05.05.1965

DIE RUSSEN IN BERLIN 1945

SPIEGEL-Serie von Erich Kuby

Von Kuby, Erich

Die sogenannte Schlacht um Berlin begann in der Morgendunkelheit des 16. April. Es wurde ein schöner Frühlingstag. In Dahlem betrug die höchste Temperatur 18,2 Grad, die niedrigste minus 0,6 Grad. In Potsdam schwankte sie zwischen 18,5 und minus 0,8. Es fiel kein Regen. In den Vorgärten der Villenviertel blühten die Blumen auch dort, wo sich die Häuser in Ruinen verwandelt hatten.

An diesem Tag hatte die Verdunkelung um 19.19 Uhr zu beginnen und konnte am nächsten Morgen um 5.29 Uhr beendet werden.

Ein Mann, der für ein nicht existentes Ehepaar Lebensmittel erschwindelt hatte, wurde mit drei Jahren Zuchthaus bestraft. Das Ernährungsamt gab bekannt, daß künftig auch nicht-perforierte Lebensmittelmarken ausgegeben würden. Eine Frau schleppte ihren beim Bombenangriff getöteten Verlobten vor das Standesamt und wurde mit ihm getraut.

Wiederholt wird an diesem Tag die Bevölkerung darauf hingewiesen, daß zwischen Kleinalarm und Vollalarm ein Unterschied sei, jener aber nicht mit Voralarm verwechselt werden dürfe. Kleinalarm werde gegeben, wenn weniger als 15 Kampfflugzeuge einflögen.

Die militärische Führung werde sich bemühen, den Alarm nicht weniger als zehn Minuten vor Beginn des Angriffs zu geben, besonders nachts.

Berlin hat noch 2 850 000 Einwohner. Dazu müssen 800 000 verschleppte ausländische Arbeiter gerechnet werden, die in Barackenlagern hausen. Bei Kriegsausbruch betrug die Bevölkerung 4 339 000.

Am 16. April werden die Filme "Kameraden", "Kolberg", "Spähtrupp Hallgarten" und "Schwarzer Jäger Johanna" in den Kinos gespielt; aber auch "Ein fröhliches Haus", "Kollege kommt

gleich", "Es fing so harmlos an" und "Der Mustergatte".

Man sucht noch immer die Eltern eines eineinhalbjährigen Jungen, der nach einem "Terrorangriff" am 3. Februar Ecke Simon-/Alexandrinenstraße auf den Trümmern sitzend gefunden wurde, bekleidet mit einem dunkelblauen Pullover und einer roten Polobluse.

Am 16. April wiederholen die Berliner Philharmoniker im Beethovensaal um 17.00 Uhr ein Konzert unter Robert Heger. Gespielt wird die Egmont-Ouvertüre, von Brahms das Doppelkonzert für Violine und Violoncello und von Strauss "Tod und Verklärung".

Am 16. April sucht die Getreidekreditbank AG, Taubenstraße 25, eine Reinmachefrau "für Tage oder auch dauernd". Am 16. April gibt die Reichspost in Berlin bekannt, daß sie sich nicht mehr in der Lage sähe, Pakete in das "noch zugängliche Reichsgebiet" zu befördern. Und unter der Überschrift "Wie die Saat so die Ernte" geben die Zeitungen wichtige Ratschläge für "die neuen Gemüsegärtner unter uns".

Vor diesem 16. April hatten die sowjetischen Soldaten eine kurze Nacht. Ihre Uhren zeigten Moskauer Zeit, gingen also gegenüber dem Sonnenstand und der deutschen Zeit um zwei Stunden vor.

Nachts trugen die sowjetischen Truppenführer rote Fahnen in die vorderste Linie und händigten sie auserwählten Soldaten aus.

In allen Stellungen der Ersten Weißrussischen Front (Heeresgruppe) des Marschalls Schukow auf einer Frontbreite von 70 Kilometer wurde ein Tagesbefehl des Marschalls verlesen: "Der Gegner ist auf dem kürzesten Zugangsweg nach Berlin zu zerschlagen. Die Hauptstadt des faschistischen Deutschland ist einzunehmen und über ihr das Banner des Sieges zu hissen!"

Die Nacht war mondlos, wolkenlos. Die Sterne funkelten. Nach der Verlesung des Befehls hatten die Soldaten zu schwören, ihre Aufgabe in Ehren zu erfüllen: Eine Front von insgesamt 400 Kilometer Breite rüstete zum Sturm, drei Heeresgruppen traten an.

Um 5.00 Uhr Moskauer Zeit fing die sowjetische Artillerie an zu schießen. Sowjet-General Tschuikow: "40 000 Geschütze eröffneten das Feuer."

Es dauerte 25 Minuten. Nach 22 Minuten schoß der Strahl eines, einzelnen Flakscheinwerfers senkrecht empor. Auf dieses Zeichen hin entflammten in den Angriffsstreifen der 3. und 5. Stoßarmee, der 8. Gardearmee und der 69. Armee 143 Scheinwerfer, die auf die deutsche Front gerichtet waren. Alle 200 Meter stand einer. Die Scheinwerfer durchdrangen die Wand, von Staub nicht, welche sich über den deutschen Stellungen durch den Beschuß gebildet hatte.

Drei Minuten, nachdem sich die Nachtfront im Licht der Scheinwerfer in ein gigantisches Filmatelier verwandelt hatte, stieg die erste Welle der Kampfgruppen aus den Gräben und griff an.

Die Kommandeure sahen ihre Männer in der Staubwand verschwinden, sie liefen ihnen nach und führten während der nächsten zwei Stunden von der vordersten Linie aus, damit der Zusammenhang der Verbände nicht verlorenging.

Die Scheinwerfer hatten nicht die Wirkung, die ihnen Schukow zugedacht hatte. Sie dramatisierten den Angriff, aber sie halfen den Angreifern nichts. Im Gegenteil, da sie in regelmäßigen Abständen ein- und ausgeschaltet wurden, liefen die Soldaten geblendet durchs Gelände, und viele zogen es vor, sich erst einmal in Deckung zu legen und den Aufgang der Sonne abzuwarten.

Als sie sich Im Rücken der Sowjets erhob, zeigte sich, daß die Staubwand eine Höhe von fast einem Kilometer erreicht hatte. Sie behinderte sogar den Einsatz der Luftwaffe, die mit Nachtbombern vom Typ Pe 2 sich in den Angriff einschalten sollte.

Während der ersten halben Stunde nach Ende'des Artilleriefeuers kam von der deutschen Seite keine Reaktion. Nach dem wahnsinnigen Getöse der explodierenden Granaten herrschte fast Ruhe über dem Schlachtfeld. Die Soldaten hörten die gebrüllten Befehle ihrer Unterführer, Handfeuerwaffen, Maschinenpistolen und Maschinengewehre knallten durch die Gegend. Sie klangen im Kontrast zu dem künstlichen Gewitter wie Spielzeugpistolen.

Und doch: Drei sowjetische Heeresgruppen hatten sich erhoben, um den letzten, den tödlichen Stoß in das Herz des Feindes zu führen. Sie waren aufgebrochen, um des mächtigen Reiches Hauptstadt zu stürmen, die seit Napoleons Kriegen kein feindlicher Eroberer mehr betreten hatte.

Zwei Wochen später war Berlin gefallen.

Aber: Zwei Monate früher hätte es fallen können, wäre der Krieg in Europa beendet gewesen - wenn nicht Stalin lange vor diesem Angriff im Januar des Jahres 1945 die folgenschwerste Fehlentscheidung getroffen hätte, die ihm zwischen 1941 und 1945 unterlief.

