21.04.1965

GESELLSCHAFT / DO IT YOURSELF

Die Axt im Koffer

(siehe Titelbild)

Jeder zweite westdeutsche Bundesbürger macht es selbst: Jeder zweite sägt, feilt, hobelt, bohrt, pinselt oder repariert sein Auto selber. Jeder zweite Mann, so stellte das Allensbacher Institut für Demoskopie fest, ist Mitglied einer Massenbewegung, die sich nach amerikanischem Muster "Do it yourself" nennt - einer Bewegung ohne Fahnen und ohne Mitgliedsbuch, die sich in wenigen Jahren zu einem neuen Wirtschaftsfaktor entwickelte.

Über die Pinselborsten und durch die Spritzpistolen der Laien floß im vergangenen Jahr so viel Farbe, daß man damit eine Kesselwagen-Schlange füllen könnte, die von Hamburg bis Bremen reicht. Laien-Tapezierer klebten 40 Millionen Rollen Tapeten an die Wände - aneinandergelegt 224 Quadratkilometer, fast so groß wie die Stadtfläche von Köln.

Die westdeutschen Amateurschreiner und Wochenend-Zimmerleute zersägten 140 000 Kubikmeter Spanplatten; daraus ließe sich eine Pyramide in Mont-Blanc-Höhe mit 87,3 Quadratmeter Grundfläche errichten.

Nach den USA und nach England hat sich die Bundesrepublik zum drittgrößten Do-it-yourself-Markt der Welt entwickelt, auf dem die junge Branche im vergangenen Jahr für über drei Miliarden Mark Ware umsetzte. Haupttriebkräfte dieses Booms sind:

- notorischer Handwerkermangel,

- die hohen Preise für Handwerksleistungen und

- die geringe Neigung der gelernten Praktiker, kleine Reparaturen auszuführen.

In Hamburg und Stuttgart entstanden Diy(Do-it-yourself)-Zentren, deren Instrukteure Amateuren zeigen, mit welchen Instrumenten und Mitteln sie sich behelfen können, wenn die Professionellen sie im Stich lassen. Auch Warenhaus-Konzerne errichteten Selbsthilfe-Abteilungen, in denen gelernte Handwerker das Publikum aufklären.

Neben den ökonomischen Freizeit-Praktikern, die im Do-it-yourself ein notwendiges Übel sehen, werkeln in vollen Zügen, ohne Rücksicht auf den Nutzeffekt, Hunderttausende von Wohlstandsmenschen, denen daran gelegen ist, in ihrer Freizeit etwas zu tun, das sie von ihren gewohnten Geschäften ablenkt.

Seit Internisten und Psychiater alternden Patienten empfehlen, sich ein Hobby zu suchen, stellten sogar Manager und reiche Kaufleute Werkbänke in ihren Luxusbungalows auf und begannen zu sägen, zu hobeln und zu schlossern. Diese vielen Hobbyisten gaben dem Diy-Geschäft einen goldenen Boden.

Zu Westdeutschlands prominentesten Do-it-yourselfern gehört der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Dr. Fritz Neef. Unterstützt von seinen beiden Söhnen, errichtete er während des Urlaubs und in dienstfreien Stunden im Bergischen Land ein Wochenendhaus mit 115 Quadratmeter Wohnfläche. Vorher hatte er das Handbuch "Fachkunde für Maurer" studiert und eine kleine Betonmischmaschine angeschafft.

Mit Schlossern und Elektrobasteln überbrückt der Münchner Finanzier Rudolf Münemann, besonders während der hohen christlichen Feiertage, unausgefüllte Mußestunden. Nach einem Himmelfahrtstag kreuzte er einmal im Berliner Hotel Kempinski mit zerschundenen, leukoplastbeklebten Händen auf. Er hatte in seinem repräsentativen Wohn- und Geschaftshaus neue elektrische Leitungen eingezogen, nachdem ein untalentierter Handwerker beim Anbringen einer Badezimmerlampe den vom Hausherrn ausgetüftelten Schaltautomatismus lahmgelegt hatte.

Durch einen Knopfdruck entzieht der sparsame Multimillionär gewöhnlich jeden Abend vom Schlafzimmer aus jeder noch nicht abgeschalteten Glühbirne im Hause den Strom.

Münemann verfügt über eine komplette Schlosser- und Feinmechanikerwerkstatt, in der er gelegentlich Nähmaschinen, Motoren und Radiogeräte repariert. Die Schubfächer für Werkzeuge, Schrauben und Nieten sind durch eine Stahlstange mit Schloß gesichert, um zu verhindern, daß Gelegenheitsbastler der Familie sein wohlgeordnetes Instrumentarium durcheinanderbringen.

Vornehmlich mit Mosaik- und Dekorationsarbeiten befaßt sich Fernsehunterhalter Peter Frankenfeld in seiner Freizeit. Leergetrunkene Steinhägerflaschen pflegt er durch Bekleben mit bunten Glassplittern in Blumenvasen zu verwandeln. Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel streicht seine Gartenzäune selbst; als Hobby-Tischler betätigt sich der Schauspieler Paul Dahlke. "Er hat eine wundervolle Werkstatt", schwärmt seine Berliner Hausdame. "Den größten Teil davon hat er jetzt an den Grundlsee in der Steiermark verlagert, wo er sich ein Wochenendhaus errichten ließ."

In vielen Städten schlossen sich die Freunde der produktiven Freizeitbeschäftigung in Interessengemeinschaften, Klubs und Vereinen zusammen. So wurde zum Beispiel in Hamburg vor kurzem ein "Verein der praktischen Leute" gegründet, dem unter anderen" Zahnärzte und Juristen angehören.

