09.06.1965

DIE RUSSEN IN BERLIN 1945

5. Fortsetzung und Schluß
Als Oberst i.G. von Dufving am Morgen des 1. Mai 1945 in Begleitung eines sowjetischen Majors und eines sowjetischen Fernsprechtrupps, der eine Leitung vom Gefechtsstand Tschuikows zum Reichskanzlei-Bunker durchschalten sollte, den Übergangspunkt erreichte, beschossen ihn deutsche Soldaten. Der Sowjetmajor wurde verwundet.
Mit einem großen, weißen, Bettlaken als Parlamentärsflagge in der einen Hand, der Feldkabeltrommel in der anderen arbeitete sich Dufving, in Deckung vor den eigenen Soldaten, sprungweise vor. Er hatte 125 Meter zurückgelegt, da hörte die Schießerei auf.
Dufving konnte aufrecht gehen und sah einen deutschen Offizier, der, halb in Deckung, ihn durch ein Fernglas beobachtete. Das Kabel reichte nicht - 50 Meter fehlten; die Verbindung zwischen Goebbels und Sowjetgeneral Tschuikow kam nicht zustande.
Ein SS-Führer erklärte Dufving, daß er ihn verhaften müsse. Dufving erinnert sich: "Blödsinn, dachte ich. Chaos! Alles ist verrückt." Vom Gefechtsstand "Zitadelle" aus erreichte Dufving über das Telephon Bormann im Bunker und forderte ihn auf, er möge den Offizieren sofort den Befehl geben, daß sie ihn laufenließen - zu Reichskanzler Goebbels.
Bormann gab den Befehl, aber die SS-Führer beharrten: "Hier werden nur SS -Befehle durchgeführt." So mußte erst Brigadeführer Mohnke, der seine SS-Scharen im Bunker sicher bis ans Kriegsende gebracht hatte, ans Telephon geholt "werden, ehe der Parlamentär Großdeutschlands letzten Reichskanzler erreichte.
Dufving: "Wir waren in einem kleinen Raum, Bänke standen an den Wänden. Zeitweise kamen Bormann und Mohnke hinzu. Goebbels war ruhig, sprach klar und höflich. Mir fielen seine roten Flecken im -Gesicht auf, sie verrieten Erregung.
"Im Gegensatz zu Bormann und einigen anderen, die ich in der Reichskanzlei sah, hatte ich nicht die Empfindung, daß dieser Mann Angst zeigte. Dagegen hatte ich bei Bormann das Gefühl: Der zittert ja nur um sein eigenes Leben."
Der Oberst erzählt weiter: "Ich wollte, wie gewohnt, meinen Bericht militärisch kurz fassen, jedoch Goebbels nahm sich Zeit. Er stellte die Frage, wie lange wir uns noch halten könnten. Meine Antwort lautete: ,Höchstens zwei Tage; dann gibt es nur noch einzelne Widerstandsgruppen.'
"Danach fragte Goebbels mich, ob ich glaubte, daß die Verhandlungen des Generals Krebs noch Erfolg haben könnten. 'Ich glaube nicht', war meine Antwort. 'Die Sowjets bestanden, solange ich da war, auf sofortiger Kapitulation.' Goebbels rief aus: 'Darauf gehe ich nie, nie ein.'"
Schließlich, gegen elf Uhr, sagte Goebbels: "Holen Sie Krebs zurück! Ich will ihn hören."
Dufving überschritt noch einmal die Frontlinie an der Passierstelle und telephonierte von einem sowjetischen Bataillonsgefechtsstand aus mit Krebs. Der General sagte ihm, die Antwort aus Moskau sei noch nicht da, er möge doch versuchen, die Leitung zur Reichskanzlei in Ordnung zu bringen.
Der Oberst versuchte es, aber bevor der erste Ruf durchging, war das im Gelände verlegte Kabel bereits wieder zerschossen. Ein zweites Mal rief Dufving von der sowjetischen Seite aus Krebs an. Der General teilte ihm mit, die Antwort aus Moskau sei eingetroffen, man möge ihn, Krebs, an der Passierstelle erwarten.
Bei immer mehr anschwellendem Artilleriefeuer erreichten Krebs und Dufving den Reichskanzlei-Bunker gegen Mittag wieder. In der Reichskanzlei fragte der Oberst den General, ob er noch Aufträge für ihn habe. Darauf Krebs: "Ich habe keine Aufgabe mehr für Sie. Unsere Antwort an die Sowjets werden wir schriftlich geben. Melden Sie sich bei General Weidling zurück."
