28.03.1966

„DIE WELT“Links von der Wand

Die Ost-Denkschrift der Evangelischen Kirche - "Hitlers Lebensraum-Theorie, diesmal für den polnischen Gebrauch zurechtgemacht".
Die NDR-Satire "Hallo, Nachbarn!" - "verantwortungslose politische Tiefschläge unterhalb der Gürtellinie".
Des Philosophen Karl Jaspers Buch "Bundesrepublik wohin?" - eine "politische Gespensterschau".
Das sind die Töne, die Axel Cäsar Springers angesehenstes Blatt "Die Welt" (Auflage: 288 000) neuerdings anschlägt. Seit zu Beginn dieses Jahres Aufmachung reformiert und redaktionelle Schlüsselpositionen neu besetzt worden sind, steuert die "Unabhängige Tageszeitung für Deutschland" (so der Untertitel) in eine scharfe Rechtskurve.
Ob Notstandsgesetzgebung oder Studentenkrawalle, ob Passierscheinvereinbarungen oder Gesellschaftsentwicklung - liberales Urteil kennt diese "Welt" nicht mehr. Sauber hat für sie die deutsche Literatur zu sein (keine "ungehemmte Klosettsprache"), stramm die deutsche Ost-Politik ("Fahrlässiges Gerede ... von kleinen und mittleren Schritten").
Die Deutschen hätten, wenn es nach der "Welt" ginge, zwar gegen die Mauer zu protestieren, aber nicht gegen die US-Vietnam-Politik. Statt "das Maul aufzureißen", so das Blatt unlängst, sollten die Bundesbürger besser Widerstand gegen den "roten Terror" leisten.
"Man findet jetzt in der 'Welt' Auffassungen", erkannte die rechtsradikale "Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung", "die vor fünf oder acht Jahren Gedankengut der National-Zeitung waren."
In diese Nachbarschaft sieht sich ein Blatt gerückt, dem die Londoner "Times" einmal bescheinigte, es sei allen "radikalen Grundsätzen" abhold. Die "Welt", einst nach dem Vorbild weltoffener angelsächsischer Tageszeitungen gegründet, leidet erkennbar unter Horizontverknappung. Ein neu eingerichtetes Meinungsforum (Seite 2) ist zum Thing-Platz der Rechten geworden,
Heute schreiben für die "Welt" so eloquent konservative Autoren wie
- Armin Mohler, 45, Schweizer Staatsbürger, Frontsoldat unter Hitler, Sekretär von Ernst ("In Stahlgewittern") Jünger, Autor von "Die konservative Revolution". Mohler 1962: "Der Mensch will nicht frei sein, sondern ... in einem Sinnzusammenhang stehen."
- Winfried Martini, 60, wie Bonns Justizminister Richard Jaeger ein Verehrer des portugiesischen Diktators Salazar. Martini 1960 auf die selbstgestellte Frage, ob er Demokrat sei oder nicht: "Man möge es mir verzeihen, daß mich dieses Problem nie bewegt hat."
- William S. Schlamm, 61, in der Schweiz lebender US-Staatsbürger, der 1959 nach einer Deutschlandreise in dem Buch "Die Grenzen des Wunders" den Kreuzzug gegen den Osten propagierte. Schlamm: "Auf den Krieg bloß vorbereitet zu sein, ist nicht genug."
Seit Verleger Axel Springer und "Welt"-Chefredakteur Hans Zehrer 1958 enttäuscht aus Moskau zurückkehrten, wo sie vergeblich in Sachen Wiedervereinigung antichambriert hatten, gehört militanter Antikommunismus im Verlagshaus zum guten Ton.
Ulbrichts miserable Mauer von 1961 erwies sich als ein Stimulans für rührseliges Pathos. "Welt"-Kolumnist Rudolf Stiege: "Warum sollte nicht jeder deutsche Urlauber am 13. August an seinem Auto, an der Tür seines Hotelzimmers, an seinem Ferienbungalow einen Trauerflor anbringen?"