Der neue Volkssport, der alle sozialen Schichten erfaßt hat, wurde in der Bundesrepublik von einem kleinen, einarmigen Mann kräftig vorangetrieben, dem Remscheider Werkzeug-Großimporteur Dr. Emil Lux, der schon 1954 den fruchtbaren Boden der Diy-Hochkonjunktur in den USA untersucht hatte. Dort hat die Axt im Haus seit der

Pionierzeit Tradition, als sich die europäischen Einwanderer ihre Blockhäuser und ihren Hausrat selbst zimmern mußten. Es gab zuwenig gelernte Handwerker, die ihnen die Arbeit hätten abnehmen können; viele Siedler hätten Sie ohnehin nicht bezahlen können.

Hundert Jahre später mußten sich die Nachkommen der Kolonisten - wenngleich auf viel höherer sozialer Ebene - mit denselben Problemen auseinandersetzen. Da etwa 80 Prozent der Bevölkerung in eigenen, meist hölzernen Einfamilienhäusern wohnen und alle Dienstleistungen sehr teuer und knapp sind, muß auch der gut verdienende Mittelstandsbürger einen großen Teil der erforderlichen Hausreparaturen selbst erledigen. Für Laien-Werkzeuge und Diy-Zubehör werden in den USA jährlich über 40 Milliarden Mark ausgegeben. 75 Prozent aller Anstrichfarben werden dort von Amateuren verbraucht.

Der deutsche Beobachter Emil Lux war fasziniert von der Fülle der Spezialgeräte und Hilfsmittel, die den Amerikanern die Freizeit-Arbeit erleichtern. Eine breitgefächerte Heimwerkerindustrie offeriert ihnen über 60 000 Artikel. Fast jeder Haushalt besitzt motorisierte Kombinationsmaschinen, mit denen der Hausherr bohren, sägen, fräsen, schleifen, drechseln, hobeln und sogar Hecken scheren kann. Sie sind narrensicher und leicht zu handhaben, können an jede Steckdose angeschlossen werden, lassen sich auf kleinem Raum unterbringen und schnell auf- und abbauen.

Nach dem Marktstudium knüpfte Dr. Lux sofort Geschäftsbeziehungen zu den Großproduzenten an und zog in Remscheid ein Versandhandelsunternehmen auf, das er mit amerikanischer Diy-Ware speiste. Um außer geschickten Handarbeitern auch zahlungskräftige Kunden aus höheren Sozialschichten zu gewinnen, machte er Reklame für "positive Freizeitgestaltung" und berief sich auf weise Männer, wie den englischen Nationalökonomen John Stuart Mill (1806 bis 1873) und den Franzosen Proudhon, die das Basteln als eines der besten Steckenpferde angepriesen hatten.

Bisweilen ritten sogar Könige dieses Pferdchen. Frankreichs Louis XVI.

schlosserte und reparierte Uhren, bis ihn die Republikaner 1793 auf der Place de la Revolution (heute Place de la Concorde) köpften. Auch der amerikanische Präsident Thomas Jefferson (1743 bis 1826) war leidenschaftlicher Bastler. Er konstruierte unter anderem einen "Stummen Kellner" - eine Aufzugvorrichtung, die ihm den Wein aus seinem Keller heraufschaffte.

In neuerer Zeit haben prominente Politiker, wie der ehemalige amerikainische Außenminister- Dean Acheson, Gefallen am Freizeitschreinern gefunden. Film- und Schallplattenstars, wie George Montgomery, Perry Como und Jane Russell, bauten sich nicht nur Möbel, sondern auch ihre Boote selbst.

Das deutsche Publikum reagierte aber nicht so spontan auf die Werbung wie Lux erhofft hatte. Erst allmählich nahm Ida's Interesse für die Heimwerkerei zu - genau in dem Tempo, wie die Gewerkschaften die Fünf-Tage-Woche durchsetzten und die Bausparer ihre Eigenheime bauten.

Gegenwärtig arbeiten rund neun Millionen Bundesbürger, etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen, weniger als 45 Stunden pro Woche. In Eigenheimien wohnen heute doppelt soviel Arbeitnehmer wie vor 15 Jahren. Um nahe an diesen potentiellen Kundenkreis heranzukommen, der aus praktischen Erwägungen zur Heimwerkerei neigt, verbündete sich Lux mit den Hausrat- und Eisenwarenhändlern.

Sie stellten nicht nur die amerikanischen Hilfsmittel in ihren Läden und Auslagen zur Schau, sondern ließen auch ihre Verkäufer von Lux drillen. Seine Reinscheider Verkäuferschule bildete in den letzten Jahren Bataillone von versierten, Spezialisten aus, die genau wissen, wie man Kunden einfängt und einfühlende Verkaufsgespräche führt.

Dem Zufallskunden, der nur ein Päckchen Nägel kaufen will, wird schnell ein Heimwerker-Gerät in die Hand gedrückt, das er auf einem Übungsstand ausprobieren kann. Wenn das Bohrmehl staubt und die Späne fliegen, findet selbst der ungeschickteste Büroangestellte Luxens biedere Weisheit bestätigt: "Keiner hat zwei linke Händ;e Sie können mehr, als Sie glauben."

Außerdem machte der Großimporteur die Heimwerker-Spezialitäten auch als Geschenkartikel populär. "In der Bundesrepublik werden jährlich 500 000 Ehen geschlossen, die meistens mit der Einrichtung eines eigenen Hausstandes beginnen", so rechnete er den Verkäufern vor. "Die Geschenke zu diesem Anlaß von Verwandten, Freunden, Arbeitskollegen und Arbeitgebern belaufen sich auf viele Millionen Mark. Eine moderne Werkstatt ist ein ideales Präsent."

