11.04.1966

DIE BESTE ZEITUNG DER WELT

Ein Porträt der "New York Times"

Von Kahn, Roger

Frau Iphigene Ochs Sulzberger, eine ehrwürdige Dame von 73 Jahren, kam gerade von ihrem Familientreffen - der Tagung des Aufsichtsrats der "New York Times". Nun saß sie aufrecht auf einem grünen Ledersessel in einem Zimmer voller Andenken an ihren Vater, den großen Verleger Adolph Simon Ochs.

"Die Leute zerbrechen sich immer den Kopf über die 'Times'", bemerkte Frau Sulzberger. "Zu Vaters Zeiten behaupteten sie, englisches Geld stehe hinter uns. Heute fragen sie, warum wir nicht mehr Geld verdienen." Frau Sulzberger lächelte mild. "Würden wir es anders machen", meinte sie, "dann würde die Zeitung im Augenblick vielleicht mehr einbringen. Aber auf die Dauer ist unsere Art die beste. Wissen Sie, wir gehören nicht zu jenen Menschen, die glauben, sie müßten unbedingt eine Jacht haben."

Die "New York Times", das Familienunternehmen der Frau Sulzberger, ist die beste und bedeutendste Zeitung, die in den Vereinigten Staaten oder, wenn man so will, in der ganzen Welt erscheint. Es ist eine riesige Tageszeitung mit einer Auflage von über 700 000 Exemplaren. Sie ist seriös, und sie berichtet umfassend; sie ist korrekt und unbestechlich.

Ungeachtet dieser Vorzüge erscheint die "Times"-Berichterstattung in verschiedener Hinsicht antiquiert: übergroße Vorsicht charakterisiert sie ebenso wie Eintönigkeit des Stils. Das "Times" -Druckbild ist grau in grau.

Diese Zeitung kostet jährlich 135 Millionen Dollar. Für das Papier müssen 5,5 Millionen Bäume gefällt werden. Nach letzten "Times"-Zahlen beschäftigt die Zeitung 355 Reporter und Redakteure in der Zentralredaktion, 28 Journalisten in Washington und 44 festangestellte Auslandskorrespondenten zwischen Oslo und Johannesburg. Der gesamte Redaktionsstab zählt 1003 Personen.

Die "Times" will enzyklopädisch sein. Sie registriert alles. "Nichts", so verkündet ein alter "Times"-Mann und versucht seinen Stolz hinter einem verlegenen Grinsen zu verbergen, "geschieht auf dieser Welt, ehe es nicht in der 'Times' geschieht."

Die "Times" druckt Legionen ungekürzter Texte - jede Pressekonferenz des Präsidenten, die bedeutendsten Reden westlicher und kommunistischer Staatsoberhäupter, sämtliche Paragraphen wichtiger neuer Gesetze und sogar den vollständigen, 296 000 Worte umfassenden Warren-Report über den Mord an Präsident Kennedy, der am selben Morgen erschien, an dem er freigegeben wurde.

Als im Winter 1962/1963 ein Druckerstreik das Erscheinen der Zeitungen für 114 Tage unterbrach, bestand die "Times" darauf, daß ihre Redakteure genauso arbeiteten, als ob die Zeitung erscheine, obwohl nicht ein Buchstabe gesetzt werden konnte. Nach dem Streik druckte die "Times" einen Monat lang täglich Zusammenfassungen von zwei oder drei dieser Geisterzeitungen.

Sie druckte aber auch einen 15spaltigen Rechenschaftsbericht über die Streikverhandlungen und mißbilligte darin die Taktik des eigenen Direktors Amory Bradford. Bradford trat später zurück.

Vor allem wegen ihrer Vollständigkeit ist die "Times" die Zeitung der Intellektuellen.

Die "Times" verkauft in Harvard täglich 2150 Exemplare, 1225 in Yale, 700 an der Chicagoer Universität und 375 an der University of California in Berkeley.

Die "Times" unterhält ein Kultur-Ressort von 40 Damen und Herren. Die meisten der "Times"-Kritiker werden gehaßt, zuweilen hofiert, nur selten applaudiert man ihnen auch vorsichtig.

Aber sie sind Kritiker der "Times". Niemand sonst kann Gedeih oder Verderb eines Stückes, den Ruf eines Dirigenten, das Debüt eines Wunderkindes so nachhaltig beeinflussen.

Die "Times" ist aber ebenso die Zeitung der Wall Street und der Männer

des Big Business. Überfliegt man an einem normalen Tag ihre etwa zehn Seiten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten, so wird man erfahren, daß der "Concentra Mutual Fund" in Frankfurt zu 32,40 Mark verkauft, daß E. Risinger, Einkäufer der Firma West in El Dorado, Arkansas, sich in New York nach neuen Kollektionen umsieht und daß das US -Schatzamt in diesem Monat 6 319 864 649 Dollar ausgab.

Schließlich ist die "Times" die bedeutende Zeitung für bedeutende Leute überall in der Welt. 50 Exemplare werden täglich ins Weiße Haus geliefert. 71 Botschaften in Washington, auch die Sowjetische, halten die "Times". Einige Exemplare kommen bis nach Peking.

Obwohl ihr Versuch scheiterte, eine Regionalausgabe an der Westküste herauszugeben, ist die "New York Times" immer noch die überregionalste Zeitung der USA. Sie wird in 11 464 Städten und in 2 578 Kreisen - das sind 84 Prozent aller Kreise - verkauft.

Die "Times" hat ihre Konkurrenz begraben. Ihre großen alten Gegnerinnen, die Morgenzeitungen "World" und "Journal", sind eingegangen. Seit 1890 hat die "Times" das Sterben von elf New Yorker Zeitungen miterlebt und darüber berichtet. Die "Herald Tribune", die einzige New Yorker Morgenzeitung, die neben der "Times" noch ernst zu nehmen ist, überlebt nur, weil es ihrem Eigentümer John Hay Whitney so gefällt. Dem Multimillionär macht das Zeitungmachen mehr Spaß als das Bankgeschäft*.

1964 erzielte die "Times" einen Gewinn von 2 668 748 Dollar; das sind etwa zwei Prozent ihrer Bruttoeinnahmen, das ist der größte Gewinn, den sie jemals hatte. 1964 brachte sie 67,7 Millionen Zeilen Anzeigen. Whitneys "Tribune" hatte nur 18,5 Millionen Zeilen, und zwar zu niedrigeren Sätzen. 1964 schlug die "Times" die "Tribune" mit 703 344 zu 309 000 Exemplaren pro Werktag. Seither fällt die "Tribune" weiter ab.

