19.05.1965

DIE RUSSEN IN BERLIN 1945

2. Fortsetzung
Als am 16. April 1945 die sowjetische
Offensive an der Oder begann, arbeitete die deutsche Führung immer noch nahezu normal - am grünen Tisch.
Adolf Hitler hatte sich noch nicht endgültig entschlossen, ob er in der Reichshauptstadt bleiben oder nach Süden in die legendäre "Alpenfestung" ausweichen wollte. Von Woche zu Woche schloß er sich hermetischer im Führerbunker ein.
Man kann sich die Räumlichkeiten des Führerbunkers unter der alten Reichskanzlei nicht klein genug vorstellen. Aus Gründen der Sicherheit durften die Decken nur geringe Spannweiten haben.
Der Privatraum, in dem sich das Ehepaar Hitler schließlich umbrachte, maß 2,50 mal drei Meter. Des Großdeutschen Reiches letzte - oder, rechnet man die Regierung Dönitz hinzu, vorletzte - Führungsspitze hauste in Kammern, die eine Betondecke von 3,50 Meter Dicke hatten. Darüber lag eine Erdschicht von zwei Metern.
Als die Ventilation und die Beleuchtung von einem Notaggregat mit Strom beliefert wurden, hörten die Bunkerbewohner außer dem saugenden Geräusch der Lüftung auch Tag und Nacht das Tuckern eines Dieselmotors.
Hinter den Türen der Verbindungsgänge und Treppen lungerten SS-Männer vom Führerbegleitkommando herum, das nicht im Führerbunker, sondern in den großen Kellerräumen unter
der Neuen Reichskanzlei stationiert war. Dort tropfte noch das Wasser vom Beton, auf dem die Abdrucke der Schalbretter zu sehen waren. Diese neuen, halbfertigen Anlagen wurden von 600 oder 700 Menschen bewohnt.
Hier hausten die zweite und dritte Garnitur des Führerstabes und die beiden Wachkommandos: das SS-Begleitkommando unter Sturmbannführer Schädle und das vom Reichssicherheitshauptamt gestellte Kriminalkommando unter dem SS-Führer Rattenhuber. Außerdem befand sich dort auch der Gefechtsstand der "Kampfgruppe Mohnke", des Führers letztes Leibregiment.
Sie alle sahen Hitler kaum oder nie. Sie hatten keinen Zutritt zum Führerbunker. Der ständige Stab war klein. Zu ihm gehörten:
- die Photolaborantin Eva Braun und
Hitlers Schäferhündin Blondi mit einem ihrer jüngsten Sprosse, genannt Wolf,
- Dr. Goebbels mit Familie (ab 22. April wohnte er im Führerbunker),
- Martin Bormann,
- General Krebs, letzter Generialstabschef des Heeres und einziger bedeutender Offizier in Hitlers Umgebung, den das Heer noch anerkannte,
- General Burgdorf, Chefadjutant Hitlers und Chef des Heerespersonalamtes, der bei den Soldaten nur geringes Ansehen genoß,
- Dr. Naumann, Staatssekretär im
Propagandaministerium"
- Botschafter Hewel vom Auswärtigen
Amt und
- Kammerdiener Linge, fast elf Jahre lang in Hitlers persönlichem Dienst, der auch zum innersten Kreis gerechnet werden muß, zu den wichtigen Persönlichkeiten, obwohl er übergangen würde, als ein Arzt später im Auftrage Hitlers die Giftkapseln verteilte - die letzten Auszeichnungen, die Hitler verlieh.
Die anderen Männer und Frauen im letzten Führerhauptquartier waren keine wichtigen Mitspieler, sondern nur Statisten oder Gehilfen: Reichsjugendführer Axmann, SS-Verbindungsoffizier Fegelein, die drei Adjutanten der Wehrmachtsteile, Gestapo-Müller, die Adjutanten der Generale Krebs und Burgdorf, Hitlers persönliche Adjutanten Schaub, und Günsche, Bormanns kleiner Stab, der Arzt Dr. Stumpfegger, Führerpilot Baur, Fuhrparkchef Kempka, Sekretärinnen und anderes Personal.
War das alles? Das war alles! Wo aber waren die Großen des Reiches, wo war die glänzende Suite von Generalen des Heeres und der SS? Sie hatten sich von ihrem Führer abgesetzt. Man begegnete ihnen in merkwürdigen Situationen.
Als der Artilleriekommandeur des LVI. Panzerkorps, Oberstleutnant Wöhlermann, den Kommandierenden seines Panzerkorps, General Weidling, besuchte, sah er sich plötzlich dem Reichsaußenminister von Ribbentrop gegenüber, der sich bei Weidling über die Lage orientieren wollte. Wöhlermann berichtet:
"Er saß bleich und niedergeschlagen dem General gegenüber ... Weidling sagte, zu Ribbentrop gewendet: 'Da kommt gerade mein Artilleriekommandeur von vorne, der kann Ihnen gleich über die Lage berichten.'
"Kurze Vorstellung, Ribbentrop erhebt sich schwer aus seinem Sessel, gibt mir seine kraftlos wirkende Hand und sieht mich ... mit ängstlichen, traurigen und müden Augen erwartungsvoll an, ohne das sonst so vor Stolz hochgetragene Kinn zu heben. Mein Bericht wirkt vernichtend. Mit heiserer, leiser Stimme stellt er zögernd einige Fragen und verabschiedet sich sehr bald von uns."
Er gehörte nicht mehr zu der Umgebung des Führers, man brauchte keinen Reichsaußenminister mehr. Aber auch Hermann Göring saß nur noch in "Karinhall" herum, bevor er nach Bayern floh. Der erste Kampfkommandant von Berlin, General Reymann, erinnert sich:
"Am Sonntag, dem 11. März 1945, fand in Berlin die letzte Heldengedenkfeier statt. Als Kampfkommandant mußte ich an ihr teilnehmen. Vor dem Ehrenmal Unter den Linden waren Abordnungen von Truppenteilen, die an der Front standen, angetreten. Die Umgebung bot einen eigentümlichen Rahmen. Dort stand das völlig ausgebrannte und von Bomben stark beschädigte Stadtschloß, und da lag der Berliner Dom in Trümmern. Gegenüber dem Ehrenmal ragte die Ruine der Berliner Oper auf.
"Kurz vor Beginn der Feier erschien Göring in einem großen Wagen. Er stieg aus und betrachtete kopfschüttelnd das Bild der Verwüstung. Dann begab er sich mit mehreren Offizieren, unter denen auch ich mich befand, in das Ehrenmal, das fast unbeschädigt war.
"Göring legte einen großen Kranz nieder, grüßte und verließ dann, ohne ein Wort gesprochen zu haben, das Ehrenmal ... Er trug bei dieser Gelegenheit keine Orden. Es war allgemein bekannt, daß er alle Abzeichen ablegte, als ihm Adolf Hitler schwerste Vorwürfe wegen des Versagens der Luftwaffe gemacht hatte."
Auch er befand sich nicht im Führerbunker. Bald sollte er ebenso als "Verräter" aus der Partei ausgestoßen werden, wie der mächtige Heinrich Himmler, von dem es eine ähnliche instruktive Momentaufnahme aus der Verfallszeit der NS-Führer gibt.
SS-Brigadeführer Dr. Krukenberg hatte gerade am Südausgang von Strelitz die französischen Freiwilligen seinerDivision "Charlemagne" versammelt, um mit ihnen befehlsgemäß zum Endkampf nach Berlin aufzubrechen, da fuhr - so berichtet Krukenberg - "in einem von ihm selbst gesteuerten offenen Mercedes der Reichsführer SS Himmler in Richtung Hohenlychen mitten zwischen uns hindurch. Zu meinem Erstaunen hielt er nicht an, obgleich es das erstemal war, daß er Angehörigen der Division 'Charlemagne' begegnete".
Krukenberg: "Wie ich später erfuhr, kam Himmler aus Lübeck, wo er mit dem schwedischen Grafen Bernadotte zusammengetroffen war: Da er unseren, mit seinen (Kapitulations-) Bestrebungen kaum übereinstimmenden Auftrag kannte, hätte es nahegelegen, uns die Fahrt nach Berlin nicht mehr antreten zu lassen oder mich wenigstens über die Lage zu unterrichten. Himmler wollte, indem er durchfuhr, zweifellos allem ausweichen."