Die amerikanischen Elektrobohrer, die sich leicht in Mehrzweckgeräte umwandeln lassen, fanden immer mehr Freunde. 1962 waren in der Bundesrepublik erst 50 000 Heimwerkermaschinen in Betrieb, heute surren schon über 1,5 Millionen in bundesdeutschen Haushalten. Luxens Umsatz stieg im vergangenen Jahr auf sechs Millionen Mark. Der Importeur glaubt fest an seine Prognose, daß der Hausroboter in wenigen Jahren den meisten deutschen Männern ebenso unentbehrlich sein wird wie der Elektrorasierer.

Seinen Lieblingsplan konnte der Remscheider Diy-Pionier jedoch bisher nicht realisieren. Er wollte in allen Städten Leihstationen für Heimwerkgerät aufziehen, wie sie in den USA und in England von dem internationalen Autoverleiher Hertz ("Rent a car") und von Tankstellenpächtern betrieben werden. Als Tagesmiete für elektrische Heckenscheren und ähnliche Werkzeuge fordern sie fünf bis sechs Mark. Der westdeutsche Fachhandel sperrte sich aber dagegen; er will verkaufen und nicht vermieten.

Mittlerweile stießen 31 amerikanische Großfirmen in Luxeng Kielwasser auf den westdeutschen Freizeitmarkt vor. Sie produzieren zum Teil sogar in dir Bundesrepublik und setzten 1964 für 150 Millionen Mark Do-it-yourself-Artikel in Westdeutschland um. An der Spitze rangiert das größte Elektrowerkzeug Unternehmen der Welt, Black & Decker, dessen Düsseldorfer Niederlassung ihre Einnahmen im Vergangenen Jahr auf etwa 15 Millionen Mark steigern konnte.

Die Rockwell Manufacturing aus Pittsburgh, die 1957 die Ilo Werke GmbH in Pinneberg und München erwarb, investierte in ihre deutschen Betriebe fund 40 Millionen Mark und stellt jetzt in München ein breites Sortiment von Diy-Heinzelmännchen her.

Freilich schlief auch die deutsche Industrie nicht. Seit vier Jahren nehmen renommierte Großunternehmen, wie die AEG und Bosch, die Do-it-yourself-Welle sehr ernst. Die AEG ließ in Winnenden bei Stuttgart eine neue Fabrik errichten, die vorwiegend Elektro-Heimwerkzeug produziert. Ihr größter Schlager ist "Die Werkstatt im Koffer" (Preis 399 bis 525 Mark), die mit den Slogans "Geschaffen für moderne Männer" und "In diesem Koffer liegt Ihre große Chance" angepriesen wird.

Eine württembergische Firma liefert Werkbänke, die man selbst zusammenbauen kann; das Fürther Versandhaus Quelle bietet sogar Betonmischmaschinen für den Laiengebrauch an. Schon bei einem Arbeitseinsatz, zum Beispiel Betonieren einer Garageneinfahrt oder eines Swimmingpools, werden die Anschaffungskosten (395 Mark) durch die Einsparung des Handwerkerlohnes fast aufgewogen.

Die Verkaufspropagandisten locken mit dem überzeugenden Argument: Nur durch Eigenhilfe und moderne Instrumente kann sich der deutsche Normalbürger heute noch aus üblen Situationen herauswinden, wenn ihn die Handwerker im Stich lassen.

Wie die Deutsche Malerzeitung" bekanntgab, muß der Bürger in der Bundesrepublik mindestens sieben Wochen auf den Anstreicher warten, auf den Tischler vier Wochen, den Fußbodenleger drei Wochen, den Klempner zweieinhalb Wochen. Vielfach vergehen darüber auch mehrere Monate.

Von Jahr zu Jahr wurde deutlicher, daß die meisten Handwerksbetriebe, wie fast alle Zweige des Dienstleistungsgewerbes, der Auftragsschwemme kaum gewachsen sind. Den 52 000 westdeutschen Malerbetrieben fehlen zum Beispiel seit Monaten 10 500 Gesellen. Das Klempnerhandwerk sucht dringend 15 000 Gesellen. Beide Handwerksgilden sind durch die anhaltende Baukonjunktur überbeschäftigt und müssen oft Reparaturaufträge auf die lange Bank schieben.

Noch übler wirkt sich der Facharbeitermangel im Kraftfahrzeughandwerk aus, das 50000 offene Stellen nicht besetzen kann. Die Zahl der Autobesitzer wächst aber, täglich weiter - und mit ihr die Misere der Werkstätten, die von ihren Kunden selbst bei kleinen Reparatüren und beim Wartungsdienst viel Geduld verlangen.

Außerdem wurden die Handwerkerrechnungen immer stärker gesalzen. Die gewerblichen Facharbeiter verschafften sich kräftigere Lohnerhöhungen als die Industriearbeiter, die in den letzten sechs Jahren durchschnittlich 55 Prozent Zulage erhielten. Im Handwerk betrugen die Lohnerhöhungen beispielsweise für

- Maler 60.5 Prozent,

- Schlosser 60 Prozent.

- Elektriker 59 Prozent,

- Tischler 57 Prozent.

Empfänger mittlerer und kleinerer Einkommen begannen zu überlegen, welche Reparaturen sie selbst ausführen können und informierten sich, wie man Wasserhähne repariert oder Parketthölzer befestigt. Buchverleger wie Otto Maier in Ravensburg brachten eine Fülle von Heimwerkerliteratur heraus, die reißend Absatz fand. Maiers alleingeführte Serie "Spiel und Arbeit" erschien bereits mit 150 Titeln - vom Spielzeugbasteln bis zum Hausbau mit Eigenhilfe. Der Münchner Verlag "Mensch und Arbeit" verkaufte sein Standardopus "Die Axt im Haus - das bewährte Buch- für die handwerkliche Selbsthilfe in allen Lebenslagen" (Preis: 24,80 Mark) schon hunderttausendmal.