Schon im Januar des Jahres 1945 schien das Ende des Großdeutschen Reiches nahe. Die an allen Fronten geschlagene Wehrmacht floh hinter die Reichsgrenzen zurück. Hitler wollte die Gefahr im Osten, die seinen militärischen Beratern drohend vor Augen stand, nicht wahrhaben. Er suchte noch eine Entscheidung im Westen. Das Westheer hatte infolgedessen den Löwenanteil an den neuen, beträchtlichen Truppenaufstellungen des Jahres 1944 erhalten; die Produktion von Jagdflugzeugen erreichte im August und September des Jahres den höchsten Stand während des ganzen Krieges. Insgesamt wurden neu aufgestellt:

- 50 Infanterie-Divisionen,

- 10 Panzer-Brigaden,

- 12 Artillerie-Korps,

- 10 Werfer-Brigaden,

- 100 Festungs-Infanterie-Bataillone (meist ältere Männer, ausgerüstet mit Beutewaffen).

Nur etwa 20 Prozent dieser Truppen wurde an die Ostfront geworfen. 3000 zusätzliche Züge mit Soldaten, Waffen, Munition und Verpflegung aber, rollten allein im November und Dezember an die Westfront - trotz der fortwährenden Bombardierung des Reichsgebiets.

Hitler selbst nistete sich am 10. Dezember mit einem kleinen Stab im Ziegenberger "Adlerhorst" bei Bad Nauheim ein, einem seiner zahlreichen Hauptquartiere, das bereits im Winter 1939/40 luxuriös ausgebaut, aber nie benutzt worden war.

Dort plante er den für den gleichen Monat angesetzten letzten großen Angriff im Westen - die Ardennen-Offensive.

Während Hitler am 11. und 12. Dezember seine Armeeführer und Divisionskommandeure im Adlerhorst in stundenlangen Monologen davon zu überzeugen suchte, daß noch nichts verloren, hingegen durch den bevorstehenden Angriff noch alles zu gewinnen sei, brütete Marschall Schukow unter sehr viel weniger komfortablen Umständen und bei 30 Grad Kälte in Siedlce hinter der Weichsel über einem anderen militärischen Plan. Operationsziel: Berlin.

Marschall Schukow war erst in diesem Monat die Führung der Ersten Weißrussischen Heeresgruppe übertragen worden. Sie sollte im Zentrum der kommenden Operation stehen. Ihr sollte die Ehre zuteil werden, Berlin zu nehmen.

Nur deswegen hatte sich Schukow, der zuvor Erster Stellvertreter des Obersten Befehlshabers in der Moskauer Zentrale gewesen war, bereitgefunden, das Truppenkommando zu übernehmen.

Marschall Rokossowski, der die Erste Weißrussische Heeresgruppe bis zur Weichsel geführt hatte, trat nicht ganz freiwillig an die Spitze der Zweiten.

Stalin selbst hatte den Austausch befohlen: Der freundliche, umgängliche, rücksichtsvolle Rokossowski wurde durch den finsteren, schroffen, keinen Widerspruch duldenden, wortkargen Schukow ersetzt. Kein Zweifel, daß damals Schukow in Stalins Gunst am höchsten stand. Später verdarb er es mit der Regierung.

Am 16. Dezember 1944 begann an der Westfront von der Eifel aus Hitlers Ardennen-Offensive. Schon sechs Tage später hatte sie sich totgelaufen. Aber der völlig überraschende Vorstoß der Deutschen machte dennoch so tiefen Eindruck beim Gegner, daß Churchill Stalin um Hilfe bat. Noch immer fürchteten die Alliierten die letzten verzweifelten Zuckungen des stürzenden Kolosses.

Am 6. Januar telegraphierte Churchill an seinen Verbündeten Stalin und fragte, "ob wir im Januar mit einer größeren russischen Offensive an der Weichselfront oder anderswo rechnen können ... Ich betrachte die Angelegenheit als dringend".

Schon am nächsten Tag antwortete Stalin, er werde tun, was möglich sei, und spätestens in der zweiten Januar -Hälfte eine große Offensive beginnen. Der damalige Armeeführer unter Schukow und heutige Marschall der Sowjet -Union, General Tschuikow, schreibt in seinen Erinnerungen über diesen Telegrammwechsel: "In den Divisionen der 8. Gardearmee liefen daraufhin die Vorbereitungsarbeiten Tag und Nacht fast ohne Pause."

Die sowjetischen Vorbereitungen für eine Offensive an der Weichselfront, die in Schukows Hauptquartier schon im Dezember angelaufen waren, sahen ein Angriffstempo von zehn bis zwölf Kilometern pro Tag vor.

Die Frontbefehlshaber hielten diese Annahme für unrealistisch. Hatte die deutsche Führung die Gewohnheit, in ihren Planungen mit maximalen, oftmals phantastischen Erfolgsmöglichkeiten zu rechnen, so war es bei den Sowjets seit 1943 umgekehrt: Die oberste Führung stellte Minimalerfolge in Rechnung, die von der Praxis meist überboten wurden.

Tschuikow, der Held von Stalingrad, mit Schukow, Rokossowski und Konjew einer der vier großen Namen der Roten Armee, geriet daher schon in Schukows Hauptquartier Siedlce mit seinem Oberbefehlshaber über das Angriffstempo in Streit. Im Rückblick schreibt er: "Wir verdoppelten in Gedanken dieses Tempo und waren überzeugt, daß die Truppen 25 bis 30 Kilometer vorrücken würden." Am 12. Januar. 1945 griffen die Sowjets im Weichselbrückenkopf von Baranow, den Tschuikow im Sommer 1944 erobert hatte, an. Ihr Tempo übertraf sogar poch die heimlich vorgenommene Verdoppelung durch die Frontkommandeure.

Viktor B., ein damals blutjunger Panzeroffizier Tschuikows, erinnert sich heute in Moskau: "Wir legten an manchen Tagen 60 und 70 Kilometer zurück und schliefen doch noch nachts ganz gemütlich in Betten. Soweit da noch Häuser und in den Häusern noch Betten waren. Unser Nachschub schaffte den Sprit nicht. Wir ließen manchmal einen Teil unserer Panzer stehen, saugten mit Gummnischläuchen ihre Tanks leer und füllten das Zeug in die ein, mit denen wir noch ein Stück weiter vorstießen."

16 Stunden nach Beginn des Sowjet -Angriffs hatte die 4. deutsche Panzerarmee aufgehört, als zusammenhängender Verband zu existieren. Innerhalb von drei Wochen waren der Rest von Polen, große Teile deutschen Gebietes östlich der Oder und nahezu ganz Ostpreußen von der Roten Armee erobert. Ihre Panzer fuhren in die Flüchtlingstrecks hinein. Sie überrollten Pferde, Frauen, Kinder. Der vorletzte deutsche Chef des Generalstabs, Guderian, mußte eingestehen: "Am 20. Januar betrat der Feind deutschen Boden. Nun ging es ums Letzte."

Wo die Vormarschstraßen die ehemalige Reichsgrenze schnitten, stellten die politischen Abteilungen der sowjetischen Divisionsstäbe Schilder auf, die an Ort und Stelle aus. Brettern zusammengenagelt und mit verbrauchtem schwarzem Motorenöl beschrieben wurden: "Hier beginnt das verfluchte Deutschland."

In den Schneestürmen des 26., 27., 28. und 29. Januar schoben sich Schukows vorderste Verbände zur Oder vor. Am 30. Januar wölbte sich ein strahlend blauer Himmel über der im Schnee ertrunkenen Landschaft. Der ehrgeizige Draufgänger Tschuikow drückte noch mehr auf das Tempo. Am 1. Februar sahen die Vorausabteilungen den Strom vor sich. Er war zugefroren. An einigen Stellen hatten die Deutschen versucht, das Eis, die natürliche Brücke, aufzubrechen: mit Bomben, mit Dynamit, mit Motorsägen. Auch war daran gedacht worden, durch die Erzeugung einer künstlichen Flutwelle das Eis zu zerstören. Doch es war nur eine von vielen unausführbaren Ideen.