Der Führer war so gut wie allein. Seine Befehlsapparatur schmolz zuletzt auf ein Funkgerät zusammen. Er war geschlagen. Aber er führte bis zum letzten Augenblick, und die Generalität gehorchte ihm bedingungsloser als einige seiner höchsten Partei-Paladine. Ihr steckte sozusagen der 20. Juli 1944 in den Knochen; der Mißerfolg und die Ermordung ihrer besten Offiziere hatte sie moralisch zerstört.
Das von Hitler geschaffene künstliche Chaos der Zuständigkeiten bewährte sich in letzter Stunde, wie seit elf Jahren; niemand war in der Lage, Hitler den Zentralschalter der Macht aus der Hand zu nehmen, es sei denn, man hätte Gewalt angewendet, wie es am 20. Juli versucht worden war.
Hitler war zunächst Oberbefehlshaber der Wehrmacht gewesen, hatte sich dann aber im Dezember 1941 außerdem zum Oberbefehlshaber des Heeres ernannt und entzog die Führung der Ostfront weiterhin dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Sinn dieser Maßnahme: Er wollte als Chef des Oberkommandos des Heeres (OKH) die Ostfront am kurzen Zügel führen. Der Generalstabschef wurde zum bloßen Erfüllungsgehilfen Hitlers abgewertet.
Der Generalstab selbst, der Hitler ins Führerhauptquartier nach Ostpreußen gefolgt war, hatte sich beim Herannahen der Sowjets in sein altes Quartier nach Zossen, 30 Kilometer südlich von Berlin, zurückgezogen. Zossen beherbergte mit unzähligen Baracken, Bunkern und als Landhäuser getarnten Betonbauten die leistungsfähigste Befehlsapparatur und die größte Nachrichtenzentrale der deutschen Wehrmacht.
Das Lager Maybach II nahm die Büros des Generalstabs auf. Im Lager Maybach I war Mitte Januar 1945 die wichtigste Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht, der Wehrmachtführungsstab, eingezogen, dessen Chef, Generaloberst Jodl (wie Keitel), allerdings in Dahlem residierte.
So war die Führungsspitze auf drei Zentralen verteilt: Führerbunker, Dahlem und Zossen. Hitler nahm eine weitere Zellteilung vor:
Als sich abzuzeichnen begann, daß die Truppen der Alliierten das Reichsgebiet in mehrere Kampfzonen zerreißen würden, sah ein Führerbefehl vom 15. April die Aufteilung des Wehrmachtführungsstabes in zwei Gruppen vor; die eine (Gruppe B) sollte im Süden, die andere (Gruppe A) im Norden führen.
Die Ausführung dieses Plans störte der Sowjetmarschall Konjew, dessen Panzerspitzen gerade am Führergeburtstag 18 Kilometer südlich Zossens in der Gegend von Baruth auftauchten. Die obersten Führungsstäbe der großdeutschen Wehrmacht, eine nach Tausenden zählende Menge von Offizieren, Unteroffizieren, Dolmetschern, Kartenzeichnern, Kraftfahrern, Wachmannschaften und Nachrichtenstäben, verließen Zossen fluchtartig.
Die vornehme Kavalkade, eine Elite mit generals- und karmesinroten Streifen an den Hosen, besetzte zunächst die Luftschutzschule in Wannsee und umliegende Villen. Dort teilte sich der Wehrmachtführungsstab. Das Gros ging nach Süden, kam gerade noch durch und eröffnete am 23. und 24. April bei Berchtesgaden einen neuen Befehlsbetrieb ohne Truppen, genannt "Führungsstab Süd".
Zum Führungsstab Nord schlugen sich auf Hitlers Befehl der Chef des OKW, Generalfeldmarschall Keitel, und der Chef des Wehrmachtführungsstabes, Jodl, durch und setzten sich in Etappen nach Norden ab, bis sie schließlich in Flensburg Quartier machten. Im "Führungsstab Nord" wurde der Papierkrieg am längsten in tadellosen Formen gespielt, noch über die Kapitulation hinaus.
Die Verteidigung Berlins aber wurde einem Kampfkommandanten anvertraut, der zunächst dem Führer direkt unterstellt und daher, wie die Stabsoffiziere witzelten, "reichsunmittelbar" war.
Der erste Kampfkommandant hieß General Reymann. Er erließ den grundsätzlichen Befehl für die Verteidigung Berlins, unterhielt einen Gefechtsstand im Stellvertretenden Generalkommando des III. Armeekorps am Hohenzollerndamm und besaß so gut wie keine Möglichkeit, jemals bis zum Führer in den Bunker vorzudringen.
Damit blieb er auch ohne Befehle. Seine Truppen schätzte er, als er am 7. März 1945 seinen Posten übernahm, auf 125 000 Mann. In Wahrheit waren es im Alarmfall etwa 94 000 Soldaten, davon 60 000 Mann des Volkssturms. Diesem Volkssturm aber hatte der Kampfkommandant nur taktische Befehle zu erteilen, im übrigen unterstand das letzte Aufgebot den zivilen Behörden.
Ursache dieses Zuständigkeits-Wirrwarrs: Hitler hatte es vermieden, das Reich zum Operationsgebiet zu erklären, als der Feind die Grenze überschritt. Er wollte verhindern, daß die Wehrmacht die gesamte Verfügungsgewalt in die Hand bekam. Die staatlichen Hoheitsrechte und die Verwaltung blieben bei den Gauleitern und den Reichsverteidigungskommissaren, also bei der Partei.
In Berlin war Joseph Goebbels Reichsverteidigungskommissar und Gauleiter; er fühlte sich als der eigentliche Verteidiger der Reichshauptstadt. Anders als General Reymann konnte er sich jederzeit durch einen Führerbefehl absichern oder wenigstens behaupten, es gäbe einen.
Jeden Montag veranstaltete Goebbels in einem Haus neben dem Brandenburger Tor eine Kriegsratssitzung, zu der auch der Kampfkommandant wie ein Untergebener zu erscheinen hatte. Dort instruierte und beschwor Goebbels die Vertreter der Luftwaffe, des Arbeitsdienstes, der Stadtbehörden einschließlich des Oberbürgermeisters, den Polizeipräsidenten, den Stadtkommandanten (den es neben dem Kampfkommandanten gab), den Höheren SS- und Polizeiführer, den Regierungspräsidenten, den SA-Führer und Vertreter der Industrie.
In diesem Gremium wurden Fragen der Verteidigung wie der zivilen Versorgung besprochen. Einmal fragte Reymann den Minister was eigentlich mit mehr als drei Millionen Zivilisten geschehen solle. Goebbels: An eine Evakuierung sei nicht zu denken.
Darauf Reymann: Dann solle man wenigstens die 120 000 Kinder unter zehn Jahren aus Berlin abtransportieren. Auch das sei nicht möglich, beharrte Goebbels. Aber wie - fuhr Reymann fort - stünde es mit der Milchversorgung für Kleinstkinder, wenn die Stadt von ihrer Umgebung abgeschlossen würde? Goebbels: Es sei Büchsenmilch für drei Monate vorhanden. Sie war nicht vorhanden.)
Der Kampfkommandant kümmerte sich um die Kleinstkinde, der Gauleiter um militärische Fragen.
In den Händen von Goebbels lag die Bewaffnung und Munitioniering der Berlin-Verteidiger. Als Reymann - feststellte, daß der Volkssturm großenteils ohne Waffen war, fragte er Goebbels, woher er die Waffen nehmen wolle. Antwort: Jetzt lieferten die Berliner Fabriken, noch an die Ostfront, aber wenn Berlin erst eingeschlossen sei, blieben Waffen und Munition in genügender Menge in der Stadt. (Die Fabriken lieferten nichts, als es soweit war.)