Zeitschriftenverleger starteten Anleitungsmagazine mit klingendem Namen, wie "Selbst ist der Mann", "Mach mit" und "Frohe Freizeit". Sie ließen sich von den hohen Auflageziffern ähnlich gearteter angelsächsischer Zeitschriften verlocken, etwa des englischen Massen-Magazins "Do it yourself".

In Amerika gehört das Leibblatt der Eigenheimbesitzer "Better Homes and Gardens" mit rund 4,5 Millionen Beziehern zu den meistgelesenen amerikanischen Journalen. In der Bundesrepublik konnte sich jedoch nur "Selbst ist der Mann" in Darmstadt mit einer Verkaufsauflage von 150 000 Exemplaren halten.

Eine Idee der inzwischen eingegangenen "Frohen Freizeit" fiel jedoch auf fruchtbaren Boden. Die Verlagsmanager brachten vor vier Jahren die einschlägige Industrie - 186 deutsche und ausländische Firmen - dazu, in Hainburg ein Aufklärungs- und Instruktionszentrum der Heimwerkerei zu gründen. "Wir müssen die Leute handwerklich informieren, ihnen zeigen, wie sie gewisse Handgriffe ausführen müssen", so trommelte der Leiter des Zentrums, Heinz Mahncke. "Und wir müssen ihnen auch alle Materialien vorführen, die ihnen die Arbeit erleichtern."

70000 Besucher zogen bisher durch die Ausstellungsräume des Zentrums, das mit narrensicheren Hilfsmitteln vollgestopft ist. Propagandaschriften und Transparente suggerieren dem Beschauer auf Schritt und Tritt: "Mach es selber, denn Du kannst es selber; unsere Heinzelmännchen helfen Dir."

Zwei Dutzend Kunststoffkleber erleichtern zum Beispiel dem Holzbastler das Leimen. Der Darmstädter Fabrikant Krauth stellt sogar ein Synthetikum her, das Eisenteile so fest miteinander verbindet, als seien sie verschweißt. Die Farbchemie und die Kunststoffindustrie halten mehrere hundert Diy-Mittelchen parat, zum Beispiel "Teufelszeug" und "Radikalfresser", zwei Abbeizchemiekalien in Sprühdosen, mit denen man in Windeseile alte Farbreste, etwa auf Garten- und Fensterbänken entfernen kann, bevor die Holzflächen mit tropffreien Kunststoffarben neu gestrichen oder mit der Farbpistole gespritzt werden.

Der Pinsel alter Art kam aus der Mode, seit die Lammfellrolle erfunden wurde, eine flausch- oder fellbekleidete Spule mit Griff, die - mit Farbe betunkt - über Wände, Decken oder Holzflächen gerollt wird.

Um Badezimmer, Duschecken oder Küchen zu kacheln, braucht man keine gelernten Plattenansetzer (Stundenlohn acht Mark) zu bemühen. Die Keramik-Industrie liefert Wandfliesen mit Fugenabstandhaltern zum Selbstverlegen. Die Platten werden mit dem Zellulosekleister Moltofill befestigt und verfugt - einem Universalkitt, der wie Gipspulver angerührt wird.

Er haftet an jedem Material und wird vor allem zum Ebnen unglatter Flächen und zum Ausfüllen von Löchern und Ritzen im Wandputz verwendet. Man kann auch zusammenhängende Fliesen aus Kunststoff meterweise im Farbengeschäft kaufen, selbst zuschneiden und an die Wand kleben.

Eigenheimbesitzern, die es leid sind, nach jedem harten Winter die Lötstellen blecherner Dachrinnen und Regenwasserrohre von säumigen Klempnern flicken zu lassen, bieten große Kunststoff-Firmen witterungsbeständige Rinnen und Rohre aus genormtem Plastikmaterial an, das keines Anstrichs bedarf. Die einzelnen Elemente lassen sich leicht ineinanderschieben und verklammern.

Wichtiger noch als die Materialkunde sind die praktischen Anleitungen, die das Do-it-vourself-Zentrum den interessierten Laien erteilt. In Abendkursen geben Fachleute Elementarunterricht in den verschiedensten handwerklichen Disziplinen, vom Hobeln bis zum Schweißen und Löten.

- Bisher ließen sich rund 15 000 Hamburger Männer und Frauen in diesen Blitzlehrgängen zu Amateurhandwerkern ausbilden. Seit einigen Monaten veranstalten Zentrumsleiter Mahncke und sein Kompagnon Früchtnicht auch in Schleswig-Holstein und Niedersachsen Laienkurse.

In zwei Etagen eines großen Stuttgarter Geschäftshauses errichteten sie für Süddeutschland ein ähnliches Heimwerker-Institut xwie in Hamburg. Es fand im schwäbischen Land der Häuslebauer schnell Anklang. "Unter dem Publikum war bisher vom Müllkutscher bis zum Professor fast jeder Stand vertreten", sagt der Stuttgarter Zentrumsleiter.

Beliebt sind vor allem die Instruktionsabende für Autofahrer, denen ein Kraftfahrzeug-Fachmann für zwei Mark Honorar beibringt, wie man Pannen vorbeugt, Kerzen prüft, die Unterbrecherkontakte im Zündverteiler auswechselt und den Vergaser - der Jahreszeit entsprechend - reguliert, um Treibstoff zu sparen. Auch die selbständige Wartung von Motorfahrzeugen gehört zum Instruktionsprogramm.

In Hamburg arbeitet das Heimwerkerzentrum eng mit der einzigen Autofahrer-Selbsthilfewerkstatt. Westeuropas zusammen, die der ehemalige Taxiunternehmer Gustav Roepke eröffnete. Er mietete im vergangenen Jahr die 1200 Quadratmeter große Werkhalle einer bankrotten Firma, die Schokoladen-Weihnachtsmänner hergestellt hatte, und stattete sie mit Werkzeugschränken, einer Hebebühne und einer neuen Lackieranlage aus.

