04.04.1966

„STUTTGARTER ZEITUNG“Was not tut

Er sank um drei Geschosse tiefer und fiel dabei die Treppe hinauf. Bis Donnerstag letzter Woche arbeitete Rainer Tross, 38, im fünften Stock des "Tagblatt-Turmhauses" in Stuttgart - als leitender Wirtschaftsredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Seit Freitag ist er im zweiten Stock zu Hause - als Chefredakteur des Blattes.
Auf dem neuen Platz soll der Hesse Tross die teils bequem gewordene, teils führerlos vor sich hinwerkelnde Redaktion der angesehensten Zeitung in Südwestdeutschland wieder munter machen und das außenpolitisch ganz auf de Gaulle eingestellte Blatt wieder auf
traditionell schwäbisch-liberalen Kurs zurücksteuern.
Diesen Kurs hatte das Blatt (heutige Auflage: 147 000 Exemplare) im September 1945 als amerikanische Lizenzzeitung gesetzt. Gründungs-Lizenzträger waren der Literat Josef Eberle, der einstige Stresemann-Sekretär Henry Bernhard und der Linke Dr. Karl Ackermann.
Der Dreibund hielt nur ein Jahr. Bernhard scherte als Mit-Lizenzträger
zu den neugeborenen "Stuttgarter Nachrichten", Ackermann in gleicher Funktion zum "Mannheimer Morgen" aus. Neu ins Stuttgarter Turmhaus und zu Zeitungs-Anteilen kamen dafür der Jurist Franz Karl Maier und der Journalist Dr. Erich Schairer.
Von gelegentlichen Höhenflügen abgesehen, wurde unter den wechselnden Triumviraten dasselbe bieder-redliche Blatt gemacht: solide Handwerksarbeit, seriös bis zur Langeweile, ruhig im graphischen Bild, maßvoll im politischen Urteil, umgeben von stetig wachsenden Anzeigenplantagen. Das blieb auch so, als Franz Karl Maier ausgezahlt wurde und sich beim Berliner "Tagesspiegel" einkaufte.
Als dann auch Schairer - krankheitshalber - ausschied, wurde Josef Eberle alleiniger Herausgeber. Er blieb es bis heute. Was sich indes gründlich und ohne äußeres Aufheben änderte, waren die Besitzverhältnisse der "Stuttgarter Zeitung". Das Industrie-Imperium des schwäbischen Wirtschaftspioniers und Renommier-Liberalen Robert Bosch, der
in den zwanziger Jahren das "Stuttgarter Neue Tagblatt" aufgekauft hatte, um es vor dem Zugriff des rechtsorientierten Industriellen Hugo Stinnes zu retten, pochte an die Tür der "Stuttgarter Zeitung".
Die alten und die neuen Turmhaus -Zeitungsmacher arrangierten sich. In einer neugegründeten "Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft Eberle & Co." fanden sich mit Viertel-Anteilen zusammen:
- Zeitungs-Herausgeber Josef Eberle;
- die Großfamilie des ehemaligen Mitherausgebers Schairer;
- die Witwe des 1942 verstorbenen Robert Bosch, Frau Margarete Bosch;
- die "Stuttgarter Zeitungsverlag GmbH", deren Mehrheit bei der Stuttgarter "Deutschen Verlags-Anstalt" (dva) liegt, die ihrerseits mehrheitlich zum Bosch-Familienbesitz zählt.
Eberle wurde alleiniger Geschäftsführer; in einem später installierten Verwaltungsrat aber sitzen ihm Bosch-Geschäftsleitungsmitglied Dr. Schreiber, dva-Direktor Kurz und - als Sachwalter des Schairer-Viertels - der Rechtsanwalt von Schlabrendorff zur Seite.
Auf Wunsch der Bosch-Partei sollte nun im Stuttgarter Turmhaus die Redaktionsleitung wieder auf mehrere Köpfe verteilt werden, statt allein bei Eberle zu bleiben: So kamen denn im Sommer 1957 Peter Härlin von der "FAZ", im Frühjahr 1959 Dr. Robert Haerdter von der Frankfurter "Gegenwart" ins Haus. Beide figurierten zusammen mit Eberle im Impressum als "Leitung der Redaktion" die "Stuttgarter Zeitung" hatte wieder, wie zu ihren Anfangszeiten, ein Triumvirat als Redaktionsspitze. Eberle, inzwischen zum Dr. h. c. und zum Professor ernannt, blieb Herausgeber und war Primus des Dreibunds.
