14.04.1965

DIE TEILUNG DER WELT

Es ist Sonntag, der 11. Februar 1945, 12 Uhr mittags. Im Ballsaal des Schlosses Liwadia, bei Jalta, der früheren Sommerresidenz von Zar Nikolaus II., halten Franklin Delano Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten, Marschall Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili Stalin, Vorsitzender des Rats der Volkskommissare der Sowjet-Union, und Winston Spencer Churchill, Premierminister Seiner Majestät König Georg VI. von Großbritannien, im Beisein ihrer wichtigsten Mitarbeiter die achte und letzte Sitzung einer achttägigen Konferenz ab.
Auf der Krim herrscht seit acht Tagen strahlendes Wetter. Die Russen haben ihm einen besonderen Namen gegeben: "Roosevelt-Wetter".
Die Konferenz wird um 12.50 Uhr Ortszeit unterbrochen. Für 13 Uhr hat Präsident Roosevelt die Teilnehmer zu einem Frühstück eingeladen.
Vierzehn Personen nehmen im ehemaligen Billardsaal an einem langen rechteckigen Tisch Platz. Während das einzige offizielle Photo von dem historischen Ereignis aufgenommen wird, hat Averell Harriman - der US-Botschafter in Moskau - den Tisch verlassen, um im Nebenzimmer mit den Beamten, die letzte Hand an die abschließenden Dokumente legen, ein paar heikle Formulierungen zu besprechen. Deshalb sitzen in der offiziellen Hagiographie von den höchsten Teilnehmern der Jaltakonferenz nur "Dreizehn bei Tisch".
Serviert wird von russischen Kellnern in schwarzem Jackett und mit schwarzem Querbinder unter den eisigen Blicken von Protokollbeamten des britischen Foreign Office. Ein halbes Dutzend amerikanische Geheimdienstler und ebenso viele Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes, leicht erkenntlich an ihren vom Revolver ausgebeulten Taschen, bewachen Türen und Fenster.
Englischerseits sorgt für die Sicherheit offenbar nur der sehr würdige und philosophische W. H. Thompson, persönlicher Leibwächter Churchills, vordem Leibwächter Lloyd Georges, vordem Inspektor von Scotland Yard - ein bejahrter, sehr distinguierter und sehr diskreter Beamter, der über seinen Chef schon 1921 wachte, als Churchill, zu jener Zeit Kolonialminister und von jeher impulsiv, auf die Idee kam, in Ägypten und im Mittleren Orient mit Lord Trenchard, Sir Archibald Sinclair und Lawrence von Arabien spazierenzugehen.
Das Menü ist ungefähr das gleiche wie bei allen Mahlzeiten der vergangenen Woche: Als kaltes Horsd'oeuvre gibt es schwarzen Kaviar, roten Kaviar, Lachs, Stör, Heringsfilet in Soße, Bücklinge mit Schinken, marinierten Stör, Gurken und Radieschen; als warmes Horsd'oeuvre Champignons in saurer Sahne, Hirschbrust und pochierte Eier à la bergère, dann Borschtsch, Fleischgerichte, frisches Obst, Wodka, Wein und Kaukasus-Sekt.
Kaviar gibt es in Hülle und Fülle. Er hat bei keiner Mahlzeit gefehlt. Im Schloß geht das Gerücht, daß Churchill sich zu seinem ersten, stets üppigen Frühstück sogar Kaviar aufs Zimmer bringen läßt. Es ist eine Kaviar-Konferenz.
Und es ist auch eine Konferenz der Toaste. Im Laufe der acht Tage haben die Drei Großen über zweihundert Trinksprüche ausbringen müssen. Heute hebt das Zeremoniell von neuem an, mit Sekt und Wodka. Die Folge ist, wie üblich, eine lebhafte, ja heitere Stimmung.
Gegen 15 Uhr betreten die Beamten den Speisesaal und bringen die endgültigen Texte, die in englischer und russischer Sprache abgefaßt sind. Teller und Gläser der Drei Großen werden abgeräumt. An demselben Tisch, an dem sie gegessen und getrunken haben, setzen die Drei, jeder mit seinem eigenen Füller, ihre Unterschrift unter das zur Veröffentlichung bestimmte Schlußkommuniqué.
Um 18 Uhr des gleichen Tages sollen die drei Außenminister Stettinius, Molotow und Eden nach einer letzten Zusammenkunft und nach Ausräumung noch verbliebener Unstimmigkeiten das Protokoll unterzeichnen. Das Protokoll soll geheim bleiben.
Das Essen zieht sich noch bis 15.45 Uhr hin. Präsident Roosevelt übergibt Stalin ohne jede Feierlichkeit hohe amerikanische Auszeichnungen, die verschiedenen Offizieren der sowjetischen Streitkräfte zugedacht sind.
Stalin sagt ein paar Dankesworte.
Unmittelbar danach trennen sich die Drei Großen.
Es ist 15.55 Uhr.
Die Jaltakonferenz ist beendet.
In der gleichen Stunde kämpfen, sterben und leiden überall in der Welt viele Millionen Soldaten: Nie zuvor haben in ein und demselben Krieg so viele Menschen einander gegenübergestanden.
Nie zuvor haben Männer in hoher Stellung auf eine Konferenz so wenig Einfluß nehmen können wie auf diese Jaltakonferenz. Von ihr ausgeschlossen, wissen sie nicht mal genau, an welchem Ort sie tagt. Denn aus Sicherheitsgründen hatte die im Laufe der Woche über eine Nachrichtenagentur verbreitete, kurz gehaltene offizielle Verlautbarung lediglich ein "Treffen der Großen Drei am Schwarzen Meer" gemeldet.
Nie zuvor sind an einem einzigen Konferenztisch so viele Vorgänge und so viele Probleme behandelt worden.
Nie zuvor ist über das Schicksal so vieler Menschen von so wenigen Menschen entschieden worden.
Nie zuvor markierte auch ein Kalenderdatum einen so tiefen, wie mit der Axt vollzogenen Schnitt zwischen einer langen, mit ihren Masken und Mythen versunkenen Epoche und einer völlig neuen mitsamt den ihr eigenen Stürmen und Prüfungen.
Dieser 11. Februar ist der folgenschwerste aller Tage.
Aber dessen sind sich, während er abläuft, nur sehr wenige Menschen bewußt.
Eine Woche in Jalta hatte die Welt verändert. Ihre Teilung war in acht Tagen beschlossen worden.
ERSTER TAG
Sonntag, 4. Februar 1945
Um 16.15 Uhr stattet Stalin Präsident Roosevelt in dessen Arbeitszimimer im Palais Liwadia einen Besuch ab. Es ist ihre erste Begegnung in Jalta. Außer Molotow sind nur noch die beiden Dolmetscher Pawlow und Charles E. Bohlen zugegen.
"Wie steht es an der Westfront"? lautet Stalins erste Frage. Die Lage am Rhein ist seine Hauptsorge. Während Roosevelt in erster Linie darauf bedacht ist, Rußland zum Krieg gegen Japan zu bewegen, und Churchill vor allem daran denkt, Garantien zugunsten des bedrohten Britischen Weltreichs zu erlangen, richtet Stalin sein Augenmerk zunächst auf Deutschland. Er knüpft sogleich eine Bemerkung über die großen Erfolge der sowjetischen Truppen an der Oderfront an.
Roosevelt weicht aus und erzählt, auf der "Quincy" seien während der Fahrt über den Atlantik zahlreiche Wetten abgeschlossen worden: ob die Russen eher nach Berlin als die Amerikaner nach Manila gelangen würden.
Stalin geht mit einer Liebenswürdigkeit, die im Gegensatz steht zu dem schroffen Ton, den er an den ersten Tagen der Konferenz von Teheran angeschlagen hatte, auf das Spiel ein. Mit kaum verhüllter Ironie bemerkt er, die Amerikaner würden sicherlich eher in Manila als die Russen in Berlin sein, denn sie stießen "an der Oder auf hartnäckigen Widerstand".
Das Gespräch wendet sich dann dem Klima und den landschaftlichen Schönheiten der Krim zu.
Roosevelt sagt, er sei tief erschüttert über das Ausmaß der von den Deutschen angerichteten Zerstörungen, worauf Stalin erwidert, sie seien nichts im Vergleich mit den Zerstörungen in der Ukraine, wo die Deutschen ganz methodisch und nach einem vorgefaßten Plan vorgegangen seien.
Roosevelt kündigt an, daß Eisenhower am 8. Februar mit einer Offensive beginnen wird, die im März zum umfassenden Vormarsch der anglo-amerikanischen Truppen führen soll. Stalin äußert sich darüber befriedigt und sagt, wenn erst einmal Saar- und Ruhrgebiet eingenommen seien, hätten die Deutschen keine Kohlen mehr, da ja das schlesische Kohlenbecken bereits in russischer Hand sei.