Auf Versteigerungen kaufte Roepke zentnerweise Schraubenschlüssel, Zangen, Hämmer und Feilen. Die ganze Einrichtung steht allen motorisierten Bürgern werktags von acht bis 22 Uhr und auch Sonntag vormittags zur Verfügung. Der Leihunternehmer kassiert pro Stunde drei Mark Benutzungsgebühr und erhebt noch einen Zuschlag, wenn Schweißgeräte gebraucht werden. Ein perfekter Kraftfahrzeug-Techniker berät unerfahrene Autobastler und warnt vor Reparaturen an Bremsen oder Lenkung. Roepke: "Das sind Sachen, an die sich nur ausgebildete Reparaturschlosser heranwagen sollten."

Die meisten Kunden haben Lackierwünsche. Sie schrubben die alte Farbe von ihren Karossen, beulen Kotflügel und Dellen aus, um die Wagen dann von einem Lackiermeister in Roepkes Schuppen fachmännisch auf neuen Hochglanz bringen zu lassen. Das neue Lackgewand eines Volkswagens kostet den Mitmacher rund 100 Mark; in einer regulären Werkstatt müßte er dafür 400 Mark zahlen. 300 Mark spart er durch die Erledigung aller Vorarbeit.

An jedem Wochenende herrscht in der Halle Hochbetrieb. Kürzlich schwitzte dort ein Regierungsrat beim Abschmirgeln seines alten Opel Rekord; während nebenan ein farbiger Gastarbeiter namens Omo - ebenfalls Do-it-yourselfer - einem Jura-Studenten kameradschaftlich half, eine Bruchstelle am Chassis seiner Dauphine zu schweißen.

Da viel zuwenig Autofahrer Nahnckes Nachhilfeunterricht und Roepkäs Pannenhilfe wahrnehmen können, kam der technische Redakteur der Zeitschrift "Auto, Motor und Sport", Diplom-Ingenieur Dieter Korp, auf die Idee, die überbeschäftigten Kraftfahrzeug-Werkstätten durch eine Art Fernunterricht zu entlasten. Unter dem Titel "Jetzt helfe ich mir selbst" brachte er populär geschriebene Anweisungen über den werterhaltenden Umgang" mit Fahrzeugen für bisher sechs Autotypen (VW 1200 und 1500, Opel Rekord, Opel Kadett, Ford 12 M und NSU-Prinz) heraus.

Der Autor behauptet, daß die Automobilfirmen mit ihren

mangelhaften Betriebsanleitungen die Käufer absichtlich im unklaren darüber lassen, wie sie sich bei kleinen Pannen verhalten müssen: "So kommt es, daß bei ausgesprochenen Bagatellfällen - Feuchtigkeit in der Zündverteilerkappe, ersoffener Motor oder gelockerte Zündkabel - Werkstatt oder Abschleppdienste bemüht werden müssen."

Korp beschrieb auch alle Inspektionsarbeiten, die man zum großen Teil selbst erledigen kann, und setzte sich das Ziel, "Kraftfahrzeugsteuer zahlenden Menschen ihre natürliche Scheu vor der Technik überwinden zu helfen. Wer einen Schraubenzieher zur Hand nimmt, um einmal zu versuchen, den Leerlauf zu erhöhen und wieder zu erniedrigen, hat sozusagen die Schallmauer durchbrochen.

"Er fühlt sich als König. Nur muß ihm jemand sagen, wie man König wird - wo der Vergaser sitzt und wo die Leerlauf-Einstellschraube und welcher Schraubenzieher der richtige ist. Dann ist der Bann gebrochen . . . Industrie und Gewerbe leben davon, daß niemand ihren Kunden zuviel sagt."

Den großen Verkaufserfolg seiner Buchreihe - in 18 Monaten wurden über 250 000 Exemplare umgesetzt - führt der Fachjournalist auf eine soziologische Zeiterscheinung zurück: "Es hat den Anschein, als wenn das Auto immer mehr zum Schrebergartenersatz für den deutschen Menschen wird, teils der Werkstattnot gehorchend, teils dem eigenen Hobby-Triebe." Autor und Verlag wollen die einträgliche Handbuchreihe schnell fortsetzen und demnächst Selbsthilfe-Taschenbücher für die Fordtypen 17 M und 20 M auflegen.

Das Kraftfahrzeuggewerbe schoß scharf gegen die Ausbildung von Freizeit-Mechanikern und polemisierte in seinem Zentralorgan "Das Autohaus": "Mit größter Skepsis betrachten wir eine Entwicklung, die darauf abzielt, durch entsprechende Anleitungen noch mehr Autofahrer zu animieren, sich doch auch in puncto Fahrzeuginstandhaltung selbständig zu machen." Das Fachjournal veröffentlichte die Karikatur eines schwitzenden Amateurs, dem ein Handwerker überlegen aufrechnet: "Was Sie da mit ihrer Bastelei angerichtet haben, kostet Sie 200 Mark."

Vergeblich versuchte Selbsthilfe-Pionier Mahneke, den Handwerksmeistern die Ressentiments auszureden, für sie bleibe doch immer noch viel zuviel Arbeit übrig. Am unversöhnlichsten opponierte die Anstreicher- und Tapezierer-Innung gegen den Do-it-yourself-Förderer, nachdem sein Hamburger Zentrum die Eigenhilfe beim Tapetenwechsel an die Spitze des Instruktionsprogramms gesetzt hatte.

"Wir folgten dem Wunsch des breiten Publikums", sagt Mahncke, "das - ähnlich wie in Amerika - immer mehr dazu übergeht, Verschönerungsarbeiten selbst auszuführen."

