trieb zur Ausbreitung des Christentums mächtig gesteigert und hat den ersten Grund gelegt zu dem Kraftgefühl des neuen Glaubens, dem Bewußtsein, erobern zu können und zu müssen. Und doch ist dies noch nicht das Wichtigste.
Als Paulus auftrat, wohnte der Glaube an Jesus in einem Winkel der Welt, auf dem semitischen Boden führte er sein stilles Eigendasein. Als Paulus starb, hatte er sich an zahlreichen Stätten der eigentlichen Bildungswelt angesiedelt, und schon war der Schwerpunkt vom semitischen Boden verlegt.
Diese geographische Verschiebung war für das Aufblühen der neuen Religion von ungeheurer Bedeutung, mit ihr war aber zugleich die folgenreichste innere Entwicklung der Religion angebahnt. Indem sie in die heidnischen Gebiete eingeht, wandelt sie sich notwendig selbst, assimiliert sich vieles von fremder Religion und Anschauung und wird zu besonderer Art der Abwehr wie der Propaganda und damit zur Entwicklung neuer Gedanken und Lebensformen genötigt.
Die Loslösung des Christentums vom Judentum hat Paulus nicht von vornherein gesucht, gerade die Entwickelung seiner Lebensarbeit hat ihn aber dazu gedrängt. Seine Tat erscheint dabei um so großartiger, als er selbst bis zu einem gewissen Grade im Banne seiner jüdischen Vergangenheit bleibt . . . Vor ihm gab es nur eine innerjüdische Sekte, die sich um Jesus scharte; als er starb, war eine christliche Kirche da, die das Salz der ganzen Erde sein wollte.
Ansätze zu einer Theologie waren bereits in der Urgemeinde vorhanden; schon ihre Anerkennung des Alten Testaments brächte das mit sich. Aber Paulus ist doch der eigentliche Schöpfer einer christlichen Theologie;
* Aufsatz aus "Das Paulusbild in der neueren deutschen Forschung", Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
Apostel Paulus**
** Relief (um 1130) aus dem Hochaltar der Stiftskirche St. Nikolaus in Großkomburg.

DER SPIEGEL 12/1966
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