Doch obwohl die "Welt"-Leser immer häufiger über die Seufzer-Stiege in die Politik geführt wurden, war für den Verleger Springer die Haltung des Blattes noch "zu schlapp". Springer monierte, daß Zehrer außerstande sei, die Verlegerlinie gegen Widerstände in der Redaktion durchzusetzen. Um das zu ändern, lagerte er seinen Chefredakteur im Herbst 1963 und - aus gleichem Grund - ein Jahr später auch den geschäftsführenden Redakteur Hans Wallenberg nach Berlin aus. Ans Steuer kamen die "Welt"-Redakteure Ernst J. Cramer, Dr. Heinz Pentzlin (Wirtschaft) und Hans Wilhelm Meidinger (einst Sport).
Im Frühjahr 1965 hielt Springer die Zeit für reif, die "Welt" endlich zu Deutschlands großer nationaler Zeitung zu machen. Cramer, der vor dem Krieg in die USA emigriert war und die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, suchte die Redaktion eine Zeitlang gegen einige Forderungen des Verlegers abzuschirmen. So verhinderte er im Sommer letzten Jahres den Abschluß eines Kulumnistenvertrages mit Schlamm.
Doch mit Zehrer zerstritten und von Springer nicht sonderlich geschätzt, wurde Cramer Ende Dezember 1965 von seinen Funktionen entbunden und ging Anfang dieses Jahres auf Weltreisen. Kurz zuvor schon war aus dem Informationsstab des Bonner Innenministeriums als politischer Redakteur ein Mann angeheuert worden, von dem der Spruch kolportiert wird. "Rechts von mir ist nur die Wand."
Wilfried Hertz-Eichenrode, 44, hatte schon als Leitartikler der im Jahre 1964 eingestellten "Deutschen Zeitung" (DZ) eine scharfe Klinge geschlagen - so für Innenminister Hermann Höcherl in der Abhör-Affäre ("Nach dem Wehrminister wird der Polizeiminister in einen Rattenschwanz von Affären hineingetrieben").
In der "Welt" machte der tüchtige, gescheite Neuling eine Blitz-Karriere: Anfang Januar 1966 avancierte er zum Chef des innenpolitischen Ressorts und bezog einen Monat später das eben frei gewordene Dienstzimmer des "Welt"-Redakteurs Kurt Becker.
Becker, der 19 Jahre lang "Welt"-Redakteur gewesen, war (zuletzt verantwortlich für Politik), hatte als gemäßigter Konservativer bei seinem Eintritt auf dem rechten Flügel der Redaktion gestanden. Ohne den eigenen Standpunkt zu verändern,,war er bei seinem Ausscheiden zum linken Flügelmann des Blattes geworden. So rasant hatte sich das Blatt nach rechts verlagert. Ende Januar räumte Becker seinen Schreibtisch und ging zur "Zeit".
Kurz vor oder kurz nach Becker gingen oder kündigten:
- US-Korrespondent Herbert von Borch, profunder Amerika-Kenner und Soziologe;
- Nahost-Korrespondent Peter Meyer -Ranke (Beirut);
- Asien-Korrespondent Thilo Bode (Singapur);
- Nordrhein -Westfalen-Korrespondent Friedrich Kassebeer (Düsseldorf).
Dem seit knapp einem Jahr in Prag amtierenden Korrespondenten Christian am Ende legte die geschäftsführende Redaktion die Kündigung nahe. Er hatte "zu wohlwollend" über das Ostblockland berichtet. Weitere "Welt" -Männer stehen absprungbereit.
Der Auszug der Oppositionellen, Enttäuschten und Verärgerten stärkte die Stellung der harten Männer, die ohne starken Chefredakteur glaubten, ein nationales Übersoll erfüllen zu müssen, jede Anregung des Verlegers bei der Verwirklichung zu überbieten suchten und dabei das Blatt noch weiter nach rechts entwickelten als vorgesehen.
