14.03.1966

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Jedes Jahr nach der Weltmeisterschaft springen und spreizen sich die besten Eiskunstlauf-Amateure der Welt einige Wochen lang ohne Punktrichter - einzig für volle Kassen. Sie reisen wie ein professionelles Revue-Unternehmen zu ihrer jährlichen Schaulauf-Tournee von Stadt zu Stadt.
In diesem Jahr zieht die internationale Kunsteis-Elite vom 5. bis zum 24. März durch Deutschland. Alle Beteiligten profitieren von der zu erwartenden 200 000-Mark-Gesamteinnahme: die veranstaltenden Eislauf-Regionalverbände durch den Einnahme-Überschuß, die Deutsche Eislauf-Union (DEU) als deren Dachverband durch einen sechs- bis achtprozentigen Gewinnanteil, die Eisläufer durch großzügige Reise- und Aufenthalts-Spesen.
In neun deutschen Städten gastiert der Amateur-Eisläufer-Zirkus, darunter in Oberstdorf, Garmisch und Krefeld. Sogar Hamburgs Eislauf-Verband tritt als Veranstalter auf, obwohl die größte Stadt des Bundesgebiets über kein ausreichendes Eis-Stadion verfügt. Die Hamburger wußten Rat: Sie kassieren in Regensburg. Allein für West-Berlin fanden die Eislauf-Oberen angeblich keinen passenden Termin.
Als die internationalen Eislauf-Funktionäre Ende Februar während der Weltmeisterschaft in Davos darüber entschieden, welche Städte am Schaulauf-Segen teilhaben sollten, stellten die Russen im Namen des Ostblocks sogleich eine Bedingung: "Sie lehnten es ab, in West-Berlin zu starten", berichtete der deutsche Eiskunstlauf-Obmann Eugen Romminger.
Ihrer Drei-Staaten-Theorie entsprechend, versuchen die Sowjets konsequent, die Bundesrepublik und West-Berlin als zwei getrennte Staatsgebilde zu behandeln. Deshalb müssen auch die sowjetischen Sportler den westlichen Teil der früheren Reichshauptstadt boykottieren, obwohl die internationalen Sportverbände und das Internationale Olympische Komitee die West-Berliner Sportler offiziell den bundesdeutschen Dachverbänden zurechnen. So wurde im November 1965 die sowjetische Frauen-Mannschaft disqualifiziert, weil sie sich geweigert hatte, bei der Hallenhandball-Weltmeisterschaft in West-Berlin anzutreten.
Die sowjetischen Eislauf-Funktionäre befanden sich freilich in günstigerer Position. Denn zugkräftigster Kassenfüller der in Davos zusammengestellten Schaulauf-Truppe ist das russische Olympiasieger-, Welt- und Europameisterpaar Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopow. Von deutschen Funktionären wurde kein Protest gegen den sowjetischen Berlin-Boykott laut.
"Wir sind eine einzige Eissport-Familie", schwärmte DEU-Präsident Rudi Marx, "mit Politik wollen wir nichts zu tun haben." Den Berliner Sportpalast-Direktor Georg Kraeft, der nach Davos gereist war, um ein Schaulaufen für Berlin abzuschließen, wimmelten die deutschen Funktionäre ab: Sie wollen als einzig mögliche Termine den 17. bis 19. März angeboten haben. Kraeft dazu: "Mir hat niemand einen Termin genannt." Zu dieser Zeit spielt allerdings das Budapester Operetten-Theater im Sportpalast den "Zigeunerbaron".
Kraefts Vorschläge - acht Abende zwischen dem 22. März und dem 3. April zur Auswahl - wurden abgelehnt. Statt dessen starten die Eis-Stars während ihrer Tournee nach dem Schaulaufen in Garmisch und vor dem letzten Start in Deutschland am 24. März in Krefeld zusätzlich in Frankreich. 24 Stunden nach Krefeld müssen die Schlittschuh-Athleten bereits wieder in Moskau hüpfen und heben.