Am 2. Februar gingen Tschuikows erste Einheiten über die Oder. Abgesehen davon, daß ein vereister Strom kein natürliches Hindernis bildete, schien er überhaupt nicht mehr verteidigt zu werden dort - nicht einmal dort -, wo er sich bei Frankfurt und Küstrin Berlin am meisten nähert.

Um 10 Uhr vormittags blickte der General über das Stromtal: "Die Truppen entwickelten sich schon auf dem Deich zwischen Küstrin und Göritz und machten sich zum Übersetzen bereit. Ich sah durch das Scherenfernrohr die Oder. Ein breiter, von Deichen gesäumter Fluß. Unsere Gardisten sammelten sich auf dem Ostufer. Ein verantwortungsschwerer und schwieriger Augenblick! Das Eis war so dünn, daß sogar die Infanteristen es nicht ohne Gefahr betreten konnten. Doch ließen sie sich dadurch nicht aufhalten. Sie trugen Stangen, Bretter und Reisigbündel mit sich, bauten Stege und kleine Brücken. An einigen Stellen gelang es sogar, Panzerabwehrgeschütze über den Fluß zu bringen. Die Soldaten hatten sie auf Kufen gestellt und über das Eis geschoben."

Aber die Freude dauerte nicht lange, so fährt Memoirenschreiber Tschuikow fort, denn: Die deutschen Flieger kamen. Es kamen sogar die allerbesten deutschen Flieger, Rudels Schlachtgeschwader und er selbst.

In seinem Tagebuch notierte Rudel unter diesem 2. Februar: "Panzer bei Kunersdorf, Sowjetpanzer bei Trettin, Sowjetpanzer bei Frankfurt, Sowjetpanzer bei Küstrin, Sowjetpanzer bei Göritz-Reitwein. Wir könnten das Zwanzigfache an Menschen und Maschinen gebrauchen."

Aber es war nicht da. Die Sowjets kamen an mehreren Stellen über die Oder, hielten sich, bauten Brückenköpfe aus, die schließlich eine Breite von 20 Kilometer hatten, und waren 60 Kilometer von der Reichshauptstadt entfernt.

Der Wehrmachtsbericht meldete am 3. Februar 1945: "Im Raum von Reppen führten unsere Kampfgruppen mehrfach Angriffe gegen sowjetische Verbände und fügten ihnen hohe Verluste zu."

Reppen war den Berlinern bereits ein vertrauter Name. Dort, wo in der Nähe Friedrich der Große in der Schlacht bei Kunersdorf von den Russen fast vernichtend geschlagen worden war, breitet sich eine höchst reizvolle, stille Landschaft von Seen und Wäldern aus, die Berlin als Ausflugsziel diente.

Durch Freunde und per Telephon verbreitete sich unter Berlinern die Nachricht, es werde um Frankfurt gekämpft. Also lag die Oder, das letzte natürliche Hindernis auf dem 2000-Kilometer-Feldzug der Sowjets nach Berlin, nicht mehr zwischen der Stadt und dem Iwan? Die Berliner erwarteten den letzten Schlag: Einnahme und Besetzung. Wer kann, verläßt die Stadt", notierte AA-Angestellter H.-G. von Studnitz lakonisch in seinem Tagebuch.

In diesen Tagen drohte die Stadt in Panik zu stürzen. In der Nacht zum 1. Februar war der Volkssturm alarmiert worden. Bahnhöfe, Brücken und öffentliche Gebäude wurden besetzt, Gerüchte, die Sowjets seien bereits mit Fallschirmjägern im Stadtgebiet gelandet, liefen von Mund zu Mund. Die Polizei erschien plötzlich im Stahlhelm und mit umgehängtem Karabiner.

Die gehobenen Schichten der Bevölkerung wurden nach den Dringlichkeitsstufen ihrer Funktionen, ihrer Arbeit, eingeteilt, und wer erst im allerletzten Augenblick zu den Waffen eilen sollte, bekam eine rote Alarmkarte. Wer im vorletzten Augenblick schon das Vaterland zu verteidigen hatte, sah sich im Besitz einer weißen Karte. Mit der Einberufung zum Volkssturm hatte diese Klassifizierung der Partei- und Verwaltungselite nichts zu tun; Volkssturm war für das Volk.

Die wildesten Gerüchte von der unmittelbar bevorstehenden Besetzung der Stadt entstanden, als der - dann doch nicht ausgeführte - Plan bekannt wurde, die Reichsregierung und -verwaltung aus Berlin zu evakuieren. Eine nicht genau bekannte, aber weit über 100 000 liegende Zahl von Beamten und Funktionären wäre davon betroffen worden. Sie überlegten, wie sie möglichst viel aus Berlin wegschleppen könnten. Über Nacht entstand ein bis dahin unbekannter Schwarzer Markt für Autos und Benzin, die met Gold und Brillanten, aber auch mit feineren Genußmitteln, bezahlt wurden. Kaffee und Schnaps wurden zentner- und kistenweise gehandelt.

Das äußere Bild Berlins und seiner Bevölkerung, ein Bild der Armut, trog: Je näher das Ende rückte, desto sichtbarer wurde, was der Bauch dieser Stadt noch an Luxusgütern enthielt.

Wer ein Auto und Benzin hatte und sich davonmachen konnte, ohne befürchten zu müssen, als Defätist am nächsten Baum aufgehängt zu werden, verließ Berlin. Auch Züge verkehrten noch, nur in südlicher Richtung schien es sich zu lohnen, sich abzusetzen. Vielerlei Schliche wurden ausgeknobelt, um zu Reisepapieren oder militärischen Marschbefehlen zu kommen.

Die Regierung wurde nicht evakuiert, und die Russen, zwei Panzerstunden entfernt, kamen nicht. Warum - das wußte niemand. Die Lage stabilisierte sich wieder. Eine absurd klingende Feststellung, wenn man sich die "Lage" vergegenwärtigt:

Jede Nacht und oft auch am Tage ging ein Bombenregen auf die Stadt nieder. Bald in diesem, bald in jenem Stadtteil fiel bereits jetzt für Stunden, dann für Tage, die Gasversorgung aus. Ebenso die Wasserversorgung. Ein neues Tier wurde in Berlin gesichtet: die Wasserschlange. Vor Hydranten und Pumpbrunnen standen in Schnee und Regen, in Kälte und Matsch die Berlinerinnen mit Eimern und Töpfen um Wasser an.

Immer unregelmäßiger wurden die kartengeschützten Lebensmittel verteilt, und Ersatz für Ersatz wurde die Regel: Sauerkohl statt Graupen, Mehl statt Puddingpulver oder umgekehrt. Gab es überhaupt Gas, so war der Druck so niedrig, daß die Graupen in fünf Stunden nicht gar wurden. Sie sotten in der Wohnung vor sich hin, während man im Keller saß. Aus der Hausgemeinschaft war eine Kellergemeinschaft geworden. Die Gemeinschaften entwickelten bestimmte Riten.

In diesem Frühjahr schrieb eine Berlinerin drei Schulhefte voll, meistens im Luftschutzkeller; sie schrieb auf, was sie erlebte. Der Schriftsteller K. W. Marek, bekannt unter dem Namen Ceram als Verfasser von "Götter, Gräber und Gelehrte", begegnete später der Verfasserin, las ihre Aufzeichnungen und veranlaßte sie, deren Druck zu erlauben. Er verpflichtete sich mit seinem Ehrenwort, ihren Namen nicht preiszugeben, und hält das Wort noch heute.

