07.04.1965

WENN IN WIEN DIE NAZIS BLÜH'N

In der stillen Jakobergasse auf Nummer 4 sitzt unter Polizeischutz ein Männlein, anzusehen wie ein stark verkleinerter Papen, und hört klopfenden Herzens, wie der Erste Wiener Bezirk von seinem Namen widerhallt. Taras Borodajkewycz ist, wie er mir glaubt versichern zu können, ein Mann mit "gottlob guten Nerven" und aufgeschlossen gegenüber der Faszination von Massenkundgebungen.
Hitler auf dem Heldenplatz Anno 38 und der Petersplatz bei der Wahl Pius XII. Anno 39 gehören zu den bedeutendsten Impressionen seiner am Deutschtum wie am Katholizismus orientierten Gelehrten-Laufbahn.
Doch, wie sich die Jugend Wiens nun zum zweiten Mal in einer Woche in seinem Namen auf den Straßen die Köpfe blutig schlägt, wie seine Anhänger mit (so registriert der unabhängige "Kurier") "allen Arten von Obst", mit Stinkbomben, Knallkörpern und Kohlköpfen seine Gegner bewerfen und dafür von diesen mit Fahnenstangen bearbeitet werden - das mitzuerleben muß der Professor sich vorsichtshalber entgehen lassen.
"Es wird enden wie das Hornberger Schießen, netwahr", sagt er und saugt an einem Zigarettenrest, bis der Filter anbrennt.
Je mehr die "Österreichische Widerstandsbewegung", Betriebsabordnungen, Schüler- und Studentenverbände vor dem Unterrichtsministerium in ihrem ohrenbetäubenden Sprechchor verlangen, daß er und nun gleich auch noch ein paar andere Nationalsozialisten von den Hochschulen verschwinden, desto schwerer wird es für Piffl-Percevic, den hinter geschlossenen Fenstern brütenden Unterrichtsminister der Volkspartei, ohne einen - im Wahljahr peinlichen - Prestige-Verlust zurückzustecken.
Dreimal in diesem stürmischen Frühling sind die Sozialisten im Parlament gegen den Geschichtslehrer mit dem galizischen Vater und der großdeutschen Gesinnung Sturm gelaufen, der den 1800 auf ihn eingeschriebenen Hörern an der Hochschule für Welthandel andeutete, das "Gerede von der österreichischen Nation" sei "Geflunker", und sich ausgerechnet in der halbamtlichen Bonner Wochenzeitung "Das Parlament" über den "Verlust des größeren Vaterlandes" beklagte.
Piffl-Pereevic hat auf die alleinige Zuständigkeit der Hochschule für Welthandel verwiesen. Das somit für eine Suspendierung des nationalen Erregers zuständige Professoren-Kollegium der Hochschule für Welthandel wiederum verwies auf die Staatsanwaltschaft, die nun erst einmal zu ermitteln haben wird, ob es sich bei diesem Taras Borodajkewycz um einen Sünder im Sinne des sogenannten Wiederbetätigungsgesetzes handelt: um einen schon wieder als Nazi tätigen oder um einen nur früher als Nazi tätigen (und somit harmlosen) Bürger des neuen Österreich.
Letzteres bejaht er selbst in frischer Offenheit, was eine Mehrheit der jungen Welthandels-Aspiranten zu ebenso offener Bewunderung hinreißt. "Ich bin freiwillig beigetreten im Gegensatz zu vielen, die behaupten, sie seien gezwungen worden ... Wenn ich ein guter Demokrat gewesen wäre damals, wär ich ja nicht in eine antidemokratische Partei gegangen damals, netwahr."
Anders heute. In heutigen Zeiten, auf die Feststellung legt er selbstverständlich Wert, darf man in ihm getrost einen loyalen österreichischen Staatsbürger deutscher Nationalität sehen. Die mühelos bewältigte Vergangenheit wie ein Einstecktuch aus seinem politischen Habit blitzen zu lassen, gehört zu dem equilibristischen Repertoire des hutzelig-energischen Mannes, auf dessen Oberlippe ein blondes Bürstenbärtchen sich stets leicht zu sträuben scheint.
Wie denn, man wolle ihm als Neonazismus auslegen, wenn er Kelsen, den Autor der österreichischen Verfassung, als einen Juden kennzeichne, "der eigentlich Kohn hieß"? Wenn er in Karl Marx nicht einen Deutschen, sondern den Juden sehe?
Kann denn etwa er dafür, wenn seine Studenten sich schieflachen bei der bloßen Erwähnung des Anwaltes Rosenzweig? Österreichs Sozialisten, denen sein Vorlesungsstil nichts unbedingt Neues sein dürfte, meinen nun, er könne. Dabei platzen in diesen Tagen einige seiner Studenten auf den von Stinkbomben verpesteten Straßen mit ihrem Antisemitismus so heraus, daß es eher so aussieht als seien sie es, die einen alten Nationalsozialisten in Versuchung bringen könnten.
