21.03.1966

PELERuhm ohne Reue

Dröhnende Motoren erstickten die Andachtsstille. Etwa 30 Photographen und Reporter stürmten in die barocke Wieskirche im Allgäu. Ein italienischer Kameramann schwang sich sogar über die Brüstung und erklomm die Stufen des Altars: Vor seiner Linse, kniend im Gebet: Edson Arantes do Nascimento, mit Künstlernamen Pelé, 25, der erfolgreichste Fußballspieler der Welt.
Pele war auf Hochzeitsreise. Mit seiner Frau Rosemari dos Reis Cholbi, 21, einer früheren Lehrerin und Basketballspielerin, trachtete er - vergebens - in Europa für drei Flitterwochen Ruhm ohne Reue zu genießen.
In der Fußballwelt ist der in Hochform perfekte Pelé nicht mit Geld aufzuwiegen. Mit 17 Jahren führte er Brasilien 1958 erstmals zur Weltmeisterschaft. Seitdem bestellt sein Klub mit jedem Satz neuer Trikots für die Mannschaft 20 Extrajerseys mit der Rückennummer zehn - unter der Pelé spielt. Nach den meisten Spielen erbeuten Anhänger das Pelé-Hemd als Souvenir.
Bis zu fünf Millionen Mark boten Klubs für Pelé. Der FC Santos, für den er in acht Jahren und 600 Spielen 660 Tore schoß, gab ihn nicht frei. Das brasilianische Parlament hatte vorsorglich sein Veto gegen einen Verkauf ins Ausland eingelegt. Die Stadt Sao Paulo bestellte ein Pelé-Denkmal. In Frankreich wurde Pelé als erster ausländischer Sportler Ritter der Ehrenlegion. Sein privates Vermögen wird auf wenigstens fünf Millionen Mark geschätzt. Kleinere Summen, etwa Fernseh-Honorare bis zu 5000 Mark, schlug er aus oder ließ sie seinen Manager kassieren.
Die Popularität engte freilich Pelés Privatleben ein. Sein Haus in Santos mußte er mit einer zwei Meter hohen Mauer umgeben. Um Fans und Photographen irrezuleiten, setzte Pelé seine Hochzeit offiziell für den letzten Karnevalstag dieses Jahres an, heiratete aber bereits am Rosenmontag. Dennoch mußten ihn 200 Polizisten schützen.
Immerhin glückte es dem Flitter-Paar zunächst, die Reportermeute abzuschütteln: Die Pelés flogen unter dem Namen "Dr. Graf und Frau" mit einer Lufthansa-Boeing-707 nach Frankfurt. Andernfalls wäre Pelé zweifellos eine Charterladung mit Journalisten gefolgt. Selbst Klubmannschaften aus Brasilien werden in der Regel oft von 20 Reportern begleitet.
Pelé war auf Einladung seines deutschen Freundes Roland Endler, 52, nach Deutschland gekommen. Millionär Endler, leitender Direktor der "Elektro -Schweiss-Industrie GmbH" in Neuß und - wie Pelé - Ehrenbürger von Santos, war früher Vorsitzender des Großvereins Bayern München. Er hatte den Pele-Verein FC Santos - der ihn zum Ehrenvorsitzenden ernannte - bei Gastspielen in Deutschland beraten.
Auf einem in Sao Paulo bereits erworbenen Grundstück will Endler eine Niederlassung errichten; Pelé soll nach Ende seiner Karriere Teilhaber werden. Schon in diesem Jahr begann er, die "Branche von der Pike auf kennenzulernen" (Endler).
Doch das Pelé-Paar wurde in Frankfurt nicht von Endler allein empfangen. Auch Presse und Fernsehen waren fast in Kompaniestärke angetreten. Und Mädchen der Frankfurter Prinzengarde empfingen den Star mit Küßchen. Auch im Münchner Endler-Haus im Sollner Begasweg 7 belagerten Journalisten und Verehrer den Gast. Zu jeder Ausfahrt, wie etwa zur Wieskirche, folgte Pelé eine lange Wagenkolonne.
