28.03.1966

SPIONAGEGutes Mehl

Den Mann müssen wir haben", befahl SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich am 28. September 1941 der Gestapo-Leitstelle in Prag.
Am nächsten Tag nahm Kriminalobersekretär Willy Abendschön, mit einem Sonderstab die Jagd nach einem der erfolgreichsten Spione auf, die jemals deutsche Staats- und Wehrmachtsgeheimnisse auskundschafteten und an fremde Mächte weitergaben.
Die Gestapo-Leute gaben dem Agenten, der hauptsächlich für die Tschechoslowakei arbeitete und sich selbst Voral, Rene, Franta, Dr. Holm oder Dr. Steinberg nannte, den Decknamen "Verräter X", und Heydrich, Stellvertreter des "Reichsprotektors in Böhmen und Mähren", erklärte die Fahndung zur "Geheimen Reichssachen.
Erst 25 Jahre später enthüllte nun der tschechoslowakische Historiker und Journalist Rudolf Ströbinger Identität und Erfolg des "Verräters X". In seinem jetzt erschienenen Buch "A-54, Spion mit drei Gesichtern", beschreibt Strübinger anhand bisher unbekannter Gestapo-Berichte und Akten der tschechoslowakischen Exilregierung in London, wie der deutsche Agent zum wichtigsten Informanten der Tschechen aufstieg*.
Der Spion hieß Paul Thümmel, geboren am 15. Januar 1902 in Neuhausen (Erzgebirge). Er hatte das Bäckerhandwerk erlernt und 1927 die NSDAP-Ortsgruppe Neuhausen mitgegründet. Zu den Parteigenossen sprach damals als erster prominenter Redner der Geflügelzüchter Heinrich Himmler. Nach der Versammlung nahm er in Vater Thümmels Haus Nachtquartier. Seither verband die. Bäckermeistersfamilie und den Geflügelzüchter Kampfzeit-Freundschaft.
Nach der braunen Machtübernahme zeigte sich der inzwischen zum Reichsführer SS beförderte Himmler den Thümmels für treue Dienste erkenntlich. Er verschaffte seinem Duzbruder Paul, der sich zuvor schon bei der Bespitzelung demokratischer Parteigänger hervorgetan hatte, bei der militärischen Abwehr des Admirals Canaris eine neue Wirkungsstätte. Bald darauf wurde der Alt-Pg (Mitgliedsnummer 61 574) und Träger des Goldenen Parteiabzeichens Thümmel zum Hauptvertrauensmann der Abwehr in Dresden befördert.
Um diese Zeit geriet der ehemalige Bäckergeselle durch verschiedene Amouren in Geldverlegenheit. Er sann auf Abhilfe und fuhr Anfang Februar 1936 mit dem Nachtzug über die tschechoslowakische Grenze nach Brüx. Dort warf er einen Brief in den Postkasten, adressiert an das "Ministerium für nationale Verteidigung - Nachrichtenabteilung - Prag".
Thümmel schrieb: "Verfasser dieses Briefes bietet sich dem Tschechoslowakischen Nachrichtendienst an. Gründe werden Sie kaum interessieren .. . Ich verlange 15 000 Mark in deutscher Währung (keine alten Banknoten)." Am 6. April 1936, um 20.30 Uhr, traf der Doppelagent zum erstenmal mit Prager Geheimdienstlern zusammen, unter ihnen Oberstleutnant Frantisek Moravec, Chef der Nachrichtenabteilung des tschechoslowakischen Verteidigungsministeriums. Thümmel wurde unter der Kodebezeichnung A-54 auf die Agentenliste gesetzt.
A-54 arbeitete mit der Präzision einer Hollerithmaschine. Von Komotau, Brüx, Aussig und anderen Orten im deutschtschechoslowakischen Grenzgebiet trafen seine verschlüsselten Berichte ein. Empfänger war der nicht existente Karl Schimek, Prag 19, Dostálgasse 16.
Thümmels Nachrichten waren stets genau und für die Tschechen sensationell. 1937 zum Beispiel teilte er mit, die deutsche Luftwaffe werde in Kürze die gesamte Tschechoslowakei aus der Luft photographieren. Eine Aufklärungsgruppe mit Spezialflugzeugen, die Höhen bis zu 10 000 Metern erreichen könnten, stehe für das Unternehmen bereit.
