28.04.1965

SCHULDIG, WEIL WIR KEINEN ANDEREN HABEN

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz über die Fehlurteilsjäger Hans Martin Sutermeister und Gustav Adolf Neumann

Ein Gespenst ist der Justizirrtum, ein Greuel mit blutigen Händen. Wo die Todesstrafe abgeschafft wurde, ist der komplette Justizirrtum nicht mehr möglich. Doch das ist dürrer Trost. Denn jedes Fehlurteil ist Mord. Rehabilitierung und finanzielle Entschädigung kommen immer zu spät.

"Ein unschuldig Verurteilter ist die Angelegenheit aller anständigen Menschen", schrieb der französische Aphoristiker. La Bruyère (1645 bis 1696). Doch wer ist ein "anständiger Mensch"?

Im Rechtsstaat, auch wenn er immer nur ein Entwurf auf den Rechtsstaat hin sein kann, darf platte Böswilligkeit der Gerichte ausgeschlossen werden. Auch jene Richter und Geschworenen, die zu einem Zweifel auslösenden, Urteil kommen, sind anständige Menschen.

Untrügliche Kennzeichen der Unschuld gibt es nicht. Am 5. Januar 1895 erlebte der Diplomat und Schriftsteller Maurice Paléologue mit, wie Hauptmann Alfred Dreyfus öffentlich degradiert wurde. Er hielt Dreyfus, der seine Unschuld beteuerte, für schuldig. Am 7. August 1899 stand Dreyfus zum zweitenmal vor dem Kriegsgericht und beteuerte zu Beginn erneut seine Unschuld. Paléologue notierte in seinem Tagebuch: "Diese leidenschaftlichen Sätze! Mir fällt ein, daß ich sie an dem düsteren Morgen der Degradierung vernommen habe. Damals gaben sie mir im Innersten die Gewißheit, daß er log. Warum klingen sie mir auch heute noch so falsch ins Ohr, da ich heute weiß, daß sie die Wahrheit sagen?"

Zweifel an Urteilen steigen aus der Asche, aber nicht wie der Vogel Phönix. Auf Krücken torkeln sie hoch, beunruhigend und darum abstoßend. Wenn die Juristen die Akten geschlossen haben, schlägt die Stunde dieser Zweifel. Und unbeteiligte Laien meist sind es, die von ihnen erfaßt werden.

"Kriminologen" nennt man diese Jäger verdächtiger Urteile abschätzig. Das Fehlen einer juristischen Ausbildung disqualifiziert sie in den Augen der Fachleute. Allerdings machen es die Urteilsanzweifler ihren Gegnern auch leicht, vor allem in der Bundesrepublik.

Anders als Sling, der legendäre Gerichtsberichterstatter im Berlin - der zwanziger Jahre, oder sein Nachfolger nach 1945 Gerhart Herrmann Mostar (bis er sich Anfang der fünfziger Jahre, seiner Gesundheit wegen, aus den Gerichtssälen zurückziehen mußte), sehen sie in der Justiz einen Feind der leichtfertig Unschuldige überwältigt. Sling und Mostar jedoch erkannten an, daß Fehlurteile unvermeidbar sind. Ihnen ging es um Fortschritte bei ihrer Verhinderung und darum, die Widerstände gegen ihre Korrektur abzubauen.

Für den Kampf um ein mögliches Fehlurteil ist diese grundsätzliche Einstellung zur Justiz entscheidend. Wer, wie Mostar, Fehlurteile gerade dann für eine Sache aller anständigen Menschen hält, wenn diese von anständigen Menschen gefällt werden, prüft seine Zweifel. Wer Bosheit am Werk wähnt, gibt leicht seinen Affekten zum Schaden der kritischen Qualität nach.

Der Laienstand der Bundesrepublik verfügt derzeit über keinen Fehlurteilsverfolger von Rang und Wirkung, obwohl man auch hierzulande unschuldig oder unzureichend Verurteilte in den Gefängnissen finden könnte. Die nach 1945 nur mangelhaft reparierten Schäden der Justiz aus der NS-Zeit lassen die Kritiker vom Einzelfall aus rasch in den Angriff auf Haupt und Glieder geraten. Beispiele dafür, wie Fehlurteilsjagd nur sympathisch, und wie sie auch erfolgreich sein kann, finden sich deshalb nicht hierzulande, sondern in der Schweiz und in Österreich.

