28.03.1966

KAMPFSCHWIMMERFrosch im Sand

Sie kommen lautlos und immer nachts. Ihre Ziele sind waffenstarrende Kriegsschiffe, schwerarmierte Küstenstützpunkte und von Radarketten beschirmte Nachschubbasen. Angriffswaffen: Haftminen und Zeitbomben. Ihre Verteidigungswaffen: blanke Messer und, blanke Fäuste.
Eingehüllt in eine Gummihaut, die Taucherbrille vor dem Gesicht, das Sauerstoffgerät vor der Brust, trainieren die knapp fünf Dutzend Soldaten der "Kampfschwimmerkompanie" - der kleinsten Spezialeinheit der Bundesmarine - im schleswig-holsteinischen Eckernförde für Einsätze, die im Zeitalter des elektronisch gesteuerten Krieges anachronistisch anmuten.
Doch durch "Ausnutzung des Überraschungseffekts" - so Korvettenkapitän Günter Heyden, Chef der Kampfschwimmer - besitzt schon eine einzige wohlbedacht eingesetzte Kampfschwimmer- "Equipe" (zwei Mann) nach Nato-Faustregel die Kampfkraft einer kompletten Pionierkompanie oder eines bombentragenden Kampfflugzeuges.
Denn:
- Der in Wassertiefen bis zu zehn Metern anschwimmende Froschmann ist weder von Radar erfaßbar, noch sprechen die hochempfindlichen Sonar-(Unterwasserortungs-)Geräte auf ihn an.
- Kampfschwimmer sind die einzige Waffe, für die bislang keine spezielle Gegenwaffe gefunden wurde. Dabei haben Froschmänner schon im Ersten Weltkrieg eine Feuerprobe bestanden. Es waren die Italiener, die erstmals Kampfschwimmer einsetzten: Durch eine Mine, die sie an der Bordwand befestigt hatten, versenkten zwei Froschmänner am 1. November 1918 in Pola das österreichische Schlachtschiff "Viribus Unitis" (Mit vereinten Kräften). Und im Zweiten Weltkrieg waren es wieder italienische Unterwasser-Einzelkämpfer vom Eliteverband "Deeima MAS" des Fürsten Borghese, die so erfolgreich operierten, daß nun auch die Engländer Kampfschwimmer-Einheiten aufstellten. Legendär wurde später der britische Froschmann Crabb, der 1956 irr Hafen von Portsmouth den Sowjet-Kreuzer "Ordschonikidse" unter Wasser inspizierte und dabei auf ungeklärte Weise ums Leben kam.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als sich Großdeutschlands Armeen auf den meisten Schlachtfeldern schon auf dem Rückzug befanden, steckte auch die deutsche Kriegsmarine Freiwillige in die Gummi-Montur der Kampfschwimmer. Sie unterstanden dem damals neugebildeten "Kommando der Kleinkampfverbände der Kriegsmarine" des Vizeadmirals und späteren CDU-Bundestagsabgeordneten. Hellmuth Heye.
Unmittelbar nach der alliierten Invasion
im Juni 1944 schwammen deutsche Froschmänner im. Orne-Kanal in der Normandie ihren ersten Einsatz. Im September 1944 zerstörten sie die Schleuse des Nachschubhafens Antwerpen, die den Alliierten zuvor unbeschädigt in die Hände gefallen war.
Als "erstaunlichste Heldentat des Krieges" rühmte die britische "Picture Post" den Coup zweier deutscher Kampfschwimmer, die im September 1944 mit einer Mine die scharfbewachte Eisenbahnbrücke über den Rheinarm Waal bei Nymwegen in die Luft jagten. Und noch im April 1945 sprengten Angehörige der "Kampfschwimmergruppe Ost" hinter den russischen Linien mehrere Oderbrücken.
Im Kriegsfall feindliche Ziele zu zerstören, ist auch der Kampfauftrag der jungen Kampfschwimmer-Formation der Bundesmarine. Hinzu kommt als zweite Aufgabe die sogenannte Stranderkundung.
Das Beispiel gaben britische und amerikanische Froschmänner im Zweiten Weltkrieg. Sie schwammen Wochen und Monate vor der Invasion das Flachwasser vor der französischen Kanalküste ab und kartograpierten alle künstlichen und natürlichen Hindernisse auf den Anfahrtswegen der Landungsflotte. Aufgrund dieser Erfahrungen lernen Heydens Equipen, mit Markierungsleine und Lot den Böschungswinkel der Küsten auszumessen, Markierungsbojen auszulegen und an Hindernissen Sprengladungen anzubringen, die unmittelbar vor der Landungsoperation gezündet verden.
Heyden kalkuliert die Erfolgschancen für einen Kampfschwimmer heute so: "Wenn es ihm gelingt, in die Nähe des Objektes zu kommen, wird es ihm immer auch gelingen, an das Objekt heranzukommen." Nähe bedeutet im günstigsten Fall zehn Kilometer. Das ist die größte Distanz, die ein Kampfschwimmer schwimmend - und damit unauffindbar für alle Ortungssysteme - zurücklegen kann.
Bis zur Zehn-Kilometer-Marke ist sein Transportmittel das Paddelboot, der Zodiak - ein Schlauchboot mit leistungsstarkem Außenbordmotor - oder der Hubschrauber.
Bisweilen reisen Kampfschwimmer auch im U-Boot an: Heydens Froschmänner waren die ersten Nato-Mariner, die von einem getauchten U-Boot auf sehr unkonventionelle Weise abgesetzt und wieder aufgenommen wurden: durch ein Torpedorohr.
Wie schon die Kriegsmarine, rekrutiert auch die Bundesmarine ihre Kampfschwimmer ausschließlich aus Freiwilligen. Sie müssen zwischen 20 und 30 Jahre alt sein und sich für sechs Jahre verpflichten. Ihre Ausbildung ist vielseitiger und härter als jede andere in der Marine: Von 38 Soldaten, die einen Kampfschwimmer-Grundlehrgang begannen, blieben schließlich nur noch vier übrig.
Damit sie sich im feindlichen Hinterland notfalls mit konfiszierten Kraftwagen absetzen können, müssen Kampfschwimmer sichere Autofahrer sein. Sie erhalten in der Luftlandeschule in Schongau eine volle Fallschirmspringer-Ausbildung und lernen während der "Ranger"-Schulung, hinter feindlichen Linien zu überleben. Denn sie sollen auch dort untertauchen können, "wo es keiner für möglich hält" (Heyden) - beispielsweise, indem sie sich, aus ihrem Sauerstoffgerät atmend, auf Stunden einen halben Meter tief im Sand vergraben.
Kampfschwimmer-Chef Heyden: "Die Chance zurückzukommen muß gewährleistet sein. Wir sind keine Kamikaze -Flieger.
Kampfschwimmer: Reise durchs Rohr

DER SPIEGEL 14/1966
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KAMPFSCHWIMMER:
Frosch im Sand

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