11.04.1966

UND SIE ZERRISSEN DAS VERHASSTE FLEISCH

Das Panorama des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1945 beschreibt der amerikanische Schriftsteller John Toland in seinem kürzlich erschienenen Buch "The Last 100 Days" ("Die letzten 100 Tage"), das demnächst auch in der Bundesrepublik veröffentlicht wird (Droemersche Verlagsanstalt, München). Toland schildert die Operationen der Alliierten auf deutschem Boden und die Zustande, die sie in den eroberten Gebieten vorfanden. Ferner verarbeitete der Autor die Berichte von mehr als 600 Augenzeugen, die er in 21 Ländern befragte. Der SPIEGEL veröffentlicht nachstehend einen Auszug aus dem Toland-Buch über die Befreiung des Konzentrationslagers in Salzwedel, eines Außenkommandos des KZ Buchenwald. Toland gibt darin die Beobachtungen des polnischen Schriftstellers Tadeusz Nowakowski wieder...
Am 22. April 1945 fuhr eine motorisierte Kolonne der 84. amerikanischen Division in Salzwedel, 160 Kilometer westlich von Berlin, ein. In den Baracken des KZ-Außenkommandos in der Nähe der Stadt kauerten 4000 von ihren Wächtern verlassene Häftlinge und Fremdarbeiter; sie waren ebenso verängstigt wie die Einwohner des Ortes.
Der Pole Tadeusz Nowakowski war einer der ersten, die sich auf die Straße wagten. 1937 war er im Alter von 17 Jahren mit dem Literaturpreis der polnischen Akademie für junge Schriftsteller ausgezeichnet worden. Zwei Jahre später wurde er zusammen mit seinem Vater ... wegen der Veröffentlichung seiner Widerstands-Schrift "Noch ist Polen nicht verloren" von den Deutschen verhaftet.
Vater Nowakowski er-lebte die Befreiung der KZ-Häftlinge nicht mehr: Er wurde von einem in Wut geratenen Wächter mit der Schaufel zu Tode geprügelt. Der Sohn überlebte eine Reihe von Gestapo-Gefängnissen und Konzentrationslagern. Im Februar 1945 floh er nach Salzwedel; polnische Fremdarbeiter versteckten ihn in einer Zuckerfabrik.
Die Straßen von Salzwedel waren vollgepfropft mit amerikanischen Motorrädern, Jeeps, Lastkraftwagen und Panzern, die Wolken von Staub und Rauch aufwirbelten. Nowakowski hörte das Donnern von Flugzeugmotoren. Das war die Szenerie der Befreiung, von der er jahrelang geträumt hatte.
Ein Jeep stoppte, und unter wildem Applaus und einem wahren Blumenregen stieg ein hochgewachsener Neger aus. Er forderte die Menge auf, beiseite zu treten und nagelte ein Schild mit der Aufschrift "Langsam fahren" an einen Telegraphenmast. Der GI hielt sich seinen Helm vor das Gesicht, bahnte sich seinen Weg zurück zum Jeep und fuhr laut hupend davon.
Die übrigen Amerikaner standen, ebenso gelangweilt herum. Sie sahen gleichgültig auf die Häftlinge, selbst dann, wenn sie ihnen Chesterfield -Zigaretten zusteckten. Die GIs waren keineswegs arrogant. Aber sie konnten ihre Verachtung beim Anblick dieser armseligen und hilflosen Menschen nur schlecht verbergen. Vielleicht, so dachte Nowakowski, waren die US-Soldaten dieses ganzen Schauspiels einfach überdrüssig.
Nur ein Kamera-Team war interessiert. Es ließ die ausgemergelten Häftlinge in das Konzentrationslager zurückmarschieren, um sie hinter Stacheldraht zu photographieren. Ein paar Kinder weinten, als sie wieder durch das KZ-Tor stolperten.
In der Stadt zogen Scharen von Fremdarbeitern durch die Straßen auf der Suche nach Gelegenheiten zur Rache. Barfüßige Rumänen schmierten Marmelade auf den Bürgersteig, rasende Frauen schlugen mit bloßen Händen die Schaufenster der Kaufhäuser ein, und ein Russe schmiß händeweise Heringe in die Luft.
Häftlinge zerrten einen verwundeten SS-Mann aus einer Garage und trampelten ihn zu Tode. Andere Gefangene, deren Leiber vom Hunger aufgebläht waren, schleppten sich zu dem Toten hin, versetzten ihm kraftlose Fußtritte, dann stürzten sie sich auf die Leiche und begannen, das verhaßte Fleisch mit Händen und Zähnen in Stücke zu reißen.
