04.04.1966

PRIMOGENITUR

Nur eine Silbe

RECHT

Viele deutsche Grafen sind gar keine. Das steht seit dem 11. März dieses Jahres fest als das Bundesverwaltungsgericht dekretierte, daß nach der sogenannten Primogenitur* kein Adelstitel mehr erworben werden kann.

Ein rund 600 Jahre altes Adelsprivileg ist abgeschafft.

Die Primogenitur stammt aus dem Mittelalter und wurde erstmals 1356 von Karl IV. in der Goldenen Bulle verankert. Nach ihr genossen die Erstgeborenen eines adligen Hauses nicht nur eine Bevorzugung bei der Thron - und Erbfolge. Der erste Nachkomme des Haus-Chefs hatte auch das Recht, ein höheres Adelsprädikat zu führen als die übrigen Mitglieder seiner Familie.

Starb zum Beispiel der fürstliche Chef eines Hauses, so trat sein Erstgeborener an seine Stelle und war fortan Fürst, während seine Brüder Grafen blieben.

Doch schon seit Jahrzehnten lief dieser Erbgang des Adelstitels nicht mehr glatt. Artikel 109 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 - jene Grundnorm, die allen Deutschen die "Gleichheit vor dem Gesetze" und Frauen "dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten" wie den Männern zuerkannte - hob sämtliche Standesvorrechte auf und bestimmte: "Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden."

Fortan seien, interpretierte das Reichsgericht die Verfassungsnorm, "bisher adlige Namen den bürgerlichen Namen in jeder Beziehung gleichzustellen, das bisherige Adelszeichen nicht anders als eine Silbe im Namen zu behandeln".

Offen blieb freilich nach der Weimarer Regelung, die als nichtverfassungsrechtliche Vorschrift auch in der Bundesrepublik fortgilt, welche Adelsbezeichnung für Primogenitur-Adel als Name zu gelten habe: die ranghöhere des primogenen Haus-Chefs oder die rangniedere seiner Geschwister.

Preußen schaffte Klarheit. Das Adelsgesetz vom 23. Juni 1920 bestimmte im Paragraphen 22: "Stand zur Zeit des Inkrafttretens der Reichsverfassung einem Familienangehörigen vor den anderen Familienangehörigen eine besondere Bezeichnung zu, so darf er diese Bezeichnung für, seine Person ... beibehalten."

Ein primogen erworbener Titel gebührte demnach nur noch einem Adligen, der sein Namensvorrecht vor dem 14. August 1919 (Inkrafttreten der Weimarer Verfassung) ererbt hatte. So nennt sich zum Beispiel der Enkel des Eisernen Kanzlers und-ehemalige CDU -Bundestagsabgeordnete Fürst Otto von Bismarck zu Recht "Fürst", weil er diesen Titel - nach dem Tod seines Vaters

- bereits 1904 erhielt.

Das Reichsgericht räumte schließlich jeden Zweifel an der Rechtslage aus, indem es entschied, das "beim Adel oft einzelnen Familienangehörigen, namentlich dem Familienoberhaupt" zustehende Recht, "eine ihn vor den übrigen Familienangehörigen auszeichnende Bezeichnung, zum Beispiel als Fürst oder Graf, zu führen", könne "nicht als Teil des Familiennamens gelten, weil der Familienname ... sich auf alle Abkömmlinge des Namensträgers vererbe".

Doch längst nicht alle primogenen Erstgeborenen mochten sich fortan mit niederer Titulatur bescheiden. Es gediehen weiterhin Grafen zu Fürsten und

Freiherren zu Grafen, die ihren Titel ungeachtet juristischer Dekrete "historisch-genealogisch-gesellschaftlich und oft auch im Wirtschaftsleben" (so die Zeitschrift "Das Standesamt") führten. So übernahmen zum Beispiel ihren Fürsten-Titel kraft Primogenitur noch nach 1919:

- Guido Karl Lazarus Erdmann Franz Otto Ludwig Ernst Guidotto v. Donnersmarck, 56;

- Maria Georg Konstantin Ignatius Antonius Felix Augustinus Wunibald Kilian Bonifacius v. Waldburg zu Zeil und Trauchburg, 37;

- Franz Anton Bohuslav Maria v. Thun

und Hohenstein, 75;

- Kraft zu Hohenlohe-Langenburg, 30.

Auch ein einstiger Fahnenjunker, dessen Ururgroßvater 1840 nach dem Prinzip der Primogenitur aus dem Freiherrn- in den Grafenstand erhoben worden war, ließ sich als "Graf" titulieren - es war der Fall, der das Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts herbeiführte. Der Ex-Fahnenjunker geriet in Streit mit einer Behörde, die ihn lediglich als Freiherr eingestuft hatte, und das hohe Gericht gab der Behörde recht.

Einige Dutzend Primogene (siehe Kasten) müssen sich nach diesem Urteil darauf einrichten, den gleichen Namen wie ihre Geschwister zu tragen. Viele von ihnen haben freilich längst darauf verzichtet, den Standesämtern ihren falschen Namen zur Eintragung ins Personenstandsregister anzudienen, und figurieren nur noch als Telephonbuch-, Briefkopf- oder Sektfürsten - wie Graf Metternich für die Firma Söhnlein.

* Von lateinisch primus = der erste und genitum - geschaffen.

Primogen-Adliger zu Castell-Rüdenhausen

Privileg aus der Bulle

Primogen-Adliger zu Hohenlohe*

Rechtlich erloschen

* Mit Ehefrau Charlotte, geborene v. Croy.


DER SPIEGEL 15/1966
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