28.03.1966

GESELLSCHAFT / KRIMINALITÄT

Die ehrbaren Diebe

(siehe Titelbild)

Wer öffentliche Gelder unterschlägt, wer durch Monopole, Wucher und tausenderlei ... Betrügereien noch soviel zusammenstiehlt, der wird unter die vornehmsten Leute gerechnet.

Erasmus von Rotterdam

Kirchenlehrer Thomas von Aquin hielt Armut für die Wurzel aller Verbrechen. Der Italiener Cesare Beccaria, der Stammvater der Kriminologie, verkündete Ende des 18. Jahrhunderts: "Arme Leute stehlen."

Franz von Liszt, um die Jahrhundertwende Deutschlands prominentester Strafrechtler, war der Auffassung, das Verbrechen sei nur durch fortschrittliche Sozialpolitik, durch Beseitigung von Slums und Arbeitslosigkeit, einzudämmen. Klassenkämpfer Bert Brecht ließ den "Dreigroschenoper"-Helden Mackie Messer singen: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral."

In Slums haust heute in Deutschland kaum noch einer. Jeder sechste Bundesbürger fährt sein Auto, jeder fünfte besitzt seinen Fernsehapparat, jeder dritte leistet sich seine Urlaubsreise. Sparkonten sind in der Bundesrepublik zahlreicher als Einwohner. Arbeit hat, wer arbeiten kann. Sein "Fressen" hat jeder.

Doch der Wohlstand für alle hat Brecht widerlegt und Beccarias Erfahrungssatz ins Gegenteil verkehrt.

- Mit nahezu 1,8 Millionen Verbrechen und Vergehen gegen die Strafgesetze (außer Verkehrs- und Staatsschutzdelikten) erreichte die sogenannte polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes (BKA) 1964 einen Rekordstand**.

- Die bundesdeutsche Kriminalität

nahm im letzten Jahrzehnt dreimal so schnell zu wie die Bevölkerung. Rund 870 000 Personen werden jährlich, wie es im Polizeijargon heißt, "als Täter festgestellt". Wären es Soldaten, könnte man mit ihnen mehr als 50 kampfstarke Nato-Divisionen aufstellen.

An jedem Tag werden in der Bundesrepublik durchschnittlich vier Morde und Totschläge begangen oder versucht, 17 Frauen genotzüchtigt, 46 Urkunden gefälscht, 113 Automaten geplündert, 125 Autos gestohlen. An gut jedem zweiten Tag tauchen Räuber mit Maske und Pistole an einem Post- oder Sparkassenschalter auf.

Etwa zweimal täglich werden Tresore oder Kassen geknackt. 15mal in jeder Stunde wird in Wohnungen, Keller, Geschäfte oder Büros eingebrochen. 20mal je Stunde wird betrogen.

Anhand der Kriminalstatistiken lassen sich die Konturen der bundesdeutschen Kriminalität grobstrichig nachzeichnen. Sie besagen,

- daß in Großstädten mit über 100 000

Einwohnern dreimal soviel gemordet, gestohlen und betrogen wird wie auf dem platten Land; hier kommt im Schnitt ein Vergehen oder Verbrechen auf je 22 Einwohner, dort nur auf je 66***;

- daß Frankfurt die höchste Kriminalitätsdichte (ein Delikt je 16,5 Einwohner) hat - vor Köln (17), Hamburg und Bremen (je 20), Hannover (21) sowie Duisburg und West-Berlin (je 22);

- daß deutsche Männer im Alter zwischen 21 und 25 sowie Knaben zwischen 14 und 18 kriminell besonders anfällig sind: Bezogen auf ihren Anteil an der männlichen Bevölkerung entstammen jeder dieser Altersgruppen mehr als dreimal so viele Täter wie allen Männer-Jahrgängen über 30 zusammengenommen.

Die Statistiken belegen einerseits kriminalistische Binsenwahrheiten wie jene, daß Deutschlands Knaben und Männer fünfeinhalbmal sündhafter sind als Deutschlands Frauen und Mädchen, die wiederum mehr als die Hälfte aller Ladendiebstähle und 50 Prozent aller Kuppeleien begehen; daß Zuhälterei fast nur in Großstädten vorkommt, vorsätzliche und fahrlässige Brandstiftung dagegen typisch provinzielle Delikte sind und 40,4 beziehungsweise 46,2 Prozent aller so entfachten Feuer in Dörfern züngeln.

Rätselhaft muten andererseits die statistischen Erkenntnisse an, daß in Dortmund zweieinhalbmal soviel betrogen wird wie im benachbarten Essen; und daß in Stuttgart fast doppelt so viele Sittlichkeitsdelikte polizeibekannt werden wie in Dortmund.

Geradezu verblüffend aber ist, daß die Zahl der sogenannten Bereicherungsdelikte sprunghaft anschwillt: Seit die Deutschen wohlhabend geworden sind, stehlen sie mehr als je zuvor.

Allein die Delikte einfacher und schwerer Diebstahl machen heute mit etwa einer Million Fällen rund 60 Prozent der gesamten polizei-statistisch erfaßten Kriminalität aus. Noch 1954 betrug der Anteil 35,5 Prozent.

Dieses Phänomen, für die Bundesrepublik ebensosehr kennzeichnend wie für andere Industriezivilisationen, hat Scharen von Interpreten zu Dutzenden von Erklärungsversuchen angespornt. "Wohlstandskriminalität" und "Begehrungsneurosen", "Kriminalität aus Müßiggang" und "Begehrlichkeitsverbrechen", "Oberweltkriminalität" und "white collar crime" - das alles sind Schlagworte, mit denen Kriminalisten, Juristen, Soziologen und Kriminologen die Verbrechen einer Gesellschaft im Überfluß zu erhellen versuchen.

Mit dem amerikanischen Soziologen David Riesman ("Die einsame Masse") stimmen die meisten Beobachter darin überein, "daß das Verhalten des einzelnen durch die Zeitgenossen gesteuert" werde - nach der Devise "Hast du was, bist du was". Die auf Prestige-Bewußtsein getrimmte Konsumgesellschaft bemißt soziale Geltung danach, ob der Mitbürger VW oder Mercedes fährt, sich mit Teak oder Tinnef möbliert, und kürt den Karrieremann sowie die vollmotorisierte Familie zu Idolen.

Gewerkschaften und Sozialpolitiker bescherten dem Westdeutschen Arbeiter die 42-Stunden-Woche. Aber der DGB -Slogan "Samstags gehört Vati mir" blieb weithin unverwirklicht: Bundesdeutsche Vatis arbeiten sonnabends vielfach schwarz, die Mütter unter der Woche mit. Töchter und Söhne vagabundieren als unbeaufsichtigte Schlüsselkinder und randalierende Halbstarke durch die Straßen.