Dufving wartete daraufhin im Bunker auf seinen Chef, den Kampfkommandanten Weidling. Der Oberst notierte: "Ich beobachtete das Treiben um mich. Es war ein Hin- und Herrennen. Ratlosigkeit, ja Panik breiteten sich immer mehr aus."
General Burgdorf kommt und läßt sich von Dufving über die Zusammenkunft mit den Sowjets berichten. Auch er ist wie General Krebs entschlossen, sich zu erschießen. Eine anwesende Sekretärin bemerkt, daß sich Dufving die Hose unterwegs zerrissen hat, sie näht sie zusammen, Eines der Goebbelskinder wird vorbeigetragen Jemand flüstert Dufving zu: "Jetzt bekommen sie ihre Spritze."
Burgdorf erklärt: "Ich als Chefadjutant des Führers und Chef des Personalamtes habe nur eine Möglichkeit: Ich erschieße mich!"Kurzdaraufspricht Krebs einen Satz, den er alsbald selber durch Selbstmord widerlegt: "Es gibt nur verzweifelnde Männer, aber keine verzweifelten Lagen." Weidling und Dufving beschließen, zu ihrem Gefechtsstand im Bendlerblock zurückzukehren. Es ist 20.30 Uhr.
Die Sowjets haben den ganzen Tag über den 1. Mai gefeiert, zuweilen führen sie allerdings auch noch ein bißchen Krieg.
Bei Armeegeneral Tschuikow ist jetzt auch General Sokolowski aus dem Moskauer Hauptquartier eingetroffen. Tschuikow hat sich rasiert, etwas gegessen, aber seinen Platz am Tisch neben den Telephonen nur für Minuten verlassen.
Um 22.20 Uhr sagt Sokolowski zu Tschuikow: "Ein letzter Sturmangriff würde genügen. Wir haben noch zwei- oder dreihundert Meter zurückzulegen. Aber wir stürmen nicht - wir kriechen."
Tschuikow spürt den Vorwurf in dieser Bemerkung und antwortet: "Es klappt nicht mit dem letzten Stoß, weil die Truppe weiß, daß der Krieg schon gewonnen ist. Die Müdigkeit macht sich jetzt bemerkbar. Und sie wollen auch nicht in Berlin sterben."
Es wird Nacht. Erschöpfte Gesichter, übervolle Aschenbecher. Wieder und wieder nimmt Tschuikow den Hörer auf. Tschuikow am Telephon: .Ah, sind Sie zur Bellevuestraße durchgebrochen? Nur so weiter! Nur vorwärts! Wenn Sie das noch schaffen, ist alles in Ordnung. Es sind nur noch hundert Meter."
"Wir alle möchten sehr gern schlafen", notiert der Schriftsteller Wischnewski. "Es ist tiefe Nacht. Tschuikow legt sich
auf das Sofa. Alles ist ruhig. Sokolowski macht im Sessel ein Nickerchen."
Da rufen die Schweden aus ihrem Botschaftsgebäude an, das die sowjetischen Truppen soeben besetzt haben. Der schwedische Geschäftsträger will einen Glückwunsch an die Sowjet-Union schicken, will zum Sieg gratulieren. Die Schweden sitzen im Keller ihrer Botschaft und stellen sich um.
Den ersten sowjetischen Offizieren, die sie zu Gesicht bekommen, erzählen die Schweden, daß sie während des Krieges auch sowjetischen Staatsbürgern Schutz gewährt hätten. Tschuikow brummt zu seinem Adjutanten, der dieses Gespräch entgegengenommen hat: "Die Schweden sollen sich beruhigen. Meine zentrale Anweisung: Weitgehende Herzlichkeit. Das ist alles."
Die Formel "Das ist alles" beschließt jeden zweiten Befehlssatz, den Tschuikow spricht. Hundertmal hat er sie an diesem Tag angewendet.
Der 2. Mai 1945 bricht an. Tschuikow friert vor Übermüdung und zieht auf dem Sofa seinen Mantel über sich. Um 1 25 Uhr weckt ihn der Adjutant, nachdem Tschuikow gerade eingeschlafen ist, und meldet ihm: "Die LVI. Panzerdivision (gemeint ist das LVI. Panzerkorps) schickt Parlamentäre." Tschuikow antwortet: "Das ist Ihre Sache. Wir wollen jetzt schlafen."
