04.04.1966

KATAKOMBEÜberwachung angebracht

Auf der Bühne des Hauses Lutherstraße 22/24 in Berlin witzelte Werner Finck: "Wir sind nicht zu offen, aber wir sind offen genug, um gerade noch offen zu bleiben."
Finck täuschte sich. Sein Berliner Kabarett "Katakombe" - wie auch das vom Kollegen Günther Lüders geleitete Tingel"-Tangel" in der Kantstraße 12 a - sollte nicht mehr lange offen bleiben. Im Zuschauerraum saßen damals, Frühjahr 1935, bereits Beamte von Reinhard Heydrichs Geheimem Staatspolizeiamt und aus dem Propagandaministerium des Dr. Joseph Goebbels: Sie sollten die Kabarett-Programme auf staatsfeindliche Pointen, das Publikum auf rassische Merkmale überprüfen.
Und sie stellten fest: In den beiden "Schmusentempeln" (so später "Das Schwarze Korps", die Zeitung der SS) gab es allabendlich "typisch jüdisch liberalistische Geistreicheleien", "politische Brunnenvergiftung" sowie "sogar direkte Gemeinheiten", und das alles auch noch mit Erfolg.
Am 10. Mai 1935 wurden "Katakombe" und "Tingel-Tangel" polizeilich geschlossen, die Kabarettisten Werner Finck, Günther Lüders, Walter Gross, Walter Lieck, Heinrich Giesen und Walter Trautschold wenig später ins Konzentrationslager Esterwegen gesteckt - "auf 6 Wochen in ein Lager mit körperlicher Arbeit", hatte Goebbels mit Grünstift auf dem Protokoll vermerkt.
Zwei Jahre lang hatte politische Satire Hitlers Machtergreifung überlebt.
Mit der Polizeiaktion vom 10. Mai 1935 war sie mundtot. Drei Jahrzehnte später - in diesen Tagen, da deutsches Kabarett in Freiheit und am Wohlstand kränkelt - wird die schon legendäre Katakomben-Affäre erstmals in allen Einzelheiten belegt: Im Scherz Verlag erschien eine von Helmut Heiber erstellte und kommentierte Dokumentation, "Die Katakombe wird geschlossen".
Das Buch zeigt den Zusammenstoß zwischen Nazis und Narren als eine Tragikomödie in mehreren Akten und in Aktendeutsch. Sie beginnt Ende Dezember 1934 mit einem Gestapo -Telegramm an die Staatspolizeistelle Berlin: "Pg Schreiber vom Rassenpolitischen Amt teilt fernmündlich mit, daß im Kabarett Katakombe, in dem sehr viele Juden verkehren, die Maßnahmen der Reichsregierung ins Lächerliche gezogen und kritisiert werden. Eine Überwachung der Katakombe erscheint angebracht."
Die Überwachung begann. Aber sie erwies sich als schwierig - die Beamten kamen manchmal nicht ganz mit. Aus einem Überwachungsbericht: "Anscheinend versucht man hier, die zersetzende Tendenz dieser Darbietung durch besonders treffende Pointen zu tarnen."
Andere Schwierigkeiten taten sich den Kabarett-Bekämpfern aus den eigenen Nazi-Reihen auf. Just der "Völkische Beobachter" hatte das Katakomben -Programm freundlich rezensiert: "Ein witziges, kabarettistisch mit dem Lachen einer gern zugestandenen Narrenfreiheit aufgelockertes Programm flitzt über die Bühne ..."
Zu den durchaus amüsierten Katakomben-Besuchern zählten auch NS -Würdenträger wie der Goebbels-Adjutant Prinz zu Schaumburg-Lippe und der SA-Gruppenführer und Polizeipräsident Graf Helldorf. Der Chefredakteur der Goebbels-Zeitung "Angriff", Hans Schwarz van Berk, hatte ins Katakomben-Gästebuch geschrieben: "Gefährlich oder ungefährlich - weitermachen!"
Um das Verbot mit solcher öffentlich bekundeten NS-Anerkennung einigermaßen in Einklang zu bringen, griffen die Heydrich- und Goebbels-Leute schließlich zu einer kühnen Konstruktion: Nicht die Kabaretts an sich trieben Böses, sondern erst der Beifall ihrer "stark jüdisch durchsetzten" Zuschauerschaft dränge sie auf Abwege. Die Angaben der verschiedenen Aufpasser über den "nichtarischen" Publikumsanteil schwankten zwischen drei und siebzig Prozent.
Zuschauer wurden allerdings nicht inhaftiert. Finck und Kollegen mußten der Gestapo Rede stehen.
Und auch die Vernehmungsprotokolle haben noch eine bitter-kabarettistische Note. So, wenn Finck seinen Verhörern klarzumachen sucht, wie ausschließlich positiv seine angeblich staatsfeindlichen Scherze gemeint gewesen seien: "Nachdem ich mir meinen Anzug näher angeguckt hatte, sagte ich, zum Publikum gewendet: Ich wollte mir eigentlich einen neuen Anzug machen lassen, aber die paar Monate wird es schon noch so gehen - zivil -, das heißt ich wollte hiermit den Sieg der allgemeinen Wehrpflicht bildlich darstellen ..."
Es half nichts. Am 24. Mai 1935 erhielt Goebbels Vollzugsmeldung: Die Wortspieler saßen im KZ.
Aber ein anderer half: Am 25. Juni verlangte Hermann Göring, Preußischer Ministerpräsident und Goebbels-Gegner in Berliner Bühnensachen, die Freilassung der Kabarettisten aus dem Lager Esterwegen und die Einleitung eines ordentlichen Gerichtsverfahrens gegen sie. Fürsprecher, bei Göring war die Schauspielerin Käthe Dorsch gewesen, "einst Görings Leutnantsliebe oder sogar Verlobtet" (Heiber).
Am 1. Juli waren die Kabarettisten wieder frei. In der Gerichtsverhandlung, die Ende Oktober 1936 in Berlin "gegen Finck u. a. wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz" stattfand, wurden sie mangels ausreichender Beweise freigesprochen.
Letztes "Katakombe"-Programm (1935)*
Anerkennung im VB
Kabarettist Finck**
Anzeige vom Pg
* Aus den Gestapo-Akten; Unterstreichungen und Ausrufezeichen stammen von Gestapo-Beamten.
** Mit Kollegin Inge Bartsch 1933 in dem Katakomben-Sketch "Bilderbuch".

DER SPIEGEL 15/1966
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