Einem anderen Ostblock-Vorwand für einen Boykott der Eisschau kamen die DEU-Funktionäre zuvor: Sie ließen den Ost-Berliner Ralph Borghard nicht am Schaulaufen teilnehmen. Borghard war bei der Weltmeisterschaft bester deutscher Einzelläufer gewesen und deshalb zur Schau-Tournee eingeladen worden. Doch die ostdeutsche Mannschaftsführung versagte ihm die Startgenehmigung für die Bundesrepublik. Darauf setzte sich Borghard vom DDR-Eislauf-Kollektiv ab. Doch er durfte nicht, wie er beabsichtigt hatte, zusammen mit der Mannheimer Eisläuferin Uschi Keszler, 18, aufs Eis. Begründete DEU-Präsident Marx aus München: "Er muß sich erst mal bei seinem alten Verband abmelden."
So begann die lukrative Tournee ohne Borghard und Berlin. In einem Präzedenzfall hatten westdeutsche Behörden hart auf den sowjetischen Berlin-Boykott reagiert: Das Moskauer Bolschoi -Ballett mußte 1964 eine Tournee abbrechen, weil es nicht in West-Berlin auftreten wollte.
Doch die sowjetischen Eisschau-Läufer blieben unbehelligt. Selbst das Bundesinnenministerium schwieg zum Berlin-Verzicht der DEU-Oberen, obwohl es den Ostblock-Teilnehmern besonders entgegengekommen war: Angehörige der von Bonn nicht anerkannten kommunistischen Staaten benötigen für die Einreise in die Bundesrepublik oder andere Nato-Länder Visa des "Allied Travel Board" in West-Berlin. Um Komplikationen zu vermeiden, war ausnahmsweise die Paßstelle des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens ermächtigt worden, den aus Davos eintreffenden Eis-Stars Sondervisa zu erteilen.
Der Verzicht auf laute Kritik war Taktik. Die Kandidatur Münchens - dort tritt die Schautanz-Truppe am 18. März auf - für die Olympischen Sommerspiele 1972 sollte nicht durch einen aufsehenerregenden Abbruch der Tournee gefährdet werden. Seit Wochen agitiert die Ostblock-Presse gegen die Münchner Bewerbung. Bei den Biathlon-Weltmeisterschaften in der Bundesrepublik provozierte die Zonen-Mannschaft im Februar den jüngsten Zwischenfall*. Entgegen internationaler Vereinbarung trug sie das Hammer-und-Zirkel-Emblem. Das Zonen-Team wurde vom Wettkampf ausgeschlossen. Aber der Vorfall diente vor allem dem Ulbricht-Staat seither als Argument gegen Münchens Olympia-Streben.
"Erfahrungsgemäß Ist es völlig falsch, daß man im Einzelfall nachgibt", erklärte dagegen Bundesdeutschlands Sportchef Willi Daume, zugleich Präsident des Nationalen Olympia-Komitees und des Deutschen Sportbundes. "Es liegt im Wesen kommunistischer Taktik, dann sofort die nächste und erweiterte Forderung zu stellen." Daume forderte von der DEU unverzüglich einen Bericht über die Schaulauf-Verhandlungen an. Er hatte die seit dem Bau der Berliner Mauer unterbrochenen gesamtdeutschen Sportbeziehungen im Oktober 1965 wieder aufgenommen unter der "selbstverständlichen Voraussetzung", daß West-Berliner Sportler in den Sportverkehr eingeschaltet würden.
Vom Schaulaufen der Eiskunst-Weltmeister bleiben die West-Berliner freilich nicht völlig ausgeschlossen: Das Erste Deutsche Fernsehen wird die Filmaufzeichnung der Tournee auch in Berlin senden.
* Biathlon = ein aus Ski-Langlauf und Schießen kombinierter Winter-Wettkampf.
Sowjetweltmeister Belousowa/Protopopow
"Erfahrungsgemäß ist es falsch ...
Deutsche Eisläuferin Uschi Keszler
... daß man im Einzelfall nachgibt"

DER SPIEGEL 12/1966
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