28.04.1965

GELIEBT, GEFORMT

Louis Ferdinand Prinz von Preußen, 57, Sohn des letzten deutschen Kronprinzen und Enkel des letzten deutschen Kaisers, Dr. phil. und liebhaber-Komponist, ist gegenwärtiger Chef des Hauses Hohenzollern. - Ernst von Salomon, 62, preußischer Kadett und Freikorpskämpfer, schrieb Romane ("Die Kadetten", "Der Fragebogen") und Filmdrehbücher ("Carl Peters", "Liane - das Mädchen aus dem Urwald"). Sein neuestes Werk, zu dem Prinz Louis Ferdinand sich hier äußert, der "Roman aus Preußens galanter Zeit" über die Berliner Trompeterstochter Wilhelmine Encke, die Mätresse Friedrich Wilhelms II. (1786 bis 1797), des Neffen von Friedrich dem Großen, steht seit fünf Wochen auf der Bestseller-Liste.
Je länger man dieses Buch liest,
desto mehr schätzt man es, desto mehr wachsen einem die beiden Hauptfiguren, Wilhelmine Encke und Friedrich Wilhelm II., ans Herz.
Mein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater hat in der herkömmlichen Geschichtsbetrachtung meistens eine recht schlechte Presse. Auch mein Großvater stellt dem Ahnherrn in seinem Buch "Meine Vorfahren" kein besonders gutes Zeugnis aus.
Die Nachfolge des genialen Onkels anzutreten, war geschichtlich gesehen ein fast hoffnungsloses Beginnen. Aber in diesem Roman, der sich auf authentische Quellen stützt, gewinnt Friedrich Wilhelm II. viel positivere, ja geradezu sympathische Züge.
Der Autor sieht die Heldin und den Helden seines Romans ganz aus ihrer Zeit heraus. Das gelingt ihm in meisterhafter Weise. Alle auftretenden Charaktere werden uns als Vollblutmenschen vorgestellt. Puritanisch veranlagte Leser werden dieser Lektüre wahrscheinlich nicht allzuviel Freude abgewinnen können. Allerdings könnten die minutiösen erotischen Passagen zu Beginn auch manchen abgebrühten Leser abstoßen. Doch mit fortschreitender Handlung werden diese Schilderungen immer peripherischer und nebensächlicher.
Dagegen treten Friedrich der Große und sein preußisches Erbe, das der Neffe fast gegen seinen eigenen Willen antreten muß, immer mehr in den Vordergrund. Mit Hilfe dieser lebenslänglichen Romanze zwischen Friedrich Wilhelm II. und Wilhelmine Encke macht uns der Autor fast unmerklich mit den positiven Seiten des Königs bekannt, wobei dessen Liebe zur Kunst die erotische Liebe allmählich überstrahlt. Wilhelmine, dieses echte Berliner Volkskind, wird nun ihrerseits von ihrem zwar sinnenfreudigen, aber gleichzeitig hoch kultivierten Geliebten geistig vollständig geformt. Sie sagt dies voller Stolz dem nicht minder kultivierten Enkel, dem späteren Friedrich Wilhelm IV., wenige Tage vor ihrem eigenen Lebensende:
"Ich war seine Mätresse! Und ich war es keine Sekunde, ohne stolz darauf zu sein! Es ist keine Prahlerei, wenn ich sage, daß unter tausend Geliebten der Fürsten vielleicht eine ist, die sich mit mir vergleichen läßt. Sie können mich an Reizen des Körpers, an Vorzügen des Geistes auch bei weitem übertroffen haben: aber ihr Geist war nicht durch den Geliebten selbst gebildet."
Die Erinnerung an die Kunsttitanen Langhans, Schadow und Mozart würde schon genügen, den Namen dieses im konventionellen Sinne unpreußischsten aller preußischen Könige vor der Vergessenheit zu bewahren.
Der unsterbliche Mozart, den Friedrich Wilhelm II. - leider vergeblich für immer nach Berlin holen wollte, komponierte für diesen so viel gescholtenen König verschiedene Kammermusikwerke, die er eigens für ihn mit einem technisch überaus anspruchsvollen Cello-Part versah.
Das Brandenburger Tor mit der Quadriga, das zum Symbol unserer Freiheit Sund Einheit wurde, verdanken wir neben vielen anderen herrlichen Bauten der Initiative Friedrich Wilhelms II. und der Schöpferkraft seiner beiden genialen Freunde Langhans und Schadow. Ich selbst verdanke diesem Ahnherrn mein Geburtshaus, das Marmorpalais in Potsdam, das er bis zu seinem Lebensende bewohnte.
Louis Ferdinand
von Salomon
Ernst
von Salomon: "Die schöne Wilhelmine"
Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg
480 Seiten
20 Mark

DER SPIEGEL 18/1965
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