In den USA kleben 80 Prozent aller Familienväter und Hausmütter, wenn die Wohnung renoviert wird, die neuen Tapeten selbst an die Wände. Die amerikanische Tapetenindustrie liefert ihnen selbstklebende Papierbahnen, die man nur an die Wand zu drücken braucht. So weit kamen die deutschen Fabrikanten den Do-it-yourselfern noch nicht entgegen; sie stellen aber bereits Tapetenrollen her, deren Schutzkanten man nicht mehr mühsam abschneiden muß. Die Streifen sind perforiert und springen durch kurzes Aufklopfen von der Tapetenrolle ab.

Hatten die professionellen westdeutschen Wohnungsverschönerer diese Laien-Tapete schon als rotes Tuch empfunden, so gerieten sie erst recht in Rage, als sie in Süddeutschland einen Verräter in ihren eigenen Reihen entdeckten: Ihr Ulmer Kollege Max Sauter, der bis vor wenigen Jahren neben seinem Tapeten- und Einrichtungsgeschäft eine große Tapezierwerkstatt mit 20 Gesellen betrieb, hatte plötzlich die Front gewechselt und betätigt sich seither mit missionarischem Eifer als Bannerträger der Do-it-yourself-Armee.

Auf Anraten des Werbeberaters der Tapetenindustrie, Johannes Pipping, der während des Krieges den "Kohlenklau" erfunden hatte, legte Sauter seine Werkstatt still und setzte alle seine Fachkenntnisse für die Amateure ein. Er beschaffte sich für 15 000 Mark Laien-Hilfsgerät - zusammenklappbare Tapeziertische, Bürsten und Tapetenmesser -, das er an Selbstmacher ausleiht, wenn er ihnen die wichtigsten handwerklichen Kniffe beigebracht hat. Über 50000 ökonomische Bundesbürger ließen sich bisher von Sauter im Tapezieren, Fußbodenlegen, Kachelkleben und auch im Möbelpolstern unterweisen.

Schon nach den ersten Lehrproben nahm ihn das Handwerk unter Beschuß und boykottierte sein Geschäft. In den Ulmer Zeitungen erschienen illustrierte Knittelverse wie dieser: "Oh, wie bin ich froh, sagt Frau Ehrlich zu Frau Stroh. Morgen kommt der Tapeziermeister Tüchtig, dann wird alles wieder richtig, denn das selbsttapezierte Zimmer, das störte uns wahrhaftig immer ..."

Als der Diy-Missionar vor einem Jahr in Ehingen an der Donau als Mentor auftrat, starrte ihm eine Phalanx zorniger Handwerksmeister und -gesellen entgegen. Die Profis hatten den Vorführungssaal besetzt; sie schlugen Radau und stahlen ihm schließlich, als er sich nicht provozieren ließ, den Kleistertopf.

"Es ist mir heute noch schleierhaft",

wunderte sich Sauter, "wie sie es geschafft haben, den Saal bis auf zwei Plätze nur mit ihresgleichen zu besetzen und das Publikum von der Veranstaltung fernzuhalten."

Trotz aller Angriffe setzte der Aufklärer seine Aktion fort. Im engsten Kontakt mit den norddeutschen Do-ityourself-Ideologen gab Sauter in fast allen süddeutschen Städten sowie in Köln, Hannover und Hamburg Gastvorstellungen. Nachdem, er seine Popularität als Bundestapeziervater zunächst mit Geschäftsverlusten erkauft hatte, erntet er jetzt die Früchte der Tourneen. Seine Schülerinnen und Schüler sind seine besten Kunden. Für die Handwerkerzünfte blieb, der Ulmer Laienaufklärer aber der bestgehaßte Außenseiter.

Diese Erzfeindschaft übertrugen die Innungsoberen auf den Wuppertaler Farben-Industriellen Dr. Kurt Herberts, der aus einem Phänomen der Kolloidchemie Kapital schlug: Vermischt man Kunstharz-Farblösungen mit bestimmten Chemikalien, so erstarrt die Mixtur gelatineartig. Das sogenannte Gel verflüssigt sich, wenn es geschüttelt wird, verdickt sich aber sofort wieder, sobald es zur Ruhe kommt; zum Beispiel wenn die Farbe auf eine Wand aufgetragen wird.

Diese Entdeckung (von den Chemikern als Thixotropie bezeichnet) rief eine Revolution auf dem Farbenmarkt hervor. Endlich war das tropffreie ideale Anstrichmittel gefunden, das nicht in Tränen herabläuft, wenn man die Farbe zu dick aufträgt.

Am lautesten lobte der Inhaber den, zweitgrößten deutschen Farbenfabrik, Dr. Kurt Herberts, sein thixotropes Produkt, Marke Glemadur, das er in Tuben und Dosen füllte und mit knalligen Werbesprüchen den Do-it-yourselfern anpries: Noch nie war Selbststreichen so einfach. Was immer zu streichen ist, mit Glemadur gelingt's."

Da Fabrikant Herberts trotz Warnungen nicht aufhörte, die Selbststreicher zu animieren, brach die Malerfront über ihn den Boykottstab. Noch vor kurzem brüstete sich der Hamburger Obermeister Fensch: "Wir haben ihm einen Millionenschaden zugefügt, aber dann ist er zu Kreuze gekrochen. Jetzt legt er uns jeden Winter die Werbetext-Entwürfe für die nächste Frühjahrsreklame vor; ich gehöre selbst zum Auswahlkomitee und beanstande mal dies und beanstande mal jenes."

Bei einer anderen Farbenfirma der Motto GmbH in Grenzach bei Basel, habe eine saftige Drohung genügt. Fensch: "Irzwvischen haben wir auch Motto platt. Die werden sich hüten, noch einmal zu verbreiten, Malen sei kinderleicht."