Daraufhin stellt Roosevelt seine erste Frage, zweifellos um das Terrain zu sondieren: "Da sich jetzt unsere Armeen einander nähern, wäre es da nicht möglich, daß Eisenhower direkte Verbindung mit dem sowjetischen Hauptquartier aufnimmt, statt wie bisher über die Stäbe in London und Washington?"
Stalin willigt sofort ein.
Roosevelt ist glücklich: Nachdem Stalin sich so zögernd zu der Konferenz bereitgefunden hatte, war ein so rasches Einvernehmen nicht vorauszusehen gewesen.
"Und de Gaulle?" fragt der Präsident.
In Moskau hatte Stalin zu US-Boschafter Harriman gesagt, der Präsident der französischen provisorischen Regierung sei "ein sehr eigensinniger Mann". Jetzt zuckt er nur mit den Schultern und antwortet mit jener Ironie, auf die er sich so gut versteht: "Er ist kein sehr komplizierter Mann." Er fügt hinzu, es fehle de Gaulle an "Realismus": "Er fordert für Frankreich, das sich an diesem Krieg kaum beteiligt hat, gleiche Rechte mit den Amerikanern, Russen und Engländern, die schließlich die ganze Bürde des Krieges getragen haben."
Roosevelt lächelt: In Casablanca habe sich de Gaulle ihm gegenüber "als geistiger Führer Frankreichs mit der Jungfrau von Orleans, als politischer Führer mit Clemenceau verglichen." Stalin lächelt ebenfalls: "De Gaulle scheint die Lage in Frankreich nicht zu erfassen, noch scheint er zu begreifen, daß Frankreichs Beitrag zu den militärischen Operationen sehr gering ist und daß es außerdem im Jahr 1940 überhaupt nicht gekämpft hat."
Die Erwähnung des Jahres 1940 kann Roosevelt in dieser Stunde nicht mehr erschüttern. Doch stellt er die Frage, was die Russen davon halten würden, Frankreich eine Besatzungszone in Deutschland zuzuteilen, und er beruft
sich auf Churchill, der ihm erklärt habe:
"Das wäre keine schlechte Idee".
"Wieso?" fragt Stalin, "aus welchem Grund?"
"Aus Freundlichkeit", erwidert Roosevelt.
"Das wäre allerdings der einzige Grund, der sich anführen ließe", mischt sich Außenminister Molotow ein, der bis dahin den Mund nicht aufgetan hat.
Am Ende des Gesprächs wiederholt Stalin, etwas nervöser als zu Beginn, seine "entschiedene Opposition" gegen die Zuteilung einer Besatzungszone an Frankreich, fügt aber immerhin hinzu, darüber ließe sich noch reden.
Danach begeben sich die beiden Staatsmänner in den Großen Ballsaal zur ersten Vollsitzung der Konferenz.
An diesem Sonntag, dem 4. Februar, 17.10 Uhr, wird die Jaltakonferenz offiziell eröffnet. Um den runden Tisch sitzen fünfzehn Personen, von jeder Delegation fünf.
Von den Amerikanern neben Roosevelt: Außenminister Edward Stettinius, der Europa-Experte Großadmiral William Leahy, Generalstabschef George Marshall sowie der Leiter der US-Seekriegführung, Admiral Ernest King.
Von den Engländern neben Churchill: Außenminister Anthony Eden, Militärberater Feldmarschall Sir Alan --ooke, RAF-Marschall Sir Charles Portal und Marschall Sir Harold Alexander.
Von den Russen neben Stalin: der Volkskommissar des Äußeren, Wjatscheslaw Molotow, Admiral Nikolai Kusnezow, Generalstabschef Alexej Antonow sowie der Generalstabschef der Luftstreitkräfte, Luftmarschall Chudjakow.
Anwesend sind außerdem: Averell Harriman und General Deane, Churchills Stabschef General Ismay, der Erste Seelord, Admiral Andrew Cunningham, Sowjet-Jurist Andrej Wyschinski, Iwan Maiski, stellvertretender Volkskommissar für Äußeres, und Moskaus Botschafter in Washington und London, Andrej Gromyko und Fjodor Gusew.
Roosevelts Sonderberater Harry Hopkins ist krank und mußte sich ins Bett legen.
Zur Zeit der Jaltakonferenz gab es noch keine Simultanübersetzung mit Mikrophonen und Kopfhörern. So wird Satz für Satz übersetzt. Der Redner muß jeweils abwarten, bis ein Satz verdolmetscht ist, ehe er fortfahren kann. Eine langwierige, ja langweilige Prozedur.
Keine der Diskussionen wurde mitstenographiert, und infolgedessen gibt es kein beglaubigtes Protokoll. Von der Konferenz, die zweifellos von größter geschichtlicher Bedeutung war, sind keine anderen offiziellen Texte vorhanden als die paar Sätze des Schlußkommuniqués und das Geheimprotokoll: Die Militärs sind die einzigen, die sich während ihrer Sitzungen Notizen machen, die sie zu Beginn der folgenden Zusammenkunft abzeichnen lassen.
Stalin eröffnet die erste Vollsitzung mit dem Vorschlag, Präsident Roosevelt den Vorsitz für die ganze Dauer der Konferenz zu übertragen.
Der Vorschlag ist ein kluger psychologischer Schachzug: Er bestärkt den Amerikaner in seinem Überlegenheitsgefühl und schafft darüber hinaus eine Distanz gegenüber dem britischen Imperialismus. Schließlich wird eine deutliche Trennungslinie zwischen Engländern und Amerikanern gezogen, wobei dem Präsidenten mit dem Vorsitz die Position des Schiedsrichters und Vermittlers zugeschoben wird, was zwangsläufig eine stärkere Berücksichtigung des russischen Standpunkts mit sich bringt.
Stalin verschafft sich damit von vornherein einen beträchtlichen Vorteil, während er den Anschein erweckt, als habe er Roosevelt diesen Vorteil eingeräumt.
Der Präsident dankt Stalin zunächst für den "großartigen" Empfang, den die Russen den Engländern und Amerikanern bereiteten. Die drei Nationen verstünden sich "besser denn je", und "das gegenseitige Einvernehmen" nehme von Monat zu Monat zu. Deshalb schlage er vor, diese Konferenz ohne zeremonielle Umstände abzuhalten, denn in offenherziger Aussprache (frank and free speaking) könnten die Angelegenheiten am besten erledigt werden.
Nach Roosevelts einleitenden Worten beherrschen fast ausschließlich zwei gleichermaßen nüchterne und präzise Referate die Sitzung. Das erste hält General Antonow über die Ostfront,
das zweite General Marshall über die Westfront.
Am Schluß seines Vortrags deutet Antonow darauf hin, daß die Deutschen im Begriff sind, zur Verstärkung der Ostfront fünf Divisonen aus Norwegen, zwölf vom Rhein und acht aus Italien abzuziehen.
Auf eine Frage Roosevelts nach den Schwierigkeiten, die sich aus der unterschiedlichen Spurenbreite der deutschen und russischen Eisenbahn ergäben, folgt eine etwas konfuse fachliche Diskussion, in deren Verlauf Stalin bemerkt, er selbst habe Antonow bevollmächtigt, jegliche Auskunft über die Frontlage zu geben; und er habe das aus eigener Initiative und "ohne jeden Druck" getan.
Die Engländer und Amerikaner gewinnen hier den Eindruck, daß Stalins Bemerkung mehr der russischen als den beiden anderen Delegationen gilt. Sie ziehen daraus den Schluß, daß er sich decken muß, zum Beispiel gegenüber dem Politbüro, denn durch ihre Geheimdienste wissen sie inzwischen, daß sich GPU-Chef Berija und Stalins langjähriger Sekretär Malenkow in der Villa Koreis aufhalten.
In Wirklichkeit ist es ein geschickter Zug des Georgiers, sich den Anschein zu geben, daß er nicht unumschränkt handeln kann, daß die Entscheidung nicht allein bei ihm liegt und daß er auf starke politische Kräftegruppen, die dem Westen weniger freundlich gesinnt sind als er selbst, Rücksicht nehmen muß.
Marshall bestätigt, daß Eisenhower bis zum 1. März den Rhein zu überschreiten hofft. Die englisch-amerikanischen Kampfflugzeuge haben zur Zeit in erster Linie die Aufgabe, Verkehrswege lahmzulegen und große Bahnhöfe zu zerstören, während die großen Bomber hauptsächlich gegen Treibstofflager eingesetzt sind. Da die Deutschen beschlossen haben, den U-Boot-Krieg in größerem Umfang wieder aufleben zu lassen, sollen die Bomber auch U-Boot -Stützpunkte bombardieren.
Auf die Frage Stalins erklärt Marshall, daß Eisenhower über 89 Divisionen, davon ein Drittel Panzerdivisionen, verfügt. Allein an der Rheinfront sind 10 000 Panzer und 4000 Bomber bereitgestellt.