Der Kampfkommandant war zwar für den Ausbau der Verteidigungsanlagen zuständig, aber der Reichsverteidigungskommissar stellte die Arbeitskräfte, welche die Anlagen bauen sollten. Reymann meldete einen täglichen Mindestbedarf von 100 000 Arbeitern an. An guten Tagen brachten die Hauptamtsleiter von Goebbels 30 000 Menschen auf die Beine - aber damit noch nicht an den Arbeitsplatz.
Das Organisationschaos hatte bereits vor dem Angriff der Sowjets einen derartigen Grad erreicht, daß Spandauer und Pichelsdorfer den Befehl bekamen, in Karlshorst zu schippen, Bewohner von Tempelhof aber nach Spandau dirigiert wurden. Die Arbeiter waren den ganzen Tag über damit beschäftigt, an ihre Arbeitsstelle zu kommen, denn die öffentlichen Verkehrsmittel waren teilweise schon ausgefallen, und falls sie noch fahren konnten, blieben sie wegen der Luftangriffe stehen.
Zwei Volkssturmbataillone, die dem Kampfkommandanten Berlins unterstanden, waren im Gau Brandenburg zu Hause und gehörten daher zum Reich des in Potsdam residierenden Gauleiters Stürtz, der mit Goebbels in Fehde lebte. Stürtz zog die Bataillone kurzerhand aus dem Abschnitt heraus, wo sie bereits eingesetzt waren, und stellte sie der im Spreewald operierenden 9. Armee zur Verfügung. Er wollte Goebbels nur ärgern, der tatsächlich nicht in der Lage war, diese Bataillone wiederzubekommen.
Von Goebbels bedrängt, ohne Zugang zum Führerhauptquartier, suchte der Kampfkommandant Anschluß an eine höhere Kommandobehörde, doch weder OKW noch OKH wollten von ihm etwas wissen.
Dann erreichte Reymann, daß der Verteidigungsbereich' Berlin der Heeresgruppe Weichsel des Generalobersten Heinrici unterstellt wurde. Ausgestattet mit prächtigen Karten und Tabellen, meldete sich Reymann bei seinem neuen Oberbefehlshaber. Heinricis Stabschef überzeugte, sich durch einen Blick auf Reymanns Papiere, daß der General weder Waffen noch Soldaten zu bieten hatte, und tobte: "Diese Wahnsinnigen dort in Berlin sollen von mir aus im eigenen Saft schmoren." Unmißverständlich meinte er damit die Insassen des Führerbunkers.
Reymann suchte neuen Anschluß und
errang schließlich einen kleinen Erfolg: Er wurde dem im Führerbunker sitzenden Heeres-Generalstabschef Krebs unterstellt und gewann damit ein gewisses Gegengewicht zu Goebbels. Das hieß indes noch lange nicht, daß ihm eine eigene zentral gesteuerte Befehlsgebung in Berlin ermöglicht worden wäre. Nicht einmal die Berliner Brücken fielen in seine Zuständigkeit.
Nach einem von Hitler schriftlich erlassenen Befehl mußte der Kampfkommandant sämtliche Brücken in und um Berlin zur Sprengung vorbereiten. Selbst aus Lübeck und München wurde die Sprengmunition in mühseligen Transporten herangeschafft, mit der Reymanns Pionierführer, ein Oberst Lohbeck, die neugebauten Sprengkammern laden sollte.
Da intervenierte Rüstungsminister Speer, ein Gegner aller auf Zerstörung ausgehenden "Nero-Befehle". Er behauptete, die Brücken fielen in seine Zuständigkeit, und überredete Hitler zu einem neuen Führerbefehl, der Oberst Lohbeck und dessen Männer zwang, die Sprengkammern wieder zu entladen.
Kaum aber hatte Reymann mit Hilfe des Generals Krebs diese Mängel abgestellt, da überwarf er sich endgültig mit Goebbels. Reymann wurde als Kampfkommandant abgelöst. Als Nachfolger erschien der höchste NS-Führungsoffizier, Oberst Käther, der sich jedoch nur zwei Tage halten konnte.
Auf Käther folgte am 24. April der Kommandierende General des LVI. Panzerkorps, Helmuth Weidling, der im Süden der Stadt operiert hatte und endlich den Berlin-Verteidigern Truppen zuführte. Damit hörte die Verteidigung von Berlin auf, nur eine Farce zu sein. Die Truppen des Verteidigungsbereiches Berlin setzten sich bis zum 24. April zusammen aus:
- einer Flakdivision, die erst im Alarmfall zum Erdkampf verwendet werden sollte,
- einem Landesschützenbataillon,
- einem SS-Polizei-Landesschützenbataillon
- einer Schadenpanzer-Kompanie, also Soldaten mit bewegungsunfähigen Panzern, die an Straßenkreuzungen eingegraben werden sollten;
- einer Panzerabwehr-Abteilung mit, Panzerfahrgestellen, auf die sechs Panzerfäuste montiert waren - eine improvisierte Nachahmung der "Stalinorgel",
- zwei Pionier-Kompanien mit Spezialgeräten für Bombenschäden,
- einem provisorisch aufgestellten Pionierbataillon,
- neun Kompanien des Regiments "Groß-Deutschland",
- 20 Volkssturm-Bataillonen der ersten Welle,
- 20 Volkssturm-Bataillonen der zweiten Welle (im Alarmfall aufzurufen),
- einigen Batterien jugoslawischer und belgischer Geschütze mit HJ-Bedienung.
Die im Raum Berlin-Potsdam liegenden. Ersatztruppenteile (meistens nur noch ihre Stamm-Mannschaften, mehrfach "ausgekämmt") sollten im Alarmfall ebenfalls dem Kampfkommandanten zur Verfügung stehen. Sie wurden aber, als die Einschließung drohte, von Hitler der 9. Armee zugewiesen und bereits auf dem Weg an die Front überrollt und gefangengenommen.
Wer hätte mit diesem bunten Haufen eine Stadt verteidigen können, in der über drei Millionen Zivilisten lebten, in der Mehrzahl Frauen und Kinder? Selbst der neue Kampfkommandant konnte es sich nicht vorstellen.
General Weidling galt zwar bei seinen Kameraden als "Nursoldat", "Draufgänger", "Knochenkarl", als Mann "von rauher Schale mit gutem Herzen", dennoch sagte er zu General Krebs, es sei "eine Tollheit, eine solche große Stadt wie Berlin zu verteidigen". Weidling: "Berlin kann nur an der Oder verteidigt werden! Wenn dies nicht gelingt, muß Berlin zur offenen Stadt erklärt werden!"
Auch der Generalstabs-Oberst von Dufving, den Weidling als Chef seines Stabes mitbrachte, sah die Lage so realistisch, wie vermutlich alle Offiziere im Verteidigungsbereich Berlin.
In seinen unveröffentlichten "Notizen zum Kampfgeschehen" schreibt Oberst von Dufving: "Die Situation in Berlin sah ich als aussichtslos an. Was sollte das LVI. Panzerkorps in Berlin?" In der Tat, was sollte es zwischen den Häusern? Aber es rückte in Berlin ein, und auch Chef des Stabes von Dufving entwarf die Pläne für seinen Einsatz - in Berlin.
Reymanns alter Stabschef, Oberst Refior, macht es sich in seinem unveröffentlichten Bericht mit dem Titel: "Mein Berliner Tagebuch" nicht so leicht; er stellt keine Frage, ohne sie zu beantworten. Er schreibt, "als richtig ausgebildeter Soldat", habe er sich gefragt: "Welche Aufgabe habe ich?" Sein Chef Reymann wußte darauf keine Antwort.
Reymann: "Einen eigentlichen Auftrag haben wir überhaupt nicht, denn Hitler, dem wir ja unmittelbar unterstehen, hat sich bei meiner Meldung ... nur in ganz allgemeinen Redensarten über die Verteidigung der Reichshauptstadt ausgelassen."
