04.04.1966

PAARETraum oder Torte

Die Flucht verlief reibungslos. "Ich ging ins Hotel zurück, um meine Sachen zu packen - und dann nichts wie weg", berichtete später der Flüchtling: Ralph Borghard, 21, Walter Ulbrichts bester Eiskunstläufer, hatte seine Teilnahme an der diesjährigen Weltmeisterschaft in Davos ausgenutzt, sich in den deutschen Westen abzusetzen.
Er kam wie bestellt. Seit dem Rücktritt der Weltmeister und Olympiazweiten Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler im Jahre 1964 konnten die westdeutschen Eislauf -Oberen kein Eislaufpaar mit internationalen Siegchancen mehr aufbieten. Der schlanke, hochtalentierte und gut durchtrainierte Meisterläufer aus dem Arbeiter - und - Bauern -Staat schien ihnen geeignet, den Mangel zu beheben.
Als Partnerin für Borghard erkoren sie die trefflichste unter
Westdeutschlands
schlitternden Maiden: Ursula Keszler, 18, genannt Uschi, aus Frankenthal. Der Düsseldorfer "Mittag" schrieb: "Ein Traum-Paar, wie Kilius/ Bäumler es waren."
Uschi Keszler wollte "furchtbar gern mit Ralph Borghard im Paarlauf starten". Auch Borghard war "sehr gern" bereit, künftig mit dem "Sexy-Girl im deutschen
Eislauf" (so die Münchner "Abendzeitung") anzutreten. Beide probten bereits einige Hebefiguren. Doch blieb der gesamtdeutsche Paarlauf bis heute sechs Wochen nach Borghards Flucht ein Traum der Funktionäre: Uschi Keszlers Vater, Mutter und Verlobter sagten nein.
Vater Keszler sorgt sich um die Beckenknochen, Mutter Keszler grämt sich um das Seelenleben der Eisläuferin. Verlobter Karl ("Charly") Meyer, 23, ein Konditor aus Frankentgal, sieht durch den Elektromechaniker Borghard sein Lebensglück gefährdet. Die Eisläuferin
selber mag offenbar weder das eine noch das andere lassen: Sie möchte die Chance nutzen, beifallumrauschte Nachfolgerin der Marika Kilius zu werden, ohne dadurch ihre Chance auf späteres Eheglück im Frankenthaler Café Meyer zu bedrohen. "Sie muß in großer Gewissensnot sein", erläuterte vergangene Woche Fritz Dürr, Präses des Mannheimer Eis- und Rollsport-Clubs (MERC), dem Uschi Keszler angehört.
Mit Engelszungen redeten die Funktionäre auf die Keszler-Eltern ein, um ihnen zum Ruhm der Bundesrepublik das Ja-Wort abzuringen. Uschi Keszler, laut Trainer Erich Zeller "ein hochgezüchtetes Kürtalent", habe wegen ihrer Schwächen in der Pflicht bei den nächsten Olympischen Spielen (1968 in Grenoble) nur als Paarläuferin eine Chance. Oberingenieur Fritz Keszler: "Meine Tochter ist mit 18 zu alt, um noch mit dem Paarlaufen zu beginnen." Die Funktionäre verwiesen auf die sowjetischen Weltmeister Belousowa/ Protopopow, die später begonnen hätten.
Vater Keszler blieb skeptisch. Borghard sei körperlich zu schwach: "Er würde sie eines Tages fallen lassen", so daß Beckenprellungen späteren Kindersegen bedrohen könnten. Die Funktionäre dagegen priesen Borghard als kräftig genug, Uschi Keszler (Größe: 1,61 Meter, Gewicht: 50 Kilogramm) gefahrlos zu stemmen. Und auch Marika Kilius seien Mutterfreuden zuteil geworden.
Schlechter gewappnet waren die Funktionäre jedoch gegen die Argumente von Mutter Keszler. "Wir wollen kein Dreiecksverhältnis à in Kilius -Bäumler-Zahn", erklärte sie. "Nachher steht immer irgendwelches Zeug in der Zeitung, und alle Welt zerbricht sich über Uschis Seelenleben den Kopf."
Tatsächlich hatten Spannungen, die sich aus Marika Kilius' Verbindung mit ihrem späteren Ehemann Werner Zahn ergaben (SPIEGEL 3/1964), nicht selten ungünstigen Einfluß auf die Leistungsfähigkeit und Harmonie des Eislaufpaares Kilius/Bäumler. Trainer Zeller mußte dem argwöhnischen Kilius-Verlobten sogar untersagen, das Training zu beobachten.
Daß nicht jeder zukünftige Ehepartner immun ist gegen den ständigen engen Kontakt seiner Auserwählten mit ihrem Eislaufpartner, konnte die Karriere der Eisläuferin Marika Kilius nicht ernsthaft gefährden - Marika Kilius
sorgte zuerst für den Ruhm, dann verlobte sie sich. Uschi Keszler hingegen mußte erkennen, daß der umgekehrte Weg weit schwieriger ist.
"Wenn Uschi ihren Kopf durchsetzt", drohte in der vergangenen Woche Tortenbäcker Meyer, "löse ich die Verlobung." Er habe "keine Lust, ein neuer Werner Zahn zu werden".
Die Funktionäre des Klubs und der "Deutschen Eislauf-Union" haben inzwischen ihr gröbstes Geschütz aufgefahren: Wenn Uschi Keszler nicht als Paarläuferin starten darf, wollen sie ihr die Trainingszuschüsse - pro Saison rund 8000 Mark - für den Einzellauf streichen. Vereins-Chef Dürr. "Familie Keszler hat bis Ostern Bedenkzeit."
Eiskunstläufer Borghard, Ursula Keszler: Gegen den gesamtdeutschen Paarlauf ...
... dreifaches Nein: Verlobte Meyer, Ursula Keszler*
* Dahinter Ursula Keszlers Eltern.

DER SPIEGEL 15/1966
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