Tatsächlich erschienen die amerikanische, die englische, die deutsche (1959) und andere Ausgaben namenlos. Der Bericht, der zu realistisch ist, um ein Bestseller werden zu können, ist die eindrucksvollste, unsentimentalste Schilderung dessen, was die Frauen in Berlin erlebten; die Frauen, die sich als so viel standhafter und mutiger als die Männer erweisen sollten.

In dem anonymen Bericht heißt es: "Das Kellervolk hier im Haus ist jedenfalls überzeugt, daß seine Höhle eine der sichersten ist. Nichts Fremderes als ein fremder Keller. Ich gehöre nun seit fast drei Monaten dazu und fühle mich trotzdem noch fremd. Jeder Keller hat andere Tabus, andere Ticks. In meinem alten Keller hatten sie den Löschwassertick. Allerorten stieß man sich an Kannen, Eimern, Töpfen, Fässern, in denen eine trübe Brühe stand. Trotzdem wäre das Haus wie eine Fackel heruntergebrannt. Die ganze Löschbrühe wäre soviel gewesen wie einmal hineingespuckt."

"Frau W. hat mir erzählt, daß in ihrem Keller der Lungentick grassiert. Sobald die erste Bombe fällt, beugen sich alle vornüber und atmen ganz flach, wobei sie die Hände gegen den Leib pressen. Irgend jemand hat ihnen gesagt, das verhindere Lungenrisse. Hier in diesem Keller haben sie den Mauertick. Alle sitzen sie mit dem Rücken gegen die Außenmauer. Bloß unter der Luftklappe ist eine Lücke in der Reihe. Bumst es, so kommt der Tüchertick hinzu: Alle winden sich ein bereitgehaltenes Tuch um Mund und Nase und verknoten es am Hinterkopf."

Aber man lebte doch noch in Gemeinschaft oder Gemeinschaften, miteinander, einander näher sogar als früher, man bezahlte noch, was man beim Kaufmann bekam, man benützte in Gesprächen noch die gewohnten Worte, man respektierte noch private und intime Sphären, man schimpfte, aber man schwieg noch, wenn man einen gußeisernen Durchhalte-Nazi in Hörweite wußte; und wen ein Bedürfnis anwandelte, der ging auf den dafür vorgesehenen Ort und machte die Tür noch hinter sich zu.

Das alles sollte sich ändern. Gemessen an Vergangenheit und Frieden war nichts normal. Aber die Erfahrung, wie binnen Stunden eine in Jahrhunderten entwickelte Sitte und Zivilisation von Menschen abfallen und der nackten Barbarei Platz machen kann (die dann fast ebenso rasch wieder überwunden wird), fehlte den Bewohnern der Reichshauptstadt im Februar noch, und nur an dieser Erfahrung gemessen, Im Rückblick, läßt sich sagen: Die Lage normalisierte sich wieder; zuweilen auf eine geradezu gespenstische Art.

In seinem Buch "Frühling 45" beschreibt K. F. Borée den Betrieb einer mehrfach bombardierten Bank: "Man rannte in den Keller hinunter, um seine Akten-und Schreib- und Rechenmaschinen heraufzuholen, man rannte mit ihnen wieder hinunter, wenn eine Vorwarnung ertönte... Selbstverständlich gab es noch sehr gewissenhafte Leute. Jenen Abteilungsdirektor, der im Luftschutzkeller zu arbeiten pflegte, traf ich dabei, wie er ein Geschäft mit dem estnischen Staat abwickelte, der gar nicht mehr existierte. Die Orientabteilung korrespondierte mit Geschäftsfreunden in Persien, die längst hinter die Front geraten waren."

Der Mann der Stunde war der Propagandist Joseph Goebbels. Er zeigte mehr Mut als die anderen hohen Nationalsozialisten, er war der einzige der den Mut dessen bewies, der nichts mehr zu verlieren hat. Viele waren in der gleichen Lage, aber sie gaben es sich selbst im Gegensatz zu Goebbels nicht zu. Er hatte bereits im Winter den Schlußstrich gezogen, unter dem "Selbstmord" stand. Das gab ihm eine gewisse Freiheit.

Er traute sich noch im März aus dem Bunker hinaus und trug für Fahrten an die Front als einziger Zivilist das Ärmelband der Division "Großdeutschland", obschon sein Eingreifen in die Vorbereitungen der Verteidigung Berlins stümperhaft und schädlich war.

Im gleichen Monat verkündete Goebbels in einer Pressekonferenz: "Wir müssen jetzt wie Friedrich der Große denken und handeln. Aber wenn wir untergehen sollten, dann wird mit uns das ganze deutsche Volk untergehen, und zwar so ruhmreich, daß selbst noch nach 1000 Jahren der heroische Untergang der Deutschen in der Weltgeschichte an erster Stelle steht."

Zugleich entfesselte Goebbels eine antisowjetische Greuelpropaganda, die das Gegenteil dessen bewirkte, was beabsichtigt war: Sie weckte nicht Haß, sondern Furcht.

Millionen Deutsche waren in diesem Kriegswinter auf der Flucht, um sich vor einem barbarischen Feind in Sicherheit zu bringen, der mit unglaublicher Schnelligkeit in das Reichsgebiet eindrang.

"Das Reich" verherrlichte die Trecks der Flüchtenden: "Wer hätte je so schöne Pferde gesehen? Da reiten sie vorweg, ein alter graubärtiger Herr mit etwas müden Augen, aber straff, aufrecht, mit kurzem Pelz und Nerzmütze gekleidet, die Beine in gut gearbeiteten Reitstiefeln, neben ihm die Frau, eine weißhaarige, aber wohl gar nicht so alte Dame im Reitsitz der Frauen; schließlich der Junge, der Enkel wohl, munter vor sich hin plaudernd..."

An der Stadtgrenze der Reichshauptstadt aber wurden Schilder errichtet: "Flüchtlingen ist der Aufenthalt in Berlin verboten".

Frauen, die aus Ostpreußen geflüchtet waren, berichteten im Radio und auf Pressekonferenzen von selbst erlebten und miterlebten Vergewaltigungen. Eine pedantische Frau behauptete sogar, sie sei 24mal vergewaltigt worden.

Als Frankfurt an der Oder; Kriegsgebiet geworden war und man die Russen schon in die Stadt eindringen sah, ohne auf dieses Ereignis psychologisch so vorbereitet gewesen zu sein, wie man es dann im April war, hatte es den. Berlinern die Sprache verschlagen. Aber schon bald fanden sie sie wieder. Während Goebbels Haß predigte, formulierte der Berliner Witz aus den allgegenwärtigen Bomben und den noch nicht gegenwärtigen Russen einen Satz, der später nicht mehr sehr witzig klang: "Lieber einen Russen auf dem Bauch als die Amis auf dem Kopf."

Die Voraussetzung für diese irreale Existenz schuf die Rote Armee. Sie ließ den Berlinern Zeit. Sie rührte sich Woche um Woche nicht vom Fleck. Die geographische Entfernung zwischen dem östlichsten Berliner und dem westlichsten Sowjetsoldaten veränderte sich zwischen dem 7. Februar und dem 16. April objektiv nicht um einen Kilometer, aber sie verlängerte sich im Bewußtsein der Berliner. Mit jedem Tag, an dem die Russen nicht kamen, wurden sie den Berlinern wieder unwirklicher.

Die hektisch begonnenen Improvisationen von Straßensperren und Panzergräben wurden liegengelassen. Die zu diesen Arbeiten befohlenen Zivilisten verliefen sich wieder bis auf weiteres.

Die Berliner wußten in diesem Februar noch nicht, was ihnen erspart geblieben wäre, wenn die Sowjets nicht an der Oder angehalten hätten, sondern nach Berlin durchmarschiert wären.