Steuerleute der Begehrlichkeit diktieren "Man geht nicht ohne Hut" und blasen den "Duft der großen weiten Welt" bis in Kleinstadtstuben. Kreditinstitute und Kaufhäuser finanzieren auch potentiellen Abzahlungsbetrügern und Kleinbankrotteuren den - wie der Freiburger Jurist Wolf Middendorff das Abzahlungsgeschäft charakterisiert - "Vorgriff auf die Zukunft".

Der Nachweis eines festen Arbeitsverhältnisses genügt den Geldgebern zumeist schon als Sicherheit. Weil er, "mit den Raten nicht mehr zu Rande kam", deshalb noch nicht abgezahltes Mobiliar wieder versetzt und schließlich sogar einen Einbruch begangen hatte, stand unlängst ein Hamburger Schauermann und Familienvater zum erstenmal in seinem 45jährigen Leben vor Gericht.

Das Verbrechen aus Begehrlichkeit, analysiert der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, "geschieht weniger, um etwas zu haben, als um etwas vorzustellen". So legte der kleine Hamburger Polizist und nebenberufliche Erfolgsbankräuber Hugo Alffcke einen Teil seiner Beute an, indem er seine Tochter überstandesgemäß für die Ehe aussteuerte und sich ein Mittelständler -Eigenheim kaufte.

Der "perfekten Großproduktion der Wünsche" - so Berlins Kripo-Chef Wolfram Sangmeister - erlag auch jene biedere Düsseldorfer Raumpflegerin, die ihrem Arbeitgeber über Monate hinweg mal 2000, mal 5000 und schließlich sogar 20 000 Mark aus dem Geldschrank stahl. Daheim hielt sie sich - für einen weit höheren Lohn als sie selber bekam - ebenfalls eine Putzfrau. Sie trug Modellkleider und flog übers Wochenende nach Berlin, wo sie im exquisiten "Hilton" abzusteigen pflegte.

"Reichtum gleicht dem Seewasser, je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man", meditierte Arthur Schopenhauer schon vor 150 Jahren. Unternehmer oder Handwerksmeister, die nach Feierabend wohlgelittene Stammtischbrüder und daheim sittenstrenge Familienväter sind, verkaufen tagsüber Nudelpackungen mit Untergewicht oder gepanschten Wein, kassieren Rechnungen für nie erbrachte Leistungen oder buchen Gewinne als Spesen ab.

Das "reine Erfolgsdenken" verleitet nach den Erfahrungen Staatsanwalt Dr. Heinz Schaefgens vom Korruptionsreferat der Staatsanwaltschaft Koblenz (Spezialgebiet: Wirtschaftsstraftaten auf dem Verteidigungssektor) immer mehr "Angehörige höherer soziologischer Gruppen" zum "Wagnis einer sozialwidrigen Bereicherung":

Ein norddeutsches Unternehmen der chemischen Branche hinterzog in den 50er Jahren fünf Millionen Mark Steuern. Der Unternehmer war dadurch nicht auf Bankkredite angewiesen. Er konnte billiger sein als die Konkurrenz und eine führende Marktposition ausbauen. Dann ging er zum Finanzamt, erstattete Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung, zahlte nach - und blieb straffrei.

Die Umstände - oder, wie Kriminologen sagen, die "ausnutzbaren Lagen" - sind heute für Diebe, Einbrecher, Betrüger und Schwindler so günstig wie nie zuvor. Die "immer geringer werdende Fürsorge des Bürgers für sein Eigentum" (Hamburgs Polizeipräsident Dr. Jürgen Frenzel) provoziert nachgerade Diebstahl und Einbruch. Ein Dorado für Gelegenheitsdiebe sind die Tausende in nachtdunklen Straßen, vor Kinos, Theatern und Nachtlokalen abgestellten Wagen sorgloser Autobesitzer, die ihren Transistor am Innenspiegel baumeln, Photogerät und Taschen auf den Sitzen liegen lassen.

Einem Frankfurter Polizisten fiel unlängst bei einem Streifengang ein Personenwagen auf, über dessen Vordersitzbank ein Nerzmantel gebreitet war. Der Wagen war unverschlossen.

In Hamburg stellten Touristen ihren Omnibus ausgerechnet auf St. Pauli ab, um einen Stadtbummel zu machen. Als sie angeheitert zurückkehrten, waren Kameras, Radios und Garderobe im Wert von 16 000 Mark gestohlen.

In München flog im Januar die "Mercedes-Stern-Bande" auf. Ihre zehn jugendlichen Mitglieder hatten in wenigen Monaten 147 Autos aufgebrochen, geplündert und demoliert sowie 23 weitere Kraftfahrzeuge gestohlen. Der 16jährige Chef der Bande: "Wenn andere schwere Limousinen fuhren, sahen wir nicht ein, warum wir auf Mopeds herumkutschieren sollten."

Einbrechern, Einschleichdieben und Schränkern (Tresorknackern) ermöglicht die zunehmende City-Verödung in den Großstädten nach Geschäftsschluß und an Feiertagen ungestörte Arbeit. So nutzten die Berliner Günter Peschel und Udo Herndl den vorigen Himmelfahrtstag zu einem Coup ohne Beispiel:

Am Abend zuvor stiegen sie in das Kaufhaus Hertie an der Wilmersdorfer Straße ein, nächtigten dort auf Liegen aus der Camping-Abteilung und brachen anderntags nach einem Frühstück aus der Lebensmittel-Abteilung mit Werkzeugen aus der Abteilung. "Für den Hausgebrauch" den Hertie-Safe auf. Mit 434 000 Mark Lohngeldern, die sie noch am Tatort gezählt und sorgfältig banderoliert hatten, entkamen sie in der folgenden Nacht unbehelligt. Den Tip hatten sie von dem früheren Hertie-Angestellten Herbert Göreke bekommen.

Vornehmer erledigen die Schreibtischtäter ihr kriminelles Pensum. Bauboom und Wohnungsnot bereiteten einen idealen Nährboden für unerlaubte Preisabsprachen zwischen Bauunternehmern und einst unbekannte Schwindeleien mit Mietvorauszahlungen. Der hektische Aufbau der Bundeswehr verleitete Panzerkettenfabrikanten oder Ersatzteillieferanten zu unstatthafter Bereicherung auf Kosten der Staatskasse. Bonns Subventionsfreudigkeit verführte Bauern und Eierproduzenten zu Unredlichkeiten.