Hierzu bemerkt Stalin, die Sowjets hätten an ihrer Front 180 Divisionen stehen.
In diesem Augenblick ergreift Winston Churchill zum erstenmal das Wort. Die Überlegenheit der anglo-amerikanischen Streitkräfte, sagt er, habe niemals in der Effektivstärke, sondern stets im Material bestanden.
Stalin entgegnet darauf mit einem von Einzelheiten gespickten und im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Kurzreferat über die Leistungen der sowjetischen Artillerie.
Nach einer wortreichen Beteuerung Churchills, daß er selbst und auch der Präsident der Vereinigten Staaten ihr volles Vertrauen in Marschall Stalin, das russische Volk und die Schlagkraft der russischen Armee setzen, werden schließlich zwecks Koordinierung der militärischen Pläne, Besprechungen zwischen den Generalstabschefs der drei Länder beschlossen.
19.50 Uhr wird die Sitzung aufgehoben.
Während ihrer ganzen Dauer hat Stalin fast ununterbrochen mit einem Rot- oder Blaustift Figuren auf die vor ihm liegenden weißen Blätter gekritzelt. Churchill hat sich eine Zigarre nach der anderen angezündet und sie mal wie einen Spazierstock, mal wie ein Gewehr geschwenkt. Roosevelt, erschöpft aussehend, bisweilen wie abwesend, hat wenig geraucht. Meist zog er seine Zigaretten nur hervor, um Stalin eine anzubieten, der gern einmal eine amerikanische Zigarette raucht.
Bei keiner der Diskussionen ist es zu stürmischem Wortwechsel gekommen. Ruhe auf der ganzen Linie.
Gegen 18 Uhr, kurz nach dem Tee, hat Leutnant Norris Houghton neugierig durch einen Türspalt geblickt. Die Stille im Sitzungssaal war ihm merkwürdig vorgekommen, "eine Stille wie in einem Krankenzimmer". Beamte des Foreign Office sammelten, auf den Zehenspitzen gehend, die Tassen ein und übergaben sie russischen Dienern, die sich alle Mühe gaben, "nicht zu klappern".
Am Abend gibt Roosevelt im "Billardzimmer" ein Diner für fünfzehn Personen. Außer dem Kaviar, der bei keiner Mahlzeit fehlen darf, sind die Gerichte mehr nach amerikanischer Art: Geflügelsalat, Haschee mit Makkaroni, gebratenes Huhn und Obstkonserven. Es ist das einzige Essen, bei dem Roosevelts Philippinos servieren.
Dann werden Trinksprüche ausgebracht: an diesem ersten Abend ein gutes Dutzend. Für Stalin - er trinkt seinen Spezial-Wodka aus einer ihm gesondert servierten Flasche, die angeblich nichts anderes enthält als stark mit Wasser versetzten Wodka - haben die Trinksprüche noch einen anderen Vorteil. Sie beflügeln die Phantasie der Arglosen, die dann mehr sagen, als sie sagen dürfen. Den ersten Toast der ganzen Konferenz bringt Churchill aus. Er trinkt auf "einen hundertjährigen Frieden".
Stalin erwidert mit einem Trinkspruch, ebenfalls auf den Frieden, fügt aber hinzu, daß nur die Großen Drei den Frieden sichern könnten. Wäre es nicht lächerlich, wenn in der künftigen Weltfriedensorganisation ein Land etwa wie Albanien gleiches Stimmrecht wie Rußland hätte?
Gewisse befreite Länder schienen zu glauben, daß die "Großmächte" die Pflicht gehabt hätten, das Blut ihrer Völker für die Befreiung dieser Länder zu vergießen, und jetzt protestierten sie noch, wenn "die Großmächte ihrerseits ihre Rechte verteidigen".
"Ich bin bereit, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien die Rechte der kleinen Mächte zu verteidigen, aber ich werde niemals zulassen, daß irgendeine Handlung einer der Großmächte der Beurteilung der kleinen Mächte unterworfen wird."
Roosevelt pflichtet ihm bei, daß die Großmächte die größte Verantwortung tragen und daß die an diesem Tisch versammelten Großen Drei die Friedensbedingungen entwerfen müßten. Doch dann hebt er sein Glas und trinkt auf "die Rechte der kleinen Nationen". "Jugoslawien, Albanien und ähnliche kleine Länder", entgegnet Stalin im nächsten Trinkspruch, "haben kein Recht, an diesem Tisch zu sitzen. Oder wünschen Sie für Albanien den gleichen Status wie für die Vereinigten Staaten? Was hat Albanien in diesem Krieg schon geleistet, um einen solchen Platz zu beanspruchen?"
Hier macht Churchill eine scharfe Bemerkung: "Der Adler sollte die kleinen Vögel singen lassen und nicht danach fragen, weswegen sie singen."
Bohlen, Roosevelts persönlicher Dolmetscher, nähert seinen Mund dem Ohr seines Tischnachbarn Wyschinski und sagt: "Das amerikanische Volk wird niemals zulassen ..."
"Das amerikanische Volk", unterbricht ihn der Russe, "sollte lernen, seinen Führern zu gehorchen."
"Kommen Sie nach Amerika und sagen Sie das den Leuten selbst."
"Sehr gern", erwidert Wyschinski gelassen.
Die Unterhaltung wendet sich später noch einmal den kleinen Mächten zu. Man diskutiert über Argentiniens Weigerung, mit den Alliierten zusammenzuarbeiten.
"Dafür muß es bestraft werden", empfiehlt Stalin. "Jedenfalls kann es von Glück sagen, daß es nicht in der russischen Interessensphäre liegt."
Roosevelt erläutert dann des längeren, daß das Problem der kleinen Nationen nicht so einfach sei, wie es aussehe. "In Amerika haben wir zum Beispiel eine Menge Polen, die ein lebhaftes Interesse an Polens Zukunft haben."
"Aber von Ihren sieben Millionen Polen", wirft Stalin ein, "haben nur siebentausend in Polen Wahlrecht."
Winston Churchill hält es für angebracht, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Er bringt einen Toast auf "die proletarischen Massen aller Länder" aus.
Dann folgt eine etwas konfuse Diskussion über das Selbstbestimmungsrecht der Völker, während der die Gemüter sich erhitzen und jemand sich über den Konservativen lustig macht, der auf das Wohl der Proletarier getrunken hat.
Der Löwe läuft rot an: "Ich werde ständig als Reaktionär behandelt. Dabei bin ich von allen drei Anwesenden der einzige, der jederzeit durch eine Abstimmung seines Volkes gestürzt werden kann."
"Sie scheinen Angst vor den kommenden Wahlen zu haben", bemerkt Stalin scherzhaft.
"Im Gegenteil. Ich bin stolz auf das Recht des britischen Volkes, seine Regierung zu ändern, sooft es dies für richtig hält."
Als Roosevelt gegen Ende des Diners Stalin erzählt, daß er und Churchill in ihren Geheimdepeschen ihn stets mit dem Decknamen "Onkel Joe" bezeichnen, "als ob Sie ein Familienmitglied seien", spielt Stalin den Gekränkten. Roosevelt überlegt schon, ob er sich entschuldigen soll. Zum Glück greift aber Molotow ein: "Lassen Sie sich nicht an der Nase herumführen. Er weiß es
schon seit zwei Jahren, und ganz Rußland mit ihm."
Das Bankett wird um 23 Uhr in allgemeiner Euphorie beendet.
Der erste Konferenztag ist vorüber. Roosevelt läßt sich im Rollstuhl von seinem schwarzen Kammerdiener Arthur Prettysman an Hopkins Bett schieben. Er möchte erst dessen Meinung hören, ehe er sich selbst ins Bett begibt, in dem er, wie jeden Abend, in einen alten, grauen Pullover gehüllt und mit der Zigarettenspitze im Mund, einen Kriminalroman lesen wird.
Churchill fährt, vor sich hin brummend, mit der britischen Gruppe zur Villa Woronzow, wo man sich zum Tagesabschluß bei einem von Botschafter Kerr beschafften Scotch bester Sorte zusammensetzen wird.
Stalin ist in die Villa Koreis zurückgekehrt, wo er, wie im Kreml, bis fünf Uhr morgens arbeiten wird, um dann bis Mittag zu schlafen. Um Mitternacht läßt er sich regelmäßig mit dem Fronthauptquartier und mit Moskau verbinden.
Hopkins erzählt Roosevelt eine Geschichte, die er einmal von Stalin gehört hat: "Wissen Sie, daß Nikolaus II. am Tag seiner Abdankung um die Genehmigung einkam, sich in die Gärten von Liwadia zurückziehen zu dürfen? ... Aber Revolutionen werden nicht gemacht, damit aus Zaren Gärtner werden können ..."