Die "Times" verlangt für eine einmal veröffentlichte ganzseitige Anzeige rund 5500 Dollar in der Werktags- und 7000 Dollar in der Sonntagsausgabe. Zusammen investierten die Kunden 1964 116 Millionen Anzeigen-Dollar in die "Times". Nach Abzug der Agenturprovisionen flossen etwa 100 Millionen in die Kasse der Zeitung. Das Kleingeld der Käufer des Blattes ergab noch einmal 31 Millionen. Gesamtsumme aller Einnahmen: 136 691 927 Dollar.

Sehr viel blieb davon freilich nicht auf dem Konto stehen. Die "Times" gab insgesamt 48 400 000 Dollar für Löhne und Gehälter aus - fast eine Million Dollar pro Woche. Papier und Druckerschwärze kosten rund 38 Millionen Dollar jährlich. Druck und Papier der im Durchschnitt über zwei Kilo schweren Sonntagsausgabe der "Times" kosten den Herausgeber 33 Cent, drei Cent mehr als der Preis, zu dem das Blatt verkauft wird.

Für 1965 dürfte die "Times" fünf Millionen Dollar erwirtschaftet haben. Das ist bemerkenswert viel für eine Zeitung, die nicht in erster Linie auf Profit sieht.

Jeder der bedeutenderen "Times" -Redakteure kann Anzeigen hinauswerfen, wenn er mehr Platz für Meldungen braucht. "Natürlich", räumt ein "Times" -Redakteur mit einer solchen Vollmacht ein, "so etwas tut man nicht leichtfertig oder oft. Es kommt vielleicht alle zwei, drei Wochen einmal vor. Und man weiß natürlich, daß man nicht gerade die General-Motors-Anzeige hinauswirft. Aber allein das Gefühl, daß man es darf, daß die Nachricht immer vor der Anzeige rangiert, ist 'ne verdammt wichtige Sache."

Mit Geld allein kann man sich nicht in die "Times" hineinkaufen. Alle Anzeigen werden von Rechtsanwälten und Ärzten überprüft und dann noch einmal von der "Abteilung für die Zulassung von Anzeigen" unter die Lupe genommen.

In der "Times" kann man keine Heiratsanzeigen aufgeben. Man kann auch nicht in einer Fremdsprache annoncieren, es sei denn, zusammen mit einer englischen Übersetzung des Textes. Man kann weder Horoskope anpreisen noch anbieten, die Zukunft vorherzusagen. Man darf nicht um Geld für stillgelegte Bergwerke werben noch irgendwelche Medikamente anbieten, die nach Meinung des Medizin-Ressorts der "Times" zur "Selbst-Diagnose eines ernsthaften Befundes oder einer ernsthaften Krankheit" führen könnten.

Die "Times" lehnt "ordinäre oder zweideutige" Anzeigen ab. Sie lehnt Übertreibungen ab - beispielsweise ändert sie "die beste Kaufgelegenheit der Stadt" in "eine der besten Kaufgelegenheiten der Stadt" ab. Sie mäßigt den Satz "der schönste Mantel, den wir je gesehen haben" zu "der schönste Mantel, den wir je verkauften". Sie redigiert die Behauptung "noch nie dagewesene Preise" in "erstaunlich niedrige Preise".

Die "Times" als Institution ist ohne Parallelen. Bis vor zwei Jahren dachte niemand daran, für das Unternehmen einen Haushaltsplan aufzustellen, nach dem die Abteilungen sich zu richten hätten. Bis dahin schätzte man einfach und kam meist zu dem Schluß: "Es wird wohl dasselbe wie im letzten Jahr, vielleicht auch ein bißchen mehr kosten." Wenn nicht gerade jemand beantragte, einen Flugzeugträger zu chartern, wurden die Spesen stets bewilligt.

Auch heute noch stellt der junge Herausgeber, Arthur Ochs Sulzberger, Sohn Iphigene Sulzbergers und Enkel des Adolph S. Ochs, den Haushaltsplan bloß als "Empfehlung" hin. Schwarzhaarig, freimütig und 40 Jahre alt, beteuert "Punch" Sulzberger, er würde verdammt ärgerlich werden, wenn irgend jemand in der "Times" zuerst an Ausgaben und dann erst an den Artikel dächte.

Die "Times" ist zuviel auf einmal, als daß sie der üblichen Vorstellung von einer Zeitung entsprechen könnte. Sie ist zu institutionell, zu groß, zu mächtig, zu sehr Familienunternehmen, zu ehrwürdig - und das alles auf einmal. Der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko pflegte sich über sie zu mokieren. So behauptete er einmal, ein guter, russischer Redakteur könne die gesamte "Times" auf vier Seiten reduzieren und eine bessere Zeitung daraus machen.

Die "Times" ist blasiert und selbstgefällig. "Unser oberstes Anliegen", sagt James B. Reston, leitender Redakteur, Kolumnist und ehemaliger Chefkorrespondent in Washington, "ist nicht die Verpflichtung gegenüber dem Berufs -Pendler, der die Zeitung im Zug von Westchester herunterliest.

"Unsere oberste Verantwortung gilt dem Historiker, der in fünfzig Jahren leben wird. Die 'Times' ist - unter Zeitungen einmalig - Quellenmaterial, und wir dürfen den Brunnen der Geschichte nicht vergiften." Restons kantiges Gesicht erschien schon einmal auf einem Titelblatt des "Time"-Magazins. Er sonnt sich in dem Ruf, das "Gewissen der 'Times'" zu sein.

"Ich lernte Lyndon Johnson kennen, als ich in Washington arbeitete", sagt John B. Oakes, verantwortlicher Redakteur der Leitartikelseite und Vetter des Herausgebers. "Noch eine ganze Weile nach Kennedys Ermordung pflegte Johnson, nun Präsident, ziemlich häufig anzurufen. Jetzt hat er sich ein Jahr oder so nicht mehr gemeldet. Ich bin darüber ehrlich erleichtert. Ich glaube, er hat gemerkt, daß wir darauf nicht so reagieren, wie er es gerne sähe."

Man staunt kaum darüber, daß Lyndon B. Johnson, der ja weder Journalist noch New Yorker ist, über die Eigenart der "Times" verblüfft war. Im Winter 1964 war der Präsident Gast im Speiseraum des Herausgebers. Obwohl er völlig freimütig sprach, gut aß, lange blieb und sich schließlich noch beim Küchenpersonal bedankte, blieb die "New York Times" hundertprozentig das, was sie schon vor dem Präsidentenbesuch gewesen war.

