07.04.1965

„DIE KIRCHE HAT DIE FREIHEIT VERLOREN“

Der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg war einer der wenigen katholischen Geistlichen, die öffentlich das NS-Regime und die Behandlung der Juden kritisierten. Vor seiner Verurteilung wegen Heimtücke und Verstoßes gegen den Kanzelparagraphen - Lichtenberg starb 1943 auf dem Transport in ein Konzentrationslager - wurde er 1941 von der Gestapo verhört. Aus dem Vernehmungsprotokoll:
Lichtenberg: Ich kann als katholischer Priester nicht von vornherein zu jeder Verfügung und Maßnahme, die von der Regierung getroffen wird, Ja und Amen sagen. Wenn sich die Tendenz derartiger Regierungsverfügungen und Maßnahmen gegen die geoffenbarte Lehre des Christentums und damit gegen mein priesterliches Gewissen richtet, werde ich meinem Gewissen folgen und alle Konsequenzen mit in Kauf nehmen, die sich daraus für mich persönlich ergeben. Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen, man denke an Beseitigung des Religionsunterrichts aus den Schulen, Kampf gegen das Kreuz, Beseitigung der Sakramente, Verweltlichung der Ehe, absichtliche Tötung angeblich lebensunwerten Lebens (Euthanasie), Judenverfolgung usw.
Frage: Vertreten Sie diesen Standpunkt auch von der Kanzel herab?
Antwort: Ja.
Frage: Danach geben
Sie zu, daß Sie staatliche Maßnahmen nicht billigen?
Antwort: Die aus den eben genannten Grundsätzen fließenden Maßnahmen billige ich nicht.
Frage: Es dürfte auch Ihnen klar sein, daß durch die soeben geschilderten Ansichten, die von Ihnen auch öffentlich vertreten werden, eine Beunruhigung der Volksgemeinschaft eintreten kann?
Antwort: Diese Beunruhigung kann nur verhindert werden, indem man falsche Maßnahmen unterläßt.
Frage: Damit stellen Sie die Rechte der Kirche vor die des Staates.
Antwort: Christus der Herr hat das Recht: zu lehren, Sakramente zu spenden und sittliche Gebote zu geben, nicht dem Staat übertragen, sondern der Kirche.
Vorhalt: Auf der Seite 606 des (Lichtenberg gehörenden) Buches "Mein Kampf" haben Sie zu dem Passus im letzten Absatz - "Das Recht geht mit der Macht" - die Randbemerkung gemacht: "und Ihr?" Ihre Stellungnahme bitte.
Antwort: "Und Ihr", das heißt: "Und geht nicht auch bei euch das Recht mit der Macht?" Gibt es denn eine Möglichkeit, gegen eine Verfügung der Geheimen Staatspolizei irgendein Rechtsmittel einzulegen? Mit dieser Randbemerkung wollte ich meine innere Überzeugung zum Ausdruck bringen, die in persönlichen Erfahrungen begründet ist, daß wir heute oft in einem Zustand der Willkür leben.
Vorhalt: Auf Seite 636 des Buches haben Sie die Randbemerkung "und Ihr?" gemacht. Welches ist die Bedeutung dieser Bemerkung im Zusammenhang mit den Gedankengängen, die auf dieser Seite niedergeschrieben sind?
Antwort: Das heißt: "Und ihr Nationalsozialisten, haltet ihr auch einmal eine Gewissenserforschung über eure Ehrlichkeit? "
Vorhalt: Auf Seite 639 haben Sie zu den Ihnen eben vorgelesenen Gedankengängen die Randbemerkung gemacht: "Selbstkritik". Aus dieser Bemerkung ist doch ein offener Vergleich zwischen früher und heute zu erkennen. Wie stellen Sie sich dazu?
Antwort: Durch diese Bemerkung will ich die heutigen Machthaber zu einer Kritik ihrer eigenen Institutionen veranlassen, z. B. der keinem irdischen Richter verantwortlichen Geheimen Staatspolizei, der Konzentrationslager und zu der Kritik, ob sie sich dadurch die Liebe der Deutschen erwerben.
Vorhalt: Auf der Seite 640 sind die Randbemerkungen "Selbstkritik", "sehr richtig" und nochmals "Selbstkritik" verzeichnet. Ich lese Ihnen den Text dieser Seite jetzt vor und bitte Sie, sich dazu zu äußern, welchen Sinn die Randbemerkungen zum Text haben.
Antwort: Auf diesen Vorhalt habe ich nur mit der Frage zu antworten: Auf welchem Gebiet besitzt die Katholische Kirche heute noch die ihr durch das Konkordat garantierte Freiheit?
Vorhalt: Zu dem Satz auf derselben Seite 640 - "Denn es ist eine der unverschämtesten Frechheiten des heutigen Regiments, von freien Bürgern zu sprechen" - haben Sie die Randbemerkung "sehr richtig" gemacht. Aus der Bemerkung ist zu erkennen, daß Sie den Sinn dieses Satzes auf das heute bestehende Staatsregiment bezogen haben. Ist das so?
Antwort: Ich mache mir die Ausdrucksweise des Verfassers nicht zu eigen, aber ich stelle fest, daß die Katholische Kirche unter dem heutigen Staatsregiment die Freiheit verloren hat.
Lichtenberg

DER SPIEGEL 15/1965
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