Nowakowski wollte zu ihnen gehen und ihnen zurufen: "Stecht ihm die Augen aus, für meinen zu Tode gequälten Vater, für meine Freunde, für meine zerbombte Stadt!" Aber die Worte blieben ihm im Halse stecken. Er lachte hysterisch, und Tränen rannen ihm die Wangen herunter. Er dachte: Ich lebe, ihr Hurensöhne.
Eine amerikanische Jeep-Patrouille schoß über die Köpfe der sich wild gebärdenden Menge - hupte und fuhr weiter. Es war wie ein surrealietischer Alptraum.
Vor einem Warenhaus sah Nowakowski zwei betrunkene, in ein zerfetztes Brautkleid gekleidete Franzosen, die sich auf den Mund küßten und gegenseitig das Haar streichelten. Eine alte Polin spuckte Blut, während Zigeunerkinder einen Sack Mehl über ihr leerten.
Auf der anderen Seite des Kanals beobachtete Nowakowski, wie Gefangene auf einen Tankwagen kletterten, der Alkohol geladen hatte. Als niemand das Ventil öffnen konnte, schlugen sie mit der Axt ein Loch in den Tank. Die Flüssigkeit strömte in einem dicken Strahl aus. Die schreiende Menge hielt Eßgeschirre, Hüte und Schuhe bereit. Ein tschechischer Junge schrie: "Es ist Methyl-Alkohol. Es ist Gift!" Aber niemand kümmerte sich darum.
Russische Häftlinge banden den Bürgermeister der Stadt an einen Grabstein und rissen seiner Frau und seiner Tochter die Kleider vom Leibe. Der Bürgermeister bäumte sich auf und schrie wie ein krähender Hahn. Ein Russe mit gerötetem Gesicht brüllte, seine Frau habe in Krakau dasselbe Schicksal erleiden müssen, und stieß einige junge Landsleute zur Tochter des Bürgermeisters. Die Mutter warf sich auf den Boden und wollte, flehentlich bittend, die Füße der Russen küssen.
Die Russen zögerten. Doch dann griff ein Kalmücke nach dem Mädchen und warf es nieder. Mit einem Ruck drehte der Vater sich um, riß den Grabstein aus der Erde - und fiel tot um.
Nowakowski beobachtete den Häftling, der die Rache-Orgie ausgelöst hatte, wie er die Hände in die Taschen steckte und fortging. Nowakowski setzte sich an das Kanalufer und begrub das Gesicht in den Händen.
Der Häftlings-Aufstand nahm derartige Ausmaße an, daß die Amerikaner die Befreiten schließlich wieder einsperrten. Mit hundert anderen Gefangenen wurde Nowakowski in das Gymnasium gebracht.
Doch der Alptraum ging weiter. Eine Gruppe junger Mädchen sang das polnische Lied "All unsere täglichen Sorgen", während einige Meter entfernt die vom Methyl-Alkohol Vergifteten im Todeskampf eine violette Flüssigkeit erbrachen. Die Durchfall hatten, mußten sich auf der Stelle erleichtern und wurden von verärgerten Nachbarn zur Seite geschoben.
Einige Jungen fanden Turngeräte und kletterten die Seile hinauf, um wie Affen am Trapez hinunterzuschwingen. Sie grölten und lachten auch weiter, als einer von ihnen auf einen Eisenpfahl fiel, einige Minuten schrie und dann starb.
Um Mitternacht wurde die Lage unerträglich. Eine Gruppe junger Männer fiel über die zusammengepfercht schlafenden polnischen und ukrainischen Frauen her. Nowakowski hörte wilde Schläge, kurze Schreie, Lachen, Weinen, Wimmern. Ein Mann lamentierte wieder und wieder: "Aber ich kann nicht."
Ein von Methyl-Alkohol vergifteter Italiener bekam einen Anfall. Er kroch wie ein Tier über die Schlafenden, miaute und bellte. Er stieß mit dem Kopf so lange gegen die Wand, bis er unter einem Heizkörper liegenblieb und endlich Frieden hatte.
Erst als der Morgen graute, schlossen die Amerikaner das Gymnasium wieder auf und ließen Franzosen, Dänen, Belgier, Luxemburger und Tschechen frei. Sie wurden in das Offiziersquartier gebracht. Die zurückgebliebenen Häftlinge brachen daraufhin in wildes Geschrei aus und verfluchten die Amerikaner und die Befreiung. "Wir sind auch Alliierte", schrie ein Italiener.