In das einer ärztlichen Allgemeinpraxis in Bern erfolgreich zugewandte Gemüt des heute 58jährigen Dr. med. Hans Martin Sutermeister flog 1960 der Funke, der ihn zum Amateur-Detektiv werden ließ. Damals wurde der Genfer Anwalt und Politiker Pierre Jaccoud wegen Totschlags zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.

Motiv laut Anklage und Urteil: Eifersucht. Statt des jungen Nebenbuhlers André Zumbach sollte Jaccoud versehentlich dessen Vater Charles Zumbach getötet haben. "Eifersucht?" fragte Sutermeister. Zur Zeit der Tat war die umkämpfte Linda Baud doch bereits aus den Armen Andre Zumbachs in die eines belgischen Uno-Beamten übergewechselt. Eifersucht im Rückwärtsgang?

Dieses Motiv leuchtete Sutermeister nicht ein, er vertiefte sich in die Beweise. Heute hat sich das in ihm geweckte Feuer zu einem Waldbrand entwickelt. Nicht weniger als hundert Fehlurteile lastet er der Justiz in einem Manuskript an, für das er bislang keinen Verleger, aber einen Schwindler fand. Der wollte "noch morgen" mit dem Satz beginnen. Dem guten Willen gebrach es nur an ein wenig Geld. Sutermeister schoß vor und schoß daneben. Das Geld ist hin.

Sutermeister hat vornehmlich in Deutschland studiert, zunächst Theologie fast bis zum Abschluß. Was ihn zum Fakultätswechsel trieb, verhüllt er mit einer selbstironischen Geschichte. Auf Anregung eines geistlichen Herrn habe er seinerzeit zu früh im Jahr und mit entsprechenden Krankheitsfolgen ein Freibad genommen. Das habe ihn zur Medizin bekehrt.

Näher dürfte dem Grund für die Wende im Leben Sutermeisters die Deutung kommen, daß er nicht für den Pfad der Autoritätsgläubigkeit bestimmt war. Als Pfarrerssohn wurde er im Aargau geboren, einem Kanton, über den (in der erfrischenden Deutlichkeit, mit der Schweizer schwyzer Familiaritäten behandeln) zu hören ist: "Die Relikte der alten Herrschaft sind noch ausgeprägt vorhanden." Heute lebt Sutermeister in Bern, das den Besucher schon auf dem Bahnhof mit der Mahnung empfängt: "Man bittet um Ordnung und Sauberkeit." Aus Bern stammt Dürrenmatt, stammen wohl auch einige Anstiftungen zum Werk des Schriftstellers.

So war denn die Medizin für Sutermeister ein besseres Feld. Kein Wunder auch, daß sich Sutermeister als Arzt mit der Aggressivität beschäftigte. In einer seiner wissenschaftlichen Arbeiten heißt es: "Wie beim Kampfsport kommt, es auch hier (im Kriminalroman) zu einer sozial harmlosen Abfuhr nie restlos sublimierbarer Aggressivität. Ist es zum Beispiel beim Fußball der besonders widerstandslose Ball, der als Sündenbock vikarierend herhalten muß, so läßt sich im Kriminalroman unsere Aggressivität ... enthemmen, nämlich zur Menschenjagd mit dem ganzen triebhaften Sadismus des Spurensuchens bis zur Vernichtung!"

In Fortführung dieser These dürfte die Vermutung zulässig sein, daß die Jagd nach Fehlurteilen eine äußerste Sublimierung der Aggressivität, sozusagen ihre krönende Legitimierung darstellt. Nach wie vor ist Sutermeister, der Bruder des Komponisten Heinrich Sutermeister, ein Liebhaber der Musik und ein gesuchter Arzt. Doch Feuer tritt in seine Zuge, wo von den Untaten der Justiz die Rede ist.