Refior, unzufrieden mit den allgemeinen Redensarten des Führers, gibt sich selber seinen Auftrag: "In unserem Falle war das ganz klar. Mit den vorhandenen Kräften ... war Berlin nicht zu verteidigen. Es konnte und mußte also unsere Aufgabe sein, alle personellen und materiellen Kräfte, die in Berlin greifbar waren, so zu erfassen und mit diesen die Verteidigung der Reichshauptstadt so weit vorzubereiten, daß sich im Ernstfall eine von außen herankommende Armee nur noch in das gemachte Nest zu setzen brauchte. Wenn uns das nicht in vollem Umfang gelungen ist, dann lag es an so viel unvorhergesehenen Schwierigkeiten" - Schwierigkeiten, die nach Refiors Ansicht Goebbels und andere Parteidienststellen dem Kampfkommandanten bereiteten.
Der Oberst übersah dabei freilich, daß Berlins Lage unhaltbar war, weil die Russen mit zwei Heeresgruppen angriffen und keine deutsche Armee bereitstand, die sich mit der geringsten Aussicht auf Erfolg in das "gemachte Nest" hätte setzen können. Und was später hereinkam, war in den Ruinen gefangen und konnte sich nicht mehr zum Kampf entwickeln.
Dazu Oberst Wöhlermann, Weidlings Artilleriekommandeur: "Wir waren uns ausnahmslos darüber klar, daß das Hineinnehmen des (LVI.) Panzerkorps in den Millionentrümmerhaufen Berlin mit seinen größtenteils schon geschlossenen Panzersperren den sicheren und sinnlosen Untergang des Korps bedeuten würde."
Die führenden Offiziere waren sich also darüber im klaren, daß es sinnlos sei, Berlin zu verteidigen. Warum haben sie es doch getan? Schon der "richtig ausgebildete Soldat" Refior hatte sich die Frage gestellt, wie denn eigentlich der Auftrag der Berlin-Verteidiger laute.
Da es keinen formulierten Auftrag gab, außer jenem, die Sowjets vor Berlin zurückzuschlagen, die Offiziere aber keinen Augenblick an die Ausführbarkeit dieses Auftrages geglaubt hatten, so muß sich aus dem Ablauf der Ereignisse selbst, aus dem schließlich erreichten Ergebnis der Verteidigung, nachträglich ein erfüllbarer Kampfauftrag konstruieren lassen.
Dieser Auftrag lautete: Die Stunde X, in der Adolf Hitler in Gefangenschaft gerät oder in der er, um sich der Gefangenschaft zu entziehen, Selbstmord begeht, ist so lange als nur irgend möglich hinauszuzögern.
Eine andere Rechtfertigung für die Verteidigung Berlins nach dem Beginn der sowjetischen Oder-Offensive gibt es nicht. Ob darin allerdings wirklich eine Rechtfertigung gesehen werden darf, ist eine andere Frage.
Wenn die militärische Führung Zehntausende, kämpfender und nicht-kämpfender Menschen opferte, um des Führers Leben für einige Tage zu verlängern, so kann man darin desto weniger einen Rechtfertigungsgrund sehen, als man aus nahezu allen Memoiren deutscher Offiziere erfährt, daß sie stets der Überzeugung gewesen waren, nur durch Hitlers Unfähigkeit den Krieg verloren zu haben. Auch der "Knochenkarl" Weidling hielt vom Führer nichts.
In Erinnerung an einen Lagevortrag im Führerbunker, "in dem der Personenkreis so eng untereinander verbunden war und fast alle auf Du miteinander standen", hätte er am liebsten hinausgeschrien: "Mein Führer, das ist doch Wahnsinn! Eine solche große Stadt wie Berlin kann man nicht mit unseren Kräften und mit der vorhandenen geringen Menge an Munition verteidigen. Bedenken Sie, mein Führer, das unendliche Leid, das die Bevölkerung, von Berlin in diesen Kämpfen wird ertragen müssen!" Aber er schrie nicht.
Dem Führer war nichts gleichgültiger als das Schicksal der Berliner. Aber auch General Weidling ließ schießen, bis er sich in die Gefangenschaft begeben mußte; schießen für jene Leute im Führerbunker, deren Gesichtsfarbe quittengelb war, weil sie seit Wochen nicht mehr an die frische Luft gekommen, waren. Am 20. April hatte Hitler seinen letzten Geburtstag gefeiert, am 30. April brachte er sich mit seiner Frau um. Dazwischen liegen diese zehn Tage, deren Ereignisse und Stimmungen mosaikartig rekonstruiert werden sollen:
20. April 1945
Goebbels gibt zu, es bestünde keine Hoffnung mehr, die Oder-Front zu halten. "Also Kampf in Berlin", sagt er.
Bevor die Russen in der Nähe des Hauptquartiers des OKW, des Wehrmachtführungsstabes und des Heeres -Generalstabes in Zossen auftauchen, gedenkt der stellvertretende Chef des Wehrmachtführungsstabes, Generalleutnant Winter, in einer Ansprache vor den versammelten Offizieren Hitlers Geburtstag und äußert zum erstenmal in diesem. Kreis den Gedanken, daß der Krieg unglücklich ausgehen könne. Anschließend wird gepackt und geflohen. Erst die unmittelbare persönliche Erfahrung, daß der Feind nahe ist, bringt diesen hohen Generalstabsoffizier dazu, die Lage realistisch zu beurteilen und seine Erkenntnisse auszusprechen.
Artilleriebeschuß aus sowjetischen Feldgeschützen liegt auf dem Stadtzentrum. Nach unvollständigen Meldungen sollen 226 sowjetische Panzer abgeschossen worden sein. Tatsächlich werden die Sowjets von der Panzerfaust - Faustniki von ihnen genannt - und ihrer Wirkung überrascht.
Goebbels hält die Rede zu Führers Geburtstag. Er begibt sich zu diesem Zweck in den ersten Stock einer Villa neben dem Brandenburger Tor, wo ein Pult und Mikrophone in einem sonst leeren Zimmer aufgebaut sind. Nachdem Goebbels zwei oder drei Sätze gesprochen hat, schlägt dicht neben dem Haus eine schwere Granate ein.
Goebbels unterbricht seine Rede, als nebenan die Scheiben zu Boden klirren, und hält die Hand vor das Mikrophon, damit die Berliner in den Kellern den Lärm nicht hören. Ein Rundfunktechniker fragt den anwesenden Kampfkommandanten: "Herr General, war das eine Granate oder eine Bombe?" Der General sagt, es sei eine Granate gewesen, meint aber, die nächsten Einschläge lägen sicher weiter weg. Reichsjugendführer Axmann hat bei der Gratulationscour im Bunker ein Geschenk für den Führer: Er meldet, der Jahrgang 29 wolle in die SS aufgenommen werden. Der Jahrgang 29 ist 15 Jahre alt.
Im Stadtbild Berlins gemahnt nichts an des Führers Geburtstag. Nur an einer Ruinenfront am Lützowplatz prangt in der Höhe des ersten Stockwerkes ein neues, großes Plakat: "Dafür danken wir dem Führer! Dr. Goebbels."
Im Arbeiterviertel Moabit hängt am Morgen dieses Tages in der Nähe des Gefängnisses ein neues Transparent mit der Zeile: "Wir ziehen alle an einem Strang - hoch d. Führer." Die Deutung von "d." bleibt den Passanten überlassen: Wir ziehen alle an einem Strang hoch den Führer.
In Wandlitz und Umgebung, wohin Dienststellen der Wehrmacht und der Partei evakuiert worden sind, ist alles noch wie im Frieden - wenige Kilometer von den nächsten sowjetischen Panzern entfernt, auf dem Bahnhofsplatz, hält der Ortsgruppenleiter eine Feier zu Hitlers Geburtstag ab. Während die beiden deutschen Nationallieder gesungen werden, stoßen zwei sowjetische Kampfflugzeuge im Sturzflug auf die Versammlung herab und nehmen sie aus Maschinengewehren unter Feuer. Zahlreiche Tote und Verwundete werden weggetragen.
Graf Bernadotte kommt nach Berlin, um Himmler zu geheimen Kapitulationsverhandlungen zu treffen. Er erfährt durch den SS-Brigadeführer Schellenberg, Himmler sei in Berlin nicht zu erreichen. Bernadotte verlangt eine Zusammenkunft in der folgenden Nacht.