Schweißbrenner, Schlagring oder Pistole sind als Tatwerkzeuge längst nicht mehr so populär wie Zeitungsannoncen, Hollerithmaschinen oder Hauptbücher. Aber "merkwürdigerweise" wird - wie der hannoversche Kriminalist Walter Zirpins feststellte das Schicksal der Schreibtischtäter, wenn überhaupt, weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit besiegelt.

In der Tat machen klassische Gewaltverbrecher nach wie vor die Crime-Schlagzeilen: gemütskalte Mörder, krankhafte Kinderschänder, Psychopathen, Lustmörder, Pyromanen, Triebverbrecher - Epigonen eines Jack the Ripper, des Hannoveraner Massenmörders Haarmann, des Düsseldorfers Peter Kürten oder des "Totmachers" Pleil.

Der wegen Landstreicherei, Brandstiftung, Diebstahls und diverser Sexualdelikte vorbestrafte Richard Ludwig Strack zerfleischte im Oktober letzten Jahres in einer Gartenlaube bei Köln die elfjährigen Waltraut Schiffer und Ursula Paleit.

In Hamburg beging der einschlägig vorbestrafte Schlachtergeselle Bruno

Pupedca von 1958 an in kurzer Zeit 22

Sittlichkeitsdelikte und versetzte ganze Stadtteile in Angst und Schrecken. In der Heidestadt Lüneburg legte der damals 19 Jahre alte Hilfsarbeiter und "Feuerteufel" Herbert Rademacher 1959/ 60 achtmal Feuer, vernichtete das "Ostpreußische Jagdmuseum" und legte die Ratsbücherei sowie andere historische Bauten in Schutt und Asche.

Wegen geringer Geldbeträge erschlug, erdrosselte oder erwürgte der seit vier

Jahren lebenslang im Zuchthaus einsitzende Augsburger "lange Heinrich" Naguschewski, eine Rentnerin, seinen Zimmernachbarn, eine 37 Jahre alte Frau und ein fünf Jahre altes Kind. Der Nürnberger "Mittagsmörder", Bundeswehrdeserteur und Ex-Student Klaus Gosmann hinterließ bei seinen Amokläufen sieben Leichen.

Die Bande des Petras Dominas, der als Westdeutschlands erfolgreichster Juwelenräuber-Hauptmann der Nachkriegszeit gilt, ließ auf ihrer Laufbahn zwei Tote und mehrere Verwundete zurück. Der schwachsinnige Duisburger Hilfsarbeiter Peter Pesch lockte die vierjährige Marlies Schmiesko in einen Keller und schlug sie - als er Gefahr lief, entdeckt zu werden - mit einem Rundholz tot.

Weil er eine 21 Jahre alte Frau im Park erwürgt hatte, außerdem wegen versuchter Notzucht und Entführung, wurde unlängst in Köln der Aushilfskellner Wolfgang Fuhrmann, 20, abgeurteilt.

Indes: Mord, Totschlag und Notzucht machen nur einen seit Jahren konstant bleibenden Bodensatz der Kriminalität aus. Typisch für das Verbrechen in der Wohlstandsgesellschaft hingegen ist der zahlenmäßige Anstieg

- der Diebstähle aus Autos in einem

Jahr von 93 541 auf 111 192 (1964);

- der Diebstähle aus Kaufhäusern und

Selbstbedienungsläden in einem Jahr von 43 325 auf 51 988 (1964);

- der Einbrüche in Banken, Sparkassen und andere Geldinstitute in einem Jahr von 695 auf 817 (1964) und vor allem

- der Überfälle auf Banken und

Kassen in drei Jahren von 53 auf 202 (1964).

Als sich die Gebrüder Franz und Erich Saß im Januar 1929 durch einen Tunnel in den Tresortaum einer Filiale der Berliner Disconto-Gesellschaft gruben und Werte von über 2,5 Millionen Mark erbeuteten, galt ihr Raub als eine Art Super-Verbrechen, das Buch- und-Filmautoren über Jahrzehnte Stoff lieferte. Heute sind Raubüberfälle auf Geldinstitute und Einbrüche in Kassenräume ein bundesdeutsches Alltagsdelikt - und ein provinzielles dazu.

Fast Dreiviertel der Kassen, die 1965 von Schränkern mit Schneidbrenner und Brecheisen oder von Räubern mit Maske und Pistole heimgesucht wurden, befanden sich in Dörfern und kleineren Städten.

Räuber und Schränker lieben die Landluft, weil sie in der Provinz nahezu ideale Arbeitsbedingungen vorfinden. In kaum einem der ländlichen Geldinstitute haben die Geldschränke Alarmanlagen; in kaum einer der Sparkassenfilialen auf dem Lande, aber auch in den Vororten der Großstädte, sind die Zahlschalter durch Panzerglas gesichert.

In Niedersachsen beispielsweise, wo Maskenmänner im letzten Jahr 28mal zur Kasse baten und insgesamt 256 000 Mark einstrichen, hat nach Angaben des Innenministers Otto Bennemann derzeit nur ein Prozent der 5000 Bank - und Sparkassenfilialen schußsichere Schalterverglasung.

Diese optimalen Arbeitsbedingungen verdanken Safeknacker und Kassenräuber insbesondere überholten Versicherungspraktiken: Auf der einen Seite ersetzen die Versicherungen den durch Überfälle oder Einbrüche angerichteten Schaden zumeist anstandslos. Andererseits ist der bislang für besondere Sicherheitsvorkehrungen gewährte Versicherungs-Prämiennachlaß nicht geeignet, die kleinen Provinzfilialen zu hohen Investitionen für Panzerglas oder Alarmeinrichtungen zu bewegen.

Eine unlängst in Kraft getretene Unfallverhütungsvorschrift "Kassen" schreibt zwar schußsichere Trennwände zwischen Kassierer und Publikum sowie Überfall- und Einbruchsalarmanlagen für alle noch so kleinen Zahlstellen vor - doch für die bereits vorhandenen Institute erst nach einer Übergangsfrist von drei Jahren (SPIEGEL 4/1966).

Die Berliner Erfolgsschranker Franz und Erich Saß waren polizeibekannte Berufsverbrecher und Ganoven mit ansehnlicher Vorstrafenlatte. Die Bankräuber von heute geben sich als Biedermänner und gehen zumeist ehrbaren Berufen nach.

