04.04.1966

WAR JESUS EIN CHRIST?

Im Mittelpunkt der theologischen Diskussion über die Kreuzigung Jesu steht eine Arbeit des Marburger Theologieprofessors Rudolf Bultmann über "Das Verhältnis der urchristlichen Christusbotschaft zum historischen Jesus" (erschienen im Heidelberger Universitätsverlag Carl Winter). Ihr sind die folgenden Auszüge entnommen:
Gegenüber dem Vorwurf, daß ich Jesus als Juden verstehe und ihn in den Bereich des Judentums rechne, habe ich zunächst einfach zu fragen: War Jesus - der historische Jesus! - denn ein Christ? Nun, wenn christlicher Glaube der Glaube an ihn als den Christus ist, doch gewiß nicht, und selbst wenn er sich als den Christus - "Messias" - gewußt haben und gar den Glauben an sich als den Christus gefordert haben sollte, so wäre er immer noch kein Christ und nicht als Subjekt des christlichen Glaubens, dessen Objekt er doch ist, zu bezeichnen.
Nun wird aber - besonders nachdrücklich von Käsemann - bestritten, daß man Jesus dem Judentum zurechnen darf, da er doch die Grenzen der jüdischen Religion entscheidend durchbrochen habe. Dazu ist zu sagen, daß er nur als Jude das Judentum radikal überwinden konnte. Es scheint mir dann ein Wortstreit zu sein, ob man ihn als Juden bezeichnet oder nicht; jedenfalls kann man ihn nicht einen Christen nennen ...
Mit einiger Vorsicht wird man über das Wirken Jesu Folgendes sagen können. Charakteristisch für ihn sind Exorzismen, der Bruch des Sabbatgebotes, die Verletzung von Reinheitsvorschriften, die Polemik gegen die jüdische Gesetzlichkeit, die Gemeinschaft mit deklassierten Personen wie Zöllnern und Dirnen, die Zuneigung zu Frauen und Kindern; auch ist zu erkennen, daß Jesus nicht wie Johannes der Täufer ein Asket war, sondern gerne aß und ein Glas'Wein trank. Vielleicht darf man noch hinzufügen, daß er zur Nachfolge aufrief und eine kleine Schar von Anhängern - Männern und Frauen - um sich sammelte.
Was Jesu Verkündigung betrifft, so ist in diesem Zusammenhang, wo es sich um das Leben und das Charakterbild Jesu handelt, nur so viel zu sagen, daß er zweifellos auftrat in dem Bewußtsein, von Gott beauftragt zu sein, die eschatologische Botschaft von der hereinbrechenden Gottesherrschaft und den fordernden, aber auch einladenden Willen Gottes zu verkündigen. Man wird ihm also ein prophetisches Bewußtsein, ja ein "Vollmachtsbewußtsein" zuschreiben ...
Hier ist jedoch noch eines zu sagen. Die größte Verlegenheit für den Versuch, ein Charakterbild Jesu zu rekonstruien, ist die Tatsache, daß wir nicht wissen können, wie Jesus sein Ende, seinen Tod, verstanden hat. Es ist symptomatisch, daß so gut wie allgemein angenommen wird. Jesus sei bewußt in Leiden und Tod gegangen und habe diesen als den organischen bzw. notwendigen Abschluß seines Wirkens verstanden. Aber woher wissen wir das, wenn die Leidensweissagungen von der kritischen Forschung als Vaticinia ex eventu* verstanden werden müssen? ...
Warum ist Jesus am Ende seines Wirkens nach Jerusalem gezogen? Wenn die Vermutung richtig ist, "daß Jesu Weg nach Jerusalem vor allem den Sinn hatte, das Volk hier in der heiligen Stadt vor die Botschaft vom Reiche Gottes zu stellen und in letzter Stunde zur Entscheidung zu rufen", und daß er "erst bei seinem Zug mit den Seinen nach Jerusalem und dem Tempel die letzte Entscheidung gesucht hat" (Bornkamm), dann hat er schwerlich mit der Hinrichtung durch die Römer gerechnet, sondern eher mit dem jetzt erfolgenden Kommen der Gottesherrschaft.
Hier bleibt alles Vermutung. Sicher ist nur, daß er von den Römern gekreuzigt worden ist, also den Tod eines politischen Verbrechers erlitten hat. Schwerlich kann diese Hinrichtung als die innerlich notwendige Konsequenz seines Wirkens verstanden werden; sie geschah vielmehr aufgrund eines Mißverständnisses seines Wirkens als eines politischen. Sie wäre dann - historisch gesprochen - ein sinnloses Schicksal Ob oder wie Jesus in ihm einen Sinn gefunden hat, können wir nicht wissen. Die Möglichkeit, daß er zusammengebrochen ist, darf man sich nicht verschleiern ...
Der Weg zu einer Antwort scheint sich zu eröffnen, wenn die objektivierende historisch-kritische Betrachtung des Wirkens Jesu ersetzt, oder besser: ergänzt oder weitergeführt wird durch eine Interpretation der Geschichte, die auf der geschichtlichen. d. h. existentiellen Begegnung mit der Geschichte beruht. Sie sucht das Selbstverständnis zu erfassen, das hinter den für das objektivierende Sehen wahrnehmbaren geschichtlichen Phänomenen liegt bzw. in ihnen waltet. Sie beruht auf der Begegnung, insofern sie sich offenhält für die sich in der Geschichte anbietenden Möglichkeiten des Selbstverständnisses als Möglichkeiten des eigenen Selbstverständnisses. Die Geschichte ist für sie Anrede, und sie besteht sozusagen im Hören, nicht im distanzierten Sehen ...
Am konsequentesten dürfte die Intention existentialer Interpretation von Herbert Braun (Mainz) durchgeführt worden sein ... Mit Recht sagt er m. E., daß im Wirken Jesu seine Worte das Entscheidende sind. Diese lehren die paradoxe Einheit der radikalisierten Thora und der radikalen Gnade, der verschärften Forderung und der schrankenlosen Annahme des Menschen als Sünder, die "Kontrapunktik" der Offenheit für den Nächsten und der totalen Angewiesenheit des Menschen auf Gott.
* Theologischer Fachterminus für die weissagungen, die Jesus erst nach seinem Tode von der Urgemeinde zugeschrieben wurden.
Von Rudolf Bultmann

DER SPIEGEL 15/1966
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