09.06.1965

USA / DAVY CROCKETTRückzug aus Europa

Schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war "Davy" Crockett Glanzstück des amerikanischen Kongresses. Der starrköpfige Waldläufer aus Tennessee, im Kampf für ein freies Texas gegen Mexiko zum Nationalhelden avanciert, saß jahrelang als Abgeordneter im US-Parlament.
1960 tauchte der Name Davy Crockett wieder auf dem Capitol-Hügel auf. Und wieder erfüllte er alsbald Regierung, Kongreß und Generalität der Vereinigten Staaten mit Stolz und Sorge zugleich. Denn: Davy Crockett hieß die kleinste Atomwaffe der Welt. Ihre Kraft entsprach etwa der Explosion von 50 Eisenbahnwaggons voll herkömmlichen Sprengstoffes.
Die einem Granatwerfer ähnliche und sogar für den Lufttransport geeignete Waffe kann sowohl auf ein Dreibein als auf einen Jeep montiert und von nur zwei Mann bedient werden. Sie wurde in zwei Versionen gebaut: XM 28 und XM 29, mit Reichweiten von zwei und vier Kilometer.
Das "atomare Baby" drohte die Grenzlinie zwischen konventionellem und atomarem Krieg zu verwischen. Und eben deshalb wurde Davy Crockett, frühzeitig auch außerhalb Amerikas begehrt und gewann nun sogar politische Sprengkraft.
Der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß war einer der ersten Ausländer, die ihre Hände nach Davy Crockett ausstreckten. Am 2. August 1962 erklärte er, nach seiner Auffassung berge die Verwendung kleinster Atomsprengkörper, im Gegensatz zu den großen taktischen Kernwaffen, nicht die Gefahr, sogleich einen globalen Atomkrieg auszulösen.
In der Foertsch-Titelgeschichte, deren Veröffentlichung das Landesverrats-Verfahren gegen den SPIEGEL auslöste, stand zwei Monate später: "Strauß wollte den Mangel an Soldaten mit einem atomaren Kleinstkampfmittel ausgleichen. Mit dem Atomgranatwerfer Davy Crockett."
Obwohl der damalige Nato-Oberbefehlshaber, General Lauris Norstad, geneigt war, die Strauß-Forderung zu unterstützen, sperrten sich die amerikanische Regierung und das Pentagon. Während 1961/62 die in Süddeutschland stationierten Verbände der 7. US-Armee versuchsweise mit Davy Crockett ausgerüstet wurden, blieb die Waffe den deutschen Streitkräften vorenthalten.
Im amerikanischen Wahlkampf des vergangenen Jahres tauchte Davy Crockett dann abermals auf. Die politische Sprengkraft war ungemindert. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater wollte das Alleinrecht des US-Präsidenten antasten, atomare Sprengkörper freizugeben: Genau wie die Forderungen des Ministers Strauß wurden diese Vorschläge nach Goldwaters Niederlage zu den Akten ins historische Archiv verwiesen.
Hartnäckig weigerten sich die Vereinigten Staaten weiter bis auf den heutigen Tag, irgendeinem Nato-Partner auch nur einen einzigen Davy Crokkett zu verkaufen. Grund: Wäre diese Waffe erst einmal in den Händen von Kompanie- oder Bataillonsführern anderer Nationalität, wäre ihr Einsatz nur noch ungenügend zu kontrollieren.
Am Tage X könnte der Arm des Präsidenten im Ernstfall nicht bis hinab zu den kleinen Verbänden reichen, uni den unerwünschten Verschuß atomarerMunition zu verhindern. Damit liefe die Menschheit Gefahr, durch einen Entschluß der unteren militärischen Führung in einen ungewollten Atomkrieg gerissen zu werden. Denn das Risiko der Eskalation beginnt bereits bei der "baby bomb".
Fünf Jahre lang weckte Davy Crockett die Begierde amerikanischer und nicht amerikanischer Feldherren. Fünf Jahre lang überstrahlte die Legende seiner Nützlichkeit alle militärpolitischen Diskussionen über den Einsatz taktischer Atomwaffen. Jetzt wurde die Wunderwaffe über Nacht von einem einzigen Mann für "praktisch wertlos" (virtually worthless) erklärt - von dem amerikanischen Verteidigungsminister Robert McNamara.
Auf dem Washingtoner Capitols -Hügel, wo einst der Waldläufer Crockett aus Tennessee als Nationalheld geehrt wurde, gab McNamara seine Absicht bekannt, das kleinste Kind der Atomwaffen-Familie mit dem gleichen Namen endgültig aus Europa abzuziehen. Das Schicksal aller Waffen seit Beginn der Menschheit hat nun auch Davy Crockett ereilt - eine verbesserte Waffe ist da: die 155-Millimeter-Haubitze. Sie kann sowohl konventionelle Granaten als auch Atommunition verschießen. Sie reicht weiter als Davy Crockett, kann deshalb weiter rückwärts in Stellung gebracht werden und vor allem: Ihre Treffgenauigkeit ist höher.
Die Brigaden der Bundeswehr sind bereits mit der neuen Haubitze ausgestattet worden - doch die Atommunition bleibt ihnen weiter vorenthalten wie schon zu Straußens Zeiten der Davy Crockett.
US-Atomgranatwerfer Davy Crockett: "Praktisch wertlos"

DER SPIEGEL 24/1965
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