Mit rund einer Million Mark in bar und Reiseschecks, die sie ihrem Arbeitgeber unterschlagen hatten, setzten sich am vorletzten Wochenende der Bevollmächtigte der Frankfurter Metropole-Bank, Wolf Ekkehard Kozubek, und Ex-Kassierer Dieter During nach Südamerika ab.

In einer Bankfiliale zu Hamburg -Eidelstedt kassierte im vorigen Sommer eine elegante blonde Dreißigerin, von der Lokalpresse als "Banklady" gewürdigt, mit der Pistole. Und der unlängst zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilte Hugo Alffcke (elf Banküberfälle, Gesamtbeute: 232 898 Mark) versah noch am Tag, bevor er gefaßt wurde, als Polizeimeister pflichtbewußt seinen Dienst im Hamburger Revier 90.

Die wohlstandskriminellen Diebe, Einbrecher und Räuber halten auf Distanz zu ihresgleichen. "Einzelgängertum" ist nach den Erfahrungen des nordrhein-westfälischen Kripo-Chefs Dr. Wenzky heute "unerhört stark". Eine organisierte Unterwelt wie zur Zeit der Prohibition in den USA gibt es deshalb in der Bundesrepublik ebensowenig wie Ganoven-Klubs mit Vereinsemblemen und Unterstützungskassen, wie sie im Berlin der zwanziger Jahre blühten.

Einige sogenannte Ringvereine etablierten sich nach dem Kriege neu, wurden aber alsbald wieder zwangsaufgelöst. In Braunschweig wurde 1956 den Mitgliedern des Ringvereins "Goldene Neun" der Prozeß gemacht. In Frankfurt taten sich Ganoven zum "Millionenclub" zusammen. Offiziell schoben die Klubmitglieder im Klublokal "bei Lalli" die Kegelkugel. Aber als ruchbar wurde, daß sich der "Millionenclub" überwiegend mit Hehlerei großen Stils befaßte, sperrte die Polizei Lallis Kneipe zu und die Kegelbrüder ein.

Ansätze organisierter Unterwelt ergeben sich höchstens noch im Strich-Milieu. Denn allein der Zuhälter, so meint Berlins Kripo-Chef Sangmeister, habe heute noch ein "berufsständisches Bewußtsein".

Im Vergnügungsviertel Hamburg-St. Pauli lieferten sich im Winter 1964/65 standesbewußte Dunkelmänner Duelle auf Messer und Pistole. "Louis" aus Wien waren damals mit ihren Mädchen nach Hamburg zugewandert und drohten einheimischen "Loddels" das Geschäft kaputtzumachen.

Offenkundig wurde der Kleinkrieg um leichte Mädchen, als ein Österreicher eine Kugel vom Kaliber 6,35 aus seinem "Ballermann" ins Bein des Hamburgers Max Grage schoß. Die Einheimischen revanchierten sich standesgemäß: In einer Absteige "kitzelte" der St.-Paulianer "Vallo" Valentino Steinke den Wiener Louis "Bärli" Arnold Sellner so lange mit dem Messer, bis das Bärli sich in seinem Blut wälzte. Die meisten der Zugereisten ergriffen entsetzt die Flucht.

In der Umgebung der vierstöckigen Dirnenkasernen Hinter dem Bahndamm zu Düsseldorf, wo die Kauf- und Hausfrau Wilma 228 Prostituierten Obdach und Abonnementsessen aus der Großküche gewährt, drängelten sich letztes Jahr auffallend viele französisch parlierende schwere Jungs in den Kneipen. Es waren "Maquereaux", Makrelen, wie Zuhälter im Pariser Straßenjargon genannt werden. Sie gehörten zum Troß von über 100 aus Frankreich zugereisten weiß-, braun- und schwarzhäutigen Mieterinnen der Frau Wilma.

Zum Kassieren hatten sich die Makrelen mit den Gastarbeiterinnen zunächst noch jenseits der deutschen Grenze getroffen. Doch dann - so Düsseldorfs Kripo-Chef Dr. Bernd Wehner - "versetzte uns die französische Polizei einen ziemlichen Streich". Die Polizei des sittenstrengen Charles de Gaulle machte den Maquereaux 1965 durch eine Sonderaktion zur Bekämpfung der Prostitution und Zuhälterei den Heimatboden so heiß, daß sie ebenfalls nach Düsseldorf übersiedelten.

Lebensart und Finanzgebaren der zum Teil aus Algerien, Marokko und Zentralafrika stammenden Franzosen ließen die einheimischen Unterweltler staunen. A la Chicago versuchte eine der Gäste-Gangs letzten Herbst auf einer Düsseldorfer Innenstadt-Straße einen Konkurenten durch Beschuß aus einer fahrenden Limousine umzulegen. Ein anderes Mal ließ sich eine Makrele die finanziellen Nutzungsrechte an seinem Mädchen von einem Landsmann für angeblich 30 000 Mark abkaufen.

Aus dem Milieu der leichtlebigen Damen und ihrer Beschützer waberte auch die Kriminalität, die den Karnevals- und Kardinalssitz Köln vor gut zwei Jahren in den anrüchigen Ruf eines "Chicago am Rhein" (so Kölns Kriminalrat Werner Haas) brachte.

Die Straftaten nahmen ebenso rapide zu, wie die Aufklärungserfolge der Polizei sanken: Gewalttätigkeit und Überfälle am hellen Tag häuften sich, Wermutbrüder fühlten sich von der köllschen Gemütlichkeit angezogen wie von keiner anderen Stadt, und im Bar -Viertel am Ring herrschten aufwendig lebende Muskelmänner vom Schlage des Jaguar-Fahrers und gelernten Rohrlegers Anton Dumm alias Dumm'se Tünn "durch Terror" (Haas).

Innenminister Weyer mußte schließlich den Kriminalisten Haas mit Sondervollmachten und 36 ausgesuchten Beamten auf den Sündenpfuhl ansetzen. Mit Rollkommandos und 171 Nachtrazzien kreiste Haas die Kölner Schläger und Zuhälter ein. 1965 sank die Kölner Kriminalitätskurve erstmals wieder. Dumm'se Tünn, den "König der Kölner Unterwelt" ("Kölner Stadt-Anzeiger"), zog die Polizei wegen Zuhälterei- und Notzuchtverdachts aus dem Verkehr.