Um welchen Fall in Nord oder Süd es auch geht: "Ja, da kommt auch bald etwas Neues." Da soll ein Landstreicher gestanden haben, er sei in Wahrheit der Mörder, nur leider zum Strick gegriffen haben, bevor er das Geständnis unterschrieb. Und so fort rund um die Erde. Die ganze Welt ein Fehlurteil? Sutermeister jedenfalls sieht überall Dünkel, Unverstand am Werk. Für ihn ist alle Justiz ein Hort finsterer Reaktion.

Sutermeisters unbedingte Bereitschaft zum Zweifel imponiert, aber sie geht auch Hand in Hand mit der Unfähigkeit, bestimmte Konditionen der Justiz - wenigstens notgedrungen - als gegeben hinzunehmen. Die fordert fast überall für die Wiederaufnahme eines abgeschlossenen Falles "neue Tatsachen".

Zur Zeit wird in Genf über Jaccouds Kassationsbegehren beraten. Sutermeister hat das Dossier zusammengetragen, aus dem Jaccouds Verteidiger ihren Antrag bestückten. Was die Wissenschaft als Gehilfe des Gerichts 1960 gegen Jaccoud vortrug, wirkt danach mindestens bedenklich. Doch wo sind "neue Tatsachen"?

Der Kassationshof wird entscheiden, aber beunruhigend ist das auslösende Moment für Sutermeisters Kampf: seine Ablehnung des Motivs.

Sutermeister hat Jaccouds Handschrift analysiert. Danach ist dieser "übersensible Ästhet und Hochintellektuelle" außerstande zu einem Gewaltverbrechen. Selbst wenn Sutermeister der Papst der Graphologie wäre: Seine Expertise könnte den freundlichsten Juristen nicht erwärmen. Sutermeister kreist um das "fehlende Motiv". Seine Intelligenz müßte ihn warnen, denn auch hier ist natürlich, wie immer, ein Motiv konstruierbar. Wie ein Schatten liegt Sutermeisters Voraussetzung "Dieser Mann kann es nicht gewesen sein" über den mit seiner Hilfe vorgebrachten Belegen dafür, daß Jaccoud tatsächlich, aus bislang unbekannten Gründen, kein Mörder ist.

Sutermeister sieht eine gemeine Verschwörung am Werk, wo sich ärgstenfalls alle Gebrechen menschlicher Wahrheitsfindung verschworen haben. Sutermeister attackiert das wissenschaftliche Gutachterwesen, das heute in aller Welt im Gespräch ist. Überall neigen die Gerichte dazu, sich hinter Spezialisten zu verstecken, wo ihre eigene Möglichkeit zur Meinungsbildung noch lange nicht erschöpft sein dürfte. Aber man kann, einem chinesischen Sprichwort zufolge, auf dem rechten Weg sein, doch nicht der rechte Mann für den Weg.

In Wien, XIII. Bezirk, Cuviergasse 32, wohnt Gustav Adolf Neumann. Unangemeldete Besuche sind nicht zu empfehlen, des Chow-Chow "Pascha" wegen. Neumann hat nie eine juristische Vorlesung besucht, aber im Umgang mit der irrenden Justiz ist er eine Naturbegabung.

Diese Feststellung ist erst nach dem Genuß eines Löffels Salz möglich. Neumann ist Verleger des "Echo", eines Wochenblatts, dessen Geschichte obendrein auf neonazistische Bemühungen nach 1945 zurückgeht. Wo Neumann heute politisch steht, wer weiß das. Er selbst beteuert, seit 1950 sei er ungebunden. Ein "gebranntes Kind" nennt er sich, was Politik angeht.

Der Herr "Generaldirektor" Neumann, denn er ist ja nicht nur Verleger, sondern auch Eigentümer einer Druckerei und einer Klischieranstalt, soll sogar ein Redakteure verschlingender Chefredakteur seines "Echo" sein. Was jedoch Fehlurteile angeht, so hat Neumann immerhin eines verhindert und sechs bloßgelegt bis heute. Ein Rekord, den kein anderer Urteilsschelter vorweisen kann.