Endler wich mit seinen Gästen in sein zweites Haus bei Garmisch aus. In seinem Oldsmobile führte Endler den Star später in ein drittes Besitztum nach Riccione an der Adria. Dort spürten bald zwei Journalisten aus Brasilien Pelé auf. Die europäische Presse hatte ihnen die Spur des entkommenen Fußball-Artisten verraten. Sie waren Pelé über Frankfurt und München gefolgt.
In Florenz empfahl Endler die Pelés dem Schutz des Mainzer ZDF-Sportredakteurs Helmuth Bendt, der sich am erfolgreichsten bemüht hatte, die Hochzeiter durch Filmaufnahmen möglichst wenig zu belästigen. Mit einem weiteren Endler-Freund schirmte Bendt den Star so geschickt ab, daß italienische Zeitungen ihn als Leibwache und "Gorilla" abbildeten. Per Taxi fuhren Pelé und seine Schutztruppe nach Rom. Um Indiskretionen vorzubeugen, wurden die Hotelzimmer für Pelé auf Endlers Namen bestellt.
Doch in der italienischen Hauptstadt ließen sich Pelés Spuren nicht mehr verwischen. Noch vor der Privataudienz beim Papst (SPIEGEL 12/1966) retirierte Pelé vor den Linsen lauernder Paparazzi nach Wien. Aber bei einem Fußballspiel wurde Pelé auf der Tribüne des Klubs Vienna entdeckt, obwohl er sie erst spät in der zweiten Halbzeit betreten hatte. Nach acht Minuten mußte Pelé flüchten. Er verzichtete auf weitere Spielbesuche.
Als Pelé nach der Rückkehr in Rom zu Einkäufen einen Ausbruch aus seinem "Hotel Haffler" an der Spanischen Treppe riskierte, entstand sofort eine Verkehrsstockung. Redakteur Bendt mietete in einer verabredeten Seitenstraße heimlich ein Taxi, zu dem der zweite deutsche Schutzmann den Star lotste. Aber erst nach zehn Minuten Zickzackfahrt waren die letzten Verfolger - zu denen inzwischen weitere Brasilianer gestoßen- waren - abgeschüttelt. Aus Dankbarkeit kaufte Pelé seinen Helfern Schuhe.
Die brasilianischen Hochzeiter zogen sich wieder nach Deutschland zurück. In Wiesbaden ließ sich Pelé den Film des ZDF-Teams von seiner Hochzeitsreise vorführen, der am 29. März im Zweiten Programm flimmern soll. Die gewünschte Kopie sicherten ihm die Mainzelmänner bereitwillig zu. Im Neußer Endler-Werk experimentierte er mit Schweißgeräten.
Aber weiterhin bedrängten Pelé auf jeder Station Trupps von Fans und Journalisten, in Frankfurt im Hotel "Frankfurter Hof", wo er mit dem deutschen Bundestrainer Helmut Schön fachsimpelte, und in Hamburg, wo Endler ein Treffen mit dem HSV-Spieler Willi Giesemann im Hotel Atlantic arrangiert hatte. Giesemann war 1965 während des Länderspiels gegen Brasilien in Rio de Janeiro bei einem - seltenen - Pelé -Foul das Schienbein gebrochen.
Giesemann und HSV-Star Uwe Seeler, gegen den Pelé verschiedentlich gespielt hat, wurden heimlich in das Hotelzimmer des Brasilianers geleitet. Im Atlantic-Foyer warteten bereits 25 Photo- und Presseleute. Der Hotel-Geschäftsführer schleuste Pelé und seine Partner durch den Lieferanten-Eingang ins Freie.
Am vergangenen Mittwoch brach Pelé seine Flitterwochen ab. Die brasilianische Nationalmannschaft beginnt mit intensiven Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft im Juli. "Brasilien braucht Pelé", erklärte der brasilianische Trainer, "um zum drittenmal Weltmeister zu werden."
Fußballer Pelé, Ehefrau Rosemari, Gastgeber Endler: Denkmal bestellt

DER SPIEGEL 13/1966
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PELE:
Ruhm ohne Reue