Auf den ersten Blick hin müßte Deutschlands Polizei in der Tat eher denn je in der Lage sein, mit den Kriminellen fertig zu werden. Sie ist im Laufe des letzten Jahrzehnts vollmotorisiert worden. Stadt und Land sind mit einem dichten Polizeifunknetz überzogen. Der Erkennungsdienst der Münchner Kripo arbeitet schon mit Hollerithmaschine.,

Gleichwohl haben die kriminellen Wohlstandsbürger eine größere Chance, nicht gefaßt oder, falls sie doch "polizeiauffällig" werden, nicht abgeurteilt zu werden als noch ihre Väter und Großväter. Denn im Gegensatz zur BKA -Kriminalstatistik hat die Verurteiltenstatistik des Statistischen Bundesamtes (StaBA) seit langem Abwärtstrend.

Wegen Verbrechen und Vergehen gegen das Strafgesetzbuch wurden danach je 100 000 strafmündiger Personen von deutschen Gerichten abgeurteilt: 1904 bis 1908 im Jahresschnitt 1123, 1928 bis 1932 etwa 860, 1954 bis 1958 etwa 660 und in den Jahren 1959 bis 1963 rund 630 Delinquenten (ohne Verkehrs -Straftäter).

Mit den BKA-Zahlen operierte der frühere Bundesinnenminister Höcherl, als er im Mai vorigen Jahres verkündete, das "Gangstertum" mache sich breit. Mit den StaBA-Zahlen machte der ehemalige Generalbundesanwalt Dr. Max Güde seine Rechnung, als er im Januar während der Debatte über die Strafrechtsreform im Bonner Parlament feststellte, das Ausmaß der Kriminalität sei "nicht so erschreckend" und die Gesamtkriminalität habe "im ganzen abgenommen".

Die unterschiedliche Einschätzung der Lage an der bundesdeutschen Kriminalfront resultiert aus einem seit langem schwelenden Streit über die Frage, mit welcher Elle Kriminalität denn eigentlich zu messen sei.

Güdes Zahlen-Lieferant, StaBA -Rechtspflegereferent Alfred-Johannes Rangol, geht davon aus, daß nur die "rechtskräftige" (durch ein Gerichtsurteil bestätigte) Kriminalität ein anschauliches Bild bundesdeutscher Sündhaftigkeit liefere.

Höcherls Zahlenproduzent, BKA-Präsident Paulinus Dickopf, dagegen glaubt, "daß die Kriminalität an der Summe der verletzten Rechtsgüter gemessen werden" müsse: "Die von uns erfaßte Kriminalität ist in ihrer Summierung das, was den Bürger bedrückt." Daß heute für -eine höhere Summe verletzter Rechtsgüter ein kleinerer Kreis überführter Täter zahlen oder in Gefängnissen und Zuchthäusern einsitzen muß, liegt an der - wie es Dickopf nennt - "Riesen-Marge zwischen dem Bekanntwerden der Straftat und der Verurteilung des Täters":

- Gegen nahezu die Hälfte der polizeilich überführten Täter erheben die Staatsanwaltschaften keine Anklage. In der Mehrheit dieser Fälle (Hessen: 60 Prozent) tun sie es nicht, weil sie den vermeintlichen Täter im Gegensatz zur Polizei nicht für überführt halten - die Polizei also nicht ausreichend Beweismaterial anliefern konnte.

- Von 100 Tätern wiederum, gegen die von der Staatsanwaltschaft Anklage erhoben wird, werden zwölf schließlich doch nicht verurteilt.

Die meisten der BKA-Straftaten tauchen aber in Rangols Verurteilten -Statistik deshalb nicht wieder auf, weil die Polizei die dazugehörenden Übeltäter nicht findet. Der Erfolgsnachweis der Polizei, die sogenannte Auf klärungsquote (Anteil der aufgeklärten an den bekanntgewordenen Straftaten), fällt von Jahr zu Jahr bescheidener aus.

Noch 1954 konnte die Polizei etwa zwei Drittel aller bekanntgewordenen Delikte aufklären. Heute, so BKA - Präsident Dickopf, "können wir der Justiz ... nur die Hälfte der Täter anliefern".

Vor allem die anschwellende Woge der Bereicherungskriminalität droht die

Polizei zu überschwemmen: Nur jeden dritten Diebstahl oder Einbruch klärt die Polizei derzeit auf; gegenüber der schieren Masse von Autoeinbrüchen, Laden - oder Taschendiebstählen ist sie hilflos.

Und die gehobene Bereicherungskriminalität, die Delikte der Intelligenztäter, Großbetrüger und Schreibtischgangster, entzieht sich dem Polizeigriff, weil nur ein Bruchteil der einschlägigen Straftaten überhaupt polizeibekannt wird. Die Täter sind in der Regel angesehene Geschäftsleute, deren Leumund von der Gesellschaft kaum in Zweifel gezogen wird; die Taten sind In der Regel komplizierte geschäftliche Transaktionen, die häufig

selbst Fachleuten undurchschaubar bleiben.

"Erfahrene Wirtschaftsjuristen", klagt Kriminaloberkommissar Werner Klingenberg-Kinder, Leiter der niedersächsischen "Landeszentrale zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität", "beraten in vielen Fällen die Täter, wie sie sich unsichtbar am Rande des Kriminellen bewegen können."

Nach Experten-Schätzung richten Großbetrüger und Wirtschaftsstraftäter heute in der Bundesrepublik einen um das Mehrfache größeren materiellen Schaden an als alle Räuber, Diebe, Einbrecher und Safeknacker zusammengenommen. Aber mindestens 60 Prozent ihrer Straftaten bleiben, wie die Kriminalisten sagen, latent.

Das Phänomen der Bereicherungskriminalität im bundesdeutschen Wirtschaftsleben ist denn auch nahezu unerforscht. Soziologen und Kriminologen sind über die Katalogisierung der Tatbestände und der Tätergruppen kaum hinausgekommen.

Als "white collar criminals" stufte der amerikanische Soziologe Sutherland schon vor mehr als 15 Jahren Kriminelle ein, die "in ihren Berufen die Gesetze verletzen, welche speziell zur Regelung ihrer beruflichen Rechtsverhältnisse geschaffen wurden". Dazu gehören beispielsweise Ärzte, die den Krankenkassen fingierte Behandlungen berechnen, oder auch Rechtsanwälte, die Berufskenntnisse und Standesrechte mißbrauchen.

Ein klassisches "white collar crime" inszenierten im Januar 1964 der Hamburger Rechtsanwalt Günter O. Prechel, 42, und der Wagenpfleger Werner Ludwig, 49. Bei einem Notar im schleswigholsteinischen Ahrensburg führte Prechel damals den Wagenpfleger als den Textil-Millionär Josef Dyckhoff ein: Weil er Bargeld brauche, wolle Dyckhoff sein Grundstück Große Bleichen mit einer 750 000-Mark-Hypothek belasten. Der Notar möge ihm deshalb eine Grundschuldbewilligung beglaubigen.