ZWEITER TAG
Montag, 5. Februar
Die eigentliche Konferenzarbeit beginnt am Montag. Drei wichtige Besprechungen finden statt: Um 12 Uhr beginnt im Palais Jussupow (Villa Koreis) die erste Sitzung der drei Generalstabschefs; etwas später und ebenfalls im Palais Jussupow die der Außenminister; um 16 Uhr die Vollsitzung im Schloß Liwadia.
Bei diesem Sitzungsschema wird es bleiben: Jeden Tag eine Besprechung der Militärs, eine Besprechung der Diplomaten, die die Vereinbarungen der drei Delegationsführer textlich zu formulieren haben, sowie eine Vollsitzung.
Die Zusammensetzung der einzelnen Militärdelegationen bleibt bis zum letzten Tag die gleiche: von amerikanischer Seite die Admirale King und Leahy, Vizeadmiral Cooke, die Generale Marshall, Kuter, Deane, Bull, Anderson und MacFarland; von russischer Seite Admiral Kusnezow, Vizeadmiral Kuscherow, Marschall Chudjakow, General Antonow und Major Kostrinski; von englischer Seite die Marschälle Brooke, Alexander, Portal, Admiral Cunningham, General Ismay und Vizeadmiral Archer. Als Dolmetscher fungieren Hauptmann Lunghi, Hauptmann Ware, Oberleutnant Chase und der Russe Potrubasch.
Im Laufe einer langen Diskussion über die Frontlage weisen Brooke und Marshall auf die gewaltigen, durch Luftangriffe erzielten Zerstörungen deutscher Industriewerke hin, worauf Antonow die enorme Überlegenheit der russischen Artillerie hervorhebt und von Spezialdivisionen spricht, die mit 400 7,62-cm-Geschützen ausgestattet sind.
Bull hält ihm entgegen, daß die anglo-amerikanische Armeegruppe Nord allein im Abschnitt Nimwegen über 1500. 10,5-cm-Geschütze verfügt und daß während der drei Tage vor Beginn der Offensive am 8. Februar 1600 schwere Bomber eingesetzt werden, um täglich 4500 Tonnen Bombenlast abzuwerfen.
Nach dieser Diskussion wird die Frage der direkten Verbindung zwischen Eisenhower und Wassiljewski angeschnitten. Zur Überraschung der Engländer und Amerikaner verhält sich Antonow zurückhaltend: Die Erörterung dieser Frage habe noch Zeit, da ja die beiden Fronten noch weit voneinander entfernt seien.
Im Mittelpunkt der weiteren Diskussion steht der voraussichtliche Zeitpunkt des Kriegsendes.
Leahy fragt die Russen, ob sie ebenso wie er der Meinung seien, daß vor dem 1. Juli nicht mit einem Zusammenbruch Deutschlands zu rechnen wäre.
Antonow erwidert, solange die Offensiven im Osten und Westen keine großen strategischen Perspektiven eröffneten, sei das russische Oberkommando nicht in der Lage, sich auch nur über einen ungefähren Zeitpunkt zu äußern. Da aber Leahy weiter in ihn dringt, sagt Antonow mit kaum verhüllter Ironie: "Das sowjetische Hauptquartier wird seine ganzen Anstrengungen darauf konzentrieren, die Niederlage Deutschlands so bald wie möglich herbeizuführen."
Auf Marshalls Einwand, daß die annähernde Fixierung eines solchen Zeitpunkts zumindest für die Planung der Massenproduktion an Waffen und Schiffen notwendig sei, läßt sich Antonow schließlich zu einer Schätzung herbei: "Frühestens im Sommer, spätestens im Winter."
Die Arbeitssitzung der drei Außenminister ist mit einem Mittagessen verbunden, bei dem mehrere Toaste auf den "Fall Manilas" ausgebracht werden, der den Nachrichten zufolge dicht bevorsteht. Molotow, der mit Matsuoka den russisch-japanischen Freundschaftspakt unterzeichnet hat, geniert sich nicht im geringsten, mit anzustoßen.
In dieser Sitzung unterbreitet der sowjetische Vertreter Stalins Vorschlag, die Konferenz offiziell, "Krimkonferenz" zu nennen, ein Vorschlag, dem Eden und Stettinius ohne weiteres zustimmen.
Die Vollsitzung wird um 16 Uhr eröffnet. Die Teilnehmer, die auch an den kommenden Tagen kaum wechseln, sind: die Amerikaner Roosevelt, Stettinius, Hopkins, Leahy, Byrnes, Harriman, Mathews, Hiss** und Bohlen; die Sowjets Stalin, Molotow, Wyschinski, Maiski, Gusew, Gromyko und Pawlow; die Engländer Churchill, Eden, Kerr, Cadogan, Bridges, Jebb, Dixon, Wilson und Major Birse.
Präsident Roosevelt macht den Vorschlag, in dieser Sitzung nur ein Problem zu erörtern: die künftige Behandlung Deutschlands. "Ich halte es für unangebracht, die ganze Weltkarte aufzurollen und zum Beispiel auf Dakar oder Indochina einzugehen." Und er bringt auch gleich die Frage der von Frankreich beanspruchten Besatzungszone aufs Tapet, nicht ohne hinzuzufügen, daß die Zuweisung von Zonen noch nicht die Frage löse, was nun auf die Dauer mit Deutschland zu geschehen habe.
Stalin stellt sofort vier wichtige Fragen: In welcher Form soll die Aufgliederung Deutschlands vor sich gehen? Sollen die drei Großmächte in Deutschland eine Regierung einsetzen, oder soll, wenn Deutschland in Zonen aufgeteilt wird, jede Zone eine eigene Regierung haben? Muß nicht genauer festgelegt werden, was unter "bedingungsloser Kapitulation" zu verstehen ist? In welcher Form und vor allem
in welcher Höhe sollen Reparationen von Deutschland verlangt werden?
Er erinnert an den von Roosevelt in Teheran gemachten Vorschlag, Deutschland in fünf Staaten aufzuteilen: ein verkleinertes Preußen, Hannover, Sachsen, Rheinland-Hessen und Süddeutschland, während der Nord-Ostsee-Kanal, Hamburg, die Ruhr, die Saar der Uno -Kontrolle zu unterstellen wären.
Stalin spricht ohne Manuskript und zeigt wieder einmal, daß er jede Akte bis ins kleinste Detail genau kennt. Während seines Vortrags braucht er keinen seiner Mitarbeiter zu konsultieren. Er wirft nicht einmal einen Blick auf die Deutschlandkarte, die ihm Roosevelt hinhält.
Churchill meint, diese Fragen seien zu verwickelt, um in fünf oder sechs Tagen gelöst zu werden. Es wäre besser, damit einen Sonderausschuß zu betrauen, der einzusetzen sei, nachdem man eine Reihe konkreter Vorschläge erarbeitet habe. Er selbst habe im Grunde keine bestimmte Vorstellung, nur halte er es für notwendig, in Mitteleuropa einen mächtigen Staat mit Wien als Hauptstadt zu schaffen.
Dann stellt er eine Reihe von Fragen: Ob es nicht ratsam sei, sich baldigst darüber klarzuwerden, welche deutschen Gebiete eventuell den Polen vorzubehalten seien? Sollen Ruhr und Saar unter französische Verwaltung gestellt werden? Sollen sie einen unabhängigen Staat bilden oder noch für lange Zeit einer Weltorganisation unterstellt werden? Soll man, Preußen nicht in mehrere Staaten auf teilen?
Stalin bringt dann die Sprache wieder auf die "bedingungslose Kapitulation", die ja "die ganze deutsche Frage" in sich einschließe: Was habe zum Beispiel zu geschehen, wenn es einer bestimmten deutschen Gruppe gelinge, Hitler zu stürzen, und sie die bedingungslose Kapitulation annehme? Sollen dann die Großen Drei mit jener Gruppe ebenso verfahren wie seinerzeit mit Badoglio in Italien?
Churchill antwortet, in einem solchen Fall müßten sich die Alliierten sofort beraten, um sich darüber klarzuwerden, ob man mit einer derartigen Gruppe verhandeln oder aber den Krieg bis zur vollständigen Besetzung Deutschlands fortsetzen solle.
Wie man sieht, hat die Konferenz von Anfang an den Charakter angenommen, den sie nicht mehr verlieren sollte: eine Art zusammenhangloser Unterhaltung. Roosevelt leitete die Diskussionen zu lässig, bisweilen sogar unbekümmert. Aber Stalin kam das zustatten, denn die mangelnde Straffheit der Diskussionsleitung erlaubte ihm, jederzeit Schwierigkeiten zu umgehen.
Immerhin gelingt es Churchill in einem günstigen Augenblick dieser zweiten Vollsitzung, Stalin die Zustimmung zu einer französischen Besatzungszone abzuringen. Stalin macht allerdings zur Bedingung, daß Amerikaner und Engländer jeweils einen Teil ihrer eigenen Zone an Frankreich abtreten.