Hitler verlangt von Luftwaffen -Generalstabschef Koller den Einsatz der neuen Düsenmaschinen gegen die über Lübben vorstoßenden Panzerverbände der Sowjets. Aber Koller muß ihm sagen, die Verbindung mit der Tschechoslowakei, wo die Flugzeuge liegen, sei unterbrochen, er könne den Einsatz nicht garantieren.
Hitler beharrt: "Sie garantieren mir, daß meine Befehle ausgeführt werden." Diese Unterhaltung findet während des Geburtstagsempfangs statt, bei dem sich die Gratulanten im Flur des Bunkers an der Wand entlang aufgereiht haben.
Die Sowjets bedrohen die letzte nach Süden führende Straße. Koller sagt Keitel, Jodl und Göring, sie müßten schnell machen, wenn sie noch herauskommen wollten. Göring zieht die Konsequenzen. Er ist schon mit einigen voll beladenen Kraftwagen aus Karinhall zur Reichskanzlei gekommen.
Das Hauptquartier in Zossen ist im Aufbruch. Die Sowjets bleiben bei Baruth einen Tag lang ohne erkennbaren Grund stehen und geben damit OKW und OKH noch eine kurze Frist, Akten einzupacken.
Am Abend äußert Hitler zum ersten Male, er werde in Berlin bleiben. Zugleich aber hat er die Hoffnung, die Sowjets vor der Stadt aufhalten zu können, noch nicht aufgegeben.
Er befiehlt dem SS-General Steiner, bei Oranienburg nach Süden die tiefe Flanke des gefährlichsten aus nordöstlicher Richtung vorstoßenden Panzerkeils anzugreifen. Steiner verfügt in diesem Augenblick über drei schlecht ausgerüstete und angeschlagene Divisionen, die zusammen nicht eine kriegsstarke Division ausmachen.
Dieser Befehl an Steiner spielt in Hitlers letzten Tagen eine wichtige Rolle. Der Führer klammert sich nacheinander an drei nur in seiner Einbildung vorhandene Entsatzmöglichkeiten für Berlin: durch
- General Steiner aus dem Norden,
- die 12. Armee unter Wenck von
Westen her,
- die 9. Armee unter General Busse aus dem Süden.
Von der Gruppe Steiner und von der Armee Wenck erreicht keine Einheit die Stadt. Von der 9. Armee zieht sich nur das LVI. Panzerkorps unter Weidling gezwungenermaßen auf Berlin zurück.
Eine Bekanntmachung des Kampfkommandanten erscheint an den Mauern der Ruinen: "Alle Wehrmachtsangehörigen, die sich in Berlin außerhalb ihrer Truppenteile befinden, alle Beurlaubten, Abkommandierten, durch Berlin Reisenden, Genesenden und Verwundeten sind verpflichtet, unverzüglich mit Proviant für 24 Stunden in Potsdam in der Von-Seeckt-Kaserne zu erscheinen."
Martin Bormann schreibt in sein Tagebuch: "Heute ist der Geburtstag des Führers. Leider ist die Lage nicht feierlich. Der Vortrupp hat den Befehl, nach Salzburg abzufliegen."
Die Sowjets dringen in die Vororte Berlins ein. An diesem Tag entstehen die letzten Bilder des Führers. Sie werden aufgenommen, während er die Front von ein paar Hitlerjungen abschreitet, die zur Feier seines Geburtstages im Hof der Reichskanzlei aufgestellt worden sind.
Mit diesem Tag, mit der Flucht aus Zossen, hört eine geordnete deutsche Gesamtkriegsführung formal auf, soweit man von ihr im Hinblick auf Hitlers willkürliche Eingriffe überhaupt je sprechen konnte.
Die Bevölkerung begrüßt Göring bei seiner letzten Fahrt durch Berlin vom Führerbunker nach Wildpark-Werder lebhaft und empfängt ihn freundlich, als er wegen der Luftangriffe verschiedene öffentliche Luftschutzbunker aufsuchen muß. Er macht selbstkritische Witze, die von den Berlinern mit herzlichem Gelächter honoriert werden.
21. April 1945
In der Nacht vom 20. auf den 21. April befindet sich des Reiches Führung im großen Aufbruch, alles strebt weg von Berlin. Die Marschabteilungen der Reichsführer, Reichsminister und Feldmarschälle mit ihren spiegelnden, schweren Kraftwagen setzen sich nach Süden und Norden in Bewegung. Den obersten Instanzen folgt das Gros der Verwaltung von Partei und Staat.
Die in Wannsee angekommenen Fahrzeugkarawanen des Zossener Hauptquartiers warten auf Hitlers Entscheidung. Der künftige Führungsstab Süd weiß, daß es nur noch Stunden dauern wird, bis die Russen die letzten Straßen nach Bayern abriegeln.
Es wird deutlich, daß die 9. Armee eingekesselt ist.
Nachdem Göring sein Waldschloß Karinhall verlassen hat, ist seine in der Schorfheide stationierte Leibwache in Divisionsstärke ohne Auftrag. Sie wird dem SS-General Steiner ebenso unterstellt wie das überflüssig gewordene Bodenpersonal der Luftwaffe (12 000 bis 15 000 Mann). Viele dieser Soldaten besitzen nicht einmal Gewehre oder Pistolen.
Auf Steiners Angriff sind in diesem Augenblick Hitlers ganze Erwartungen gerichtet. Der Befehl an Steiner entwickelte sich noch aus der Lage am 20. April, als tatsächlich die nördlichen
Angriffskeile der Sowjets die unmittelbarste Bedrohung der Stadt darstellten. Durch die Ereignisse bis zum Mittag des 21. und die Einkesselung der 9. Armee, also durch die Operationen der Heeresgruppe Konjew, hat sich die Gesamtlage jedoch verändert. Jetzt droht Berlin die unmittelbarste Gefahr aus Südosten.
Die ersten Geschäfte beginnen, ohne Karten Lebensmittel an die Bevölkerung zu verkaufen. Es bilden sich überall im Stadtgebiet lange Menschenschlangen.
Goebbels hält seine letzte Pressekonferenz im halbzerstörten Propagandaministerium ab. Dabei gibt er sich wilden Haßausbrüchen gegen das Offizierskorps hin: Es sei durch Unfähigkeit und Verrat dem Führer in den Rücken gefallen. Dabei spricht er die berühmt-berüchtigten Sätze: Wenn die
Nationalsozialisten zum Abtreten gezwungen würden, werde die Welt wie unter einem Donnerschlag erbeben.
Die Sowjets dringen bereits über Hoppegarten in die Stadt ein.
Das Oberkommando der Luftwaffe in Wildpark-Werder wird aufgelöst. Hitler ringt sich im Laufe des Tages zu der gegenüber dem Generalstabschef der Luftwaffe geäußerten, Ansicht durch: "Man müßte die ganze Luftwaffenführung sofort aufhängen."
Es mehren sich die Fälle, in denen mit und ohne Standgericht Soldaten und Zivilisten an Straßenkreuzungen im Stadtgebiet aufgehängt werden. Nicht immer wird ihnen ein Schild umgebunden, aus dessen Text hervorgeht, warum sie hingerichtet worden sind. Die Zivilbevölkerung zeigt weder Abscheu gegenüber den Tätern noch gegenüber den Opfern. Sie verrät überhaupt keine Reaktion.
Abends erkundigt sich Hitler noch einmal telephonisch bei dem in Wildpark zurückgebliebenen Stabschef der Luftwaffe, ob Görings Privatarmee in der Schorfheide Steiner zugeführt worden sei. Man spürt, wie er sich manisch an der Vorstellung festklammert, durch den Angriff Steiners werde sich die Lage in Berlin wenden.
Zwei Stunden später mischt sich Hitler plötzlich noch einmal in ein Telephongespräch ein, das über Steiners Erfolgsaussichten geführt wird. Er brüllt in den Apparat, jeder Luftwaffensoldat im gesamten Nordraum sei unverzüglich Steiner zuzuführen. Hitler: "Jeder Kommandeur, der Kräfte zurückhält, hat binnen fünf Stunden sein Leben verwirkt."
