18.04.1966

FLUGZEUG-ABSTURZWohin, Jurij?

Die Maschine startete auf dem sowjetischen Militärflughafen Eberswalde, 45 Kilometer nordöstlich von Berlin, und ging im Steilflug auf Kurs Südwest. Am Steuerknüppel: Hauptmann Boris Wladislawowitsch Kapustin. Vor ihm an den Bordwaffen: Oberleutnant Jurij Nikolajewitsch Janow.
In Minutenschnelle erreichte der rote Kampf-Jet 4000 Meter Höhe. Da ging ein Zittern durch den Rumpf. Was dann geschah, konnten alliierte Funkbeobachter in West-Berlin aus den letzten Funksprüchen zwischen der Jet-Besatzung und der sowjetischen Bodenleitstelle in der DDR rekonstruieren:
Die Steuerung der Maschine versagte. Führungslos raste sie, ständig an Höhe verlierend, auf West-Berliner Territorium zu. Order der Bodenleitstelle an Kapustin und Janow: Nicht aussteigen, bevor West-Berlin überquert und DDRGebiet erreicht ist.
Aber vergebens gab Pilot Kapustin den beiden Düsentriebwerken vollen Schub. Über Charlottenburg stieß die Maschine durch die Wolkendecke, und ehe die Funkverbindung abriß, vernahm die Bodenstation Kapustins Schreckensruf: "Wohin, Jurij?" Dann bäumte sich der Jet noch einmal auf und stürzte in den West-Berliner Stößensee (Britischer Sektor). Aufschlagszeit: 15.36 Uhr am Mittwoch vorletzter Woche.
Der Absturz schreckte nicht nur West-Berliner Wasser- und Wandervögel auf, sondern auch Militärs, Diplomaten, Flugzeug-Experten und Geheimdienstler zwischen New York und Moskau. In den trüben Wassern des Havelarmes erhoffte sich der Westen Aufschluß über das, was der Osten geheimzuhalten wünscht: Schlüssel-Informationen über den technischen Stand sowjetischer Luftrüstung und über den Kampfwert der in der DDR stationierten roten Geschwa -West-Berliner Augenzeugen hatten die abgestürzte Maschine anfangs für ein Verkehrsflugzeug gehalten. Doch als Polizei-Taucher, zusammen mit der Feuerwehr an die Unglücksstätte gerufen, das Wrack als Reste einer sowjetischen Militärmaschine identifizierten, rückten auch schon die Sowjets an. Sie kamen nicht aus dem Osten, sondern aus West-Berlin: 20 Mann der in den Katakomben des sowjetischen Ehrenmals im Tiergarten hausenden Ehrenwache. Sie wollten mit MPs die Absperrung übernehmen und kündigten den Anmarsch eines sowjetischen Bergungstrupps an.
Der eilig herbeizitierte stellvertretende britische Stadtkommandant Gesandter Peter T. Hayman, machte den Russen klar: "Was hier zu tun ist ist unser Job." Während ein US-Aufklärer über dem Stößensee kreiste und die Absturzstelle photographierte, begannen britische Pioniere mit Bergungsarbeiten und förderten zunächst die Leichen der beiden Sowjetflieger zutage.
Britische Luftwaffenexperten, aus London herbeigeflogen, machten sich an die Untersuchung der Trümmerteile, die von einem - Tag und Nacht besetzten
- sowjetischen Beobachtungsposten nur
flüchtig in Augenschein genommen werden konnten: Die aus dem Wasser geborgenen Bruchstücke wurden sofort mit Zeltplanen verdeckt und zur Überprüfung außer Sowjet-Sichtweite gebracht.
Zumindest denkbar war, daß es sich bei der abgestürzten Maschine um modernstes sowjetisches Fluggerät handelte - etwa um eines jener überschallschnellen Superkampfflugzeuge, deren Serienbezeichnung dem Westen bislang verborgen geblieben ist und die im Nato-Kode "Fiddler" genannt werden.
Doch die Vermessung der Bruchstücke ergab, daß nicht eine großdimensionierte "Fiddler" (Länge 30,5 Meter, Spannweite 19,8 Meter), sondern eine kleinere Yak (Yakowlew) 28 (Nato-Kode: "Firebar") im Stößensee lag.
Dieser Typ ist den Nato-Experten bekannt, seit ihn die Sowjets 1961 bei der Moskauer Flugschau erstmals öffentlich zeigten. Es handelt sich - als Weiterentwicklung der zwölf Jahre alten Yak 25 - um eine zweisitzige Mehrzweckmaschine, die mit Mach 1,3 fast anderthalbfache Schallgeschwindigkeit erreicht und als Aufklärer, Abfangjäger und Atombomber eingesetzt werden kann. Ihre elektronische Ausrüstung ähnelt dem "Starfighter"-Typ der Bundesluftwaffe: Die Yak 28 kann unabhängig von der Führung durch Bodenstationen Ziele orten und angreifen.
Unbekannt hingegen war den Westmächten bis zum Havel-Fund, daß die Sowjets Teile ihrer in Deutschland stationierten 24. Luftarmee inzwischen auf Yak 28 umgerüstet haben. Bisher waren die fliegenden Sowjet-Verbände in der DDR durchweg mit Jägern des Typs Mig 21 und Kampfflugzeugen des Typs Yak 25 ausgerüstet
Mißtrauisch von den Sowjet-Spähern beäugt, brachten die britischen Experten schließlich ein weiteres, bislang sorgfältig gehütetes Geheimnis der russischen Luftrüstung ans Licht. Sie bargen die Trümmer einer elektronischen Ausrüstung, die darauf hindeutet, daß die Yak 28 über eine neuartige Starvorrichtung gegen radargesteuerte Flugabwehr-Raketen verfügte.
Wenn Sowjet-Flugzeuge tatsächlich derartige Radar-Störausrüstungen besitzen sollten, müßten insbesondere die Verteidigungsplaner der Bundesrepublik aus diesem Umstand Konsequenzen ziehen: Auf westdeutschem Gebiet sind Flugabwehreinheiten stationiert, die im Kriegsfall tief anfliegende Feindmaschinen mit "Hawk"-Raketen abfangen sollen. "Hawk"-Raketen aber sind radargesteuert und wären mithin störanfällig.
Was Briten-Taucher nach fast einwöchiger Bergungsarbeit an Yak-Resten aus dem Stößensee gezogen hatten, wurde am Mittwoch letzter Woche an die Sowjets überstellt. Nach einem Streit über die Frage, ob die Trümmer (wie die Engländer forderten) 100 Meter diesseits oder aber (wie die Russen verlangten) direkt an der Wasser-Zonengrenze auf der Havel den Besitzer wechseln sollten, fanden sich die einstigen Alliierten schließlich in einem Kompromiß.
Ost-Prahm und West-Prahm fuhren so lange aufeinander zu, bis sie sich 25 Meter diesseits der Grenzlinie trafen.
Sowjet-Beobachter, Yak-Bergung im Stößensee: Aus trübem Wasser...
Yak-Besatzung Kapustin, Janow
... ein elektronisches Geheimnis

DER SPIEGEL 17/1966
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