"Sonst kommen noch andere Staaten und wollen eine Zone haben", brummt er. "Und dann, wenn Frankreich erst einmal eine Zone hat, wird es auch an dem von uns einzusetzenden Kontrollapparat teilhaben wollen. Meinetwegen lassen Sie sich bei Ihren Besatzungsaufgaben vor Franzosen, Holländern oder Belgiern helfen, aber es kommt nicht in Frage, ihnen irgendwelche Rechte in der Kontrollkommission zuzuerkennen."
Churchill ist indes nicht der Mann, der sich leicht unterkriegen läßt. Er gibt nicht nach, ehe er nicht eine präzisere Antwort erlangt hat: "Frankreich hat mit Deutschland reiche Erfahrungen gemacht. Wir wissen nicht, wie lange amerikanische Soldaten auf deutschem Boden bleiben werden. Also ist es von kapitaler Bedeutung, daß die französische Armee verstärkt wird und einen Teil der Besatzungsbürden übernimmt."
Stalin wendet sich an Roosevelt: "Wie lange, Präsident, gedenken Sie, eine Besatzungstruppe in Deutschland zu unterhalten?"
Roosevelt: "Volk und Kongreß werden mich rückhaltlos bei der Etablierung des Friedens unterstützen, aber es wird mir unmöglich sein, von ihnen die Zustimmung für eine längere Truppenstationierung in Europa zu erlangen: höchstens für zwei Jahre."
Als Churchill erneut darauf drängt, der französischen Armee eine Besatzungszone zuzuteilen, wird Stalin ärgerlich: "Sie wollen Frankreich eine Zone geben. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Aber es muß lediglich eine Geste bleiben; Frankreich darf daraus keinen Rechtsanspruch ableiten. Ganz entschieden wende ich mich gegen einen Sitz Frankreichs in der interalliierten Kontrollkommission. Der steht ihm noch weniger zu als Polen oder Jugoslawien. Was hat es in diesem Kriege schon geleistet? Vergessen wir nicht, daß es dem Feind Tür und Tor geöffnet hat. Großbritannien und Rußland würden nicht so große Verluste und Zerstörungen gehabt haben, wenn sich die Franzosen entschlossen zur Wehr gesetzt hätten ... Und selbst heute noch hat Frankreich nur neun Divisionen an der Front, Lublin dagegen zehn!"
Der britische Premier läßt sich indes durch Stalins Ausfall nicht entmutigen: "Frankreich eine Besatzungszone zu geben und ihm gleichzeitig einen Sitz in der Kontrollkommission zu verweigern, wäre eine unnötige Demütigung und zudem eine Quelle immer wiederkehrender Komplikationen. Frankreich bleibt nun mal Deutschlands größter Nachbar. Es ist unmöglich, lebenswichtige Entscheidungen für Europa zu treffen, ohne Frankreich zu konsultieren. Früher oder später wird Frankreich wieder seinen Platz unter den großen Nationen einnehmen."
Stalin weicht keinen Zoll von seinem Standpunkt und fügt lächelnd hinzu: "Die Großen Drei sollten einen geschlossenen Klub bilden, in den nur aufgenommen werden kann, der über fünf Millionen Soldaten verfügt." "Drei", berichtigt sogleich Churchill, der Großbritanniens Grenzen kennt.
Hopkins schiebt Roosevelt eine Notiz zu:
Herr Präsident,
versprechen Sie eine Zone ... Aber könnten Sie nicht hinzusetzen, daß Frankreichs Teilnahme an der Kontrollkommission später erörtert werden könnte?
Harry
Roosevelt zögert keine Sekunde, den Hopkins-Kompromiß vorzuschlagen: "Ich bin dafür, Frankreich eine Besatzungszone zu geben und die Diskussion über seine Beteiligung am Kontrollapparat zurückzustellen. Es könnten noch andere daran teilnehmen wollen. Zum Beispiel bin ich der Ansicht, daß man den holländischen Bauern, die durch die vorsätzliche Zerstörung der Deiche ruiniert worden sind, zum Ausgleich deutsches Land zur Verfügung stellen sollte. In solchem Falle könnten die Niederländer ebenfalls einen Sitz im Kontrollapparat beanspruchen."
Churchill bleibt die Sprache weg. An seiner Stelle spricht Eden: Wie könne man die Franzosen vom Kontrollapparat ausschließen, wenn man ihnen eine Zone zuerkenne? Das sei widersinnig. Wer solle in einem solchen Fall die Verwaltungstätigkeit in ihrer Zone kontrollieren?
Stalin: "Jeweils die Großmacht, die ihnen die Zone einräumt."
Eden: "Das ist unsererseits unmöglich; niemals könnten wir auch im entferntesten daran denken, Frankreich, ganz gleich in welcher Sache, britischer Kontrolle zu unterwerfen."
Aber schließlich bleibt es doch bei dem Hopkins-Roosevelt-Kompromiß, und man geht zu einer anderen Frage über: zu den Kriegsschäden und Reparationen.
Roosevelt erklärt, daß für Amerika Reparationsleistungen in der Form von Gestellung von Arbeitskräften niemals in Frage kämen.
Daraufhin erläutert Maiski den russischen Plan. Er sehe, so sagt er, zwei Kategorien vor: erstens Entnahmen aus dem deutschen Nationalvermögen in Gestalt von Fabrikanlagen, Maschinen der Schwerindustrie, Werkzeugmaschinen, rollendem Material und Auslandsinvestitionen, und zwar für die Dauer von zwei Jahren nach Beendigung der Feindseligkeiten; zweitens Sachleistungen für die Dauer von zehn Jahren.
Es sei auch notwendig, die deutsche Schwerindustrie um 80 Prozent zu reduzieren, alle Werke, die für die Rüstung gearbeitet hätten, zu internationalisieren, die gesamte Industrieproduktion streng zu überwachen und Deutschland die Herstellung von Munition und synthetischem Treibstoff ganz zu untersagen. Ferner müßten alle Unternehmen, die für Kriegszwecke benutzt werden könnten - Flugzeugwerke, Automobilfabriken-, stillgelegt werden.
Maiski beziffert die Höhe der Reparationen, die die Sowjets fordern, auf eine Gesamtsumme von zehn Milliarden Dollar.
Churchill wendet sofort ein, er erkenne zwar an, daß Rußland in einem großen Teil seines Territoriums schwere Verheerungen erlitten habe, doch schwer gelitten hätten auch Großbritannien, Frankreich, Belgien, Holland und Norwegen. Aber sei es nicht angebracht, sich an die traurige Erfahrung mit den Reparationen des letzten Krieges zu erinnern? Deutschland habe damals seine Reparationszahlungen zu einem großen Teil mit Anleihen aus den Vereinigten Staaten decken müssen. Solle dieser Fehler noch einmal gemacht werden? Und wer solle ein Deutschland ernähren, das man der Verelendung und der Hungersnot preisgebe? Man müsse realistischer denken. "Wenn man will, daß ein Pferd den Karren zieht, muß man ihm zunächst einmal Futter geben."
"Wenn aber das Pferd sich umdreht und nach hinten ausschlägt?" fragt Stalin.
Roosevelt legt ausführlich den amerikanischen Standpunkt dar, Amerika wolle nicht wieder wie nach dem ersten Krieg viel Geld verlieren. Es fordere keine Reparationen. Es verzichte darauf zugunsten anderer Nationen, die so große Verluste erlitten hätten. Wohl aber werde er, Roosevelt, um ein Gesetz einkommen, nach dem das gesamte deutsche Eigentum in den Vereinigten Staaten zu beschlagnahmen sei. Andere Absichten habe er nicht.
Man möge ihn nicht mißverstehen: "Wir müssen an die Zukunft Deutschlands denken. Wir wollen das deutsche Volk nicht umkommen lassen. Wir wünschen, daß Deutschland leben kann, aber keinen höheren Lebensstandard hat als den der Sowjet-Union. Ich stelle mir ein Deutschland vor, das sich selbst erhält, aber nicht verhungert. Lassen wir ihm genügend Industrie und Arbeitsmöglichkeit, um es vor dem Verhungern zu bewahren."
Maiski kommt wieder auf seine Vorschläge zurück. Was seien schon zehn Milliarden Dollar? Kaum zehn Prozent des diesjährigen amerikanischen Budgets. Sie entsprächen kaum der Höhe der britischen Kriegsausgaben für sechs Monate. "Auch wir wollen lediglich verhindern, daß Deutschland einen höheren als den mitteleuropäischen Lebensstandard hat. Dabei braucht es nicht zu verhungern. Es steht ihm frei, seine Leichtindustrie und Landwirtschaft zu entwickeln."
Schließlich stimmen alle der Bildung einer "Reparationskommission" mit Sitz in Moskau bei. Und Maiski und Stalin werden zu dem Zugeständnis bewogen, daß die Zahl von zehn Milliarden Dollar lediglich als Diskussionsgrundlage zu betrachten sei.