Beim Betreten des "Times"- Hauses - es ist ein reizloser, düsterer Bau von 14 Etagen - wird man laufend daran erinnert, daß in diesem Tempel der seriöse amerikanische Journalismus beginnt und endet.

Hier am Times Square, genau an diesem Platz, 229 West, 43. Straße, Postkennzahl 10 036, umgeben von verlassenen Theatern und schäbigen Bier-Bars, über Sardi's Restaurant und unter der vierseitigen Paramount-Uhr, hier in einem Winkel von New York City, der weder chic noch sauber ist, hier steht die journalistische Zentrale der Welt.

Der oberste Chef, vor dreißig Jahren gestorben, starrt mit Bronzeaugen durch den Vorraum. Die Büste steht vor einer grauen Mauer und blickt auf eine Drehtür und einen Automaten, der die "Times" verkauft. Die Mundwinkel der Plastik sind nach unten gezogen, die Augenbrauen sind majestätisch, hochmütig. Der Bildhauer hat viel Sorgfalt auf den Schlips verwendet und sogar die Andeutung einer Weste gemacht.

Dies war ein formeller Mann, korrekt und reserviert. Sein Name war Adolph Simon Ochs. Die "Times" ist die Zeitung von Adolph Ochs, sie ist, so wollte er es, eine Familien-Institution.

Der Mann wurde von vielen Traditionen geformt: dem Deutschland seiner Eltern, dem jüdischen Glauben, den sie praktizierten, und dem amerikanischen Süden, wo er aufwuchs.

Mit 20 Jahren kaufte er für 250 Dollar und einen Schuldschein die wacklige "Chattanooga Times". Am 12. März 1879, an seinem 21. Geburtstag, hatte er sie saniert. Aber er hatte für sich und für seine Familie größere Pläne.

Am 13. August 1896, um 15.30 Uhr, kaufte Ochs mit geborgtem Geld die "New York Times". Die "Times" war ein trauriges Blatt. Sie verkaufte 9000 Exemplare pro Tag gegen die 300 000 der Konkurrenz "Journal". Die Zeitung verlor damals mindestens 1000 Dollar wöchentlich. Ihre Belegschaft war mutlos.

Die "Times" hatte Kurzgeschichten gebracht, Ochs duldete sie nicht mehr. Nach seiner Überzeugung waren Zeitungen dazu da, Nachrichten zu bringen. Seine Zeitung sollte der Geschäftswelt dienen. Er begann, eine tägliche Liste in New York eintreffender Einkäufer zu veröffentlichen. Er fing mit wöchentlichen Buchbesprechungen an. Er schuf eine illustrierte Sonntagsausgabe.

Während Zeitungszar Hearst die Vereinigten Staaten in den Spanisch -Amerikanischen Krieg trommelte, folgte Ochs seinem Kredo, wonach es nicht Aufgabe einer Zeitung sei, Nachrichten zu machen, sondern sie zu drucken, und zwar innerhalb angemessener Grenzen. "Die 'Times'", so verkündete er, "kann ohne Gefahr von einem 14jährigen Mädchen gelesen werden."

Zusammen mit seinen Redakteuren wählte er einen Slogan für seine Zeitung: "All the News That's Fit to Print" ("Alle Nachrichten, die es wert sind, gedruckt zu werden"). Im Oktober 2896 wurde der Wahlspruch zum erstenmal auf der Leitartikelseite gedruckt. Im Februar 1897 rückte er in den Zeitungskopf, wo er heute noch steht.

Dem Chef ging es zu langsam aufwärts. 1898 senkte er den Preis von drei Cent auf einen Cent. Die Auflage kletterte daraufhin innerhalb dreier Jahre von 25 000 auf 102 472.

Wenig später stellte Ochs einen neuen leitenden Redakteur ein, der bis dahin für die "Sun" gearbeitet hatte: einen kühlen Kopf namens Carr Vattel van Anda. Einmal las van Anda eine wortgetreue Übersetzung einer Einstein -Vorlesung, die in der "Times" veröffentlicht werden sollte. Er fand einen Fehler.

Trotz großer Bedenken wurde schließlich Einstein selbst gefragt. Er ging seine Notizen durch und nickte. "Ja", sagte der Gelehrte, "Herr van Anda hat recht. Als ich die Gleichung auf die Tafel übertrug, machte ich einen Fehler."

Am 15. April 1912 war van Anda nachts um 1.20 Uhr noch im Büro, als aus Cape Race, Neufundland, ein AP -Kabel einlief. Es meldete, daß der Luxusdampfer "Titanic" SOS gefunkt und um sofortige Hilfe gebeten habe.

Die "Titanic", 45 000 Tonnen groß, der Stolz Großbritanniens und der "White -Star"-Linie, war während ihrer Jungfernreise auf einen Eisberg gelaufen. Das war natürlich die Story. Aber da das Schiff - mit einem Gürtel wasserdichter Schotten - als absolut unsinkbar galt, blieben noch viele Fragen offen. Wie sollte die Geschichte aufgemacht werden? War es eine Katastrophe oder ein Entkommen mit knapper Not? Carr van Anda hatte nur eine halbe Stunde, um sich zu entscheiden.

Die "Times"-Korrespondenten in Halifax und Montreal wurden alarmiert, jeder "White Star"-Mann, den die Reporter auftreiben konnten, interviewt, Experten befragt. Als alle Informationen da waren, zog Anda seine Schlüsse und setzte kurzentschlossen auf das Unglaubliche.

Während die anderen Zeitungen "gerüchteweise" vom Untergang berichteten, war van Anda sicher. Seine dreispaltige Überschrift verkündete:

NEUES LUXUSSCHIFF TITANIC AUF EISBERG GELAUFEN: SINKT BUG VORAUS UM MITTERNACHT; FRAUEN IN DIE RETTUNGSBOOTE; LETZTE GESTÖRTE FUNKMELDUNG UM 0.27 UHR.

Die letzte Fassung, die um 3.30 Uhr zum Druck gegeben wurde, berichtete schlicht, die "Titanic" sei gesunken. Die "White Star"-Angestellten bestätigten van Andas Bericht nicht vor 20 Uhr am nächsten Tag. Den ganzen Tag über hatten sie Optimismus verbreitet und sogar erzählt, die "Titanic" befände sich im Schlepp auf dem Wege zum Hafen.