Neumann ist 41 Jahre alt, sein dunkelblonder Kopf wird grau, in acht Ausgaben erscheint das "Echo", das plagt den mittelgroßen Mann. Dazu die Last, der anerkannte Vorkämpfer wider vermeintliches und tatsächliches Unrecht zu sein: Bis zu 300 Zuschriften im Monat erreichen Neumann. Das "Echo" ist das Instrument seines Kampfes gegen Justizirrtümer.

Weckt ein Fall sein Interesse: "Keine Zeugen, nur keine Zeugen." Und erst recht: "Kein Motiv." Neumann interessiert nicht, womit die anderen beginnen. "Stumme Tatsachen" sucht er. "Ich brauche einen Gegenstand, der mir eine Geschichte erzählt." Läßt sich ein solcher Gegenstand nicht entdecken, dann wartet Neumann. Fall acht, mit dem er sich zur Zeit befaßt, wurde ihm vor neun Jahren bekannt. Erst vor zwei Jahren brachte Neumann ihn auf die erste Seite des "Echo". Seitdem hat er mehr als 110 Artikel in dieser Sache geschrieben. Neumann hat Geduld, aber läuft es, dann läuft's.

Auf der Suche nach dem Gegenstand geht Neumann Versuchungen aus dem Weg, die anderen genügen würden, um zum Generalangriff zu blasen. In einem seiner Fälle hatten die Geschworenen ihr "schuldig" gesprochen und als Begründung hinzugefügt: "Weil wir keinen anderen haben." Für Neumann war das "noch nichts".

Was für ihn etwas ist, zeigt der Fall des Rudolf Rechberger, der zu 18 Jahren schweren Kerkers verurteilt worden war. Rechberger sollte ein Kind vergiftet haben; seine geschiedene Frau hatte ihn angezeigt. Neumann nahm Fühlung mit dem Verteidiger des Verurteilten. Der hatte sich seinerzeit ein Horoskop ausarbeiten lassen und war danach überzeugt gewesen, er verteidige einen Mörder. Neumann gefiel das nicht. Er studierte die Akten, und das heißt bei ihm, daß er jeden Gegenstand abklopfte, der in ihnen erwähnt wird.

Da fand sich zum Beispiel ein Säckchen "Museid", das Rattengift, das Rechberger benutzt haben sollte. Neumann fragte nach "Museid", aber wo er auch vorsprach, überall bot man ihm "Zelio" an, und das auch nicht in einem Säckchen. Der sprechende Gegenstand war gefunden.

"Muscid" in Säckchen gibt es. Doch dieses wenig verbreitete Rattenvertilgungsmittel enthält kein Thallium, sondern Zinksulfat. In der Leiche des ermordeten Kindes aber war Thallium gefunden worden, wie es in "Zelio" enthalten ist. Das war die "neue Tatsache". Nach sieben Jahren wurde Rechberger aus dem Zuchthaus entlassen. 176 000 Schilling Haftentschädigung (28 000 Mark). Es fand nicht erst eine neue Verhandlung statt.

Huberth Ranneth und Josef Auer wurden zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt, sie sollten drei Arbeitskollegen ermordet haben. Sie hatten gestanden, aber in der Verhandlung widerrufen. Neumann stellte fest, daß während des Verhörs ein Arzt dem Auer "Scopolamin" gespritzt hatte. Ein Medikament, das lockert, freilich nicht nur die Geständnisbereitschaft, sondern auch die Neigung, lästigen Fragern zu Willen zu sein.

Neumann heute: "Das Scopolamin störte mich gar nicht so sehr." Er ist kühl bis zum Exzeß. Wer hätte nicht nach Wiederaufnahme geschrien, schon dieser einen Tatsache wegen! Neumann suchte weiter einen "stummen" Partner und fand ihn. Eine Eisenstange sollte das Mordwerkzeug gewesen sein. An der aber war kein Blut gefunden worden. Der Sachverständige hatte das so erklärt: Die Wunden hätten erst geblutet, nachdem die Verletzungen zugefügt worden waren. Das veranlaßte Neumann, andere Sachverständige zu bemühen. Resultat: Die Eisenstange konnte nicht das Mordwerkzeug gewesen sein.