Wieder eine Stunde später ist Hitlers Drängen, Steiner möge angreifen, bereits der Gewißheit gewichen, er werde angreifen - und siegen. Hitler ruft ins Telephon: "Sie werden sehen, der Russe erleidet die größte Niederlage, die blutigste Niederlage seiner Geschichte vor den Toren Berlins."
Roosevelt ist längst tot und begraben, die an seinen Tod geknüpften Hoffnungen auf einen Zerfall des Lagers der Alliierten haben getrogen. Dennoch blühen sie, je näher das Ende rückt, desto prächtiger auf.
SS-Chef Himmler gibt sich mit Hoffnungen nicht zufrieden. Er will etwas dafür tun, daß sie sich erfüllen. 100 Kilometer nördlich des Bunkers, in dem sein Führer die blutigste Niederlage der Roten Armee erwartet, sitzt er mit dem jüngsten SS-General, Walter Schellenberg, und dem schwedischen Grafen Bernadotte im Sanatorium Hohenlychen zusammen.
Die treibende Kraft bei dieser Begegnung ist Schellenberg. Er möchte über Bernadotte Eisenhower erreichen, um mit ihm eine einseitige Kapitulation zu verabreden. Himmler zögert und spricht von seinem Eid. Bernadotte fragt sich, wozu eigentlich dieses Treffen arrangiert worden ist. Es ist nicht das erste.
Bereits am 12. Februar und am 2. April hat Himmler mit Wissen Ribbentrops, aber ohne Wissen Hitlers mit Bernadotte gesprochen - beide Male ohne Ergebnis. Offiziell wird nur über Austausch von Gefangenen und Evakuierung von Neutralen verhandelt. Die Kapitulationsfrage wird hinter verschlossenen Türen besprochen.
Himmler hat sich zu diesem Gespräch nur unter dem Einfluß seines Masseurs und Astrologen Kersten bereit gefunden. Mit Kerstens Voraussage: Hitler werde "mit Sicherheit" den 7. Mai nicht überleben, sollte Himmlers Bereitschaft geweckt werden, sich vom Führer loszusagen.
Aber der Brief an Eisenhower wird dennoch nicht geschrieben. Schellenberg bringt den Grafen zum Auto und sagt zu ihm: "Nichts ist verloren. Der Reichsführer ist auf dem Punkt, sich zu entscheiden." Bernadotte willigt ein, daß ein weiteres Treffen vereinbart werden soll.
Nur wer einen "Ausweis III" hat, darf die Straßenbahnen benutzen. Nicht viele haben den "Ausweis III", und so sind sogar die noch verkehrenden, wenigen Bahnen häufig nicht voll besetzt. Im strömenden Regen dieses Tages rennen längs der noch verkehrenden Linien die Berliner ohne "Ausweis III" neben halbleeren Straßenbahnen her. Der Menge kommt nicht in den Sinn, sie ohne Ausweis zu besteigen.
Die Kartoffelabschnitte 75 bis 77 werden aufgerufen und müssen an diesem Tag in den Kartenstellen gestempelt werden. Die Frauen rennen in den Pausen der Luftangriffe, zu denen sich jetzt in noch unregelmäßigen Intervallen Artilleriebeschuß gesellt, zu den Kartenstellen, um sich ihre Abschnitte stempeln zu lassen. Niemand weiß wozu, denn Kartoffeln werden in vielen Geschäften bereits frei abgegeben.
Der 21. April ist ein Sonnabend. Die Abendzeitungen bleiben aus. Trotz des Verbots, das Stadtgebiet zu betreten, fangen die Elendszüge der Flüchtlinge an, das Straßenbild in den östlichen Teilen der Stadt bis zum Zentrum zu bestimmen.
22. April 1945
Eisenhower benachrichtigt das sowjetische Oberkommando, daß er seine Armeen an der Elbe und an der Westgrenze der Tschechoslowakei "aus Gründen des Nachschubs" anhalten werde.
Ohne diese Nachricht zu kennen, gewinnt man im Stab der Wenck-Armee den Eindruck, daß die Amerikaner an der Elbe im Raum Havelberg einen "Demarkationslinien-Aufmarsch" vollziehen. Allererste Konturen der innerdeutschen Jalta-Grenzen beginnen sich abzuzeichnen.
Im Bunker wird die letzte "Führerlage" in größerer Besetzung abgehalten. Hitler scheint teilnahmslos dem Vortrag Jodls zu lauschen, bis der General auf die Lage im Norden Berlins eingeht. Da erkundigt sich Hitler, ob der Angriff Steiners, den er am 20. April befohlen und nach dem er sich noch in der vergangenen Nacht leidenschaftlich erkundigt hat, ins Rollen gekommen sei.
Der Umstand, daß Hitler die Besprechungen nach üblichem Schema in Gang kommen läßt, ohne sich sofort nach dem ihm wichtigsten Punkt - der Lage Steiners - zu erkundigen, deutet darauf hin, daß er insgeheim bereits mit einer negativen Auskunft gerechnet hat. Es war seine Gewohnheit, unangenehme Dinge entweder überhaupt nicht oder nur, wenn es unumgänglich wurde, zur Kenntnis zu nehmen.
Jetzt ist es unumgänglich, und Hitler erfährt, daß Steiner nicht angetreten sei, weil er mangels Truppen gegen diesen Feind überhaupt nicht antreten könne, daß hingegen die Sowjets bereits von Norden her in die Stadt vorrückten.
Hitler hält sich noch so weit unter Kontrolle, daß er befiehlt, alle Anwesenden außer Keitel, Krebs, Jodl, Burgdorf und Bormann hätten den Raum zu verlassen (Goebbels ist nicht anwesend). Vor dem zurückbleibenden engsten Kreis vollzieht sich Hitlers erster, vollständiger Zusammenbruch, seit er sich 1918 entschlossen hat, Politiker zu werden. Der Tobsuchtsanfall, in den er verfällt, ist ebensowenig gespielt wie der folgende Weinkrampf.
Und dann sagt er - auch dies zum erstenmal: Der Krieg sei verloren, und er werde sich umbringen. Das Zeugnis für diesen Ausspruch stammt aus zweiter Hand. Rittmeister Boldt, Gehilfe des Generals Krebs, gibt wieder, was ihm Krebs und der im Raum anwesende Adjutant Freytag-Loringhoven unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus dem Bunker berichtet haben. Danach hat Hitler gesagt: "Ich erschieße mich." Mit der vor Zeugen eingestandenen Erkenntnis, daß das Ende nahe sei, ist auch die Entscheidung gefallen: Er wird bis zum Ende in Berlin bleiben. Auf gegenteilige Ratschläge antwortet er nicht mehr.
An diesem Tag scheint Hitler das Interesse für alle Vorgänge in den noch nicht vom Feind besetzten Reichsteilen und den noch von der Wehrmacht besetzten ausländischen Gebieten zu verlieren. Ihn interessiert nur noch Berlin, sonst nichts mehr. Ihn interessiert nur noch sein eigenes Schicksal.
Er macht eine gewisse Ordnung in den Reichsgeschäften, die einem Rückzug von der totalen Machtausübung gleichkommen. Dönitz soll mit allen militärischen und zivilen Vollmachten im Norden führen. Keitel und Jodl sollen nach Berchtesgaden gehen.
Göring im Süden die gleichen Vollmachten zu geben, wie sie Dönitz im Norden bekommen soll, kann sich Hitler jedoch nicht entschließen. Er hält nichts mehr vom Reichsmarschall. Die Frage, wer im Süden führen wird, bleibt ungeklärt. Bormann weigert sich, Berlin zu verlassen, und darf im Bunker bleiben. Die Familie Goebbels mit allen sechs Kindern zieht auf Hitlers Weisung in den Führerbunker.
Statt aber das Ende zu beschleunigen und Hitler auf seiner Erkenntnis festzunägeln, alles sei verloren, versucht seine Umgebung, ihn wieder aufzurichten. Es ist dies die Geburtsstunde der "Geisterarmee Wenck" in Hitlers Phantasie. Die Generale gaukeln ihm die Möglichkeit des Entsatzes von, Berlin durch General Wenck vor. Sie bauen ihren zusammengebrochenen Führer mit zweifelhaften Mitteln wieder auf.