- Von den 1,35 Millionen Tonnen Bomben, die während des ganzen Krieges auf Deutschland fielen, wurde ein Drittel erst zwischen Februar und Mai 1945 eingeflogen und abgeworfen.

- Von den 329 000 durch Bomben getöteten Nichtkämpfern starben zwischen dem 1. Februar 1945 und Kriegsende mehr als ein Drittel.

- Zwischen dem 1. Februar und dem

21. April 1945 erlebte Berlin 83 schwere Bombenangriffe; nur die Nacht auf Ostern blieb ruhig.

Weder die Zerstörung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar noch die größten Angriffe im württembergischen Raum hätten noch stattgefunden. Auch das am 12./13. April zerbombte Potsdam stünde noch.

Die Verteidigungsanlagen, welche im eigentlichen Stadtgebiet im April eine zügige Besetzung verhinderten, waren im Februar noch nicht vorhanden. Das bedeutet, daß die auch vom Artilleriebeschuß herrührenden Brände, die zuletzt beträchtliche Teile der Stadt vernichteten, nicht entstanden wären.

Hätten aber die Sowjets im Februar überhaupt in Berlin sein können, und warum kamen sie nicht?

Als Berlin zum Greifen nahe vor der Ersten Weißrussischen Heeresgruppe lag, bereitete sich Schukow darauf vor, die Stadt sofort zu nehmen. Der Marschall und seine Armeeführer waren sich der Bedeutung und der Folgen des Angriffs auf Berlin voll bewußt.

Tschuikow schreibt: "Die Einnahme Berlins im Februar 1945 hätte das Ende des Krieges bedeutet. Obendrein hätten wir damals weit weniger Opfer bringen müssen als später im April."

Die sowjetischen Frontkommandeure waren nach der Weichseloffensive überzeugt, daß die deutsche Ostfront zerschlagen war.

Aber Stalins Armee verhielt, grub sich an der Oder ein - auf Stalins ausdrücklichen Befehl. Weil Stalins Nerven versagten? Überschätzte er den Feind? Einerseits war er der Front zu nah; dank der stets, auch im Vorwärtsstürmen funktionierenden (damals unabhörbaren) Dezimeter-Telephonverbindungen, halte er seine Marschälle stets an der Strippe. Andererseits saß er doch im fernen Moskau und vermochte nicht nachzuempfinden, was bei der Truppe nach dem Sturmlauf von der Weichsel zur Oder Erlebnis und innerste Überzeugung geworden war: daß der Feind schwach sei und seine Kraft nur noch dazu ausreiche, im Rahmen von Hitlers Wahnsinnsstrategie des Haltens um jeden Preis an einzelnen Punkten fanatisch zu kämpfen.

Das Risiko, Schukow mit ungedeckter Nordflanke die letzten Kilometer nach Berlin laufen zu lassen, erschien Stalin zu groß. Er zögerte, er konnte sich tagelang nicht entscheiden.

Stalins Unentschiedenheit schlug sich in zwei einander ausschließenden Befehlen des Hauptquartiers Schukow nieder. Der'erste, vom 2. Februar, wies die Heeresgruppe an, sich einzugraben. Der zweite, zwei Tage später von Schukow persönlich abgezeichnet, lautete am 4. Februar:

"Die Truppen der Heeresgruppe haben die Aufgabe, in den nächsten Tagen durch aktive Aktionen den erzielten Erfolg zu festigen, alles heranzuziehen, was zurückgeblieben ist, die Treibstoff -Vorräte auf zwei Verbrauchssätze und die Munitionsvorräte auf zwei Kampfsätze zu ergänzen und am 15. und 16. Februar durch einen raschen Vorstoß Berlin zu nehmen."

Kriegsgeschichts-Akteur und -Schreiber Tschuikow meint zwar, es sei ausgeschlossen gewesen, In der befohlenen Frist den notwendigen Sprit und Munition heranzubringen; es hätte ein paar Tage länger gedauert. Aber selbst dann wäre Berlin statt im Mai vielleicht am 17. oder 18. Februar gefallen - als die Westmächte noch jenseits des Rheins standen*.

Am Sonntag, dem 4. Februar, vormittags, fuhr Schukow von seinem Gefechtsstand zum Stab der 69. Armee und traf sich dort mit seinen Oberbefehlshabern Bersarin (dem späteren ersten Stadtkommandanten von Berlin), Tschuikow, Katukow, Bogdanow und Kolpaktschi, der der Gastgeber war.

Den Angriffsbefehl vom selben Tag Im Kopfe, beugten sich die Herren über die Karten und besprachen die Operation in großen Zügen.

Zwischen Schukow und Tschuikow stand ein halbes Dutzend Telephonapparate. Einer davon klingelte. Stalin war am Telephon. Er sprach in diesem Augenblick via Moskau von der Krim aus. Er befand sich in Sonne und strahlendem Frühling - während seine Generäle tiefen Winter vor dem Befehlsbunker hatten - und bereitete sich auf die erste Begegnung mit Roosevelt und Churchill vor. Denn an diesem 4. Februar begann die Konferenz von Jalta; auf der die Teilung der Welt beschlossen wurde, die Teilung, die quer durch Deutschland laufen sollte.

Ohne zu erklären, wo er sich aufhielt, sagte Stalin zu Schukow: "Wo befinden Sie sich, was machen Sie?"

Schukow: "Wir planen den Angriff auf Berlin."

Stalin: "Das ist unnütze Arbeit. Sie müssen sich jetzt an der Oder eingraben und möglichst viele Kräfte nach dem Norden werfen, nach Pommern, um zusammen mit Rokossowski die Heeresgruppe Weichsel zu zerschlagen. Machen Sie einen Plan."

Schukow fand keine Erwiderung. Der riesige Mann legte wortlos den Hörer auf, erhob sich wortlos, verließ wortlos den Raum. Die Sitzung war zu Ende. Die Generäle ahnten nur, was geschehen war.

Am Nachmittag dieses ersten Jalta-Tages scherzte Stalin mit Roosevelt darüber, ob wohl er zuerst in Berlin oder die Amerikaner zuerst in Manila seien (die Amerikaner waren am 23. Februar in Manila). Stalin selbst gab den Amerikanern die bessere Chance. Denn, so vertraute Stalin dem Präsidenten an, seine Soldaten seien an der Oder auf heftigen Widerstand gestoßen. Roosevelt war es gewohnt, daß Stalin seine Anstrengungen und Schwierigkeiten ins hellste Licht zu stellen pflegte, um neue Materiallieferungen oder Entlastungs -Operationen aus den Amerikanern zu pressen. Aber er konnte nicht ahnen, daß an dieser Auskunft kein Korn Wahrheit war.

Die Feindlage, die Schukow Anfang Februar bei Frankfurt antraf, ist nicht zu vergleichen mit der, die von der deutschen Führung bis Mitte April geschaffen wurde. Zwar war die relative Überlegenheit der Sowjets Mitte April sicher größer, als sie es bei einer Fortsetzung des Angriffs Mitte Februar gewesen wäre. Daraus darf aber nicht der Schluß gezogen werden, dieser Angriff hätte nicht gelingen können. Schukow und seine Generäle waren keine Phantasten - sie sahen eine reelle Chance, im Februar in Berlin zu sein.

Selbst Tschuikow, sonst in seinen Kriegserinnerungen ein herber Kritiker Schukows, stellt sich hierin vorbehaltlos an die Seite seines Marschalls.

Der bedeutendste sowjetische Heerführer, Schukow, und eine ganze Equipe von Armee-Generälen, alle 54 Kilometer vor Berlin stehend, haben es also für möglich gehalten, im Februar 1945 in Berlin zu sein, wodurch Europa und die Welt, heute anders aussähen, als sie aussehen.