Wieso, fragt der geborene Wiener Borodajkewycz voller Bitterkeit, wieso halten ihm die Sozialisten im Parlament nur vor, daß er 34 in die Partei eingetreten, aber nicht zugute, daß er 43 aus der Partei hinausgeworfen worden ist?
"Haben Sie denn damals nicht Einspruch erhoben und erreicht, daß man Sie bleiben ließ?" fragte ich den Lehrer. Da fixiert er mich ungeduldig mit seinen blauen Augen. "Natürlich, es wäre ja sonst mein Ruin gewesen, netwahr." Um seinen Stuhl ein wenig zu kämpfen, ist ihm also nicht fremd.
Doch gibt es Maximen, gibt es, wie er schwört, "Dinge im Leben, die ich nicht wie ein Hemd ausziehe ... mein Volkstum und den Katholizismus". Österreichs Katholikentag 1933 wurde von ihm organisiert. Ein hoher päpstlicher Orden (Pro ecclesia et pontifice) blieb an ihm hängen aus jenen Zeiten, aber der katholische Cartellverband hat den Ausgezeichneten ausgestoßen, als die illegale NSDAP sich seiner bemächtigte. Wäre nicht der Kabarettist Gerhard Bronner ("Was halten Sie von Travnicek?") in einem nur gespielten TV-Interview mit der Verfassungstreue des beliebten Lehrers ins Gericht gegangen, so hätte der nicht in einem anschließenden tatsächlichen TV-Interview Gelegenheit zu verräterischen Zungenschlägen gefunden und die Linke im Lande (die ihre alten Pg vor allem in der Justiz hat unterkommen lassen) keine Veranlassung zum Großalarm. Wien hätte nicht nur seine alten Nazis, sondern auch seine Ruhe ungestört behalten können.
Aus dem Aufbegehren der liberalen und rechten Studenten gegen die Einmischung der Politiker in den Bereich, der akademischen Selbstverwaltung und dem Aufbegehren des aus Sozialisten, Katholiken, KZ-Heimkehrern, Kriegsopfern und Kommunisten bunt gemischten Heerbannes der Nazigegner ist binnen einer Woche, von einer Demonstration (500 Beteiligte) auf die andere (5000 Beteiligte), ein vulkanartiger Ausbruch jugendlicher Unzufriedenheit am Proporzstaat überhaupt und eine Art Klassenkampf auf offener Straße geworden.
"Erst maturieren, dann demonstrieren" hielten Freunde des Taras auf ihren Transparenten den an Zahl und Korrektheit weit überlegenen Feinden des Taras entgegen, in deren Marschblock Realschulen und Motorrad-Pulks junger Arbeiter mit Sturzhelm und Lederuniform Aufnahme gefunden hatten.
Wo die Polizei Demonstranten und Gegendemonstranten aneinandergeraten ließ, zischten Stahlruten und Bleirohre, so blitzartig über geschulte und ungeschulte Köpfe, daß eine Klärung von Urheberschaften meist ausgeschlossen erscheint. Resultat der ersten Demonstration: zwei leichtverletzte Studenten. Resultat der zweiten Demonstration: 21 verletzte Studenten, ein schwerverletzter Rentner. Dieser war von den rechten Schlägern zusammengedroschen worden, als er sich ins "Sacher" zu flüchten versuchte, dessen Tür ein feiner Portier von innen zuhielt. Wien bleibt Wien. Zwei Tage später war der Rentner tot.
Wie lange die Naziblüte dieses Frühlings danach anhalten wird, wagt niemand zu prophezeien. Abgeordnete im Parlament rufen sich bereits mit dem Tremolo der höchsten Erregung zu: "Sinds doch bitte net so nervös, Herr Kollege." Der Professor und sein Anwalt, Ernst Graf von Strachwitz, ein lodentragender Haudegen, der sich gern als Ritterkreuzträger zu erkennen gibt, haben sich Ähnliches vorgenommen. "Ruhig, ganz ruhig und still", suggeriert der deutsche Ordensträger dem katholischen Ordensträger. Mir prophezeit er, ein Schnapsglas in der Rechten: "Nächste Woche hält er wieder Vorlesung. Prosit."
Doch nach einem kleinen Schmaus mit Herren von der Volkspartei bittet der Professor seinen Rektor um Urlaub.
Hochschullehrer Borodaikewycz Das größere Vaterland verloren
Hochschüler-Tumulte in Wien: Über Rosenzweig gelacht
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 15/1965
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