Eine Welle von Hysterie ging durch den großen Raum. Eine ukrainische Frau, die behauptete, eine Polin habe ihr einen Kamm gestohlen, riß dieser den Schmuck vom Hals. Sie rief die anderen Polen zur Hilfe: "Tötet die Ukrainer!"
Durch den Lautsprecher tönte es plötzlich: "Hello, hello". In fünf Sprachen kündigten die Amerikaner an, daß die Halle inspiziert würde. Um acht Uhr steckten einige GIs die Köpfe durch die Tür, zogen sich aber erschrocken
schnell wieder zurück. Sie befahlen, daß sofort alle Kinder herausgebracht werden sollten. Man munkelte, die jüdischen Frauen würden in Villen untergebracht und man gäbe ihnen Weißbrot, Eier und Schokolade. Wütend schrie die Menge: "Sie steigen in die Badewanne und gehen in Kimonos spazieren; sie schlafen mit den Amerikanern."
"Da sieht man, wie diese Hundesöhne sich um ihre eigenen Leute kümmern", empörte sich ein Häftling. "Ein Jude wird immer einem Juden helfen, die Christen müssen sterben wie Hunde ..."
Ein Mädchen schrie wütend zurück: "Die Juden wurden ja auch in Krematorien verbrannt, während ihr in Scheunen deutsche Bauern umarmtet."
Es wurde still im Raum. Alle starrten auf das Mädchen. Es war klein und häßlich und hatte einen großen Kopf, der wie ein Kürbis auf einer Stange saß. Seine roten Ohren standen ab. "Nun, los, schlagt mich", rief es.
"Jüdin", schrie jemand, und die Frauen stürmten auf das Mädchen zu. Ein älterer Herr mit Brille, der aussah wie ein Professor, nahm das Mädchen schützend in die Arme: "Rührt sie nicht an."
Die aufgebrachte Menge warf beide zu Boden und begrub sie unter Säcken. Die Frauen rissen dem Mädchen die Haare in Büscheln aus und stachen die Finger in seine Augen. "Das ist für die Milch! Das ist für die Schokolade, und das ist für die Bauern in der Scheune, du dreckiger Jude!"
Ihr Beschützer hörte auf zu kämpfen, sein Körper wurde schlaff. "O Gott", rief eine Frau, "sie sind tot."
Die Frauen gingen auseinander. Zwei Russen wischten den Opfern das Blut vom Gesicht, zogen sie in eine Ecke und warfen sie auf die anderen Leichen.
Der Lautsprecher dröhnte wieder und mahnte die Häftlinge zur Geduld: Nahrungsmittel seien unterwegs, und alle würden in neue Quartiere gebracht. Wenig später wurde heiße Suppe und Weißbrot ausgeteilt. Dann wurden die Häftlinge Zeugen einer unglaublichen Verwandlung: Das Gymnasium wurde gereinigt, sie selbst wurden gewaschen und neu eingekleidet. Sie stellten sich in einer Reihe auf und erhielten von einem amerikanischen Sergeanten, der in einem Witzbuch las, Eßpakete zugeteilt.
Jeder kam an den Tisch, als sei er ein Altar. Der wilde Blick wich aus den Gesichtern der Kinder. Alles schien jetzt ganz einfach, ganz logisch und leicht. Die meisten lächelten, und durch den Lautsprecher ertönte der Schlager: "I love you, I love you, I love you."
Das amerikanische Wunder war noch nicht vorüber. Lastwagen mit transportablen Gotteshäusern fuhren vor, und eine halbe Stunde später hielten orthodoxe, evangelische, katholische und jüdische Geistliche auf dem Fußballplatz Andachten ab.
Erst wurden Kirchenlieder gesungen, dann tönte ein Gebet aus dem Lautsprecher: "Halleluja, der Herr ist siegreich. Der Geist der Gottlosigkeit ist zu Staub und Asche geworden! Halleluja! Die Ketten sind von den Händen der Gerechten genommen, und der Opferrauch steigt in den Himmel ..."
Vordrucke mit dem Gebet wurden ausgegeben. Nowakowski ergriff einige und ging zum Abort. Fünf Jahre lang hatte er nicht so weiches Papier gesehen.
Deutsches KZ nach US-Einmarsch* "I love you, I love you"
KZ-Kinder bei der Befreiung
Für die Kameras noch einmal ins Lager
* Amerikanische Posten in Dachau, tote KZ -Wächter.
Von John Toland

DER SPIEGEL 16/1966
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