Die Sitzung wird 19.45 Uhr aufgehoben.
Stalin und Churchill verlassen das Palais Liwadia unverzüglich, um ihre Quartiere aufzusuchen. Die Amerikaner bleiben beim Abendessen unter sich.
Wie jeden Abend überläßt sich Roosevelt auch heute den Händen seines Masseurs, des ehemaligen Sanitäters George Fox, den die Marine 1932 ins Weiße Haus versetzt hat und der seit kurzem in der Rangliste als "Physiotherapeut" geführt wird, damit er die ihm auf Veranlassung seines hohen Patienten verliehenen Majorstressen tragen kann.
Wieder muß Roosevelt, während er sich entspannt, über sein gigantisches Projekt nachdenken: Wird es ihm gelingen, etwas von seiner glühenden Begeisterung für die Organisierung eines "dauerhaften Friedens" auf Stalin zu übertragen? Sollte es nicht möglich sein, in einem Mann, dessen Vaterland so verwüstet worden war, zumindest eine Spur von Enthusiasmus für ein ebenso großzügiges wie humanes Vorhaben zu wecken?
Ihn selbst hatte die Idee so ergriffen, daß er trotz seiner Krankheit eine gefahrvolle und mühselige Reise von 5700 Meilen unternahm, um der Welt der "Mißtrauischen" seine Friedensbotschaft zu überbringen und ihr seine aufrichtige Freundschaft anzubieten.
DRITTER TAG
Dienstag, 6. Februar
Die Damen haben einen Spaziergang gemacht, Mrs. Boettiger, geborene Roosevelt, Mrs. Sarah Oliver, geborene Churchill, und Miss Harriman sind in Begleitung von Mr. Spaman im Wagen bis nach Sewastopol gefahren, um sich den Hafen und die Ruinen anzusehen. Dann sind sie zu Fuß durch die Straßen von Sewastopol geschlendert. Frau Boettiger hat einem kleinen Mädchen eine Tafel Schokolade geschenkt.
Kurz nach ihrer Rückkehr ins Palais bringt eine junge Russin in Uniform die Schokolade zurück und bemerkt: "Den russischen Kindern fehlt es an nichts ..."
Die Militärs haben sich um 10 Uhr unter dem Vorsitz von Admiral Leahy in der Villa Woronzow versammelt. Der erste Teil der Besprechungen gilt einer Verbesserung der Verbindung zwischen den Stäben der anglo-amerikanischen und russischen Armeen.
Um versehentliche Luftangriffe auf verbündete Einheiten zu vermeiden, schlägt Antonow die Festsetzung einer Bombardierungsgrenzlinie Stettin-Berlin-Wien-Agram vor.
General Kuter gibt zu bedenken, daß ein solches System zu starr sei und es besser wäre, wenn die anglo-amerikanischen Luftstäbe über die Positionen der Roten Armee von Tag zu Tag informiert würden. Des weiteren sei gegen die von Antonow vorgeschlagene Linie einzuwenden, daß den anglo-amerikanischen Luftstreitkräften wichtige strategische Ziele östlich dieser Linie verschlossen sein würden; zum Beispiel die in Pölitz und bei Dresden liegenden Produktionszentren für klopffestes Benzin.
Schließlich entscheidet man sich für eine Lösung, die Antonows und Kuters Vorschläge miteinander verbindet: Anstelle einer Abgrenzungslinie soll nur eine Leitlinie festgelegt werden, und die Luftwaffenstäbe sollen so eng zusammenarbeiten, daß die Operationen der sowjetischen Truppen nicht behindert werden. Ein Ausschuß soll die Einzelheiten ausarbeiten.
Den anderen Teil der Besprechung bilden eine lange Ausführung des Admirals King über die Operationen im Pazifik, ein Bericht General Kuters über die seit 1944 gegen Japan operierenden schweren US-Langstreckenbomber sowie Erläuterungen Brookes, Marshalls und Portals zu den Feldzügen in Burma und in China.
Die Probleme des Fernen Ostens lassen die sowjetischen Militärs offenbar kalt; jedenfalls machen sie nur beiläufige Kommentare hierzu. Antonow fragt lediglich, ob nicht durch eine Intensivierung des Krieges gegen Japan das Kriegsende an der Hauptfront, in Europa, verzögert werden würde.
Als Manshall erwähnt, daß sich gegenwärtig der amerikanische General Wedemeyer bemühe, die verschiedenen Einzelaktionen der chinesischen Streitkräfte zu koordinieren, bleiben die Sowjets eisig. Sie wünschen offenbar das Thema zu wechseln.
Die Außenminister haben sich mittags im Solarium des Grand Palais zu ihrer täglichen Sitzung mit anschließendem Frühstück zusammengefunden. Sie bemühen sich um die Abfassung eines Textes, welcher der Vorstellung der Großen Drei über die Zerstückelung Deutschlands entspricht.
Molotow hat einen Satz vorgeschlagen, gegen den Eden Einwände erhebt. Der Satz lautet: "Zur Sicherstellung des Friedens und der Sicherheit Europas sind Maßnahmen zur Zerstückelung Deutschlands zu treffen." Eden sagt, ein solcher Satz binde die drei Mächte in zu großem Maße, noch ehe die Frage gründlich durchdacht sei.
Da die drei Minister sich nicht einigen können, beschließen sie, die Frage an die EAC (Europäische Beratungskommission) zu verweisen oder eine Sonderkommission mit ihrem Studium zu betrauen.
Rasch einig sind sie sich dagegen über den Wortlaut einer vorläufigen Presseveröffentlichung zur Unterrichtung der Weltöffentlichkeit über die Jaltakonferenz (siehe Kasten Seite 95).
Kurz nach 16 Uhr beginnt die Plenarsitzung. In dem großen offenen Kamin flackert das Feuer brennender Holzscheite.
Stalin trägt einen schlichten khaki braunen Uniformrock mit hochgeschlossenem Kragen und auf der Brust einen einzigen Orden. Er raucht unaufhörlich, mal russische Zigaretten, mal die amerikanischen, die ihm Roosevelt anbietet, und kritzelt fortgesetzt mit seinem Rotstift.
Churchill ist munterer denn je. Seine Wangen haben sich gerötet. Wenn er sich erregt, gleitet ihm die Brille auf die Nasenspitze. Dann schiebt er sie mit einer zornigen Bewegung seines Zeigefingers wieder nach oben, um im Sprechen fortzufahren, wobei er sich gefallen lassen muß, daß ihm die Dolmetscher das Wort abschneiden. Unterdessen rutscht er auf seinem Stuhl hin und her und trommelt Marschrhythmen auf den Tisch.
Roosevelt scheint sich wohl zu fühlen. Seine Augen glänzen hinter dem Kneifer wie in alten Tagen. Heute ist sein Tag: Die Organisation der Vereinten Nationen steht zur Debatte. Während die Dolmetscher übersetzen, beugt er sich zu seinen Nachbarn Harriman, Hiss oder Bohlen hinüber und gibt ein Bonmot über Churchills Grimassen zum besten.
Die Ehre, Roosevelts großen Traum zu erläutern, ist Stettinius zugefallen.
Die Auseinandersetzung zwischen Russen und Anglo-Amerikanern über die Vereinten Nationen bewegen sich hauptsächlich um die eine Frage: Anwendung des Vetos im Sicherheitsrat.
Die Russen fordern, daß die Großmächte bei einem zur Debatte stehenden Problem ein Veto einlegen können, bevor es auf die Tagesordnung der Organisation gelangt.
Engländer und Amerikaner hingegen sind der Ansicht, daß man in einer wahren Demokratie der Diskussion über jedes Problem freien Lauf lassen muß: Nach ihrer Meinung darf ein Veto erst nach der Debatte und der Abstimmung in der Vollversammlung ausgesprochen werden. Sie meinen auch, daß in einer Angelegenheit, die eine der Großmächte unmittelbar betrifft, diese kein Vetorecht haben dürfe.
In Hinsicht auf diesen letzten Punkt jedoch hat Roosevelt im Dezember Stalin wissen lassen, daß er zu einer Konzession bereit sei: Er wolle dem russischen Standpunkt, wonach das Veto ein ständiges Recht und ohne Ausnahme anwendbar sein solle, etwas entgegenkommen.
Was Stettinius jetzt in einem langen Bericht entwickelt, ist die in diesem Sinne revidierte amerikanische Stellungnahme.
