21.03.1966

MUNSINGERMinister im Plural

Bei Pierre Sevigny in Ottawa klingelte das Telephon. Am Apparat war eine Dame aus München, und Sevigny - einst stellvertretender kanadischer Verteidigungsminister - fiel nach eigener Bekundung "aus allen Wolken: Ich habe sie sechs Jahre lang nicht gesehen und dachte, sie sei tot".
Wieder auferstanden, verschaffte Gerda Munsinger, 36, dem kanadischen Politiker das eingestandenermaßen "fürchterlichste Wochenende" seines Lebens, beschwor ohne eigenes Zutun eine kanadische Regierungskrise herauf und erwarb über Nacht das Boulevardblatt-Renommee einer Christine Keeler.
Mit der dunkelhaarigen Engländerin teilte die blonde Ostpreußin die gewisse Attraktivität. Wie Christine mit englischen, so dinierte Gerda, die mehrere Jahre - bis 1961 - in Kanada weilte, mit kanadischen Kabinettsmitgliedern.
Wie beim Profumo-Skandal war im Falle Munsinger die Rede von kompromittierenden Photos. Wie Christine Keeler hatte Gerda Munsinger gelegentlich Berührung mit Herren aus der Unterwelt. Gleich Christine Keeler soll sie ein "Sicherheitsrisiko" gewesen sein - aber ein noch größeres, wie der kanadische Justizminister Lucien Cardin fand. Cardin vor dem kanadischen Parlament: "Das ist schlimmer als der Profumo-Fall."
Als kanadische Reporter die Büfett-Dame (Monatsgehalt: 900 Mark) in einer Münchner Bar aufspürten, wies Gerda Munsinger den Profumo-Vergleich, weit von sich. Und in den Ruf einer Spionin mochte sie schon gar nicht geraten: "Wenn ich eine Spionin wäre, glauben Sie, dann würde ich für meinen Lebensunterhalt arbeiten?"
Eindeutig ist, daß die liberale Regierung in Ottawa den Fall absichtsvoll hochspielte - offenbar Revanche für wiederholte Attacken der oppositionellen Konservativen. Wochenlang hatten die Konservativen unter Ex-Premier John Diefenbaker der liberalen Minderheitsregierung Lester Pearsons zugesetzt, zuletzt wegen einer angeblich nicht korrekt verfolgten Spionage-Affäre. In die Enge getrieben, kehrte Pearsons Justizminister Cardin den Spieß um.
Zu Diefenbaker gewandt, rief er im Parlament aus: "Ausgerechnet dieser Mann will uns Ratschläge erteilen, wie Sicherheitsfälle zu behandeln seien" und forderte den konservativen Ex-Premier provozierend auf, "über seinen Anteil am Monseigneur-Fall Auskunft zu geben". Diefenbaker winkte ab, ging angeln und überließ ganz Kanada, darüber zu rätseln, was wohl der "Monseigneur-Fall" sei.
Es war der Fall der Gerda Munsinger, deren Name sich im franko-kanadischen Idiom wie "Monseigneur" ausnahm. Über diesen Fall hatte es bis dahin nur Gerüchte gegeben, die in politischen Circles zu Ottawa von Party zu Party getragen wurden. -
Näheren Aufschluß gab Cardin in der-Woche nach der Parlaments-Attacke auf einer Pressekonferenz. Er sprach von einer Olga Munsinger, die aus Ostdeutschland stamme und Spionin gewesen sei, von 1955 bis 1961 in Kanada gelebt habe, dann nach. Deutschland zurückgekehrt und an Leukämie gestorben sei. Während ihres Aufenthaltes in Kanada habe sie Beziehungen zu mehreren Diefenbaker-Ministern (Cardin: "Plural!") unterhalten. Diese Mitteilung schockte die Opposition derart, daß Lester Pearsons Minderheitenregierung zu stürzen drohte.
Welche Minister in welchem Maße in die Sache verstrickt gewesen seien, sagte Cardin nicht. Auskunft darüber gab - zumindest teilweise - in München die keineswegs verstorbene Gerda Olga Munsinger, der unversehens so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, daß ein Funkstreifenwagen vor dem Mietshaus in der Münchner Ainmillerstraße 1 vorfuhr, um die Ruhe der Anwohner sicherzustellen.