Dabei ist diese Behauptung nicht unbedingt falsch. Bei einfachen Reparaturarbeiten kann man den Maler tatsächlich entbehren und mit etwas Fleiß am Wochenende viel Geld sparen. Einer von Sauters Stammkunden rechnete dem Großmeister des Do-it-yourself kürzlich vor, daß er durch Eigenhilfe beim Renovieren seiner Dreizimmerwohnung, gemessen an den Kostenanschlägen mehrerer Handwerker, 1500 Mark "verdient" habe.

Ein Hamburger Eigenheimbesitzer ließ sich im Oktober einen Giebel seines Hauses eine 38 Quadratmeter große Putzfläche, von einem Maler streichen, während er die andere Giebelseite mit der gleichen Farbe, einer Kunststoff-Emulsion, selbst anpinselte. Der Maleranstrich kostete ihn 120 Mark, das Eigenwerk nur rund 20 Mark für Material.

Der Maler brauchte zwei Stunden und 20 Minuten, der Wochenendpinsler mehr als die doppelte Zeit. Immerhin hatte er in etwa fünf Stunden aktiver Freizeitbeschäftigung 100 Mark eingespart. Ein Qualitätsunterschied war nicht festzustellen, da sich die Kunststoffarbe auch von Laien leicht verarbeiten läßt.

Ein anderer Einfamilienhaus-Besitzer mußte für den Rundum-Neuanstrich der Fassade, Türen und Fenster 710 Mark Arbeitslohn zahlen. Sein Nachbar erledigte eine ähnliche Hausrenovierung eigenhändig in einer Urlaubswoche und leistete sich anschließend für den eingesparten Malerlohn eine zweiwöchige Ferienflugreise nach Ibiza.

In einer Do-it-yourself-Fernsehsendung des Südwestfunks bescheinigte sich jüngst der frischgebackene Ehemann Fritz Hanke seine Tüchtigkeit mit selbstgebauten und selbstgestrichenen Möbeln: "Dieser Einbauschrank war von einem Schreiner für 1000 bis 1500 Mark veranschlagt; er hat uns an 100 Mark gekostet, dieser Tisch 32 Mark."

Mehrere Möbelfabrikanten stellten sich bereits auf diesen Trend zum Selbstschreinern um. Sie verkaufen außer ihren fertigen Serienmöbeln sogenannte Rohlinge - halbfertige, unpolierte und ungeleimte Möbelteile, die man nach einer Anleitungsskizze zusammensetzen kann.

Den schwunghaftesten Versandhandel mit diesen Hölzern und Bauteilen betreibt die Hamburger Firma Max Bahr; sie setzte im vergangenen Jahr für 2,5 Millionen Mark Ware um. Ihr junger Inhaber, Peter Möhrle ("Wir sorgen dafür, daß die Ware problemlos gestaltet wird"), will sein Filial- und Versandnetz über die ganze Bundesrepublik ausdehnen; in jeder größeren Stadt rechnet er mit einer Million Jahresumsatz. Seine Kundenkartei enthält 35 000 Namen.

In vielen Orten wird der Volkssport des Heimwerkens von der öffentlichen Hand, den Kirchen und den Gewerkschaften intensiv gefördert. Auch Volkshochschulen legten sich Do-it-yourself-Werkstätten zu. In Hessen hat fast jedes Dorfgemeinschaftshaus eine Heimwerkerklause. Im oberbayrischen Schongau richteten die Stadtväter auf Anregung ihres Bürgermeisters Dr. Ranz, eines gelernten Gerbers, ein Hobby-Zentrum ein und kauften für 13 000 Mark Werkzeug und Lehrmaterial, mit dem sich die Kleinstädter einmal in der Woche unter Anleitung von Fachleuten die Langeweile vertreiben können.

Der Bürgermeister behauptet: "Die Kurse wurden von allen Teilen der Bevölkerung mit großem Enthusiasmus aufgenommen." Die Schongauer werden nicht nur in Holz- und Keramikarbeiten unterwiesen - technisch interessierte Hobbyisten, wie Modellbauer und Radiobastler, können auch mit physikalischen Versuchsobjekten experimentieren.

In der Bundesrepublik betätigen sich über eine Million Freizeittechniker. Zehntausende konstruieren Liliput-Flugzeuge, die von winzigen Verbrennungsmotoren angetrieben werden. Andere werkeln an Schiffsmodellen, zum Beispiel am maßstabgerechten Nachbau der "Mayflower", oder üben sich im Geduldspiel des Buddelschiffbaues.

Die Funkwellenreiter und Elektronik-Jünger halten sich größtenteils an das Bastelprogramm des Münchner Radiohändlers Rim, der in seinem dikken Katalog nicht nur Radio-Bauteile, sondern auch sogenannte Automationsbausteine anbietet, mit denen die Amateure experimentieren können.

Ein weiteres modernes Heimwerker-Hobby ist die Kunststoffbastelei. Die Industrie liefert dafür zwei ideale Werkstoffe: Polyester-Gießharz und Glasfasergewebe. Daraus lassen sich mit relativ einfachen Mitteln strapazierfähige Boote, Wohnwagen und Schwimmbassins für den Garten bauen.

Kommerzieller Vorreiter dieser Bastelsparte ist der Chemiefabrikant Klaus W. Voss im schleswig-holsteinischen Uetersen. Er liefert nicht nur die Kunststoffzutaten, wie ungesättigtes Polyesterharz und Härtungsmittel, sondern auch die Pläne und Anleitungen für den Bau der Formschalen, die aus Leisten, Jute und Gips zusammengefügt werden. Acht bis zehn Meter lange Bootskörper aus Plastikmasse werden mit Glasseidefasern und Metallspanten verstärkt.