Der Notar kannte Anwalt Prechel seit langem, wußte nicht, daß der wahre Josef Dyckhoff schon zwei Jahre zuvor verstorben war, und beglaubigte.

Mit dem Dokument ließen sich der Wagen- und der Rechtspfleger dann im Grundbuchamt eine Grundschuld eintragen und einen Grundschuldbrief ausstellen. Erst als eine Bank, bei der Prechel auf den Grundschuldbrief einen Kredit von 650 000 Mark aufnehmen wollte, durch allzu großzügige Zinszusagen stutzig wurde, platzte der Schwindel.

Ebenfalls aus der amerikanischen Soziologie stammt der Begriff der "Oberweltkriminalität", der das Intelligenz- und Wirtschaftsverbrechen gegenüber der klassischen Unterweltkriminalität abgrenzen soll. Nach der Definition der deutschen Kriminologen Walter Zirpins und Otto Terstegen** kennzeichnet die kriminellen Oberweltler, daß sie "in ihrem Beruf, also im normalen bürgerlichen Leben ... sozialwidrig ... handeln".

Als Oberwelt-Kriminelle gelten betrügerische oder korrupte Kaufleute, Fabrikanten, handelsgerichtlich eingetragene Kommanditisten und Gesellschafter, Handwerksmeister, Sportmanager oder Makler. Sie gelten - so BKA-Regierungs- und Kriminalrat Dr. Herbert Schäfer - als "ehrbare Seßhafte", und ihre Tatorte sind Baustellen, Schreibtische oder Konferenzzimmer.

Nach Schäfer sind Oberweltler oft "gepolstert mit Titeln, Ehrungen, Auszeichnungen ... und akademischen Graden". Der Mainzer Kriminologe Professor Armand Mergen stuft sie in einer Skala der Kriminellen-Typen als den "potentiell und tatsächlich gefährlichsten Typ" ein: Sie bekunden sich "nach außen hin sozial angepaßt, stehen mitten im gesellschaftlichen Leben", und "der oberflächliche Betrachter sieht in ihnen ehrbare, vom Schicksal begünstigte Bürger".

Zu den ehrbaren Kriminellen gehören jene Whiskyimporteure, die - wie unlängst aufgedeckt wurde - aber Tausende Flaschen schottischen Feuerwassers mit frisierten Papieren als zollfreie "Diplomatenware" oder "Schiffshändlerware" nach Westdeutschland einschmuggelten und der Konkurrenz mit Sonderangeboten den Markt verdarben.

Die Wohnungsbauprämienschwindler und die betrügerischen Unternehmer, die Bonns Rüstungs- oder Straßenbauetat durch überhöhte Forderungen oder Preisabsprachen anzapften, zählen ebenso dazu wie die Bauern, die vor ein paar Jahren "Luftei" und "Karussellei" erfanden: Sie kassierten für nie gelegte Eier oder mehrmals für ein und dasselbe Ei beim Landwirtschaftsministerium Subventionen.

Ehrbar und sozial angepaßt im Sinne der Definition Armand Mergens gaben sich die farbenfreudigen Metzger, die in den 50er Jahren - entgegen den Bestimmungen des Lebensmittelrechts - zentnerweise gesundheitsschädliches Nitrit in Deutschlands Würste verarbeiteten.

Seit 1964 sitzt der Wiedergutmachungsexperte Professor Hans Deutsch in Untersuchungshaft. Gegen ein Erfolgshonorar von 14 Millionen Mark soll er für eine ungarische Familie ungerechtfertigte Wiedergutmachungsansprüche an die Bundesrepublik Deutschland durchgesetzt haben.

Dem ehemaligen Henschel-Generaldirektor Dr. Fritz-Aurel Goergen wirft die Koblenzer Staatsanwaltschaft Durchstechereien im Rüstungsgeschäft vor. Der Textil-Millionär Müller-Wipperfürth mied jahrelang die Bundesrepublik, weil ihn die Steuerfahndung suchte. Der zeitweilige haitianische Generalkonsul und Generaldirektor des Fernseh- und Rundfunkgerätekonzerns Grundig, Josef Schäfer, soll mehrere Millionen seines Arbeitgebers Max Grundig veruntreut haben.

Intelligenz- und Wirtschaftsstraftäter gehen mit der Zeit und nutzen die Konjunktur. Sie partizipieren am deutschen Durst, an der Eitelkeit der deutschen Frau, profitieren vom und am Subventionsbewußtsein des deutschen Bauern:

- In Düsseldorf stand kürzlich der

Kellerei-Besitzer Caspar Heidemanns wegen Weinpanscherei vor Gericht. Er soll rund 100 000 Liter "schwache Weine aufgepäppelt" haben. Eine Sendung war angeblich auch an die nordrhein-westfälische Landesregierung gegangen und bei Empfängen für Kaiser Haile Selassie und Soraya ausgeschenkt worden.

- In saarländischen Lokalzeitungen

inserierte eine 65 Jahre alte Kosmetikerin eine "Gesichtsfaltenentfernungsmaschine" zum Preise von elf Mark. Die Bestellerinnen bekamen zwei halbe Schnürsenkel zugeschickt, an deren einem Ende je ein Heftpflaster befestigt war. Die Gebrauchsanweisung riet faltigen Einfältigen, die Pflasterstücke hinter die Ohren zu kleben und dann die freien Schuhriemenenden am Hinterkopf zu verknoten: Schrumpelige Gesichtshaut werde dadurch nach rückwärts gezogen, die Gesichtsfalten verschwänden mithin.

- "Staatl. Subventionen - Grüner

Plan 1965" lautete der Absender von insgesamt 6000 Nachnahmen über 8,70 Mark, die ein Kaufmann mit viel Einfühlungsvermögen in die deutsche Bauernseele an norddeutsche Landwirte verschickte. In die Umschläge hatte der Bauernfänger sechs Seiten hektographierte Auszüge aus dem Grünen Plan gesteckt. Hunderte lösten die Nachnahmen ein. Konjunkturspürige Intelligenzverbrecher springen auf die Sparbücher des biederen Wohlstandsbürgers ebenso an wie auf seine Schulden: Vor den Werkstoren der Ruhrzechen und Hütten wimmelte es um 1962 von Vertretern sogenannter Schuldenzusammenfassungsbüros. Nach mehreren Seiten abzahlungsverpflichteten und beim Abstottern schon in Verzug geratenen Kumpels und Stahlarbeitern boten sie an, die verworrenen Abzahlungsverhältnisse zu entwirren und bei den Gläubigern Zahlungsaufschub zu erwirken.