Der Chef des Wehrmachtführungsstabes, Jodl, bestinformierter Offizier der Wehrmacht, ergeht sich in Plänen, die auf nichts weniger hinauslaufen als auf eine kombinierte Operation der (im Spreewald eingekesselten) 9. und der 12. Armee (Wenck), die fast nur aus halbfertigen, schlecht bewaffneten Divisionen besteht. Sogar das Phantom Steiner wird neu belebt.
Der einzige reale Entschluß, den dieser dramatische 22. April hervorbringt, bezieht sich auf das Verhalten der gegen die westlichen Alliierten kämpfenden Verbände. Sie sollen nach Jodls Ratschlag umgedreht und einzig zur Entlastung Berlins eingesetzt werden.
Resümee dieses Tages: Aus seinem Zusammenbruch in die Wirklichkeit zurückkehrend, hat Hitler grundsätzliche Anordnungen getroffen, die geeignet sind, die Kapitulation im Nord- und Südraum unter neuen Befehlshabern mit Generalvollmacht beschleunigt herbeizuführen und auch in Berlin binnen zwei oder drei Tagen ein Ende zu machen.
Aber unter dem Einfluß Keitels, Jodls, Bormanns, Krebs' und Goebbels' wird daraus das genaue Gegenteil: nämlich der Plan einer Mobilisierung aller überhaupt noch erreichbaren Kräfte zum Kampf um Berlin.
Der Reichsverteidigungskommissar Goebbels beschließt mit einer an die früheste Kampfzeit der zwanziger Jahre gemahnenden Aktivität, die Berliner zum Entscheidungskampf auf die Barrikaden zu treiben.
Die Berliner erleben den Tag anders: Einerseits wird im Radio die Todesstrafe für den Verbrauch von Strom zu Kochzwecken angedroht. Andererseits werden Sonderzuteilungen ausgegeben, um sie bei Laune zu halten: ein Pfund Fleisch, ein halbes Pfund Reis, ein halbes Pfund Hülsenfrüchte, ein Pfund Zucker, 100 Gramm Malzkaffee, eine Konservendose und 30 Gramm Bohnenkaffee.
Es ist Sonntag; die Stadt ist fast vollständig von sowjetischen Truppen eingeschlossen. Die oberirdischen Teile der Reichskanzlei gehen in Trümmer.
23. April 1945
Die Sowjets besetzen Potsdam. Sie stehen am Teltowkanal, in Friedrichshain und in Tegel. Über Spandau erreichen sie Döberitz.
Der künftige und letzte Kampfkommandant Berlins, General Weidling, tritt auf. Zunächst soll er sich zwar im Führerbunker melden, um erschossen zu werden, weil er angeblich mit seinen Truppen im Süden Berlins vor den Russen zu weit nach Westen ausgewichen sei, aber in Wirklichkeit wird er Kampfkommandant von Berlin.
Dafür sucht er seinerseits kurz darauf nach dem SS-Brigadeführer Ziegler, Kommandeur der SS-Division Nordland, um ihn erschießen zu lassen, weil dieser offenbar im Einverständnis mit General Stein er und Himmler zu einer einseitigen Kapitulation gegenüber den Westmächten tendiert.
Weidling gelingt es, Ziegler verhaften und in die Reichskanzlei verbringen zu lassen. Dort aber sind zu viele seiner SS-Kameraden versammelt, als daß er nicht aus der Haft wieder entkommen könnte. Ihn erreicht der Tod einige Tage später durch Bauchschuß an der Front.
So ist das Klima bei der kämpfenden Truppe. Aber auch höheren Orts bedroht man sich mit dem Tod. Der 23. April ist der Tag, an dem Göring die Reichsgeschäfte an sich reißen will.
Er sitzt auf dem Obersalzberg und hört nichts aus Berlin. Mittags erscheint bei ihm sein Stabschef Koller, der sich in Wildpark-Werder isoliert gefühlt hat und'im Einverständnis mit Jodl in einer He 111 von Gatow nach Bayern geflogen ist.
Göring fragt Koller aus, wie es in Berlin stehe, und Koller berichtet, der Führer wolle sich im Bunker erschießen, es sei aus. Dann verbessert er sich: Nein, tot sei Hitler bei seinem (Kollers) Abflug noch nicht gewesen.
Koller schätzt zwar, Berlin werde sich noch eine Woche halten können (womit er recht hat), aber die Stadt werde bald jede Landverbindung einigebüßt haben: "Durch seine Entscheidung von gestern nachmittag hat sich Hitler zum Kommandanten von Berlin gemacht und sich damit von der Staatsführung wie von der obersten Führung der Wehrmacht praktisch selbst ausgeschaltet." Mit dieser Bemerkung will Koller den Reichsmarschall ermuntern zu handeln.
Ein Erlaß vom 29. Juni 1941 wird hervorgeholt (ergangen also wenige Tage nach Beginn des Krieges gegen die Sowjet-Union). Dort hat Hitler bestimmt: Wenn er ausfallen solle, müsse Reichsmarschall Göring sein Stellvertreter oder Nachfolger werden. Bouhler, Leiter der Führerkanzlei, und Lammers, Chef der Reichskanzlei, bestätigen Göring, das Gesetz sei gültig.
Alle zusammen fertigen ein Telegramm an Hitler an, dessen Inhalt besagt, Göring werde die Gesamtführung des Reichs übernehmen, falls er bis 22 Uhr keine anderslautende Weisung vom Führer erhalte.
Als das Telegramm abgegangen ist, sieht sich Göring bereits im Besitz der vollen Gewalt, legt wieder seine Orden an und beschließt voll neuerwachtem Tatendrang, am nächsten Tage zu Eisenhower zu fliegen und mit ihm in einer Unterredung "von Mann zu Mann" die einseitige Kapitulation auszuhandeln.
Göring hat die verlangte Antwort bereits eine Stunde früher. Sie ist böse. Hitler läßt Göring fallen und erklärt, er selbst sei seiner Handlungsfreiheit durchaus nicht beraubt und verbiete "jeden Schritt in der von Ihnen angedeuteten Richturig"
Keitel und Jodl sind an diesem Tage roch einmal in den Bunker gekommen. Sie sehen ihren Führer zum letztenmal. Goebbels hat an diesem Tag die Entschlüsse von gestern in papierene Taten umgesetzt.
Er erläßt Aufruf um Aufruf, adressiert an die Bevölkerung Berlins. Ihr Inhalt ist teils: optimistisch: "Ehrenhaft und männlich wollen wir unsere Pflicht tun, dem ganzen Volk ein Vorbild tapferer Gegenwehresein", teils drohend: "Merkt Euch: Jeder, der Maßnahmen, die unsere Widerstandskraft schwächen, propagiert oder gar billigt, ist ein Verräter!"
Erste Auflösungserscheinungen der Disziplin unter der Bevölkerung werden registriert. In einigen Bolle-Läden wird ranzige Butter pfundweise ohne Marken und umsonst abgegeben. Die Folge ist, daß es zu Schlägereien zwischen den Frauen kommt; sie raufen sich um die Butter und schlagen sich die Regenschirme um die Köpfe.
An der Reppichstraße hängt ein Soldat an einer Laterne: "Ich, Unteroffizier Lehmann, war zu feige, Frauen und Kinder zu verteidigen. Darum hänge ich hier."
Am Abend haben die Sowjets Frohnau, den größten Teil Pankows und Köpenick besetzt. Die U-Bahn-Linien C, D und E stellen den Verkehr ein.
Die erste Ausgabe der Berliner Frontzeitung "Der Panzerbär" erscheint. Die Unterzeile des Titels lautet: "Kampfblatt für die Verteidiger Groß-Berlins". Der mit den Worten: "Merkt Euch!" beginnende Aufruf Goebbels' wird im Panzerbär Nr. 1 (die Ausgaben sind nicht numeriert) veröffentlicht unter der Überschrift: "Eine ernste Mahnung des Führers".