Es ist General Weidling, der jetzt Schluß macht. Viel hat sich auf der deutschen Seite ereignet, ehe sich der Berliner Kampfkommandant zur Kapitulation entschlossen hat:
Goebbels hatte aus dem Bericht des von Tschuikow zurückgekehrten Krebs den Eindruck gewonnen, daß sich der General nicht energisch genug für einen vorläufigen Waffenstillstand eingesetzt und sich auf Zusagen an die Sowjets eingelassen habe, die Goebbels als unannehmbar empfand. Deshalb schickte der Reichskanzler eine Stunde später einen neuen Parlamentär los.
Über diesem letzten Unterhändler von Goebbels lastet ein undurchdringliches Dunkel - bis heute weiß man nicht, wer dieser Parlamentär war.
Artilleriekommandeur Wöhlermann weiß sich jedoch noch einer Erklärung von Weidling oder von dessen Stabschef Dufving bei der letzten Kommandeurbesprechung zu erinnern, wonach Goebbels den General Krebs beschuldigt habe, "entgegen der ihm erteilten Weisung Schukow nicht vor das Entweder-Oder gestellt zu haben"; er, Goebbels, hätte "einen zweiten persönlichen Boten zu den Russen geschickt mit einem Brief, in dem er alle Vereinbarungen, die der General Krebs getroffen habe, für null und nichtig erklärte und Kampf bis aufs Messer ansagte'.
Auch der sowjetische General Antonow. Kommandeur der 301. Schützendivision, berichtete Anfang 1965 dem SPIEGEL, daß er den Goebbels-Parlamentär und dessen Begleiter empfangen habe.
Antonow erzählt: "Mein Stab befand sich am 1. Mai in der ehemaligen Dänischen Botschaft neben dem Gestapo-Hauptquartier. Ich selber hatte meinen Gefechtsstand im ersten Stock der Gestapo. Die Parlamentäre wurden mir gemeldet, und von unserer Seite wurde eine Gruppe zusammengestellt unter der Führung meines Stabschefs, der ein Dolmetscher beigegeben wurde. Es war später als Mittag.
"Die Deutschen kamen auch mit einem ausgezeichneten russischen Dolmetscher. Es waren vier Mann, ich glaube, die meisten waren -Offiziere, geführt von einem Oberst. Was er uns zuerst berichtete, war die Hochzeit Hitlers mit einer Eva Braun. Sodann erfuhren wir, daß Hitler am 30. April früh seinen Schäferhund vergiftet habe, um das Gift auszuprobieren, mit dem er sich dann selbst umbrachte.
"Der als Sprecher fungierende Oberst behauptete, Goebbels sei der Nachfolger Hitlers, und sie kämen in dessen Auftrag. Ich habe die Anwesenheit der Parlamentäre meinem Kommando gemeldet, das seinerseits die Meldung weitergab. Worauf ich den Befehl bekam, keinerlei Verhandlungen zu führen, sondern die Reichskanzlei sofort zu besetzen.
"Der Oberst erklärte mir, es sei möglich, mit der Reichskanzlei eine telephonische Verbindung herzustellen, und tatsächlich kam sie zustande. Der Oberst telephonierte, ich kann nicht sagen, mit wem, jedenfalls bekam er den Befehl, zurückzukehren. Zwei der Offiziere ließen wir in den Korpsstab abführen, die anderen gingen zurück.'
Kurz darauf erhielt Antonow die Order, die Reichskanzlei zu erobern. Antonow: "Es wurde Abend, und wir bereiteten uns in der Dämmerung auf den letzten Sturm vor. Kaum erhoben sich meine Soldaten zum Angriff, da kam wieder eine Gruppe mit weißer Fahne und derselbe Oberst. Sie sagten, Goebbels und Familie hätten sich inzwischen vergiftet, Nachfolger sei jetzt der Admiral Dönitz. So lernten wir in wenigen Stunden zwei deutsche Regierungen kennen."
