07.04.1965

Martin MorlockSTAHLSTRASSE 47-60

Ein Leser, zu bescheiden, seinen Namen zu nennen, hatte mir bedeutet, bei Gelegenheit doch einmal die Stahlstraße in Essen zu besuchen. Dort, in der Nähe des Krupp-Geländes, gebe es eine öffentliche Einrichtung, der kein redlich Denkender das Prädikat "größte, modernste und sauberste der Welt" absprechen könne.
Es fand sich nicht nur eine Gelegenheit, sondern - am Ort - auch ein Ruhrbürger, der mir, obgleich er die Stahlstraße nur vom Hörensagen kannte, mit dem Hinweis half: "Berliner Platz, Richtung Bottrop, vor der Unterführung links abbiegen; da, wo die vielen Autos 'reinfahren."
Ich vermerke: eine betonierte Groß-Parkfläche, einen Standplatz für sechs Taxen, ein Verbotsschild mit der Einschränkung "Für Anlieferer frei", eine aus übermannshohen Mauern gebildete Hohle Gasse.
Hinter diesem (unbewachten) Checkpoint, welch Seelentrost: eine blitzblanke Reihenhaus-Siedlung; teils an die Augsburger "Fuggerei", teils - der Umfriedung wegen - an das Fort Knox gemahnend. Um eine Art Marktplatz gruppiert: grau und gelb verputzte Knusperhäuschen mit bunten, in die Fassade eingebackenen Glasziegeln. Auf jedem Dach ein Fernseh-Antennchen für beide Programme. Im Zentrum ein Lebensmittelgeschäft, an dessen Außenwänden Automaten für allerlei Naschwerk. Gegenüber die "Autovermietung H. Schmitz".
Nein, denke ich, hier haust nicht das Laster. Hier wohnen Pensionäre der Bundesbahn; rechtschaffene Amtmannwitwen; hier hat die Altershilfsaktion "Miteinander - füreinander" Frucht getragen.
Doch ein Blick auf die durchs Städtchen hastenden Gestalten, denen alle Leibesnot Nordrhein-Westfalens, der ganze Lebenshunger des Bosporus und sämtliche Lüste Kalabriens aus dem Antlitz leuchten, belehrt mich: Die Adresse stimmt.
Von einer schwarzmähnigen Siedlerin durch Handzeichen aufgefordert, betrete ich das Haus Nr. 49 und nehme im Vorbeigehen eine Wohnküche wahr, aus welcher mir, in geblümter Kittelschürze, ein Memento an die Vergänglichkeit aller Gier entgegenlächelt. "Unsere Nachtfrau", erläutert Lena, 22, rank, von mohnfarbenem Lastex umspannt, während sie vor mir die Treppe hinaufstöckelt. Der "Chef" (Hauswirt) sei nur tagsüber zugegen.
Ob sie mich wohl mit einem repräsentativen Querschnitt bekanntmachen wolle, frage ich, im Studio angekommen, meine Gastgeberin. Sogleich tönt es in die Sprechanlage neben der Tür: "Erika, Rita, kommt mal eben - und bringt Bier mit!"
Lenas Arbeitsplatz atmet den Komfort eines Einstern-Hotelzimmers. An den Wänden: eine Scheibe Birkenholz mit der Inschrift: "Gruß vom Riesengebirge", ein Sombrero (im Hutband Familienphotos) und das aus einer Zeitschrift geschnittene Lichtbild eines Säuglings.
17 Häuser mit einer Gesamtbelegschaft von "manchmal über 200 Mädchen" umfasse das Institut, erfahre ich. "Wir haben Italienerinnen, Holländerinnen, Französinnen und Mulattinnen hier - jans international."
Indes, ich bekomme nur die deutsche Kolonie zu Gesicht, vertreten durch Erika, 29, heidehonigblond, spitznasig, und Rita, kastanienrot, leibesfüllig, Alter (geschätzt): 46.
Wir plaudern über die Eigentümlichkeiten dieser, 1962 auf Initiative der Stadt Essen gegründeten Anlage, und ich höre Günstiges: Gegen einen täglich zu entrichtenden Zins von 30 Mark (Vollpension) lebe man einerseits in Geborgenheit ("Erika ist in Köln schon mal jewürgt worden"), andererseits genieße man Freizügigkeit auch im beruflichen Handeln. Rita: "Ausländer nehmen wir nicht an, nur saubere Deutsche."
Lena, die Eröffnung eines Kosmetiksalons unbeirrbar im Auge, unterrichtet mich über das Preisgefüge: Einmaliges Entgegenkommen werde einheitlich mit 15 Mark berechnet. Die Flasche Bier koste sechs Mark. Die Erfüllung des selten geäußerten Wunsches, bis zum ersten Hahnenschrei auszuharren, müsse mit 500 Mark veranschlagt werden.
"Haben Sie sich", frage ich teilnehmend, "über irgend etwas zu beklagen, vielleicht über eine zu hohe Steuerveranlagung?"
Nein, das Finanzamt habe sich noch gar nicht gemeldet; aber ein anderes Ärgernis verbittere sie alle zutiefst: die französischen Kolleginnen. Den strengen Blicken der Madame de Gaulle entzogen, seien sie mit geringerem als dem Tariflohn zufrieden, ja, scheuten sich nicht einmal, den hiesigen Erfordernissen der Hygiene ein Schnippchen zu schlagen. Rita: "Dat sind richtije Nutten."
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 15/1965
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