Wer den "Panzerbär" herausgab und wo er gedruckt wurde, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Wahrscheinlich haben mehrere Angehörige des Propagandaministeriums den "Panzerbär" im Zimmer von Hans Fritzsche, dem in Nürnberg freigesprochenen Radio-Kommentator des Großdeutschen Rundfunks, mehr zusammengehauen als zusammengeschrieben und bei Mosse oder Scherl gedruckt. Der "Panzerbär" wurde Berlins letzte Zeitung.
24. April 1945
Zehlendorf, Tempelhof und Neukölln werden von den Sowjets genommen. Der "Völkische Beobachter" stellt sein Erscheinen ein. Hitler läßt auf dem Obersalzberg Göring, Lammers, Bouhler, Koller und andere durch ein SS-Kommando verhaften. In Hermsdorf setzen die Sowjets den ersten Bürgermeister ein.
Das für Berlin wichtigste Ereignis des Tages: Das LVI. Panzerkorps wird in den Verteidigungsbereich Berlin eingegliedert, sein Kommandeur, General Weidling, erhält die Ernennung zum Kampfkornmandanten zunächst von einigen Befehlsbereichen, dann von ganz Berlin. Weidling bezieht seinen ersten Gefechtsstand in Tempelhof.
Das LVI. Panzerkorps bringt folgende Truppenteile in die Stadt: die
- 18. Panzer-Grenadier-Division unter
Generalmajor Rauch; sie ist noch einigermaßen einsatzfähig,
- 20. Panzer-Grenadier-Division unter
Generalmajor Scholz, abgekämpft und von zweifelhaftem Wert,
- Division "Müncheberg" unter Generalmajor Mummert, deren Reste (darunter französische Freiwillige) zu den kämpferischsten Einheiten auf dem Gefechtsfeld Groß-Berlin gehören,
- 9. Fallschirmjäger-Division unter Oberst Hermann, eine nur noch bedingt einsatzfähige Truppe,
- SS-Division "Nordland".
Der Verteidigungsbereich wird umgegliedert, je zwei Abschnitte zu einem zusammengelegt, und die Divisionen Weidlings werden als "Korsettstangen" zwischen die Volkssturmbataillone eingeschoben.
In die "Kampfgruppe Mohnke", die ein SS-Führer dieses Namens im Bunker der Reichskanzlei auf Hitlers Befehl aufstellt, treten auch Frauen ein. Man sieht die ersten Bilder, auf denen Frauen und Mädchen mit der Panzerfaust im Anschlag als Gefallene erscheinen.
Die OKH-Führungsstaffeln werden zur Verteidigung eingesetzt.
Da die Flüchtlingsströme nicht mehr nach Westen abfließen können, beherrschen sie immer mehr Straßen der Innenstadt und lähmen die Bewegungen der Truppen.
Es wird um den Tempelhofer Flugplatz gekämpft. Die Straße am Verwaltungsgebäude entlang und der Platz davor (heute "Platz der Luftbrücke" gleicht einem Heerlager. Rauchschwaden, Chlorgeruch, Brandgeruch, Einschläge der Stalinorgeln, Motorenlärm, die Schreie Verwundeter. Ein Haus nach dem anderen stürzt unter Artilleriebeschuß zusammen.
Boldt, einer der beiden Adjutanten des Generals Krebs, notiert an diesem Tag, er habe bei einer kleinen Lagebesprechung Hitler Bericht erstatten müssen: "Dabei stört mich das starke Wackeln seines Kopfes. Ich muß mich beim Vortrag und Kartenstudium zusammenreißen, um nicht ganz aus dem Konzept zu kommen, wenn er mit seiner zuckenden Hand nach der Karte greift und darauf herumfährt."
Weidling hat in ersten Besprechungen mit den Abschnittskommandanten den Eindruck gewonnen, daß sich zivile Stellen, vor allem der Reichsverteidigungskommissar Dr. Goebbels, unaufhörlich in rein militärische Fragen einmischen.
"Um von Anbeginn in der Frage der Befehlsbefugnisse absolute Klarheit zu schaffen, stellte ich die Bedingung, daß von nun an alle Befehle zur Verteidigung Berlins nur von mir gegeben werden dürften, andernfalls ich unverzüglich um meine Ablösung bitten würde", erklärt er General Krebs. Da mischt sich Burgdorf ein und will Weidling zurechtweisen. Diese Sprache ist man im Führerbunker, wo nur geflüstert und ja gesagt wird, nicht gewohnt. Weidling gibt nicht nach.
Generaloberst Jodl erläßt an alle Kommandeure, deren Truppen gegen westliche Alliierte kämpfen, die Weisung, alle verfügbaren Kräfte "gegen den bolschewistischen Todfeind" einzusetzen; auf Geländeverluste gegenüber den Anglo-Amerikanern käme es nicht mehr an.
Am späten Abend versucht Hitler, die Befehlsverhältnisse im Südraum des Reiches zu ordnen. Die Lösung, auf die er dabei verfällt, beweist, daß er seinen Zusammenbruch vom 22. April überwunden hat. Er will wieder selbst führen, und das heißt: die Zuständigkeit in gewohnter Weise aufteilen.
Feldmarschall Kesselring wird nicht wie zunächst geplant, die volle Gewalt eingeräumt. Er bleibt Oberbefehlshaber West; neben ihm erhält General Winter die Leitung des Führungsstabes Süd (E) und untersteht damit dem OKW, das auf seiner Wanderung nach Norden inzwischen in Neu-Roofen bei Rheinsberg angelangt ist, wo es bis zum 29. April bleibt.
Der Befehl ist vom 25. April datiert, aber noch in der Nacht des 24. abgefaßt worden. Es heißt darin:
- "1. OKW ist mir für die Fortführung der Gesamtoperationen verantwortlich.
- "2. Es führt nach meinen Weisungen, die ich durch den bei mir befindlichen Chef des Generalstabes des Heeres übermitteln lasse.
- 3. Die Führungsaufgabe des Führungsstabes A unter Großadmiral Dönitz tritt vorläufig nicht in Kraft.
- "4. Hauptaufgabe OKW: durch Angriff mit allen Kräften und Mitteln und unter größter Beschleunigung von Nordwesten, Südwesten und Süden her eine breite Verbindung mit Berlin wiederherzustellen und damit die Schlacht von Berlin siegreich zu entscheiden."
Es wäre ebenso realistisch gewesen, einen Befehl zu erlassen, daß der Oberkommandierende der Mars-Armeen sich unverzüglich zur siegreichen Beendigung der Schlacht von Berlin mit 80 Divisionen auf die Erde zu begeben habe. Die Truppen Schukows und Konjews fallen sich am gleichen Tag bei Ketzin in die Arme und schließen den zweiten großen Außenring um Berlin.
Für Jodl aber bedeutet der Befehl, daß er ein jahrelang angestrebtes Ziel erreicht hat: Die Führungsspitze wird vereinfacht, das OKH aufgelöst oder in das OKW eingegliedert, die Stäbe des OKH und des Wehrmachtführungsstabes werden miteinander vereinigt, und der Chef des neuen umfassenden Gebildes heißt: Generaloberst Jodl. Diese Umgliederung der Befehlsstruktur war für das Schicksal Berlins ohne Bedeutung. Aber sie zeigt, und deshalb ist sie wichtig, daß Hitler tatsächlich noch einmal glaubt, die Lage in die Hand bekommen zu können. Dabei ist der Eindruck seiner Körperlichkeit so erschreckend, daß jeder, der ihn lange nicht gesehen hat oder nur von Bildern kennt, von seinem Anblick entsetzt ist.
Sein Rücken hat sich noch mehr gekrümmt, seine Arme hängen zitternd herab. Die Haare sind grau, und selbst wenn er steht, kann er die Menschen nur von unten her anblicken, weil er den Kopf nicht mehr aufrecht zu halten vermag.
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* Am 26. April 1945 auf der Schloßstraße; ein deutscher Soldat sucht in dem Wrack nach Lebensmitteln.
* Göring legt nach seiner Gefangennahme bei Radstatt am 8. Mai 1945 seine Orden ab.
Von Erich Kuby

DER SPIEGEL 21/1965
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