Carr van Anda und seine Leute standen glänzend da. Er hatte eine große Mannschaft gehabt, die seine Wünsche sofort ausführte. "Heute ist das eine unserer Schwierigkeiten", betont einer der "Times"-Redakteure. "Wir müssen dauernd 20 bis 30 unbeschäftigte Reporter in der Redaktion herumsitzen haben, nur für den Fall, daß die 'Titanic' wieder untergeht."

Beide, Zeitung und Familie, wurden sich ihrer Stellung und ihres Rufes mehr und mehr bewußt.

Der Iphigene Ochs, der Tochter von Adolph Ochs, machte während des Ersten Weltkrieges Arthur Hays Sulzberger, ein gutaussehender, charmanter New Yorker, Sohn eines Baumwollfabrikanten, den Hof. Als Iphigene ihrem Vater erzählte, sie habe beschlossen, Sulzberger zu heiraten, fragte Ochs in milder Verwunderung: "Warum willst du das? Du hast doch schon ein herrliches Zuhause."

Die "Times", die gut gedieh und die ihren Ruf als verantwortungsbewußte und zuverlässige Zeitung immer mehr festigte, ernährte auch immer mehr Familienmitglieder.

Iphigenes Vetter, Hauptmann Adler, in Frankreich ausgezeichnet, wurde Vizepräsident und Schatzmeister. Sulzberger, der als Leutnant gedient hatte, wurde gleichfalls Vizepräsident. Iphigene gesellte sich zu Vater und Onkel George Ochs-Oakes als Vorstandsmitglied.

Weil die Leute 1918 bereits so etwas von der "Times" erwarteten und weil die "Times" so etwas von sich selbst erwartete, druckte sie den vollständigen Wortlaut des Versailler Vertrages. Einsteins Theorien wurden in der "Times" zu Nachrichten.

Die düstere Welt der dreißiger Jahre machte Adolph Ochs schwermütig. Er hatte sein Ziel erreicht. Seine große, gewichtige, ehrwürdige Zeitung war die beste der Welt, sein Leben war ein in Erfüllung gegangenes Märchen.

Er hatte nur noch weniges zu bestellen. Iphigene hatte ihm Enkel geschenkt, zunächst drei Mädchen, Marian,

Ruth und Judy, dann einen Jungen mit schwarzem Haar: Arthur Ochs-Sulzberger. Das einzige, was dem alten Mann noch zu tun blieb, war für die Zeitung und für die Familie zu sorgen und die Frage der Nachfolge zu klären.

Am 7. Januar 1935 vollendete Ochs die 31 Seiten seines Testaments. Er gab die "Times" an drei Bevollmächtigte: Iphigene und Arthur Hays Sulzberger sowie Julius Ochs Adler. Am 8. April 1935 starb der alte Ochs in Chattanooga.

Bis 1961 dauerte die Regentschaft von Arthur Hays Sulzberger. Dann zog sich der Schwiegersohn des alten Ochs mit Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit auf den Posten eines Aufsichtsratsvorsitzenden zurück. Adler war damals schon tot. Sulzberger ernannte Orvil E. Dryfoos, einen Mann aus der Wall Street, zum Verleger. Dryfoos hatte Sulzbergers Tochter Marian geheiratet. In der dynastischen Folge ist Orvil Dryfoos Schwiegersohn II.

Von 1935 bis 1963, als Dryfoos unerwartet an einer Herzattacke starb, wurde die "Times" somit von dankbaren Schwiegersöhnen geleitet, die immer im Schatten des Gründers wirkten und ängstlich darum bemüht waren, das Juwel nicht anzukratzen, das ihnen so zufällig in den Schoß gefallen war. Sie hielten es staubfrei und sauber.

Von seiner Geburt an war Arthurs Sohn Punch Sulzberger dazu ausersehen, Verleger der "New York Times" zu werden. Aber als er diese Rolle im Alter von 37 Jahren übernahm, war seine Mutter nervös und die Belegschaft ziemlich besorgt. "Der Tod von Orvil Dryfoos kam so plötzlich", sagte Iphigene Sulzberger, "wir hatten alle gehofft, Punch würde noch viele Ausbildungsjahre vor

sich haben, ehe er übernehmen würde."

So aber wurde Punch Sulzberger, dessen Leben bis dahin aus guten Schulen, Dienst bei der Marineinfanterie, Versuchen im Journalismus und dolce vita bestand, das Kommando über die "New York Times" über Nacht aufgebürdet.

Am 20. Juni 1963 wurde Arthur O. Sulzberger Verleger. Seitdem hat die "New York Times" ihren ersten echten Chefredakteur, einen Verlagschef, zwei Stellvertreter, einen neuen Auslands -Ressortchef, einen neuen Chef der Innenpolitik, einen neuen Lokalchef und neue Bürochefs in Washington und London. Und schließlich wurde, zur größten Begeisterung der Belegschaft, der Menschenfresser des Hauses aus dem Verkehr gezogen: Lester Markel, ehemaliger Chef der Sonntagsausgabe.

Punch Sulzberger ist jungenhaft, hat Humor und raucht Pfeife. Seine Mutter beteuert, die Ausbilder der Marineinfanterie hätten mehr für ihn getan als alle Schulen, die er besuchte.

Sulzbergers Schwester Ruth beschreibt ihn detaillierter: "Er erinnert sich niemals an den Namen von irgend jemandem", sagt sie, "aber er hat eine Begabung, das zu verbergen oder den Namenlosen das Gefühl zu geben, sie würden dringend gebraucht. Er hat seine Umgebung gern ordentlich und gewienert. Lassen Sie ihm ein paar Minuten Zeit, wird er anfangen, Ihre Arbeit zu machen. Wenn Ihr Wagen gewaschen werden soll, dann laden Sie ihn sonntags zum Mittagessen ein.

"Ihm wird nach dem Kalender heiß. Sollte es im Juni einmal einen abnorm kühlen Tag geben, wird er sich ohne Klimaanlage trotzdem nicht wohl fühlen. Er denkt immer schon im voraus an einen Plattfuß und hat den Handschuhkasten seines Wagens mit Luftpumpen, Warnlichtern, Flicken und Straßenwarnschildern vollgestopft.

"Er liebt einen Scotch. Er funkt, tischlert und bastelt. Seinen Spitznamen hat er von seinem Vater. Ich ertappe mich öfters bei der Feststellung, Punch habe wohl mehr als nur seine Ohren von seinem Großvater Ochs geerbt."

Dieses Porträt ist nicht das eines Revolutionärs, aber Punch Sulzberger hat in der "Times" eine Beinahe-Revolution begonnen. Er argumentiert, daß die "New York Times Company", wie jede andere Gesellschaft auch, ihre Erzeugnisse dauernd ändern und der Zeit anpassen müsse.