Meistens machten die Zusammenfasser ihrer zahlreichen Kundschaft die Lage jedoch mißlicher als sie zuvor gewesen war. Denn zunächst mußten die Kumpel erst einmal fünf bis zehn Prozent ihrer Gesamtschulden als "Bearbeitungsgebühr" an ihre Helfer abführen, die dann zumeist ihre Tätigkeit einstellten.

Mit dem seit zwei Jahren bei Konjunkturgangstern beliebten Auslieferungslager-Trick arbeitet die Düsseldorfer Firma "TZ Hausputz GmbH"**. Rund 960 000 Mark Schaden, 30 Beschuldigte und an die hundert um ihre Spargroschen gebrachte kleine Leute waren das Ergebnis einjähriger Geschäftstätigkeit.

Per Zeitungsinserat stellte TZ Hausputz hohe Verdienstmöglichkeiten bei geringem Kapitaleinsatz in Aussicht. Für 15 000 Mark überließ die Firma ihren Opfern größere Mengen eines angeblich gut eingeführten Bautenschutzmittels sowie die Alleinvertriebsrechte für die Artikel im zuständigen Handelskammer-Bezirk. Mit Arbeit, so versprach Hausputz, sei die Generalvertretung nicht verbunden; denn ein weitverzweigtes Netz von Untervertretern werde von ihr direkt unterhalten.

Die Ware kam zumeist prompt, die

angekündigten Untervertreter kamen nie. Auch das Alleinvertretungsrecht im Handelskammer-Bezirk war nur ein Bluff. Im Bereich der Industrie- und Handelskammer München beispielsweise hatten es die TZ-Hausputz-Bevollmächtigten an fünf verschiedene Interessenten vergeben. Die meisten Generalvertreter blieben auf der Ware, die sich als unverkäuflich erwies, sitzen.

Mörder hinterlassen im Regelfall eine Leiche und zumeist auch Spuren. Intelligenz- und Wirtschaftsstraftäter hinterlassen der ermittelnden Polizei gewöhnlich nur Aktenberge und oft kaum dechiffrierbare Geschäftsunterlagen: Durch mehr als 6000 Seiten Briefwechsel und Abrechnungen mußte sich ein einziger Sachbearbeiter der Düsseldorfer Kripo bei den Ermittlungen gegen TZ-Hausputz wühlen.

4000 Überstunden machten niedersächsische Kriminalisten im Zuge der Recherchen gegen das Braunschweiger Industrieunternehmen Luther & Jordan. Die Geschäftsunterlagen der Firma, die sich gegen die Steuergesetze vergangen und überhöhte Rechnungen für Bundeswehraufträge kassiert haben soll, wurden der Polizei mit Lastwagen ins Haus geliefert. Zwei Beamte brauchten allein fünf Monate Zeit, um anderthalb Millionen Lochkarten, Arbeits - und Materialscheine zu sichten.

Die hohe Latenz bei den Bereicherungsdelikten der Wirtschafts- und Intelligenztäter, die niedrige Aufklärungsquote bei den plumpen Bereicherungsdelikten der Diebe und Einbrecher - das sind die Symptome der

Ohnmacht der Polizei gegenüber der Wohlstandskriminalität. Und: Trotz steigender Kriminalität gibt es heute in Westdeutschland - bezogen auf die Gesamtbevölkerung - nicht mehr Polizisten als vor zehn Jahren. Dreiviertel aller uniformierten Beamten müssen inzwischen Deutschlands Straßenverkehr bewältigen helfen.

Kapitalverbrechen wie Mord setzen gleich einen ganzen Apparat in Bewegung - die Mordkommission, die Dienststelle "Leichen und Vermißte", Photographen, Fingerabdruckspezialisten rund oft auch das Raubdezernat, Im Bundesdurchschnitt werden denn auch über 90 Prozent aller Körperverletzungen mit tödlichem Ausgang aufgeklärt, 70 von 100 Notzüchtigern gefaßt. Im Stadtstaat Hamburg ist von 16 Mördern und Totschlägern des Jahres 1965 nur noch einer - er setzte sich vermutlich insAusland ab-auf freiem Fuß.

Die Aufklärung eines Diebstahls hingegen beschränkt sich zumeist auf die Vernehmung des Geschädigten, eine Tatortbesichtigung und das Ausfüllen des Formblattes "K 14" ("Unbekannter Täter"). Darin werden die Tatzeit, die Arbeitsweise des Täters, sein "scheinbares Alter" und andere Angaben über Täter, Tat und Tatort festgehalten. Dann ist es Sache des sogenannten Erkennungsdienstes, in seinen Karteien durch Vergleich von Täter- und Tatmerkmalen eine Person zu finden, auf die das meist unscharfe "K 14"-Bild paßt.

Polizeibekannte schwere Jungs und Serieneinbrecher haben beim erkennungsdienstlichen Puzzle-Spiel selten eine Chance. Die Gelegenheitstäter aber, die heute in der Mehrheit sind, brauchen es nicht zu fürchten.

Und auch die Intelligenztäter und Schreibtischgangster wären durch Personalaufstockung allein nicht in den Polizeigriff zu bekommen. Zwar scheitern auch Wirtschaftskriminalisten oft an der Unzulänglichkeit ihrer Mittel:

Längst nicht jede deutsche Kriminalpolizei-Dienststelle durchleuchtet heute schon automatisch jede bekanntgewordene Insolvenz auf mögliche betrügerische Manipulationen, wie es Kriminalrat Bertlings Hamburger Kriminalinspektion II B (Wirtschafts-, Betrugs - und ähnliche Delikte) seit einigen Jahren tut. Solange die Hamburger Kripo nur Anzeigen nachging, wurden ihr - schätzt Bertling - von 44 Konkursdelikten etwa vier bekannt; seit sie routinemäßig alle Insolvenzen überprüft, fast jedes zweite.

In Zeitungen angekündigte verdächtige "Vertreterbesprechungen" können die Beamten des Düsseldorfer 8. Kriminalkommissariates - Wirtschaftssachen - "aus Personalmangel nicht besuchen" (Dienststellenchef Kriminalhauptkommissar Hans Fabelje). Eine Schreibdame, der sie die oft Hunderte von Seiten starken Ermittlungsprotokolle diktieren könnten, haben die acht Mann vom 8. KK nicht, und "es ist schon viel, daß jeder eine Schreibmaschine hat".