Vor allem dem publizistisch ehrgeizigen Härlin schwebte vor, aus dem Stuttgarter Blatt eine Art zweite "FAZ" zu machen. Er glaubte, aus der handgestrickten Schwabenzeitung könne eine überregionale, auch auflagenstärkere Gazette werden. Kompagnon Haerdter dachte ähnlich.
Der Traum zerstob. Denn Härlin starb, als er gerade erst drei Jahre zur Turmhaus-Redaktionsleitung gehörte. Und Haerdter hatte wenig Fortune. Der Redaktion gab er gelegentlich Anlaß, an seinen Führungsqualitäten zu zweifeln; der Bosch-Seite mißfiel die nahezu sozialistische, jedenfalls stark linksliberale Tendenz seiner Artikel. Für Härlin wurde kein Nachfolger engagiert, und Haerdters Vertrag wurde nach fünf Jahren nicht erneuert.
Inzwischen schreibt Haerdter in der kleineren Lokalkonkurrenz "Stuttgarter Nachrichten" (Auflage: 78 000) - im Zeitungs-Turmhaus war die mehrköpfige "Redaktionsleitung" wieder auf Eberle geschrumpft. Er lenkte nur mit langem Zügel, empfand das Blatt mehr als schöngeistiges und gesellschaftliches denn als politisch-journalistisches Plateau und verfaßte lieber lateinische Gedichte.
Der Zustand gefiel manchem in der Redaktion. Einer ihrer fähigsten Journalisten, der Außenpolitiker Dieter Cycon, nutzte die Gunst der Stunde, schob sein Ressort noch mehr in den Vordergrund und machte das Blatt zum entschiedenen De-Gaulie-Bewunderer und Schröder-Verdammer. Cycon im April vorigen Jahres über den Bonner Außenamts -Chef: "Unabsetzbar bis zu den Septemberwahlen, unakzeptabel danach."
Gesellschafter und Verwaltungsrat jedoch fanden mehr und mehr, der "Stuttgarter Zeitung" zieme wieder außenpolitische Mäßigung und eine gesündere Verteilung der Ressort-Proportionen. Vor allem aber tue dem Blatt etwas not, was es seit seiner Gründung nie hatte: ein Chefredakteur.
Eberles Wahl und die Sympathien der Bosch-Seite fielen übereinstimmend auf einen Insider: den Jungmann Rainer Tross. Als Wirtschafts-Ressortleiter und besonnener Kommentator war er dem Hause Bosch längst genehm. Außerdem begegneten sich Tross und der Bosch -Geschäftsführungsvorsitzende Merkle auch außerhalb des Verlages: Beide sind Rotarier.
Tross gilt innerhalb der Redaktion als qualifizierter Zeitungsmacher von liberalem Zuschnitt. Der gelernte Diplom-Volkswirt, Sohn eines politischen Redakteurs der alten "Frankfurter Zeitung" und Neffe der "FAZ"-Schreiberin Heddy Neumeister, holte sich das Rüstzeug für seine journalistische Zukunft bei der "Gegenwart". Dort war er der letzte Schüler von Albert Oeser, dem Papst einer ganzen Generation liberalgesinnter deutscher Wirtschaftsredakteure.
Tross über sein Programm: "Die 'Stuttgarter Zeitung' ist eine schwäbische Zeitung. Sie kann nur Erfolg haben, wenn sie in Übereinstimmung lebt mit der spezifisch freiheitlich-demokratischen Atmosphäre ihres württembergischen Stammgebietes."
Der mit diesem Rezept angepeilte Mehr- und Dauererfolg stünde der "Stuttgarter Zeitung" gut an: Seit 1. März ist sie nicht mehr die auflagenstärkste in Baden-Württemberg. Vom Städtchen Leutkirch aus hat die schwarze "Schwäbische Zeitung" mit dem Zukauf kleiner Lokalblättchen eine Auflage von 155 000 erklommen und damit auch den Ruhm erworben, "die größte im Land" zu sein - bisher ein Werbeslogan der "Stuttgarter Zeitung".
"Stuttgarter Zeitung"
Ein handgestricktes Blatt ...
Chefredakteur Tross
... wieder munter machen
Herausgeber Eberle
Schöngeist mit langem Zügel

DER SPIEGEL 15/1966
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„STUTTGARTER ZEITUNG“:
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