Im Alter von 115 Jahren überlegt die "Times", ob sie wirklich gut aussieht. Sind die langweiligen grauen Überschriften, die fast zu einer Wertmarke wurden, immer noch wirkungsvoll? Ist der Drucksatz zu klein? Stehen auf der ersten Seite zu viele Berichte? Sind die meisten Meldungen zu lang? Gibt es genug Bilder? Schließlich: Wie kann die "Times" im Alter von 115 Jahren ihr Aussehen für neue Leser ändern, ohne die alten zu vergrämen?

Auch über die stilistische Qualität wird in Punch Sulzbergers "Times" debattiert. Adolph Ochs hinterließ keine Zeitung mit besonderem Stil. Er richtete seine "Times" auf vollständige Berichterstattung und Genauigkeit aus, nicht aber auf ausdrucksvollen Stil.

Wie soll die Zeitung am besten auf die Drohung der Nachrichten-Manipulation reagieren? Wie soll sie den immer ausgeprägteren Anstrengungen von Politikern, Rechtsanwälten, einer Mediziner-Lobby, von Bürgerrechtsgruppen oder der Polizei begegnen, "Nachrichten" zu verbreiten und zu manipulieren, die eigennützigen Zwecken dienen?

Diese Fragen zu beantworten oder Männer zu finden, die darauf eine Antwort geben und neuauftauchende Probleme meistern können, ist die Kollektivaufgabe von Punch Sulzbergers "Wunderkindern" - eines zusammengewürfelten und streitbaren Haufens von Zeitungsleuten, von denen einige schon graue Schläfen zeigen, alle aber hart geplagt werden und recht gut verdienen: 25 000 Dollar jährlich und darüber.

Startsignal für die Veränderungen war die Zusammenlegung der täglichen und der sonntaglichen "New York Times" unter einem Chefredakteur am 1. September 1964. Bis zu dem Tage, da Turner Catledge Chefredakteur der "Times" wurde, hatte die bedeutendste Zeitung der Welt keinen Redaktionsleiter. Catledge leitete die tägliche Ausgabe als Chef vom Dienst. Lester Markel hatte die gleiche Stellung bei der Sonntagsausgabe.

Lester Markel war 41 Jahre lang Redaktionsmitglied der Sonntagsausgabe und überlebte zwei Chefs vom Dienst und die Verleger. Er hatte den absolut sicheren Job eines von Adolph Ochs persönlich Auserwählten, und er identifizierte sich mit den dynastischen Bräuchen des Blattes so weit, daß er seinen eigenen Schwiegersohn als Redakteur des "Times Magazine" anstellte.

Über Lester Markel werden heute noch Dutzende von Anekdoten bei der "Times" erzählt.

Nach einer Lieblingsgeschichte arrangierten die Kollegen eines Tages für den ausscheidenden Theaterkritiker Brooks Atkinson ein Sonntagabend -Dinner bei Sardi. Sardi's Restaurant, normalerweise an Sonntagen geschlossen, wurde extra dafür geöffnet.

Rasch füllte sich das Restaurant mit Schauspielern und Stars. Auch die meisten prominenten "Times"-Leute waren gekommen. Lester Markel war aber nicht eingeladen worden - er war einer kritischen Prüfung der Gästeliste durch Oriana Atkinson, der Frau des Kritikers, zum Opfer gefallen. Atkinson und die Dinner-Gäste freuten sich über den Streich und amüsierten sich auf anderen Partys noch tagelang darüber. Auf einer Gesellschaft hörte Markel selbst davon.

Er verbarg seine Wut, bis er eines Abends auf einer Party Marilyn Monroe entdeckte. Markel, ein untersetzter Mann mit Brille, nahm seinen ganzen Schneid zusammen, ging auf die Monroe zu und lud sie ohne weitere Vorreden zum Essen ein.

"Wo wollen wir uns treffen?" fragte sie. "Sardi's", trompetete Markel.

Einem "Times"-Mann zufolge kam Markel 20 Minuten zu spät, um Aufmerksamkeit zu erregen. Es klappte aber nicht, da Miss Monroe 45 Minuten zu spät kam. Aber sie aßen lukullisch, und dann schleppte Markel, der darauf brannte, daß der Klatsch sich durch das gesamte "Times"-Gebäude ausbreitete, Miss Monroe zu einem ausgedehnten Rundgang durch das Pressehaus, damit sie erfahre, "wie wir unsere Zeitung machen".

"Ich habe in meinem Leben leichtere Aufgaben gehabt", sagt Punch Sulzberger, "als zu Lester runterzugehen und ihm beizubringen, er sei künftig nicht mehr Chef der Sonntagsausgabe. Die Leute vergessen, daß es Lester war, der die Sonntagsausgabe hochbrachte."

Mit Turner Catledge als Chef der Redaktion, der dem Verleger direkt verantwortlich ist, hat Sulzberger eine klare Kommandolinie, was er hoch einschätzt und was vielleicht in seinen Kommißerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in Korea seinen Ursprung hat.

Catledge ein sehr gesprächiger Mensch, in Philadelphia, Mississippi, geboren, ist Zeitungsmann vom alten Schlag, der eine Geschichte gut erzählen kann und ab und zu einen hebt. Hinter seinem riesigen Büro gibt es einen Raum, den er "den Klub" nennt. An den Wänden des Klubs hängen Photokopien von drei Titelseiten der "Times": von dem Tage, an dem Catledge geboren wurde, dem Tag, da er in die Zeitung eintrat, und dem Tag, da er ihr Chefredakteur wurde.

In einem Büro, das an Catledges Klub grenzt, arbeitet Clifton Daniel, Schwiegersohn des früheren Präsidenten Truman, als Chef vom Dienst. Grauhaarig, mit scharfen Zügen und sehr förmlich, ist Daniel unter den "Times" Leuten ziemlich umstritten. Kritiker schreiben seinen Aufstieg vor allem seiner Ehe mit Margaret Truman zu.

Aber dieser hagere und unnahbare Mann, der vor langer Zeit zusammen mit Thomas Wolfe durch die Straßen von Manhattan strolchte und der laut Harrison Salisbury "der einzige war, der das Londoner Kriegsbüro der Associated Press acht Stunden lang leiten konnte, ohne herumzubrüllen oder aus der Rolle zu fallen", findet immer wieder Verteidiger.

