21.04.1965

FRANKREICH / FRANZÖSISCHMehr bei Goethe

De Gaulles wirksamste ,force de frappe' schießt pausenlos und überallhin. Ihre Bunker stehen in Hamburg und Haiti, in Rabat und Rio, in Kamerun und Kanada. Ihre Avantgarde ist zwei Divisionen stark: 35 000 französische Französisch-Lehrer im Einsatz jenseits von Frankreichs Grenzen.
Sie führen die größte Kulturoffensive der Geschichte an. Strategisches Ziel: Volksschüler im Bayrischen Wald wie Neger im senegalesischen Busch sollen in den Genuß der Sprache des großen Corneille und des großen de Gaulle kommen.
Die Reihen der gallischen Sprachsoldaten sind ebenso stark wie ihre Hilfsquellen: Zu den 35 000 von Frankreich ausgeschickten Kadern kommen 100 000 fremdländische Französisch Lehrer in aller Welt. In 44 "Instituts Francais" und 98 "Centres Culturels", die vom Pariser Außenministerium unterhalten werden, strömen jährlich 200 000 Eleven. Weiteren 150 000 pro Jahr bringt das staatlich subventionierte Sprachen-Institut "Alliance Francaise" Französisch bei. 250000 nichtfranzösische Kinder schließlich saugen auf 40 französischen Gymnasien in aller Welt französischen Esprit ein.
Diese Heerscharen werden von einem Beamten kommandiert, der nicht wie Bonns AA-Kulturchef Sattler ein gebildeter, reisefreudiger Weltmann, sondern ein organisatorisches Genie ist: Jean Dominique Basdevant, seit 1960 Generaldirektor der Kulturabteilung des Quai d'Orsay.
Basdevant-Tagesbefehl: "Jeder Franzose muß sich in Zukunft vollkommen darüber klar sein, daß die Ausbreitung unserer Sprache und, unserer Kultur nicht mehr ein angenehmer, mondäner Zeitvertreib ist, sondern daß sie eines der wesentlichen - Elemente der französischen Macht in der Welt darstellt."
De Gaulles Kultur-Marschall veröffentlichte diesen Appell nicht in einer Kultur-, sondern in einer Militärzeitschrift, der "Revue de Défense Nationale". Für das deutsche Kriegstheater greift sein Plan auf Ludwig XIV. zurück: Französisch soll wieder den Platz bekommen, den es im 17. und 18. Jahrhundert einnahm.
Damals sprachen die Gebildeten Deutschlands, sprach Europas Elite französisch. Auf der Rastatter Friedenskonferenz von 1714 löste Französisch erstmals das bis dahin übliche Latein im Protokoll ab. Der von Bismarck geleitete Berliner Kongreß von 1878 debattierte französisch. Und das russische Außenministerium korrespondierte mit den Botschaftern des Zaren bis 1917 auf französisch.
Die Franzosen verstanden es wie kein anderes Volk, aus ihrer Sprache einen Kult, ja einen Mythos zu machen. Französisch ist, so lernen die kleinen Franzosen in der Volksschule, die schönste, reinste und klarste aller Sprachen, identisch mit Kultur schlechthin.
Kaum ein französischer Lehrer erzählt seinen Schülern, daß die gepriesene Klarheit der französischen Sprache auf Wortschatz-Armut beruht: Shakespeare verwendete rund 20 000 Wörter Englisch, Goethe rund 30 000 Wörter Deutsch, aber die Großen der französischen Klassik, Corneille, Mollère und Racine, kamen mit 7000 Wörtern Französisch aus. Der geringe Wortschatz zwingt die Franzosen zu langatmigen Umschreibungen vieler Ausdrücke. ..
Auf den Spezialgebieten der modernen Wissenschaft ist Französisch gar eine Last. Für den deutschen Begriff "Relief-Überschieburig" beispielsweise muß der Franzose die Umschreibung "charriage sur un surface pourvué de relief ou antérieurement seulptée par l'érosion" gebrauchen.
Dazu de Gaulle: "Es ist wirklich erbärmlich, daß die französische Sprache gerade von denen verraten wird, die sie am besten verwenden könnten. Es liegt wahrhaftig im nationalen Interesse, daß sich unsere Wissenschaftler unserer Sprache bedienen."
Außerdem noch mit einer komplizierten Grammatik beschwert, fiel Französisch in seiner Bedeutung als Weltsprache seit der Jahrhundertwende hinter Englisch zurück.
Für die gallische Gegenoffensive steht jährlich eine Milliarde Mark zur Verfügung, das ist fünfmal soviel, wie AAKulturchef Sattler ausgeben kann. 35 000 französischen Französisch-Lehrern stehen 1100 deutsche Deutsch-Lehrer im Ausland gegenüber.
Basdevant erreicht auf direktem Befehlsweg die 44 "Instituts Francais", die dem Kulturattache der jeweiligen Botschaft unterstehen. Die deutschen Goethe-Institute sowie ein Dutzend halbprivater Gesellschaften empfangen vom AA nur Geld, aber keine Weisungen.
Jean Basdevant teilt nur mit dem Kulturchef des Entwicklungsministeriums, das die ehemaligen französischen Gebiete in Afrika betreut**.
In diesen 15 Staaten wurde die Zahl der französischen Lehrkräfte in den letzten vier Jahren von 2500 auf 5000 verdoppelt. In jedem der Länder wurde Französisch Staatssprache.
Beglückt addierte der Kulturgeneral im Elys&e die Glieder der neuen gallischen Sprachgemeinschaft und rundete, alle afrikanischen Busch-Analphabeten mitzählend, die Millionen großzügig auf. Basdevants Resultat: 155 Millionen in 32 Ländern, davon 80 Millionen Afrikaner.
Unbeeindruckt von der Tatsache, daß andere Berechnungen höchstens 135 Millionen Französisch-Sprechende ergaben, konstatierte Basdevant: "Französisch ist eine Weltsprache. Französisch ist die Sprache der Massen."
Bei der kulturellen Sprachhilfe für die Unterentwickelten werden die Zivilisierten nicht vergessen: In Frankreich tat sich unter Vorsitz des Prinzen de La Tour d'Auvergne und des EWGSozialdirektors Lavenir ein "Komitee für Französisch als europäische Sprache" auf: Die europäischen Behörden sollen als einzige Sprache, alle europäischen Völker als zweite offizielle Sprache das Idiom des Generals de Gaulle sprechen.
** Mauretanien, Mali, Niger, Tschad, Senegal, Guinea, Elfenbeinküste, Obervolta,Togo, Dahomey, Kamerun, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Kongo und Madagaskar.
Französisch-Unterricht in Hamburg*: Zwei Divisionen für Esprit
* Im "Institut Francais".

DER SPIEGEL 17/1965
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