Gegen Ende des Jahres 1937 meldete A-54 dem Generalstab in Prag, was Hitler unter äußerster Geheimhaltung den Oberbefehlshabern von Heer, Marine und Luftwaffe am 5. November aufgetragen hatte: Der tschechoslowakische Staat solle so bald wie möglich von der Landkarte verschwinden.
Und auch den Untergang des tschechischen Staatsrestes, der nach den Münchner Verträgen von 1938 übriggeblieben war, prophezeite Thümmel pünktlich: "Es ist Spannung verlautbart", schrieb er Ende Februar 1939. "Die Situation ist sehr ernst."
Am 3. März, um sieben Uhr früh, wartete Thümmel im Wartesaal 2. Klasse des Bahnhofs Turnau auf den tschechischen Nachrichtenoffizier Frye. Als der Geheimdienstier eintraf, ging er auf ihn zu und schob ihn zur Tür hinaus. Beide fuhren mit einem bereitstehenden Auto nach Prag.
Unterwegs verriet A-54: "In Berlin ist die letzte Entscheidung gefallen, Spätestens am 15. März wird die Tschechoslowakei nicht mehr existieren." Zugleich teilte Thümmel mit, fortan werde er für seine Dienste kein Geld mehr annehmen.
Die Nachrichten-Offiziere in Prag bereiteten daraufhin ihre Flucht für Mitte März vor. Genau einen Tag bevor Hitlers Wehrmacht die Grenze überschritt, am 14. März, beluden Moravecs Leute einen kleinen Lastwagen mit den wichtigsten Dokumenten des Geheimdienstes und beförderten die Fracht in die Britische Botschaft. Die Engländer fuhren das Material zum Flugplatz und schafften es mit einer Sondermaschine der KLM nach London. Auch Moravec und andere leitende Nachrichten-Offiziere befanden sich an Bord des Flugzeugs.
Im Mai 1939 bezog Thümmel alias Dr. Steinberg eine Dreizimmerwohnung im Erdgeschoß der Villa des Bildhauers Böswart im Haus Nummer 8 der Prager Straße "Zur dritten Batterie". Abwehrchef Canaris hatte A-54 zum Hauptvertrauensmann in Prag ernannt.
Fortan berichtete "Verräter X" über Deckadressen in Schweden, Holland; England und der Schweiz an die tschechische Exilregierung in London. Eine seiner Informationen von Anfang August 1939 lautete: In den nächsten Wochen wird der Angriff auf Polen vorbereitet."
Das Oberkommando des Heeres wolle, so berichtete der vorzüglich unterrichtete Abwehrmann, mindestens 50 Divisionen einsetzen. Wenn Frankreich daraufhin dem Reich den Krieg, erklären sollte, würde es nicht sofort angegriffen. Die Deutschen würden sich dann - wie später tatsächlich geschehen - auf die Verteidigung des Westwalls beschränken.
Der Chef der tschechischen Exilregierung, der frühere CSR-Staatspräsident
Dr. Eduard Benesch, gab die Informationen des Agenten A-54 am 21. August an die tschechische Protektoratsregierung in Prag weiter. Benesch schrieb: "Nach unseren Informationen sind in der Woche zwischen dem 20. und 30. August Kriegsereignisse zu erwarten, wobei der 26. und 27. August die kritischen Tage sein sollen." (Tatsächlich hatte Hitler den Angriff auf Polen auf den 26. August festgesetzt. Erst am 25. August schob er den Termin um einige Tage hinaus.)
Aus einem weiteren Benesch-Bericht geht hervor, daß Thümmel auch den Beginn des Westfeldzuges exakt voraussagte: "Von Anfang April 1940 an bekamen wir täglich Nachrichten aus absolut zuverlässigen Quellen in Prag und Berlin", schrieb der Exilpolitiker, "daß Deutschland den Angriff auf Frankreich und Großbritannien über Belgien und Holland vorbereitet und durchführt."
Und Nachrichtenoffizier Fryc, der, sein Agentennest nach Paris verlegt hatte, erinnerte sich später: "Wir wohnten in einer Villa in der Avenue Victor Hugo ... Hier dechiffrierten wir am Nachmittag eines Februartages ... jene Nachricht von ,Franta', die nach meiner Meinung zu seinen bedeutendsten Informationen gehört. In dieser Nachricht teilte er uns den genauen Angriffsplan der deutschen Armeen gegen Frankreich mit."