Die Dienststelle Kriminaloberkommissar Klingenberg-Kinders bekam erst vor zwei Jahren "nach schwerem Kampf" ihr erstes und bisher einziges Diktiergerät. Ein transportables Photokopiergerät besitzen die niedersächsischen Wirtschaftskriminalisten heute noch nicht: "Wenn wir in einer Firma verdächtige Unterlagen finden, können wir keine Photokopien anfertigen. Wir müssen diese Unterlagen mitnehmen und machen dadurch die Firma darauf aufmerksam, in welche Richtung unsere Ermittlungen zielen."

Aber hemmender als solche bürokratische Unzulänglichkeit wirkt sich die Tatsache aus, daß Wirtschaftskriminelle in den Augen vieler Bürger eigentlich nur Kavaliersdelikte begehen. Der hannoversche Wirtschaftskriminalist Klingenberg-Kinder muß "einen Teil" der Arbeitszeit dafür aufwenden, um "Beschwerden zu bearbeiten, mit denen Intelligenztäter unsere gegen sie ermittelnden Wirtschaftskriminalisten ausschalten wollen". Denn er und seine Beamten "stoßen oft auf Unverständnis, wenn wir gegen Männer aus diesen Kreisen ermitteln, die in der Öffentlichkeit als so ehrenwert gelten".

Die Einstellung der Gesellschaft zum Verbrechen folgt der Realität nur zögernd. Dieb blieb zwar Dieb. Wer seinem Nachbarn einmal einen Hunderter stahl oder einen Griff in die Portokasse seines Chefs tat, hat seine Ehre und Glaubwürdigkeit auf immer verspielt.

Wer aber den Staat um Hunderttausende prellte, bestach oder sich bestechen ließ, Lebensmittel verfälschte und die Gesundheit von Millionen aufs Spiel setzte, darf in den Schoß seiner Gesellschaft zurückkehren und bleibt ein - oft noch bewunderter - Ehrenmann.

Ein Nachwuchs-Manager eines Hamburger Unternehmens blieb in der Firma, obwohl er wußte, daß der Chef Warenein- und -verkäufe nicht abbuchen ließ. Ein Wirtschaftsboß, der seine Untersuchungshaft im Krankenhaus verbrachte, überreichte - wie Schaefgen berichtet - "der Anstalt einen beachtlichen Scheck und erreichte damit, daß er als Wohltäter ... herausgestellt wurde".

Der Ehefrau eines Unternehmers, der die Bundesrepublik durch überhöhte Rechnungen um mehrere Millionen Mark geschädigt haben soll, wurden Sympathie-Adressen ins Haus geschickt. Die Nitrit-Metzger der 50er Jahre schlachten und wursten heute so erfolgreich wie ehedem.

Den wegen Steuerhinterziehung und Betrugs angeklagten Vorstandsmitgliedern des FC Schalke 04 gestand sogar der anklagende Oberstaatsanwalt zu, sie hätten "nicht aus Eigennutz, sondern nur zugunsten des FC Schalke 04 ... gehandelt und deshalb die Zubilligung mildernder Umstände verdient".

Aufgrund seiner Erfahrungen formulierte Korruptionsspezialist Dr. Schaefgen die Prognose: "Bei solcher Einstellung wird das Verbrechen gesellschaftsfähig werden."

** Eine überregionale polizeiliche Kriminalstatistik wurde erstmals 1936 angelegt. Wegen ihrer propagandistischen Verfärbung sind diese Zahlen heute für Vergleichszwecke nicht mehr geeignet. Das BKA in Wiesbaden setzte die Kriminalstatistik 1953 auf Bundesebene fort. Abschließende Zahlen für 1965 liegen bislang noch nicht vor.

*** Verbrechen sind Straftaten, die mit Zuchthausstrafen geahndet werden können; Vergehen sind Delikte, für die Gefängnis- oder Geldstrafen über 500 Mark angedroht werden.

** Zirpins/Terstegen: "Wirtschaftskriminalität". Verlag Max Schmidt-Römhild, 1067 Seiten, 98 Mark.

** Es handelt sich um ein PseudonYm. Der richtige Firmenname ist der Redaktion bekannt.

Mörder-Tatort

An jedem Tag vier Leichen

Kassenräuber-Tatort

An jedem zweiten Tag ein Geldraub

Oberwelt-Kriminalität*

In jeder Stunde 20 Betrogene

Brandstifter-Tatort

Feuerteufel in der Provinz

Zuhalterei-Tatort

Loddels in der Großstadt

Verbrechenstheoretiker von Aquin, Schopenhauer, Brecht: Die Kriminalität wächst...

... dreimal so schnell wie die Bevölkerung: Polizei-Schießstand*

Hertie-Einbrecher Herndl (l.), Peschel (M.)*

Noch nie gab es...

Geknackter Hertie-Tresor

... so viele günstige Gelegenheiten

Gewalttäter Gosmann Inach einer Tatort-Besichtigung): Amok am Mittag*

Gewalttäter Fuhrmann (bei der polizeilichen Tat-Rekonstruktion): Würger im Park

... Bankeinbrecher-Tatort [[192991: Aus dem Super-Verbrechen ...

... wurde ein Alltags-Delikt: Bankräuber-Tatort (1965)**

BKA-Präsident Dickopf (l.)*: Begehrungsneurosen in der Oberwelt

Verbrecher Pupecka, Pesch, Strack, Alffcke: Bodensatz in der Unterwelt

Geflüchteter Bankmanager Kozubek

Ehrbar und seßhaft?

Verdächtigter Manager Goergen*

Vom Schicksal begünstigt?

Verdächtigter Manager Müller-Wipperfürth*

Sozial angepaßt?

Razzien in Köln Durchsuchung auf Waffen, Abtransport von Dirnen): Im 8. KK fehlt eine Dame

Punch

"Na komm schon - das hast du alles schon vorige Woche angeschaut"

* Sachbearbeiter des Bundeskriminalamtes prüfen Akten über Wirtschaftsverbrechen.

* In der Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle der Hamburger Polizei.

* Im Hintergrund Tipgeber Görcke.

* Vor einer aufgebrachten Menschenmenge mußte sich Gosmann in ein Polizeiauto flüchten.

* Eingang zu dem Stollen, den die Gebrüder

Saß in den Tresorraum der Disconto-Gesellschaft getrieben hatten.

** Volksbank-Filiale in Hamburg-Eidelstedt.

* Mit dem Hamburger Polizeipräsidenten Frenzel.

* SPIEGEL-Titel 19/1964.

* SPIEGEL-Titel 3/1961.


DER SPIEGEL 14/1966
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GESELLSCHAFT / KRIMINALITÄT:
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