Erst einmal im Besitz großer Teile des Reiches und seiner Hauptstadt hätte Stalin das Pfand freiwillig nie mehr herausgegeben. Und so gäbe es, wenn die Alliierten dagegen nichts unternommen hätten, heute vielleicht sogar nur ein Deutschland - ein kommunistisches.

Oder hätten die Westmächte dann im Geiste Churchills gehandelt, der noch vor Kriegsende seinem Feldherrn Montgomery den Befehl gab, die Waffen der kapitulierenden deutschen Streitkräfte so zu lagern, daß sie wieder an die deutschen Soldaten ausgegeben werden könnten?

Genau das war es, woran sich die deutsche Führung klammerte: die Hoffnung, daß sich die Westmächte vor der Alternative "Russen an der Ruhr" oder "Mit den Deutschen gegen die Sowjets" für die letzte Lösung entscheiden könnten, hat bis zum Selbstmord Hitlers in den Hirnen der deutschen Führung gespukt.

Nicht nur die Überzeugung, daß sie als Verbrecher nichts mehr zu verlieren hatten, nicht nur unsinnige Vorstellungen von den Möglichkeiten der V-Waffen, nicht nur der Goebbelssche Propaganda-Wunsch: "Die Zarin stirbt"* und nicht nur die alliierte Forderung nach bedingungsloser Kapitulation, sondern auch der aberwitzige Glaube, gewissermaßen die Nato vorwegnehmen und mit dem Westen gegen den Osten kämpfen zu können, hat die deutsche Führung bewogen und in die Lage versetzt, den Krieg bis Anfang Mai hinziehen zu können.

Weder die Reichsregierung noch die Bevölkerung Berlins waren sich damals im klaren, daß sie es einem persönlichen Eingreifen Stalins zu verdanken hatten, wenn dem Dritten Reich noch eine Frist von einem Vierteljahr gegönnt war. Die Berliner wußten nicht einmal, daß ihr Führer unter ihnen weilte. Er beendete in und unter der Reichskanzlei seine Rundreisen als Feldherr.

Am 30. Januar 1945, dem zwölften Jahrestag der Machtergreifung, hörte das deutsche Volk über den Äther zum letztenmal die Stimme des Mannes, dem jahrelang die tiefste Verehrung, Bewunderung und Liebe der Nation gegolten hatte. Für den Rest seines Lebens blieb er für die Öffentlichkeit unhörbar, so wie er schon lange unsichtbar für sie geworden war. Das deutsche Volk bekam nur noch die Folgen seines Tuns zu spüren.

Was der Bevölkerung Berlins zugedacht war, ist ihr wahrscheinlich bis heute unbekannt geblieben. Es findet sich in einem Verteidigungsplan für die Reichshauptstadt, datiert vom 9. März 1945, und wurde als "Grundsätzlicher Befehl für die Vorbereitungen zur Verteidigung der Reichshauptstadt" von dem ersten Befehlshaber des "Verteidigungsbereiches Berlin", Generalleutnant H. Reymann, im Einvernehmen mit dem Führerhauptquartier (FHQ) erlassen. Erst drei Tage vorher hatte Reymann seinen Posten übernommen.

Der Befehl, 33 Seiten lang, ist eingeteilt in:

- A. Allgemeines

- B. Kampfführung

- C. Waffengattungen

- D. Sonstiges

- E. Anlagen

Der Geist dieses Befehls ist der gleiche, in dem zehn Tage später der Führerbefehl "Verbrannte Erde" vom 19. März 1945 abgefaßt wurde. An beiden ist abzulesen, in welcher inneren Verfassung

sich Hitler in der Zeit befand, in der er das Ende vor Augen sah, aber noch nicht zusammengebrochen war. Seine Energie richtete sich nun ausschließlich auf Zerstörung.

Während jedoch der Befehl vom 19. März, der die Selbstzerstörung des noch in deutscher Hand befindlichen Reichsgebietes vorsah, durch nachfolgende "Ausführungsbestimmungen", welche das Oberkommando der Wehrmacht auf Speers Betreiben erließ, abgemildert und teilweise aufgehoben wurde, hat der Befehl vom 9. März, der auf die Zerstörung Berlins hinauslief, seine Geltung erst mit der bedingungslosen Kapitulation verloren.

Er umfaßt 24 Punkte und beginnt mit den Sätzen: "Die Grundsätze dieses Befehls müssen geistiges Eigentum jedes eingeteilten Führers (einschließlich Volkssturm-Führer) sein. Alle Vorbereitungen müssen sich - der Einheitlichkeit halber

- im Rahmen dieser

Grundsätze halten."

Punkt zwei ist nur eine Zeile lang und enthält den Kampfauftrag: "Die Reichshauptstadt wird bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigt." Punkt drei, wesentlich länger, beschäftigt sich mit der Kampfführung (siehe Kasten Seite 89).

Die Alarmierung der Truppe erfolgte

nach diesem Befehl durch das Stichwort, "Clausewitz"; die volle Abwehrbereitschaft sollte durch "Kolberg" ausgelöst werden.

Großberlin und Umgebung wurden in eine "äußere Sperrzone", eine "äußere Verteidigungszone", eine "innere Verteidigungszone" und in einen Abschnitt Z (Zitadelle) eingeteilt, der identisch mit dem Regierungsviertel war.

In der "äußeren Verteidigungszone", die sich ungefähr mit dem Stadtgebiet deckte, sollte "die Masse der eigenen Kräfte" eingesetzt werden. Hier gab es eine "grüne HKL" (Hauptkampflinie), hinter der die Kräfte "durch starke Tiefengliederung ... ein unüberwindliches Hauptkampffeld" schaffen sollten.

Der Einsatz "schwerer Waffen und Artillerie" in diesem "Hauptkampffeld" hätte es notwendig gemacht, Schußfeld zu schaffen, das heißt, nach dem Vorbild Breslaus, ganze Stadtviertel wegzusprengen.

Die Grenze der inneren Verteidigungszone folgte dem S-Bahn-Ring. An dieser Stelle verzichtete der Befehl auf alle Detailausführungen. Er verfügte kurz: "Die S-Bahn-HKL ist zu halten!"

Das ganze Verteidigungsgebiet glich einer großen Torte mit 40 bis 60 Kilometer Durchmesser; die einzelnen Befehls-Abschnitte hatten die Form von Tortenstücken. Es gab deren acht, bezeichnet mit den Buchstaben A bis H. Ein neunter Abschnitt war die Mitte, Z = Zitadelle.

In Punkt 24 werden die Gefechtsstände der Abschnittskommandeure aufgeführt: Gefechtsstand A befand sich im Finanzamt Lichtenberg, Normannenstraße, Telephon 71 15 92; Gefechtsstand E im Hotel Nestler, Argentinische Allee, Telephon 84 21 86. Es gab auch vorgeschobene Gefechtsstände, so für Abschnitt E in Potsdam. Kindl-Brauerei, Luckenwalder Straße.

Ober Potsdam, das nicht in die "äußere Verteidigungszone" einbezogen war, heißt es lapidar: "Die Insel Potsdam ist als Fester Platz zu halten!"

Die zentrale Befehlsstelle der Gesamtverteidigung der Reichshauptstadt befand sich zunächst im Generalkommando am Hohenzollerndamm. Nach Stichwort -Ausgabe "Clausewitz" plus sechs Stunden, also Alarmfall, sollte sie in den L-Turm des Zoo-Bunkers umziehen, dem stärksten überirdischen Befestigungswerk auf Berliner Boden.

Der Befehl verfügt, daß der Werkschutz Provokateure oder aufsässige Ausländer "unter rücksichtslosem Gebrauch aller Machtmittel festsetzt oder unschädlich macht".

Er stellt den Grundsatz auf: "Die Panzerfaust gehört in erster Linie in die Hände von Freiwilligen!"