Fünfzehn Jahre und sechs Monate hatten Auer und Ranneth unschuldig im Zuchthaus gesessen, als sie entlassen wurden. Neumann lieferte auch gleich die wahren Täter: drei bereits aus anderen Gründen Verurteilte. Wie immer, kamen auch in diesem Fall später Zeugen in Neumanns Argumentation hinein, aber sie waren nur Füllsel. Die Basis seiner Kritik war stumm, von keinem Verhörenden zu verwirren, nicht einzuschüchtern.

Es rundet Neumanns Bild ab, daß er der Justiz ohne jeden Affekt gegenübersteht. Natürlich wünscht auch er Erleichterungen für das Wiederaufnahmeverfahren, bessere Kontrollen als die nur formale Revision. Doch im übrigen meint er, im Stil Nestroys: "Die Justiz ist nun mal nicht ersetzbar." Gibt es in Österreich mehr Fehlurteile als anderswo? Neumann winkt ab. Er rühmt die österreichische Justiz, sieht darin, daß sie sich in sieben Fällen von ihm belehren ließ, einen Beweis ihrer Qualität.

Nach der Freilassung von Auer und Ranneth erschien der österreichische Justizminister mit Neumann auf dem Bildschirm, gab den Irrtum zu und dankte Neumann. Erstaunlich. Jeder Häftling in Österreich kann außerhalb seines Postkontingents unzensiert an Neumann schreiben. Jeden kann er besuchen und, wenn er will, ohne Zeugen sprechen. "Wo gibt es das?" fragt Neumann. In der Tat.

Neumann nutzt die Gespräche mit seiner Kundschaft. "Die haben sehr viel Können und Wissen", sagt er über die Zuchthäusler. Doch er hat auch Verständnis für die Polizei. Von Auer und Ranneth sagt er heute: "Die haben auch die Polizei provoziert, sie anfahren lassen." Für Neumann ist ein Justizirrtum ein Bündel von Fehlern, die viele begingen. "Mitweinen hilft nicht", sagt er, wenn er wieder einen anhört, dem er helfen soll.

Finden sich keine stummen Zeugen, so resigniert Neumann - wenn auch erst nach Jahren. Das "lohnt dann nicht, da muß man sich freimachen". In einem Fall, den er vorerst aufgegeben hat, hofft er noch. Die Frau, die den nach seiner Ansicht Unschuldigen belastete, hatte zuvor sechs andere belastet. "Aber die Psychiater haben auch das erklärt", meint Neumann. Den Kampf mit den Psychiatern nimmt er trotzdem nicht auf. Erst müssen neue Tatsachen her.

Alle Fälle, in denen Neumann Erfolg hatte, alle, auf die er ein Auge hat (etwa 30), wurden vor 1955 abgeurteilt. Auch insofern rühmt Neumann seine Justiz. Sie habe aus dem gelernt, was er ihr demonstrierte. Trübsinnig betrachtet Neumann als Zeitungsmacher seine Mühe um unschuldig Verurteilte: "Verlegerisch ist das eine Katastrophe." Die Ausgabe mit dem Bericht über die Freilassung von Auer und Ranneth: "Die am schlechtesten verkaufte Nummer des Jahres 1963." Neumann hat den Eindruck, die Überführung Schuldiger zahle sich eher aus als die Befreiung Unschuldiger. Für seine Meinung spricht einiges.

Gezielte, erfolgreiche Urteilskritik zwingt dazu, das vage Unbehagen an der Justiz zu definieren. Der Justizirrtum ist also tatsächlich möglich, lehrt beklemmend jedes überführte Fehlurteil. Recht wird "im Namen des Volkes" gesprochen, die unschuldig Verurteilten kommen also nicht nur über die Justiz. Wer ist ein "anständiger Mensch" vor dem Fehlurteil? Überführte Fehlurteile machen La Bruyères blanken Satz zu einer Bleilast.

Fehlurteilsjäger Sutermeister, Neumann: "Mitweinen hilft nicht"

Sutermeister-Klient Jaccoud

Eifersucht im Rückwärtsgang?


DER SPIEGEL 18/1965
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