Goebbels hatte sich mit seiner Familie umgebracht, nachdem auch der letzte Versuch, mit den Sowjets ins Gespräch zu kommen, fehlgeschlagen
war. Krebs, Burgdorf und andere Militärs erschossen sich. Jetzt begann auch der große Ausbruch aus der Reichskanzlei. Es brachen aus und kamen mit dem Leben davon:
- Dr. Werner Naumann, Staatssekretär im Reichspropagandaministerium, heute Kaufmann in Krefeld;
- Artur Axmann, Reichsjugendführer, heute Geschäftsführer in Bensberg;
- Helmut Beermann, Angehöriger des SS-Führer-Begleitkommandos, heute Kaufmann in Goslar;
- Hans-Erich Voss, Vizeadmiral, heute
Pensionär in Schönau;
- Paul Erhardt, stellvertretender Leiter der Dienststelle 15 im Reichssicherheitshauptamt, dem die Bewachung der Reichskanzlei oblag, heute Kaufmann in Haar bei München;
- Hans Baur, Generalleutnant der Polizei, Flugkapitän und Pilot des Führers, heute Pensionär in Neu -Widdersberg, Oberbayern;
- Erwin Jakubeck, Kellner im Stab des Führerbegleitkommandos, heute Geschäftsführer in Eßlingen;
- Günther Dietrich, Hauptreferent für Jugend und Sport im Reichspropagandaministerium und Verbindungsmann zum Reichsjugendführer, heute Kaufmann in Reutlingen;
- Günther Schwägermann, Hauptmann der Schutzpolizei und Adjutant von Goebbels, heute Bundesangestellter in München;
- Heinz Linge, Kammerdiener des Führers, heute Kaufmann in Schenefeld bei Hamburg;
- Wilhelm Mohnke, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS, Kommandant der letzten Leibgarde des Führers, heute Kaufmann in Lübeck;
- Wilhelm Zander, Angehöriger des persönlichen Stabes von Reichsleiter Bormann, heute Kaufmann in München;
- Johannes Hentschel, Chefelektriker der Reichskanzlei, heute Betriebselektriker in Stuttgart.
Das Schicksal dieser Personen zeigt, daß es durchaus möglich war, einen Ausbruchversuch lebend zu überstehen. Damit ist gesagt, daß auch der Tod Bormanns durchaus nicht sicher, ja nicht einmal wahrscheinlich ist.
Mit dem Ende von Goebbels, Krebs und Burgdorf hatte die Reichskanzlei aufgehört, das Zentrum der Berliner Ereignisse zu sein. Der einzige noch Lebende aus der ersten NS-Garnitur, Martin Bormann, dachte nur noch an seine Rettung und verschwand auf nie ganz geklärten Wegen.
In der Bendlerstraße oblag es jetzt General Weidling, - "Knochenkerl" im Kameradenkreis genannt, für ein ordentliches Ende zu sorgen. Weidling berief eine letzte Kommandeurbesprechung für den Abend des 1. Mai in den Befehlsbunker der Bendlerstraße ein. Wöhlermann, der Artilleriekommandeur ohne Artillerie und Abschnittskommandant ohne Abschnitt, hatte das Unglück, daß die lange Zeit gestörte Leitung zwischen der Bendlerstraße und dem Zoo-Bunker, in dem er sich befand, um 20.30 Uhr noch einmal funktionierte und ihm den Befehl übermittelte, in die Bendlerstraße zu kommen.
Wöhlermann machte sich auf einen mühseligen Weg: "Den Bendlerblock quer durch den Tiergarten, vorbei am Neuen See, zu erreichen, war zu dieser Zeit nicht mehr möglich. Ich war mir klar, daß der Weg über den Großen Stern beschwerlich werden würde, und war auf einen Gang auf Leben und Tod gefaßt, mich dabei an Verdun oder die Somme erinnernd. Das Entsetzen, das uns auf diesem Wege begleitete, übertraf aber noch alle Erwartungen.
"Als Begleiter mit Maschinenpistole hatte ich meinen Ia, Hauptmann Gerhardt, bestimmt. Als freiwilliger weiterer Begleiter meldete sich mein Fahrer. An den Posten der Erdverteidigung vorbei, erreichten wir drei verhältnismäßig ruhiges MG und Schützenfeuer abwartend, gegen 21.30 Uhr ohne Vorfall die Ost-West-Achse am Bahnhof Tiergarten.
"Auf dieser aufgerissenen Prachtstraße gingen wir etwa 100 Meter aufrecht in Richtung Siegessäule, die mit ihrer braungestrichenen Viktoria gegen den von zahllosen Bränden rötlich hell erleuchteten Nachthimmel deutlich sichtbar war. Mit einem ekligen Knall brausten plötzlich Schüsse in Richtung Siegessäule über unsere Köpfe weg.
"Da die Kerle nicht daran dachten, eine Feuerpause einzulegen, blieb uns nichts anderes übrig, als im aufgewühlten Geländes des Tiergartens gen Osten zu robben. Im 50. Lebensjahr ist dies keine sehr angenehme Leibesübung.
"An der Rundung des Großen Sterns wurde eine notwendige Atempause eingelegt... Mit einem Sprung ging es dann über die Friedrich-Wilhelm-Straße, die unter Feuer lag. Der mich am tiefsten erschütternde Weg folgte nun beim Betreten der Neuen Siegesallee. Hier waren die so oft kritisierten, uns Berlinern aber doch ans Herz gewachsenen Denkmäler der Regenten Brandenburg-Preußens aufgestellt.