Er kennt drei Arten von Standgerichten, die dritte für Zivilpersonen. Die Urteile der "Fliegenden Standgerichte" dürfen nur auf Todesstrafe oder Freispruch lauten. Er regelt den Einsatz von Meldehunden, Brieftauben und Flakhelferinnen, genannt Maiden, und weist darauf hin, daß Ferngespräche über drei Minuten Dauer nur in dringlichen Ausnahmefällen geführt werden sollen. Unter Punkt 5, Abschnitt 0, nennt er unter den Verteidigungstruppen "sämtliche durch die Abschnittskommandeure aufgenommenen und eingerafften Truppenteile und Einheiten".

Im Nordosten und Osten ging das Verteidigungsgebiet Berlin In die Oderfront über. Sie lehnte sich an das linke Ufer von Oder und Neiße an, mit jenen Einbuchtungen, die durch die sowjetischen Brückenköpfe bedingt waren.

Das Verteidigungssystem bestand dort aus drei Linien, von denen die erste mit Schützengräben, Beton- und Erdbunkern ausgebaut war; Drahtsperren und Minenfelder lagen davor. Diese Befestigungen hatten einer Tiefe von drei bis zehn Kilometer.

20 Kilometer hinter der HKL schlängelte sich eine zweite Verteidigungslinie durch das waldige und hügelige Gelände, in dem es keine durchgehenden Gräben mehr gab und fast keine Betonbunker.

Wiederum im Abstand von zehn bis 20 Kilometer arbeiteten Zivilisten, Frauen und alte Männer, die nicht einmal für den Volkssturm zu brauchen waren, an einer dritten Linie Weit auseinandergezogener Stützpunkte, Straßensperren und Panzergräben.

In Winterstarre und Frühlingsmatsch waren sie mit diesen Vorbereitungen für die maschinelle Hilfsmittel fast völlig fehlten, noch nicht sehr weit gekommen, als der Angriff losbrach.

Unbegreiflicherweise hätte Hitler zehn Tage vorher die Hälfte der Panzerkräfte aus der Oderfront herausgezogen und nach Süden verlegt. Er erwartete, allen Feindmeldungen widersprechend, den Hauptstoß nicht in Richtung Berlin, sondern in Richtung Prag. Feldmarschall Schörner bekam Panzer, die er weniger dringend brauchte.

Das sechsbändige sowjetische Werk über den Großen Vaterländischen Krieg, gibt an, Hitler habe im April 1945 an der Oderfront noch eine Million-Soldaten, 10 400 Geschütze und Granatwerfer, 1500 Panzer und Selbstfahrlafetten, über drei Millionen Panzerfäuste und 3300 Kampfflugzeuge ins Feld stellen können.

Eine phantastische Rechnung: Sie geht von Soll-Stärken der deutschen Einheiten aus. Die waren nirgends mehr vorhanden. Die deutsche Kampfkraft war darüber hinaus nach 2000 Kilometer Rückzug kaum gering genug einzuschätzen. Die Absicht der sowjetischen Geschichtsschreiber ist klar: den eigenen Ruhm zu mehren.

Eine kritische Durchleuchtung dieser Zahlen ergibt: Gegenüber der Ersten Ukrainischen Heeresgruppe befand sich die Vierte Panzerarmee der Heeresgruppe Mitte, deren Hauptkräfte schon nicht mehr zur Oderfront gehörten. Gegenüber der Ersten und Zweiten Weißrussischen Heeresgruppe lag die Heeresgruppe Weichsel.

Dazu gehörten die Neunte und Dritte Panzerarmee; beide zusammen bestanden aus einer Panzerdivision, vier Panzergrenadierdivisionen, 14 Infanteriedivisionen, vier Jäger-Divisonen (oder verwandte Verbände), drei Divisionen, die sich in der Aufstellung beziehungsweise Auffrischung befanden, und drei Ersatz- und Ausbildungsdivisionen. Nennenswerte Reserven, die von der Obersten Führung hätten in den Kampf geworfen werden können, besaß die Heeresgruppe Weichsel nicht.

Die Vierte Panzerarmee im Süden bestand aus dem LVII. Panzerkorps, dem Panzerkorps "Groß-Deutschland", dem V. Korps und der Korpsgruppe des Generals der Artillerie Moser mit zusammen neun Divisionen. Dazu kamen zwei SS-Verbände und einige Sondereinheiten, die nur auf dem Papier als Divisionen geführt wurden.

Demnach standen auf deutscher Seite zur Verteidigung der Hauptstadt und des Raumes bis hinauf nach Stettin etwa

35 Divisionen zur Verfügung, die selbst mit ihren normalen Stärken nur eine halbe Million Soldaten umfaßt hätten.

Über die effektiven Stärken gibt es keine verbindlichen Unterlagen. Auf keinen Fall aber standen an der deutschen Oderfront (ohne die Besatzung von Berlin) mehr als 250 000 Mann - also höchstens ein Viertel dessen, was die sowjetische Geschichtsschreibung in Anschlag bringt.

Die Moral der Truppe war schlecht, die körperliche Verfassung miserabel, die Ausrüstung durchweg, erbärmlich. Die 3300 Kampfflugzeuge, von denen das sowjetische Geschichtswerk spricht, sind reine Phantasie.

Dieser Truppe stand eine zehnfache Übermacht gegenüber.

Mit der Ersten Weißrussischen Heeresgruppe sollte auf dem linken Flügel; also südlich, die Erste Ukrainische Heeresgruppe angreifen und an Berlin vorbei die Elbe zwischen Wittenberg

und Torgau ereichen. Ihr war die Besetzung von Sachsen zugedacht. Auf Schukows rechtem Flügel, also nördlich von ihm, hatte die Zweite Weißrussische Heeresgruppe den Auftrag, Mecklenburg einzunehmen und etwa bis zur heutigen Westgrenze der DDR vorzustoßen.

Für diese aufeinander abgestimmte Operation standen der sowjetischenFührung - 2 500 000 Mann zur Verfügung, 41 600 Geschütze und Granatwerfer, 6250 Panzer und Artillerie-Selbstfahrlafetten und 7500 Kampfflugzeuge.

Dieses Artillerie-Aufgebot, das größte beider Weltkriege, zeigte eine Eigentümlichkeit der sowjetischen Angriffstechnik. Am ersten Angriffstag wurden 1 236 000 Schuß verfeuert. Jede Kanone verschoß also nur 30 Granaten. Dafür standen auf einem Kilometer Front 610 Geschütze. Die Batterien standen tief gestaffelt, sonst hätten sie nicht Platz gehabt. Mit diesem System, das die Sowjets im Prinzip bei allen ihren großen Durchbruchs-Offensiven anwendeten, erreichten sie in der halben Stunde, in der es darauf ankam, Infanterie und Panzern den Weg zu bahnen, eine Gewalt des Feuers pro Zeiteinheit, die auf keine andere Weise mit konventionellen Waffen herzustellen gewesen wäre.

Keine andere Armee hat je ähnliches praktiziert. Es ist militärischer Ausdruck dessen, was man Volkscharakter nennt: Vertrauen auf die Wirkung des Massenhaften und des zugleich eindrucksvoll Primitiven.

Das sowjetische Heer befand sich moralisch und körperlich in glänzender, Verfassung. Das Pathos des sowjetischen Namens für den Zweiten Weltkrieg - Der Große Vaterländische Krieg - mag in westlichen Ohren hohl klingen, in sowjetischen klingt es echt.