Das Voss-Verfahren ist relativ billig. So kostet beispielsweise eine Kunststoff-Segeljolle - 5,40 Meter lang und 1,80 Meter breit - einschließlich 16 Quadratmeter Besegelung knapp 1300 Mark, ein 5,20 Meter langes Motorboot, für das der Handel 6000 Mark verlangt, 1700 Mark plus 300 Arbeitsstunden.

Obwohl die Umsätze der Do-it-yourself-Branche durch die vielen Hobby-Artikel steil angestiegen sind, glauben amerikanische Experten, daß die kommerziellen Möglichkeiten des Freizeitmarktes in der Bundesrepublik noch längst nicht voll ausgeschöpft sind. Das US Trade Center in Frankfurt, eine Dependance des Washingtoner Handelsministeriums, ließ sie vor kurzem von Experten der Chicagoer Marktforschungsgesellschaft George Fry & Associates Inc. ausloten.

Die Konjunkturprüfer meldeten nach Washington, daß die 31 amerikanischen Firmen, die sich in Westdeutschland mit Diy-Artikeln engagiert haben, 1964 rund 50 Prozent mehr Ware als in den Vorjahren verkauft haben. Es sei aber noch viel Neuland, beispielsweise mit Edelhölzern, zu gewinnen.

Auf Anregung des amerikanischen Handelsministeriums soll nun in diesem Jahr eine neue große Importwelle den deutschen Do-it-yourself-Markt überschwemmen. Wenn die Außenzölle durch die Kennedy-Runde um 50 Prozent gesenkt werden, winken den amerikanischen Produzenten von Selbsthilfeartikeln trotz Transportkosten hohe Exportgewinne.

Das US Trade Center in Frankfurt will eine große Heimwerkerausstellung veranstalten, in der vor allem gezeigt werden soll, was nach amerikanischer Meinung den Deutschen noch fehlt. Werber der amerikanischen Werkzeugfirma Rockwell versuchen schon jetzt die deutschen Bastelmänner davon zu überzeugen, daß die bisher verwendeten elektrischen Kombinationsgeräte nicht mehr ausreichen, weil man mit der gleichbleibenden Motordrehzahl nicht alle handwerklichen Arbeiten, wie Sägen, Bohren oder Fräsen, befriedigend ausführen kann.

Rockwell bietet für jede Haupttätigkeit eine Spezialmaschine mit dem am besten geeigneten Motor an - als größten Schlager eine komplette Werkstatt, bestehend aus einer Kreissäge einer Abrichte (zum Hobeln von Hölzern) und einer Bohrmaschine für insgesamt 884 Mark.

Die Propagandisten aus New York wollen aber auch die Damen für den neuesten amerikanischen Do-it-yourself-Schrei gewinnen, der schon das Friseurgewerbe beunruhigt: die Schönheitspflege zu Hause. "Dieser ganze Trend", so plauderte die amerikanische Soziologin Edith Hirsch auf einem internationalen Freizeitkongreß in Zürich, "begann mit der heimverfertigten Dauerwelle unter der Marke "Toni" und schritt zum Haarfärben im Hause weiter.

"Nun gibt es eine neue Ausrüstung, die garantiert sowohl bei Männern wie bei Frauen einen Haarschnitt auf berufsmäßigem Qualitätsstandard auszuführen erlaubt."

Auch in der Bundesrepublik gingen schon viele Frauen und Mädchen, die das lange Warten in den Frisiersalons leid sind, zum Selbstondulieren über. Der Versandhändler Neckermann setzte im letzten halben Jahr 30000 elektrische Frisierhauben um.

In vielen westdeutschen Konstruktionsbüros werden zur Zeit weitere Selbsthilfe-Instrumente ausgetüftelt. Die Auftraggeber ließen sich von der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg inspirieren, die für den Massenbedarf der kommenden Jahre bis 1970 "zwei Grundströme" zu erkennen glaubt: die Motorisierung und das Eigenheim. Nahezu 17 Millionen Personenkraftwagen werden voraussichtlich 1970 über die westdeutschen Straßen rollen, während die Bauspareinlagen auf 20 Milliarden Mark anwachsen werden.

"Beide Grundströme werden in den kommenden Jahren den Do-it-yourself-Markt erheblich aktivieren", so spekulierte die AEG-Geschäftsleitung in einem Rundschreiben. "Denn wer beides erreichen will, muß trotz erhöhtem Einkmmen präzise kalkulieren. Er muß versuchen, unnötige Ausgaben zu vermeiden, deshalb: immer mehr Do it yourself."

Do-it-yourself-Zentrum in Hamburg: Jeder zweite Bundesbürger...

... sägt, feilt, hobelt, bohrt, pinselt oder repariert sein Auto selbst: Do-it-yourself-Praktikanten Münemann, Frankenfeld, Goppel

Neef-Wochenendhaus: Mit zwei Söhnen und einem Maurer-Handbuch ...

... einen Bungalow im Bergischen Land: Staatssekretär Neef

Werkzeug-Importeur Lux

"Keiner hat zwei linke Hände"

Diy-Fachzeitschriften: "Sie können mehr als Sie glauben"

Diy-Zentrum in Stuttgart: Unterricht für Müllkutscher und Professoren

Selbsthilfe-Pionier Mahncke

Ein König muß wissen...

... wo der Vergaser sitzt: Selbsthilfe-Werkstatt in Hamburg

Handwerksmeister Sauter: Die Kollegen von der Innung ...

Handwerker-Gegenpropaganda

... stahlen den Kleistertopf

Simplicissimus

"Ach, und das ist der Herr Sohn, der Diplom-Ingenieur. Hat er denn 'ne gute Stelle?"

- "In unserem voll technisierten Haushalt brauchen wir ihn selber; los ist immer was,

Handwerker sind zu teuer - wenn sie überhaupt kommen."


DER SPIEGEL 17/1965
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