Alle anderen sitzen gemeinsam im großen Redaktionssaal. Salisbury, 56, der neue Stellvertreter des Chefs vom Dienst, Verfechter einer "aufregenderen Zeitung", arbeitet mit dem Rücken zur Wand nach der 43. Straße. Auf seinem Tisch stapeln sich Berge von Publikationen in kyrillischer Schrift. Salisbury, ein großer hagerer Mann mit Nickelbrille, war jahrelang "Times"-Korrespondent in Moskau.

Gleich in der Nähe, inmitten einer großen Schreibtischgruppe, schärft Lokalchef A. M. Rosenthal, 43, seinen Leuten ein, sie sollten nicht vor anonymen Mächten zurückschrecken. "Reporter pflegen von Geschichten zu lassen, die irgendwelche 'Sie' - Polizei oder Big Business - uns nicht machen lassen wollen", sagt Rosenthal.

Abe Rosenthal jedoch, schwarzhaarig, rundlich und aufbrausend, glaubt entdeckt zu haben, daß "es diese 'Sie' gar nicht gibt". Man hat Rosenthal aus Tokio zurückgerufen, um ihn zum City -Redakteur zu machen. Eine radikale Neuerung, die damit erklärt wurde, daß "er New York so betrachten sollte, als sei es ein anderes Land".

Claude Sitton, 39, Chef für Inlandsnachrichten, wirft seine Korrespondenten früh aus dem Bett und hält sie abends lange wach, um mit ihnen über innenpolitische Entwicklungen zu debattieren. Er registriert alle Rassenunruhen im Süden und befahl seinen Korrespondenten unlängst, durch die Polizeiabsperrungen in den farbigen Watts -Bezirk von Los Angeles einzudringen. Seiner Überzeugung nach sollte ein guter Reporter überall in der Lage sein zu überleben.

Sydney Gruson, der Auslands-Chef, hat ein rötliches Gesicht, ist tatkräftig und ein Trinkkumpan von Punch Sulzberger. Nach langen Korrespondenten -Jahren in Europa richtet er sich gerade in seinem Pulk von Schreibtischen ein.

Die Reporter sitzen in Reihen mit dem Gesicht zur 43. Straße. Da lehnt Homer Bigart, ein exzellenter Kriegsberichterstatter, der einfach hereinkam und nach einem Job fragte. Er hatte die Nase von der "Herald Tribune" voll.

Daneben Peter Kihss, der "Staubsauger". "Pete bringt jede Nachricht vor den anderen", sagen die "Times"-Leute. Und Ted Jones, der einzige Neger der Redaktion. Und Guy Talese, störrisch und sensibel, und McCandlish (Long John) Phillips, der stets eine Bibel auf seinem Tisch hat.

Um die Ecke sitzt Kulturchef Joseph G. Herzberg, einst City-Redakteur der "Tribune". In meinen ersten Tagen hier haben sie mir erzählt, sie wären ein bißchen knapp an Leuten", erinnert er sich, "und ich hab' mich mal umgesehen, wer herumsitzt." Er zählt fünf oder sechs ausgezeichnete Reporter auf. "Bei der 'Tribune' hätten sie das 'überbelegt' genannt", grinst Herzberg.

Die Arbeit eines "Times"-Redakteurs beginnt nicht in dem riesigen Raum, sondern zu Hause, im Vorortszug oder in der U-Bahn: er liest die "New York Times". "Der schlimmste Teil der Arbeit", schimpfen viele Redakteure.

Wenn Harrison Salisbury ins Büro kommt, hat er schon beide, "Times" und die "Herald Tribune", gelesen und setzt sich sofort daran, in Form eines Memos an "Herrn Daniel", der wahrscheinlich auch schon beide Blätter gelesen hat, Kritiken zu schreiben. Oft lobt er mit einem kurzen Seitenhieb auf die Konkurrenz. "Roy Reed steht mit seinem Liuzzo-Bericht fabelhaft da. Wenn man ihn mit dem Bar-Stil des 'Herald Tribune'-Reporters. Jimmy Breslin vergleicht, nimmt er sich sehr gut aus."

Aber er weiß auch schwächeres Lob zu sagen. "Viele Nachrichten heute morgen - aber alles solide, nüchterne Nachrichten, die keinen vom Stuhl reißen: Neuordnung der Wahlkreise, Anti-Armuts-Kreuzzug, Steuern, Haushalt. Wir waren gut in diesen Berichten - aber keinesfalls brillant."

Manchmal freilich geht es mit Salisbury durch: "Wo anders als in der 'New York Times' könnte ein Leser die Seiten von Bericht zu Bericht umblättern - und alle sind erstklassig und interessant?"

Morgens ist das Tempo gemächlich. Rosenthal erzählt einem Interviewer über die alten Tage, da er noch Lokalreporter und so mager war, daß man ihn hänselte: "Mach ein Auge zu, und du siehst wie 'ne Nähnadel aus."

"Warum haben Sie nur einen Neger -Reporter in Ihrem gesamten Stab?" fragt der Interviewer.

"Macht 'nen schlechten Eindruck", antwortet Rosenthal. "Ich weiß es. Aber was zum Teufel kann man denn tun, wenn die Neger in all diesen Jahren nicht die richtige Erziehung und Schulung bekommen haben, die man haben muß, weiß oder schwarz, wenn man Reporter bei der 'Times' sein will?"

Clifton Daniel telephoniert mit Tom Wicker, 39, dem neuen Chef des Washington-Büros. Dieses Ressort ist nicht dem Inlandsressort unterstellt, sondern dem Chef vom Dienst direkt. Wicker ist für die Leitung des riesigen Büros in dem imposanten Bau an der K-Street ziemlich jung. Aber Reston, sein Vorgänger, sitzt nur einen Stock höher. Wenn Jung-Tom in Schwierigkeiten gerät, kommt Reston herunter, um ihn herauszuhauen.

Um 12.30 Uhr gehen ein paar Redakteure zum täglichen Lunch des Herausgebers, der im Eßzimmer der Geschäftsleitung serviert wird. Hier treffen sie meist irgendeinen Prominenten zu einer inoffiziellen Plauderei. Im Eßzimmer wird kein Alkohol serviert - das stört einige der "Times"-Redakteure, nicht aber den Abstinenzler Salisbury.

Um zwei Uhr kommt Ted Bernstein an. Er ist ein weiterer stellvertretender Chef vom Dienst, und da er ein eigenes Büro hat und lange bei der "Times" ist, könnte es scheinen, als stehe er über Salisbury. Aber Salisburys Photo erscheint über dem von Bernstein unter den "wichtigsten verantwortlichen Redakteuren", deren Gesichter die Seite 5 der "Times"-Jahresberichte füllen. Und schließlich zieht auch jeder normale Kreml-Astrologe aus der Anordnung von Photos Schlüsse.

