04.04.1966

WERGOEine Menge Mut

Hans Werner Henze dirigierte unentgeltlich; das Berliner Philharmonische Oktett strich und blies zu stark reduzierten Honoraren, und Rundfunksender stellen gelegentlich Tonbänder zu ermäßigten Tantiemen zur Verfügung
- so fördern sie der Welt einziges Schallplattenunternehmen, das bislang ausschließlich und systematisch moderne und modernste Musik pflegt.
Ob Arnold Schönbergs Melodram "Pierrot Lunaire", ob Igor Strawinskis Ballett "Agon", ob Paul Hindemiths "Messe 1963", ob Karlheinz Stockhausens "Kontakte", ob Webern-Lieder oder Blacher-Oper - die "Wergo" -Schallplatten rotieren, als begehrte Raritäten, unter internationalem Applaus.
Denn die "Studio-Reihe Neuer Musik", die der Baden-Badener Produzent Dr. Werner Goldschmidt, 62, anbietet, ist "das Musterbeispiel, wie man dem Laien ein so komplexes Gebiet wie die neue Musik schmackhaft serviert" - so die Fachzeitschrift "Melos".
Das erste Muster-Exemplar, Schönbergs Musikdrama "Erwartung", lieferte der musikalische Laie Goldschmidt im Herbst 1963 aus, als er "das Bedürfnis verspürte, etwas Sinnvolles, nicht unbedingt Kommerzielles schaffen zu müssen". Anders als die großen Konkurrenzfirmen, die sich um neue Musik nicht so recht bemühen und die ihren wenigen Neutöner-Schallplatten meist dürftige Erläuterungstexte beipacken, klärt Goldschmidt seine Kunden mit ausführlichen Einführungen vom Rang selbständiger musikwissenschaftlicher Arbeiten, mit Bildern, Faksimiles und Notenbeispielen auf.
Im Anhang zu Schönbergs "Serenade opus 24" beispielsweise läßt sich der Musikwissenschaftler Helmut Kirchmeyer auf 32 Seiten zum Teil anekdotisch über die Frühgeschichte der Zwölftontechnik aus.
Doch das war dem Dr. Goldschmidt noch nicht informativ genug: So ließ er den Berliner Musikprofessor Hans Heinz Stuckenschmidt auf zwei Langspielplatten eine "Einführung in die neue Musik" sprechen und an Tonsätzen von Strawinski bis Stockhausen erläutern; außerdem beauftragte er den Kölner Komponisten und Kybernetiker Herbert Eimert, den Wergo-Kunden die akustischen und theoretischen Grundbegriffe der elektronischen Musik beizubringen.
Kundendienst und wissenschaftliche Exaktheit Goldschmidts blieben nicht ohne Lohn: Die Studio-Reihe erhielt bereits nach Erscheinen der neunten Nummer einen "Preis der deutschen Schallplattenkritik"; und im letzten Monat wurde dem von Wergo gepreßten Klavierwerk Strawinskis, das die Brüder Kontarsky spielen, der "Grand Prix du Disque" zuerkannt. Bisheriger Bestseller (7000 Exemplare) jedoch: "Kontakte" von Karlheinz Stockhausen. "Kein Wunder", schrieb "Melos", "daß bei dieser psychologischen art culinaire der Appetit der Deutschen auf moderne Musik ständig wächst."
Auch den französischen Hunger auf neue Töne kann Goldschmidt jetzt besser als zuvor stillen. Vertriebs-Verträge mit der renommierten gallischen Schallplattengesellschaft "Harmonia Mundi" verheißen mehr Absatz; die Wergo-hörigen Amerikaner und Italiener werden künftig von den Musikverlegern Riccordi (Italien) und Vanguard (USA) mit Goldschmidts mustergültig bespielten und besungenen Tonwaren versorgt. Wergo-Künstler: die Dirigenten Pierre Boulez. Hermann Scherchen und Hans Rosbaud, die Sopranistin Helga Pilarczyk, der Pianist Swjatoslaw Richter.
Um die Klassiker der Moderne und die Erzeugnisse der musikalischen Avantgarde bemüht sich Goldschmidt erst seit wenigen Jahren. Denn bevor sich der promovierte Kunsthistoriker 1956 in Baden-Baden niederließ, hatte er, wie er sagt, eine Odyssee hinter sich gebracht.
Als Goldschmidt 1933 aus Deutschland emigrieren mußte, ging er zunächst nach Spanien, wo er an der Universität Barcelona über frühmittelalterliche Kunst unterrichtete. In Nizza, "dem damals billigsten Ort Europas", promenierte er mit seinen Freunden Walter Hasenclever, Heinrich Mann und Alfred Neumann, in Antibes schließlich wurde er interniert und als französischer Arbeitssoldat zwangsverpflichtet. Nach zehnjährigem Paris-Aufenthalt - er entkam zweimal der Gestapo - kehrte Goldschmidt 1952 nach Deutschland heim.
Mit dein Geld, das er in der Werbebranche und als Gesellschafter der Kölner Schallplattenfirma "Vox-Imago" verdient hatte, gründete er 1963 die Schallplattenfirma Wergo, "das Unternehmen, das eine Menge Mut voraussetzt" ("Stuttgarter Nachrichten"), und finanzierte die ersten 20 Aufnahmen. Durchschnittliche Kosten pro Produktion: 7000 Mark; Preis pro Platte: 29 Mark.
Um jetzt jedoch neue Finanzquellen für die weiteren Produktionen, vorwiegend experimentelle Musik, zu erschließen, entschloß sich der Schallplattenhersteller zu "neuen massenwirksamen Reihen": Noch in diesem Monat gibt Wergo Martin Lauers auf Platte gesprochene Anweisungen für Morgengymnastik, ferner Bewegungs-Therapien zur Behebung von Bandscheibenschäden, tönende Schwangerschafts- und Baby-Gymnastik heraus.
In einer anderen Serie, die den Namen "Studioreihe des Chansons" tragen soll, will Goldschmidt Lieder aus den USA, Frankreich, England und Israel, Folk-Songs und politisch und moralisch engagierte Chansons aus der Bundesrepublik anbieten. Unter dem Namen "Raritäten-Kabinett" schließlich erscheinen demnächst die Live-Aufnahme einer Tabak-Auktion in Virginia und das Liebes- und Lege-Gegacker der Hühner.
"Wergo"-Plattenhüllen
Liebesgegacker von Hühnern
"Wergo"-Produzent Goldschmidt
Professoren im Kundendienst

DER SPIEGEL 15/1966
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