Der Name ist nicht eine propagandistische Erfindung von Politruks, sondern entsprach dem, was die sowjetischen Soldaten von dem Augenblick an empfanden, in dem sie anfingen, ihr Land zurückzuerobern, und auf die Spuren der Faschisten stießen. Als sie an der Oder standen, kannten sie Warschau, Maidanek und Treblinka. Sie hatten Leningrad befreit und wußten, daß 720 000 zivile Bewohner dieser Stadt durch Artilleriebeschuß und Hunger umgekommen waren - gemäß einem deutschen Befehl, nach dem die zweitgrößte Stadt der Sowjet-Union samt allen ihren Bewohnern vom Erdboden verschwinden sollte. Das Gefühl, einen Krieg für die Befreiung des eigenen Volkes zu führen, erfüllte nicht nur die einfachen Soldaten, sondern auch die Intellektuellen, welche die Armee in den Stäben bis herunter zur Division begleiteten. Ilja Ehrenburg war nur einer von ihnen.

Die Partei, die ihrerseits die Armee mit einem eigenen Organisationsnetz durchzog, das bis in die Kompanien reichte, wußte, was diese Unterstützung durch die Intelligenz wert war.

Schriftsteller im Offiziersrang konnten die Front vom Eismeer bis zur Krim bereisen. Ein Schriftsteller wie Konstantin Simonow, ein Dramatiker wie Wischneswki, ein Liederdichter wie Dolmatowski, machten die Feldzüge mit. Sie schrieben, was sie sahen und was sie erlebten, und viele von ihnen haben später Tagebücher veröffentlicht.

Zu dem militärischen Training für den Straßenkampf in einer Großstadt trat an der Oderfront bei den Sowjets das politische Training für den Endsieg. Tschuikow erinnert sich: "Eine bevorstehende Offensive macht es nötig, die politische Arbeit, das heißt die Arbeit der Partei- und Komsomolorganisationen mit den Menschen, zu verstärken. Sobald wir die Kampfaufgabe erhalten hatten, wurde das Parteiaktiv des Stabes und der Politabteilung der Armee einberufen, zu dem wir auch die Komandeure und Chefs der Politabteilungen der Korps und Divisionen einluden. Das Parteiaktiv beschloß einstimmig eine Resolution, in der es unter anderem hieß: 'In der Nacht vor dem Angriff bringen alle Truppen ihre Kampffahnen in die vordersten Stellungen...'"

Tatsächlich griffen die Sowjets mit wehenden roten Fahnen an; jede Kompanie hatte den Befehl, die Fahne wehend bis Berlin zu tragen. Es wurden politische Einzelaufträge gegeben, und zwar derselbe Auftrag an verschiedene Gruppen verschiedener Truppenteile, um auf diese Weise sicherzustellen, daß der Auftrag ausgeführt wurde.

So gab es allein vier Gruppen von je vier Mann, welche die Rote Fahne auf dem Reichstag hissen sollten*. Anderen wurde dasselbe für das Brandenburger Tor befohlen. Wieder andere Gruppen bekamen den Befehl, Hitler lebendig zu fangen, und ein weiterer Befehl lautete, die Leiche Hitlers zu finden und zu identifizieren. Diese Befehle gab der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, Marschall Schukow.

In der Nacht zum 16. April vor dem Angriff auf Berlin beantragten 2000 Soldaten und Offiziere bei den Parteiorganisationen ihrer Truppenteile die Aufnahme in die KPdSU. Im Laufe der Wartezeit an der Oder wurden insgesamt 17 000 Soldaten der drei Heeresgruppen in die Partei aufgenommen.

So also waren auf beiden Seiten die Karten gemischt, mit denen das Kriegsspiel an jenem 16. April an der Oder fortgesetzt wurde, der letzte Rubber im letzten Spiel.

Marschall Schukow, dessen Heeresgruppe ausersehen war, Berlin zu nehmen, befehligte vier Feldarmeen und zwei Panzerarmeen. Damit griff er auf einer Frontbreite von 70 Kilometer an. Sein Aufmarsch hatte einen klaren Schwerpunkt bei Küstrin unterhalb der Seelower Höhen. Dort waren auch die deutschen Verteidigungsanlagen, vom Gelände begünstigt, am stärksten ausgebaut. Und dort wurde der erste bewaffnete Vorstoß schon 24-Stunden vor dem allgemeinen Aufbruch der Front geführt.

"Ich hatte meinen ersten Angriffstag am 16. April schon hinter mir", erzählte General Antonow, ein untersetzter Herr mit Kugelkopf und Glatze dem SPIEGEL. Auf seiner tadellosen silbergrauen Ausgehuniform hängt am roten Band ein goldener Stern. General Antonow ist Held der Sowjet-Union; er trägt die höchste Kriegsauszeichnung, die Stalin zu vergeben hatte.

Im April 1945 führte er als Oberst die. 301. Schützendivision unter Marschall Schukow. Antonow: "Wir gingen schon am 15. April los. Unsere Stoßrichtung war der nördliche Teil der Seelower Höhen. Wir sollten aufklären für den Angriff am nächsten Tag, aber nicht mit Spähtrupps, sondern in Bataillonsstärke mit Panzern und Artillerie. Unsere ersten Gruppen waren sehr erfolgreich, sie durchbrachen die Verteidigung. Der Panzerführer schoß eine Leuchtkugel zum Zeichen, daß er seinen Auftrag erfüllt hatte. Daraufhin alarmierte ich die ganze Division, und links und rechts von mir geschah dasselbe. Praktisch hatten wir also in unserem Streifen die vorderste Linie der Verteidigung bereits hinter uns gebracht.

"Wir gruben uns für die Nacht ein. Am nächsten Morgen ging dann die große Sache los, und am Nachmittag hatten meine Leute bereits die erste Linie auf den Seelower Höhen gestürmt. Wir erreichten die Straße von Seelow nach Werbig, da blieben wir hängen, und der Korpskommandeur beschloß, die Reserve in den Kampf zu werfen."

Hitler hatte die Parole ausgegeben: "Das Halten der Oderfront ist Voraussetzung für den Umschwung des Krieges." Am 16. April 1945 war die Oderfront durchbrochen.

* Erst am 7. März überquerten General Bradleys Verbände bei Remagen den Rhein.

* Im Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen und einer russisch-österreichischen Allianz starb die Zarin Elisabeth, 1762. Ihr Nachfolger, Peter III., schloß Frieden mit Friedrich dem Großen.

* Siehe Titelbild: Die Rotarmisten Jegorow (geboren In einem kleinen Dorf bei Smolensk) und Kantaria (geboren In Abchasien) befestigen am 30. April die Rote Fahne auf dem Dach des Reichstags.

Sowjetische Kampfflugzeuge über Berlin im April 1945: Am ersten Tag der letzten Schlacht...

... Beethovens "Egmont" und "Der Mustergatte": Berlin im April 1945 (v. l.: Hitlerjunge mit Panzerfaust, Barrikadenbau,

Bahnhofskontrolle, Volkssturm)

Sowjet-Aufbruch an der Oder: Auf Befehl zwei Monate vertan

Berlin-Eroberer Schukow

Nach Stalins Anruf den Raum verlassen

Schukow-Untergebener Tschuikow

Nach Churchills Telegramm Eifer entwickelt

Flüchtlingstreck im

Spreewald 1945: "Wer hatte je so schöne Pferde gesehen?"

Luftangriff in Berlin: Als Kellertick ein Tuch im Mund

Reichsminister Goebbels an der Oder-Front: Als Zivilist ein Ärmelband

Diktatoren Stalin, Hitler: Marschalle an der Strippe

Schanzarbeit im Grunewald: Eingerafft

Berlin-Verteidiger Reymann

Clausewitz + 6

Deutsche Oder-Front April 1945: Am andern Ufer zehnfache Übermacht

Deutscher Panzer auf den Seelower Höhen: "An der Straße nach Werbig ...

... da blieben wir hängen": General Antonow, Interviewer Kuby


DER SPIEGEL 19/1965
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DIE RUSSEN IN BERLIN 1945