Im Sommer 1940 fuhr Thümmel zu Himmler nach Berlin. Der Verlauf des Gesprächs mit dem Duzfreund bestätigte dem Agenten, was in Führungskreisen an Gerüchten über neue deutsche Angriffsabsichten in Umlauf war.
Thümmel: "Ich will nicht lange aufhalten."
Himmler: "Setz dich; was machen sie zu Hause? Backt der Vater noch so gute Semmeln?"
Thümmel: "Möcht' er gern backen, aber das Mehl ist nicht mehr so wie früher."
Himmler: "Es wird nicht lange dauern, und dann haben wir wieder ausgezeichnetes Mehl."
Thümmel: "Die Franzosen sind keine sehr guten Bauern."
Himmler: "Sind sie auch nicht. Aber ich denk' nicht an die Franzosen."
Sechs Monate später, als noch nicht einmal höchste Generale der großdeutschen Wehrmacht über die Details der bevorstehenden Aktion unterrichtet waren, kabelte A-54 bereits nach London: "Zum Überfall auf die Sowjet-Union soll es in der ersten Maihälfte 1941 kommen." Am 18. Dezember 1940 unterschrieb Hitler die Weisung 21 "Fall Barbarossa", in der er dem Generalstab befahl, alle Angriffsvorbereitungen gegen die Sowjet-Union bis zum 15. Mai 1941 abzuschließen.
Nun erhielten Thümmels Meldungen internationale Bedeutung. Briten-Premier Churchill brachte sie am 3. April 1941 dem roten Diktator in Moskau zur Kenntnis. Churchill, der sich seit langem mühte, Stalin zu einem Kriegsbündnis gegen Nazi-Deutschland zu überreden, schloß seine Botschaft: "Eure Exzellenz werden die Bedeutung dieser Tatsachen leicht ermessen können."
Aber Thümmel-verriet nicht nur Angriffstermine und Operationspläne; er übernahm auch Kleinarbeit. So denunzierte er im Ausland arbeitende deutsche Agenten und warnte tschechische Widerständler vor dem Zugriff der Gestapo. Mithin wuchs die Zahl der Mitwisser beständig, und immer häufiger wurden die Spitzel des Kriminalobersekretärs Abendschön auf Agentennamen wie Voral, René, Franta und Dr. Steinberg aufmerksam.
Abendschön, im Zivilberuf Schiffskellner, zog die richtigen Schlüsse: "Verräter X" müsse dienstlichen Zugang zu den wichtigsten Staatsgeheimnissen haben, und bei Voral, René, Franta und Dr. Steinberg handle es sich mit Sicherheit um ein und dieselbe Person.
Die Spuren des Agenten wurden deutlicher, die Identität sicherer, und am 20. März 1942 verhaftete der Gestapo-Mann Abendschön den Hauptvertrauensmann der Abwehr Paul Thümmel alias Dr. Steinberg. Die Gestapo gab dem "Verräter X" einen neuen Decknamen
- Peter Toman - und brachte ihn in
das Konzentrationslager Theresienstadt.
Auch Duzfreund Himmler wollte nun nicht mehr helfen. Er teilte Frau Thümmel in Neuhausen am 12. September 1944 brieflich mit, Sohn Paul werde nach Abschluß der Ermittlungen wegen Landesverrats vor das Reichskriegsgericht gestellt werden.
Der Prozeß fand nicht statt. Thümmel alias Toman wurde am letzten Führer-Geburtstag, dem 20. April 1945, im Lager Theresienstadt durch Genickschuß liquidiert.
* Rudolf Ströbinger: "A-54, Spion malt drei Gesichtern". Paul List Verlag, München; 256 Seiten; 13,80 Mark.
Backerei Thümmel
Der Reichsführer fragte nach den Semmeln
Alt-Parteigenosse Thümmel (x): Die Gestapo fahndete nach Verräter X
Himmler-Brief an Frau Thümmel: Der Duzfreund half nicht
Thümmel-Wohnung in Prag
Genickschuß an Führers Geburtstag

DER SPIEGEL 14/1966
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