Nach dem Mittagessen ändert sich das Tempo. Um vier Uhr gibt es eine große Redaktionskonferenz. Und schließlich ist da auch noch eine Zeitung, die man herausbringen muß. Bernsteins Gegenwart zeugt dafür. Seine Leute erledigen das Assistenten schreiben die Nachrichtenlisten aus - Ein-Satz-Zusammenfassungen der Berichte, die später folgen sollen.

Joe Herzberg hat vor der Konferenz die Idee, daß ein Kritiker, der ein Buch schrieb, als "Man in the News" ein gutes Feature abgeben könnte. Er schlägt es Ted Bernstein vor.

"Nee", sagt Bernstein, der selbst gerade eine Buchkritik schreibt, liebenswürdig. "Wen haben Sie denn dafür?" fragt Herzberg. "Einen jugoslawischen Diplomaten, einen Politiker aus Chile?"

Bernstein grinst. Das ist ein alter Vorwurf: die "Times" bevorzuge Berichte von weit entfernten Plätzen. Sie nennen es "Afghanistanismus". Jetzt grinst Bernstein vergnügt. Er glaubt nicht an die Berechtigung des Vorwurfs. Die "Times" wertet eben Nachrichten als Nachrichten, gleich, woher sie kommen. "Nein", sagt er nochmals, und Herzberg zieht sich zurück.

Eine Dame aus dem Mode-Ressort möchte gern einen Bericht über die neue Ski-Mode unterbringen.

"Oh, es ist noch ein bißchen früh zum Skilaufen", meint Salisbury nachsichtig. Alch würde lieber etwas über diese neuen modischen Damenhosen mit glockenförmigem Schlag lesen." "Ich nicht, antwortet die Mode-Reporterin, die den Plauderton offenbar mißverstanden hat.

Salisbury wiederholt seinen Wunsch Als das Mädchen gegangen ist, sagt er: "Ich möchte sie nicht zwingen, etwas zu schreiben, was sie nicht schreiben will, aber ich werde es jemand anderen schreiben lassen."

Die 16-Uhr-Konferenz der "New York Times" ist wahrscheinlich die einzige

Zusammenkunft ihrer Art, an der regelmäßig Besucher teilnehmen.

Am Kopfende eines großen Tisches in seinem Büro sitzt Daniel. Die Ressortchefs sitzen bei ihm, die anderen nehmen nahe der Wand Platz. Zwei Anzeigenleute, zwei Vertriebsexperten, eine Besuchergruppe aus einer neuen afrikanischen Nation, Punch Sulzberger, Turner Catledge und ein Unbekannter, der sich Notizen macht, sind die übrigen anwesenden Gäste.

Der Reihe nach liest jeder Ressortchef eine Kurzübersicht der Nachrichten aus seinem Ressort vor: Innenpolitik, Lokales, Wirtschaft, Kultur, Sport. Es ist, als höre man Fernsehnachrichten. Nur, daß die Männer hier nicht professionelle Sprecher sind und daher öfters stottern.

Dann unterhält man sich über die Themen. "... interessante kleine Geschichte über einen Mann, der den Mädchen erzählte, er sei ein Luftspion, der so was wie eine U-4 flöge, die höher fliegt als die U-2.".

"Doppelt so hoch", sagt Ted Bernstein. Alles lacht. Nach 45 Minuten ist die Konferenz vorbei.

Jetzt gehört die Schau ganz Bernstein. Zusammen mit seinen Redakteuren verteilt er den Platz an die Ressorts und skizziert den Umbruchspiegel.

Während Bernstein und seine Leute arbeiten, trödeln die hohen Tiere der "Times" in Turner Catledges Klub herum. Sie gehen um 18.30 Uhr. Daniel und Salisbury sind um 18.45 Uhr weg. Sitton geht danach, dann verlassen Rosenthal und Gruson das Haus. Um 20 Uhr geht Ted Bernstein.

Um 23 Uhr erreicht die erste Ausgabe der morgigen "Times" die Zeitungskioske. Einige Exemplare werden in die Wohnungen Sulzbergers, Catledges, Daniels und der anderen leitenden Redakteure geschickt.

Die meisten Probleme der "Times" liegen in ihr selbst. Manchmal leidet die Zeitung an Unbeweglichkeit. Es besteht eine gewisse Trägheit, ein unvermeidlicher Hang, "die Ausschnitte durchzusehen, um zu sehen, wir wir das letztes Jahr gemacht haben". Weil die "Timés" so reich an Tradition ist, mangelt es ihr an der leichten, manchmal auch gekünstelten Ungezwungenheit einiger ihrer Konkurrentinnen.

Was Änderungen in der "Times" so schwierig macht, ist das Bewußtsein, daß verkehrte Änderungen böse Folgen haben können. Erwähnt jemand die Affäre, wie ein Negerreporter über Harlem berichtete, dann kocht's noch heute in Abe Rosenthal - er hatte den Mann engagiert. Rosenthal hatte sich nach einem Neger umgesehen, der über die Negerbewegung im Norden berichten sollte. Er fand einen, der Courage hatte, charmant und bei der Marine gewesen war, Karate konnte und den ein Drink nicht so leicht umwarf.

Im Frühjahr 1964 ging der schwarze Reporter nach Harlem. Nach einer Weile kam er mit einer Geschichte über "Blutsbrüder" an. Seinem Bericht zufolge hatten die Haß- und Gewaltlehren der "Black Muslims" zur Bildung von jugendlichen Banden geführt. Mitglieder einer Gang, die etwa 400 Blutsbrüder zählte, hätten geschworen, Weiße umzubringen - nur weil sie Weiße waren. Diese Bande - so der Bericht

- hätte bereits mindestens vier Morde

auf dem Gewissen.

Rosenthal vertraute seinem Reporter. Er sprach mit einem hohen Polizeioffizier - er sagt nicht, mit welchem -, und der "bestätigte" die Geschichte. Die "Times" brachte sie am 29. Mai 1964 auf der Titelseite.

"Ein spezielles Problem der 'Times'", hat James Reston einmal gesagt, "ist der Multiplikator-Effekt. Was in der 'Times' steht, erscheint automatisch später anderswo."