Auf der täglichen Fünf Minuten-Konferenz der Ressortchefs legen Pentzlin, Meidinger und Hertz-Eichenrode ohne Diskussion das redaktionelle Tagesprogramm fest.
Noch ehe die Redaktion das über Ticker und Telephon eingehende Nachrichtenmaterial der Agenturen und Korrespondenten sortiert hat, teilt Meidinger auf die Zeile genau die Nachrichten-Seiten 1, 3 und 4 auf. Seite 2 füllt Hertz -Eichenrode mit Kommentaren und Glossen, die immer häufiger Mißfallen unter seinen Kollegen auslösten.
So witterten "Welt"-Redakteure Anfang dieses Monats Unheil, als Hertz -Eichenrode auf der Konferenz einen Kommentar des "Gruppe 47"-Gegners Rudolf Krämer-Badoni über die jungen Deutschen ankündigte, und forderten ihn auf, das schon vorliegende Manuskript zu verlesen. Hertz-Eichenrode lehnte ab und gab den Artikel (Schlagzeile: "Mord, gestern - Mord heute") in Satz.
Anderntags erschien der Krämer-Geist gedruckt. Eine junge "Mörder-Generation" von Deutschen befolge im Osten Ulbrichts Schießbefehl gegen Republik -Flüchtlinge und werfe im Westen faule Eier auf Amerikaner: "Da brüllen ein paar Tausende von der jungen Mörder-Generation, unsere Freiheit sei ebenso dreckig wie die Zustände inder 'DDR'."
So stark war der Protest in der Redaktion gegen diese Veröffentlichung, daß Hertz-Eichenrode dem Wortführer der Protestanten, Ludwig Harms, 31, erlauben mußte, an gleicher Stelle wie Krämer-Badoni eine Replik zu veröffentlichen.
Zunehmend rückten Autoren auf die Meinungsseite, die zuvor - wie Junker -Verehrer Walter Görlitz - nur auf hinteren Seiten in die Geschichte gegriffen hatten. Nun verpflichtete das Blatt die Kolumnisten Mohler und Martini, der
nach Meinung der CDU-nahen Zeitschrift "Civis" selbst "verdünnt nicht zu genießen" sei. Und Gerüchte kamen auf, wonach Verleger Springer den Mitte Januar operierten Hans Zehrer zwar weiterhin als ideologischen Einbläser an seiner Seite wissen möchte, aber daß ein anderer "Welt"-Chefredakteur werden solle: Dr. Hermann Franz Gerhard (H. F. G.) Starke, 49, derzeit Intendant des Deutschlandfunks.
Zu dieser Zeit lief in der "Welt" bereits der Abdruck des jüngsten Schlamm -Werkes "Vom Elend der Literatur". Es enthält Erkenntnisse wie "Die zeitgenössische Kritik macht aus der Literatur ein Zuchthaus (vielmehr ein Unzuchthaus)" und beflügelte die Frau des Bundestagspräsidenten, Brigitte Gerstenmaier, die Schlamms Gedanken für "hochbedeutend" hält, zu einer Leserbrief-Eloge. Sie erschien in derselben Ausgabe, in der das Blatt mitteilte, daß nun auch Hitlers Zaster-Zauberer Hjalmar Schacht mit den "wichtigsten Kapiteln" aus seinem Buch "Magie des Geldes" in der "Welt" zu Wort kommen werde.
Das ist der Lauf der "Welt". Sie hält sich neuerdings, wie sie in einem Prospekt verkündet, für "noch lesenswerter, noch wichtiger". Noch?
"Welt"-Chef Zehrer (M.), Redakteure Cramer (l.), Meidinger: Trauerflor am Bungalow
Rechte "Welt"-Autoren Schacht, Martini, Mohler, Schlamm: "Statt das Maul aufzureißen...
"Welt"-Redakteur Hertz-Eichenrode
... mehr Widerstand...
"Welt"-Redakteur Pentzlin
... gegen den roten Terror"

DER SPIEGEL 14/1966
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