02.06.1965

NATO / PLANUNG

Heiter bis wolkig

Amerikas Nato-Botschafter Finletter

war, am Mittwoch letzter Woche um 14.35 Uhr, eben vom Mittagessen an seinen Schreibtisch an der Pariser Place du Maréchal de Lattre de Tassigny zurückgekehrt, da summte das weiße Telephon.

Finletter hob ab, Washington war am Apparat: Ein Beamter des Pentagon teilte ihm mit, daß US-Verteidigungsminister McNamara "wegen dringender interner Regierungsangelegenheiten seine bevorstehende Europa-Reise abändern muß".

Die geplanten Besuche des Ministers bei seinen Kollegen Kai-Uwe von Hassel in Bonn und Denis Healey in London müßten deshalb abgeblasen werden. Für die Teilnahme McNamaras an der für den 31. Mai und 1. Juni nach Paris einberufenen Tagung der Nato-Verteidigungsminister stehe, wenn überhaupt, allenfalls ein Tag zur Verfügung.

Wenige Minuten später hatte sich die Neuigkeit bei allen Pariser Nato-Botschaften herumgesprochen. Doch allein den Franzosen bereitete sie Vergnügen. Ironisch fragten sie bei der englischen und der deutschen Mission nach, ob McNamara wohl in die Fänge der dominikanischen Revoluzzer geraten sei. Und de Gaulles Verteidigungsminister Messmer, bis dahin an der Tagung desinteressiert, sagte nun umgehend sein Erscheinen zu.

Die gallische Heiterkeit und Messmers plötzlich erwachtes Interesse hatten gute Gründe: Denn einerseits brauchten die Franzosen nun nicht mehr mit einer angloamerikanisch-deutschen Einheitsfront zu rechnen, die McNamara bei seinen Visiten in Bonn und London hatte herstellen wollen; andererseits durften sie wieder hoffen, die Uneinigkeit der Allianz-Partner zum Vorteil der gaullistischen Nato-Pläne nutzen zu können.

Die Wolken der Uneinigkeit, seit langem unübersehbar aufgezogen, entstammen dem nahezu allen Allianz-Mitgliedern gemeinsamen Wunsch, das Pakt -System zu reformieren. Wie aber eine reformierte Nato aussehen soll, ist zum Zeitpunkt der Pariser Konferenz ungewisser denn je:

- Die Amerikaner sind zwar bereit, über eine organisatorische Neuordnung zu diskutieren, halten aber am Prinzip der vollen militärischen Integration der Partner fest. Sie befürworten weiterhin die Zusammenfassung der strategischen Atomwaffen der Nato einschließlich der Force de frappe zu einer multilateralen Streitmacht und fordern von ihren Verbündeten, die konventionellen Streitkräfte endlich auf den vereinbarten Stand zu bringen.

- Die Deutschen, unterstützt von Holland, Italien, Griechenland und der Türkei, teilen diese Auffassungen im wesentlichen. Sie halten, wie Nato-Kommandeur Lemnitzer, die Erhöhung der Divisionszahl von 22 auf 30 für erforderlich, wollen aber noch einen Schritt weiter gehen als die Amerikaner und wünschen, daß 200 Mittelstrecken-Raketen der alleinigen US-Verfügung entzogen und, zur Abdeckung strategischer Ziele in Ost-Europa, direkt der Nato unterstellt werden.

- Die Briten und mit ihnen Belgien, Luxemburg, Dänemark und Norwegen halten die Kriegsgefahr in Europa für derart gemindert, daß die Präsenz der ausländischen Truppen in Deutschland durch eine "Strategie der Beweglichkeit" abgelöst werden könne. Das heißt: Ein Teil der ausländischen Einheiten soll die Bundesrepublik verlassen und erst im Fall einer Bedrohung auf dem Luftweg in die deutschen Garnisonen zurückkehren. (Siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 93.)

- Die Franzosen schließlich sind zwar grundsätzlich bereit, das Bündnis aufrechtzuerhalten, fordern aber statt der Integration eine Allianz souveräner Staaten mit nationalen Streitkräften. Jede Regierung soll ihre militärischen Planungen selber ausarbeiten, ein eigenes strategisches Konzept entwerfen und für die Kosten ihrer Armee und deren Rüstung selber aufkommen. Ein Koordinierungs-Kommando ist nach französischer Ansicht denkbar - aber nur unter europäischer Führung.

Frankreichs Nato-Partner sind sich darüber klar, daß diese Pläne de Gaulles, die auf die Vertreibung der Amerikaner aus Europa hinauslaufen, das Ende des Bündnisses in seiner bisherigen Form bedeuten müßten. Sie sind deshalb, sosehr sie Reformen wünschen und sosehr ihre. Reformvorstellungen voneinander abweichen, gemeinschaftlich entschlossen, den französischen Drang nach Emanzipation zu ignorieren.

Für den Fall aber, daß Frankreichs General in Erkenntnis seiner Isolierung Obstruktion treiben und die letzten Reste der ohnehin nur noch dürftigen Aktivität Frankreichs in der Nato einstellen sollte, haben die Amerikaner mit stillschweigender Billigung der übrigen Pakt-Partner ein Alternativprogramm eingeleitet:

Das Pentagon arbeitet an Plänen; die den Abzug aller zivilen und militärischen Nato-Behörden aus Paris und die Aussparung Frankreichs aus dem Nachschubnetz der Nato vorsehen.

Nato-Zentrale in Paris: Wird die Räumung befohlen?


DER SPIEGEL 23/1965
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