Die Geschichte von den Blutsbrüdern war in der "Times" eine ganz normal aufgezogene Geschichte unter vielen anderen gewesen. Der Multiplikator - Effekt bewirkte jedoch, daß sie anderswo unter Balken-Überschriften wie "HARLEM MAU MAU" verbreitet wurde. Einige Wochen darauf kam es zu Rassenkrawallen in Harlem. Es kam der lange, heiße Sommer - der letzte Multiplikator-Effekt.

Rosenthal besteht auch heute noch darauf, daß es tätsächlich eine Blutsbrüder-Bande gegeben hat. Aber richtig oder nicht - die "Times" ist auf diese Geschichte und ihre Folgen nicht sehr stolz.

Bemerkenswerter ist der Mut, den die "Times" in ihrer

Vietnam-Berichterstattung an den Tag legt. Trotz vieler Pressionen weigert sie sich standhaft,

über den Vietnam-Krieg nach den offiziellen Richtlinien der US-Regierung zu berichten. Sie schickte 1962 Homer Bigart nach Vietnam, und er kabelte düstere, entmutigende Berichte. David Halberstam folgte Bigart und meldete wie Bigart Tag für Tag entgegen den Behauptungen Washingtons, der Krieg gehe schlecht voran.

Präsident Kennedy schlug der "Times" vor, es wäre eine gute Idee, den Korrespondenten in Vietnam zu wechseln. Er wurde abgewiesen. Halberstam erhielt schließlich einen Pulitzerpreis für seine Berichte.

Lyndon B. Johnson war beleidigt, als die "Times" ihm in einem ihrer Berichte unterstellte, er hätte eine Bewilligung von Sondermitteln für Vietnam mit einem "Vertrauensvotum" für sich selbst verbunden. Der Präsident zitierte den nächsten greifbaren "Times"-Mann - einen Reporter - zu sich und rügte ihn. Dann wechselte er seinen Ton und sagte dem Reporter, er solle einen Johnson -Freund anrufen, der eine interessante und exklusive Geschichte liefern könnte.

Wie der Präsident vermutet hatte, berichtete der Reporter seinen Vorgesetzten von der Rüge und dem Angebot. Aber im Gegensatz zu Johnsons Erwartungen hatte das nicht den geringsten Effekt.

Im August 1965 war Scotty Reston in Vietnam - und überlebte dort den Absturz eines Marineflugzeuges in der Nähe von Da Nang. Charles Mohr, der einst für das "Time"-Magazin aus Vietnam berichtete und kündigte, weil seine Kabel von den Redakteuren in New York völlig verdreht wurden, war und ist nun für die "New York Times" an den Fronten in Vietnam. Die ganze Berichterstattung der "Times" über Vietnam ist ein Beispiel für ihre Spitzenstellung in einer unabhängigen und unparteiischen Presse.

Bei der "Times" werden nicht - wie beim "Time"-Magazin - alle Kabel der Auslandskorrespondenten umgeschrieben, um überspannten Journalisten zu gefallen. Punch Sulzberger, ein sehr von sich überzeugter Verleger, würde wohl jeden feuern, der das versuchte.

Die "Times" wird nicht, wie die "Herald Tribune", die umfassende Berichterstattung aufgeben - und sei sie noch so teuer -, um sie durch lesbare aber weniger wichtige Kolumnisten zu ersetzen.

Sie wird auch nicht wie die "Daily News" in Sex und Crime machen, um mehr Geld zu verdienen.

Sie wird nicht, wie es im Fernsehen passiert, Meldungen auslassen, weil sie Anzeigenkunden vergrätzen könnten.

Sie wird ihren Reportern niemals gestatten, Weihnachtsgeschenke anzunehmen.

Sie wird ihre seriöse und solide Tradition nie verleugnen.

Kurz, trotz all der Änderungen Punch Sulzbergers, trotz all der Unkenrufe der Kritiker wird sie niemals aufhören, "The New York Times" zu sein.

Copyright "Saturday Evening Post".

* Mitte vergangenen Monats wurde die Verschmelzung der "Herald Tribune" mit zwei anderen New Yorker Zeitungen beschlossen die ebenfalls ständig an Auflage einbüßten

"New York Times", Schöpfer*: "Nichts geschieht wirklich ...

"New York Times" vom 17. Oktober 1965**

... ehe es nicht in der 'Times' geschieht"

"Times"-Gebäude (M.): Tausend Köpfe in der Redaktion

"Times"-Redakteur van Anda

Noch heute warten 20 Reporter ...

... daß wieder eine "Titanic" untergeht: "Evening Sun", "New York Times" über den Untergang der "Titanic"

"Times"-Kolumnist Reston*

Den Brunnen der Geschichte nicht vergiften

"Times"-Opfer Einstein

Dem Genie einen Fehler nachgewiesen

"Times"-Opfer Johnson

Der Präsident dankte dem Küchenpersonal "Times"-Chef Punch Sulzberger: Den Tempel entstauben

"Times"-Chefredakteur Catledge

Drei Titel im Klub

"Times"-Redakteur Markel, Gesprächspartner: Mit Marilyn Monroe bei Sardi's

"Times"-Reporter Halberstam

Preis trotz Präsidenten-Rüge

Redaktionskonferenz der "New York Times": Der schlimmste Teil der Arbeit ist ...

... die "New York Times" zu lesen: Nachrichtenredaktion der "New York Times"

"Times"-Redakteur Daniel (2. v. r.), Ehefrau Margaret (r.)*, Redakteur Bernstein: Fördert eine Präsidenten-Tochte eine "Times':-Karriere?

"Times"-Redakteure Gruson, Salisbury, Rosenthal: Kann ein Neger ein "Times"-Reporter werden?

Saturday Evening Post

"Jungens, die 'Times' will heute noch andrucken!"

* Unter der Bronzebüste des Gründers Adolph S. Ochs von links: Enkel Arthur Ochs Sulzberger; Tochter Iphigene Sulzberger; Enkelin Marian Heiskell; Neffe John B. Oakes; Neffe Martin S. Ochs. Redakteur der "Chattanooga Times"; Enkelin Ruth S. Golden, Verlegerin der "Chattanooga Times"; Großnichte Nancy Adler, Theater-Redakteurin der "New York Times"; Schwiegersohn Arthur Hays Sulzberger, Aufsichtsratsvorsitzender.

** Die umfangreichste Ausgabe der "New York Times" mit 946 Seiten

* "Time"-Titelbild vom 15. Februar 1960.

* Mit Margaret-Eltern Harry S. Truman

und Frau.


DER SPIEGEL 16/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 16/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DIE BESTE ZEITUNG DER WELT