Ehe der auf die Fertigung von Sensationsberichten spezialisierte Illustrierten-Zulieferer Josef von Ferenczy die blonde Gerda in ein Versteck komplimentierte, um ihr die Lebensbeichte abzunehmen, gab die Büfett-Dame der Öffentlichkeit Fragmente zu Protokoll.
Das ostpreußische Marjellchen Gerda Heseler, am 10. September 1929 zu Königsberg geboren, war im Strudel der Nachkriegszeit in die Sowjetzone geraten und dann nach Westdeutschland geflüchtet. Die Anerkennung als politischer Flüchtling blieb ihr versagt, die Anerkennung als Dame nicht. Die 1,68 Meter große Blondine - zeitweise Raumpflegerin, Serviererin, Schönheitskönigin
- gewann die Verehrung von Photographen wie Komponisten und ehelichte Anfang der fünfziger Jahre den amerikanischen Besatzungssoldaten Michael Munsinger.
Wie damals bei ostgebürtigen Deutschen weithin üblich, lehnten die USBehörden den Einbürgerungsantrag ab: Gerda Munsinger galt als "Sicherheitsrisiko". Sie zog mit ihrem Mann nach Kanada, wo sich Michael Munsinger als Baseballspieler betätigte. Kurze Zeit später wurde die Ehe geschieden. Gerda arbeitete von nun an als Hotelsekretärin und Mannequin, machte die Bekanntschaft von Millionären und Politikern. Auch den stellvertretenden Verteidigungsminister Pierre Sevigny lernte sie kennen, mit dem sie nach eigenen Angaben zwischen 1958 und 1960 häufig zusammentraf - mal im Beacon Arms Hotel zu Ottawa, mal in ihrem Appartement zu Montreal, mal beim Luftausflug zum Pferderennen in Boston. Mit dem kanadischen Handelsminister George Hees, so erzählte sie weiter, habe sie zweimal diniert. Dazu Hees: "Da kann sie durchaus recht haben, obwohl ich mich immer noch nicht an jemanden dieses Namens erinnern kann. Aber nach Pressephotos glaube ich sie wiederzuerkennen."
Bald wurden in Ottawa Informationen herumgereicht, die "Royal Canadian Mounted Police" verfüge über Agenten-Aufnahmen, die Gerda Munsinger zusammen mit einem Minister im Bett zeigten. Die Aufnahmen wurden, wie die "Toronto Daily Star" mitteilte, mit Hilfe einer Infrarot-Kamera gemacht; ein Tonbandgerät war unter dem Bett installiert.
Da ließ der damalige Premier Diefenbaker den Vorfall untersuchen (nach Ansicht seiner politischen Gegner zu schleppend) und vergewisserte sich bei seinen Ministern, "daß nur Sex im Spiele war und die Sicherheit des Landes nicht berührt wurde" ("Toronto Daily Star"). Gerda wurde nach Deutschland abgeschoben.
Sie ließ sich in München nieder, residierte vorübergehend bei einer Friseur-Familie und bezog schließlich eine Wohnung in der Ainmillerstraße. An ihre Kanada-Episode erinnerte Eingeweihte nur noch ein Ring, den sie von Sevigny bekommen haben will.
Sie arbeitete als Büfett-Dame in zwei "Scotch-Casinos" und - in gehobener Position - im "Opern-Espresso". Man sah sie gelegentlich in Begleitung eines gesetzten Geschäftsmannes.
Als sie sonnenbraun von einem Ski-Urlaub nach München zurückkehrte, lag vor ihr der alte Schnee ihrer Vergangenheit. "Ich fliege nach Kanada und trete vor der Regierung auf", tat sie kund. "Da können sich die Herren auf einiges gefaßt machen."
Nur nach Montreal, wo sie einst an Gangster geraten war, will sie nicht: "Man würde mich dort in einem Zementmantel auf dem Grunde des St. -Lorenz-Stromes wiederfinden."
Kanada-Reisende Gerda Munsinger: Noch schlimmer ...
... als Profumo?: Munsinger-Ankläger Cardin, Munsinger-Freund Sevigny

DER SPIEGEL 13/1966
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