Churchill unterstützt sie sofort mit seinem ganzen Elan:
"Die Großen Drei haben die vornehme Pflicht, ihren Stolz als Großmacht dieser großen Idee unterzuordnen ... Wir würden ein Unrecht begehen, wenn wir nicht Vorkehrungen träfen dahingehend, daß die kleinen Länder ihre Beschwerden frei vortragen können ... Die drei Großmächte dürfen sich nicht als Herren der Welt aufspielen, ohne den anderen Völkern zu erlauben, ihren Standpunkt zur Geltung zu bringen ... Wenn China zum Beispiel die Rückgabe Hongkongs verlangt, dann wäre es nicht gerecht, China die Möglichkeit zu verwehren, seine Auffassung klar darzulegen ... "
Stalin: "Das verstehe ich nicht ... Denn China wird sich nicht damit zufriedengeben, lediglich seine Meinung in bezug auf Hongkong zu äußern, sondern es wird eine Entscheidung erwarten, durch die es Hongkong endlich zurückerhält. Wir sind wie China: Wir sind weniger an Diskussionen als an Entscheidungen interessiert."
Churchill: "Nach Ihrem System wird es nicht nur keine Diskussionen, sondern auch keine Entscheidungen geben."
Stalin: "China wird in dem erwähnten Fall eine Entscheidung zu seinen Gunsten wollen und nichts anderes. Und ebenso Ägypten im Fall des Suezkanals."
Damit ist plötzlich ein scharfer Ton in die Diskussion gekommen. Roosevelt bemüht sich, die Gemüter zu beruhigen. Aber Engländer und Russen beharren auf ihren entgegengesetzten Standpunkten.
Stalin erklärt beharrlich, die Hauptsache sei, künftig Streitigkeiten unter den drei Großmächten zu verhindern. Denn die größte Gefahr bestünde fortan nicht mehr in einem Konflikt zwischen kleineren Nationen, sondern zwischen den drei hier vertretenen Großmächten. Daher sei es besser, zunächst einen soliden Pakt zur Verhütung eines Konflikts zwischen den drei Großmächten auszuarbeiten, statt sich um eine Weltorganisation der Völker zu bemühen.
Roosevelt ist erschüttert. Ebensogut hätte Stalin sagen können, er nähme derartige Utopien nicht ernst.
An diesem Punkt wird die Diskussion unterbrochen. Als sie wieder aufgenommen und das sehr heikle polnische Problem angeschnitten wird, ist die Atmosphäre noch gespannt.
Roosevelt bringt die Frage mit äußerster Behutsamkeit zur Sprache.
Das amerikanische Volk, erklärt er, sei im allgemeinen bereit, als Ostgrenze Polens die Curzon-Linie anzuerkennen. "Wenn aber die Sowjetregierung ein Zugeständnis in bezug auf Lemberg und die Ölvorkommen in der Provinz Lemberg macht, so würde das eine sehr begrüßenswerte Wirkung haben. Ich gebe diesen Vorschlag lediglich zur Erwägung; ich bestehe nicht unbedingt darauf."
Er spricht den Wunsch aus, daß in Polen eine repräsentative Regierung gebildet werde, die die Unterstützung aller Großmächte finden könnte. In jedem Fall sei es sehr wünschenswert, wenn Polen die freundschaftlichsten Beziehungen zur Sowjet-Union unterhalte und mit ihr zusammenarbeite.
Beiläufig bemerkt Roosevelt, er persönlich kenne weder die Mitglieder der Londoner Exilregierung noch die der Lubliner Regierung; von den führenden Politikern Polens sei ihm nur Mikolajczyk begegnet, und dessen Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit habe ihn sehr beeindruckt.
Churchill überbietet Roosevelt und erklärt, er habe im Unterhaus und anderswo immer wieder betont, daß die britische Regierung für die Curzon -Linie eintrete und sogar dafür sei, Lemberg der Sowjet-Union zu überlassen. Er sei deshalb heftig kritisiert worden, aber er halte an seiner Meinung fest, daß angesichts der großen Opfer, die Rußland in diesem Krieg gebracht habe, die Festlegung der Curzon-Linie "nicht eine Entscheidung der Macht, sondern eine solche der Gerechtigkeit" wäre,
Wenn allerdings, fügt er hinzu, die mächtige Sowjet-Union eine Geste des Wohlwollens gegenüber einem viel schwächeren Lande machen und zum Beispiel auf Lernberg verzichten könne, werde ein solch großzugiger Akt freudig begrüßt, ja bewundert werden. Aber wenn die Sowjet-Union ihren Anspruch auf Lernberg aufrechterhalte, so werde er, Churchill, kein Drama daraus machen.
Sehr viel mehr als an den Grenzen Polens sei ihm an der Souveränität und Unabhängigkeit der polnischen Nation gelegen: In erster Linie wolle er die Polen wieder in einem eigenen Heim sehen, in dem sie sich nach eigenem Gefallen einrichten könnten. Diesem Ziel habe er im übrigen auch Marschall Stalin häufig zustimmen hören, zu dessen Erklärungen er volles Vertrauen habe.
Man dürfe nicht vergessen, daß Großbritannien in den Krieg eingetreten sei, um Polen gegen Hitlers Aggressionsabsichten zu schützen, und das zu einer Zeit, in der eine solche Entscheidung sehr riskant war. Daher betrachte Großbritannien die Wiederherstellung eines völlig unabhängigen polnischen Staates als eine Ehrensache.
Andererseits würde in London niemand dulden, daß die Freiheit Polens eines Tages für gegen die Sowjet-Union gerichtete feindselige Pläne oder Intrigen ausgenützt werde.
Er müsse noch bemerken, fährt Churchill fort, daß die britische Regierung zwar die polnische Exilregierung in London anerkannt habe, jedoch keine engen Kontakte mit ihr unterhalte. Ihm selbst seien Mikolajczyk, Grabski und Romer persönlich bekannt; er halte sie für anständige, ehrenhafte Männer und glaube, daß sie geeignet seien, bei der Bildung einer polnischen Regierung mitzuwirken. Zunächst müsse eine provisorische Regierung gebildet werden, an deren Stelle dann später eine nach den Spielregeln der Demokratie aus freien Wahlen hervorgegangene Regierung treten könne.
An diesem Punkt bittet die sowjetische Delegation um eine zehnminütige Unterbrechung der Sitzung zwecks Beratung. Nach dieser Pause ergreift Stalin das Wort.
Churchill habe gesagt, beginnt er, für Großbritannien sei die polnische Frage eine solche der Ehre. Für Rußland jedoch sei sie sowohl eine Frage der Ehre wie auch der Sicherheit: der Ehre, weil die Sowjet-Union alle Anlässe, die in der Vergangenheit zu Streitigkeiten mit Polen geführt hätten, beseitigt zu sehen wünsche; der Sicherheit, weil polnisches Territorium im langen Verlauf der Geschichte immer wieder das Durchmarschgebiet für Angriffe gegen Moskau gewesen sei.
Es müsse daran erinnert werden, daß sich die deutschen Armeen während der letzten dreißig Jahre zweimal dieses Korridors bedienten. Und zwar, weil Polen schwach gewesen wäre.
Da es den russischen Armeen allein unmöglich sei, den westlichen Zugang zu jenem Korridor zu sperren, so könnte dies nur mit den Streitkräften eines stark, unabhängig und demokratisch gewordenen Polens geschehen.
"Das ist nicht nur eine Frage der Ehre für Rußland, sondern eine solche auf Leben und Tod." Daher verfolge die Sowjet-Union eine andere Politik als die Zaren, die nur daran gedacht hätten, die Polen zu unterdrücken und zu assimilieren.
Infolgedessen seien, nach Erwägung all dieser Gesichtspunkte, die zu treffenden Entscheidungen in seinen, Stalins, Augen ganz einfach.
In bezug auf die Curzon-Linie, die etwaigen Konzessionen im Falle. Lembergs und Churchills Anspielung auf "einen großzügigen Akt unsererseits" sei es notwendig, daran zu erinnern, daß die Curzon-Linie nicht von den Russen, sondern von dem Engländer Curzon und dem Franzosen Clemenceau festgelegt worden sei. Die Russen habe man damals nicht zu Rate gezogen, und es sei gegen ihren Willen zu der Curzon-Linie gekommen Schon Lenin habe gegen diese Grenzlinie protestiert, da durch sie, die Woiwodschaft Bialystok Polen zugefallen sei.
"Wir sind also bereits im Begriff, von Lenins Stellung abzuweichen. Sollen wir etwa weniger Russen sein als Curzon und Clemenceau?" Wenn er, Stalin, so etwas akzeptiere, "wie könnten wir dann nach Moskau zurückkehren und dem Volk in die Augen sehen, das sagen würde, Stalin und Molotow haben die russischen Interessen weniger verteidigt als Curzon und Clemenceau?"
Der sowjetischen Delegation sei es daher unmöglich, einer Änderung der Linie zuzustimmen. Lieber werde Rußland den Krieg fortsetzen, und wenn er noch soviel Blut koste, um Polen mit deutschen Gebieten zu entschädigen. Er schlage vor, schon jetzt auf der Konferenz die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze festzulegen.
Was die polnische Regierung angehe, so müsse sich Churchill wohl versprochen haben. Denn wie könne man, wie der britische Premier vorgeschlagen, hier in Jalta eine polnische Regierung aufstellen? Dazu müßten doch ganz offenkundig erst die Polen selbst gefragt werden. "Ich werde ein Diktator genannt, aber ich habe genug demokratisches Gefühl, um einen derartigen Gedanken zurückzuweisen."
Im vergangenen Herbst habe es in Moskau eine gute Chance gegeben, die verschiedenen polnischen Gruppen, zu vereinen. Wie Churchill sich noch erinnern werde, sei bei dem Zusammentreffen zwischen Mikolajczyk, Grabski und den Lublin-Polen Übereinstimmung in verschiedenen Punkten erzielt worden.
Doch leider sei Mikolajczyk, kaum nach London zurückgekehrt, von den Exilpolen desavouiert worden, und er habe den Posten des Ministerpräsidenten niederlegen müssen. Und der jetzige Ministerpräsident Arciszewski wie auch der Staatspräsident Raczkiewicz sind nicht nur einer Übereinkunft mit Lublin, sondern allein schon dem Gedanken an eine solche Übereinkunft abgeneigt.
Arciszewski hat die Lublin-Polen "Banditen" und "Verbrecher" tituliert. Es dürfte daher schwierig sein, sie zusammenzubringen. Die jetzt in Warschau installierten Lublin-Polen Bierut und Osobka-Morawski wollen nichts von einer Fusion mit der Londoner Regierung wissen. Notfalls würden sie sich mit Jelikowski oder Grabski abfinden, nicht aber mit Arciszewski oder Mikolajczyk.
Es sei sinnlos, die Sache noch mehr zu komplizieren. Er, Stalin, sei für die Anerkennung der derzeitigen Warschauer Regierung, die mindestens so demokratisch sei wie in Frankreich die provisorische Regierung des Generals de Gaulle. Sein Vertrauen gelte lediglich der Warschau-Lublin-Regierung, denn die Agenten der Londoner Regierung, die behaupteten. Agenten der Widerstandsbewegung zu sein, konzentrieren ihre ganze Energie darauf, Soldaten der Roten Armee zu töten und Sabotageakte gegen die Versorgungsbasen der sowjetischen Truppen zu verüben.
Stalin hat kalt und mit gesenktem Blick gesprochen. Während der letzten Sätze hat Hopkins Präsident Roosevelt eine seiner rasch hingeworfenen Notizen zugeschoben:
Herr Präsident,
wollen wir nicht heute mit dieser Geschichte Schluß machen, da Stalin in solchem Zustand ist, und sagen, wir wollten morgen noch einmal darüber sprechen? Es ist 7.15 Uhr
Harry
Churchill erwidert dem sowjetischen Premier, nach den besten ihm vorliegenden Informationen habe er den Eindruck, daß die Lublin-Regierung nicht mehr als ein Drittel der Bevölkerung repräsentiere und daß sie sich nicht an der Macht halten könnte, wenn das polnische Volk seine Meinung frei äußern dürfe.
Er sei ebenfalls dafür, daß jeder, der einen Soldaten der Roten Armee angreife, bestraft werde, aber er müsse mit aller Entschiedenheit wiederholen, daß die britische Regierung die Lublin -Regierung nicht anerkennen könne.
Stalin schickt sich zu einer Entgegnung an, aber Roosevelt empfiehlt dringend, die Diskussion in der Plenarsitzung des nächsten Tages fortzusetzen, und so wird die Konferenz vertagt.
Stalin besteigt mürrisch den Wagen, der ihn zur Villa Koreis bringt, und alle Russen tragen eisige Mienen zur Schau.
Churchill wird, kaum daß er sich wieder zwischen den vier Wänden des Fürsten Woronzow befindet, von einem seiner schlimmsten Zornesausbrüche gepackt.
Dann erscheint RAF-Marschall Sir Charles Portal (Spitzname in London: "Bombenportal") und verkündet aufgeregt, im großen Aquarium der Halle seien plötzlich Scharen von Goldfischen. Am Abend vorher habe er im Gespräch mit Russen seine Verwunderung darüber geäußert, daß das schöne Aquarium nur Wasser und Pflanzen, aber keine Fische enthalte ...
Diese Entdeckung stellt in der britischen Delegation die gute Stimmung wieder her.
Jemand erzählt noch eine ähnliche Geschichte: Am Sonntag habe Admiral Leahy im Beisein des russischen Dolmetschers Pawlow vergeblich um eine Scheibe Zitrone für den Tee gebeten. Am nächsten Morgen habe der Admiral vor seiner Tür in einem frisch mit Humus gefüllten Kubel einen herrlichen Zitronenbaum vorgefunden ...
Roosevelt ißt in kleinem Kreis zu Abend. Nach dem Essen läßt er sich im Rollstuhl ins Zimmer von Hopkins fahren, der, im Bett liegend, einen persönlichen Brief des Präsidenten an Stalin entworfen hat. Der Brief enthält den Vorschlag, im Namen der Großen Drei folgende Polen nach Jalta einzuladen: Bierut und Osobka-Morawski von der Lublin-Regierung sowie andere Persönlichkeiten, wie den Erzbischof Sapieha von Krakau, Andrzej Witos, Zurlowski und die Professoren Bujak und Kutzeba.
Dann könne die Frage erörtert werden, wie weit sich die Vereinigten Staaten und Großbritannien "von der Londoner Regierung distanzieren und der Anerkennung der neuen provisorischen Regierung nähertreten könnten".
Das ist ein großes Entgegenkommen und sehr dazu angetan, Stalin darin zu bestärken, daß die von ihm angewandte Taktik die wahrhaft beste sei.
Der von Roosevelt unverzüglich unterzeichnete Brief wird durch Sonderkurier in die Villa Koreis gesandt.
IM NÄCHSTEN HEFT:
Molotow fordert zehn Milliarden Dollar von den Deutschen - Streit um die Oder-Neiße-Grenze - Wodka -Porty bei Stalin - Churchill-"Deutsche Kriegsverbrecher sofort erschießen"
Copyright by Karl Rauch Verlag, Düsseldorf. Aus dem Französischen von Wilhelm und Modeste Pferdekamp.
** Alger Riss, Beamter im State Department, hatte die amerikanischen Akten für die Konferenz von Jalta vorbereitet und wurde von Roosevelt häufig konsultiert. Er setzte sich energisch für freundschaftliche Beziehungen zu Sowjetrußland ein. Welche Bedeutung die US-Delegation ihm beimaß, zeigt die Verteilung der Telephonanschlüsse in Schloß Liwadia: Roosevelt Nr. 1, Hopkins Nr. 2, Leahy Nr. 3, Riss Nr. 4. - Im Mai 1945 saß Riss der Uno in San Francisco vor. Im Jahre 1948 wurde er von ehemaligen Sowjetagenten bezichtigt, Chef der Sowjetspionage in der westlichen Welt zu sein, und ein Jahr später von einem Schwurgericht, in New York zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.
Sektfrühstück im Billardsaal von Liwadia am 11. Februar 1945*: "Um den Frieden zu sichern ...
... muß Deutschland zerstückelt werden": Amerikaner an der Saar, Sowjetsoldaten in Königsberg, Februar 1945
Roosevelt-Ankunft auf dem Flugplatz Saki bei Jalta*: "Der Adler soll die kleinen Vögel singen lassen"
Deutschland-Besetzer de Gaulle
"Aus Freundlichkeit eine Zone?"
US-Bombenangriff auf Berlin: "Sieg über Deutschland ...
... frühestens im Sommer, spätestens im Winter 1945": Stalinorgeln an der Oder
Jalta-Diner der Drei*: "Auf das Wohl der Proletarier"
Außenminister Eden, Stettinius, Molotow: "Der Lebensstandard der Deutschen ...
... soll den der Russen nicht übersteigen" Militärberater Leahy, Brooke, Antonow
Tagungsort und Roosevelt-Residenz Schloß Liwadia: Vorsorglich entwanzt
Roosevelt-Berater Hopkins
Ein Kranker berät einen Kranken
Churchill-Tochter Sarah
Roosevelt-Tochter Anna Harriman-Tochter Mary
Jalta-Besucherinnen: "Den russischen Kindern fehlt es an nichts"
London-Pole Mikolajczyk, Ehefrau, Lublin-Pole Bierut: "Polens Kommunisten sind so demokratisch wie de Gaulles Regierung"
Leidender Roosevelt: Reise um die Welt für einen großen Traum
* Von rechts: Molotow, Churchill, Roosevelt, Stalin, Dolmetscher Pawlow, Eden (halb verdeckt); im Vordergrund (mit weißem Haar) Stettinius.
* Links: Molotow, Churchill. Hinter dem Jeep die Leibwache aus dem Weißen Haus.
Rechts: Sowjetische Ehrenformation.
* Von rechts: Churchill mit Kaviartopf, Roosevelt, Stalin.
Von Arthur Conte

DER SPIEGEL 16/1965
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