"Aber auch das War einmal! Buchstäblich jedes Denkmal lag in Trümmer zerschlagen kreuz und quer am Boden. Es war ein geisterhafter Anblick und für Menschen mit schwachen Nerven durchaus ungeeignet, wenn man über die im Widerschein des durch die Brände hell erleuchteten Himmels unheimlich, leuchtenden abgeschlagenen Hohenzollernköpfe, -körper und -beine kroch.
"Uns über Steinbrocken tastend, ging es nun durch das Trümmerfeld der Bendlerstraße in den ehemaligen Hof des Reichskriegsministeriums bis zu dem mir noch unbekannten Hochbunker, an dessen Bauzaun am 20. Juli 1944 auf Befehl von Generaloberst Fromm der General der Infanterie Olbricht und der Oberst im Generalstab Graf Stauffenberg und andere standrechtlich erschossen worden waren. Mit der letzten Puste erreichte ich den Raum von Oberst Refior."
Man versammelte sich bei Weidling, der, weil nur wenige seiner Generale sich noch hatten einfinden können, alles zu sich befahl, was zu seinem Stab gehörte, um sein Auditorium zu erweitern. "Mit ernstem, die seelischen Anspannungen deutlich zeigenden Gesicht zu uns gewandt, das Einglas eingeklemmt, stellte sich der letzte Befehlshaber von Berlin hinter den Schreibtisch und gab uns" - so berichtet Wöhlermann - den "schwersten Herzens" gefaßten Entschluß zur Kapitulation bekannt.
Uni Mitternacht ging ein Funkspruch an die Sowjets ab. Wieder war es Dufving, der als Parlamentär fungieren sollte. Er müßte einige Abenteuer bestehen, bis er einem sowjetischen Gardeoberst, der eine Division führte, das deutsche Kapitulationsangebot überreichen konnte.
Der Divisionskommandeur erklärte nach mehreren Telephongesprächen mit seinen Vorgesetzten, er sei ermächtigt, die Kapitulation des Generals Weidling anzunehmen und der deutschen Seite zuzusichern:
- Ehrenvolle Kapitulation und ehrenvolle Behandlung stünden den Offizieren zu, die auch ihre "kleinen Seitenwaffen" behalten dürften;
- Privatgepäck könne jeder in Gefangenschaff soviel mitnehmen, wie er zu tragen vermöge;
- das sowjetische Oberkommando übernehme den Schutz der Zivilbevölkerung und die Versorgung der Verwundeten.
Noch verhandelte Dufving über den Termin der Waffenstreckung, da machte sich der Rundfunkkommentator Hans Fritzsche auf, ebenfalls Kapitulationsverhandlungen zu eröffnen.
Er ließ durch Zivilisten (einer trug feierlich einen Cutaway) Tschuikow einen Brief "an den Herrn Marschall" überreichen. Der Brief lautete: "Wie schon General Krebs mitteilte, ist der ehemalige Reichskanzler Göring nicht auffindbar, Dr. Goebbels ist tot. Als einer von jenen, die am Leben geblieben sind, bitte ich Sie, Berlin unter Ihren Schutz zu nehmen. Ich bitte um Erlaubnis, über den Rundfunk sprechen. zu dürfen. Mein Name ist bekannt."
Die Sowjets hatten von einem Reichskanzler Göring noch nichts gehört, auch der Name Fritzsche sagte ihnen nicht viel. Tschuikow weiß überdies in diesem Augenblick bereits, daß Weidling durch Dufving die Kapitulation angeboten hat. Die Herren in Zivil bedeuten ihm nichts. Der Mann im Cut bittet um Schutz für die: Beamten des Propagandaministeriums.
Tschuikow: "Kein Haar wird ihnen gekrümmt werden."
Der Mann im Cut: "Wer sind Sie, und was ist Ihr Rang?"
Tschuikow: "Ich bin Generaloberst Tschuikow." Dann nimmt er den Hörer,
läßt sich mit seinem Stabschef verbinden und sagt: "Ordnen Sie Waffenruhe an. Das ist alles."
Eine halbe Stunde später steht General Weidling vor Tschuikow. Sokolowski ist ebenfalls anwesend.
Tschuikow: "Sie sind der Kommandant der Garnison von Berlin?"
Weidling: "Ja, ich bin der Kommandeur des LVI. Panzerkorps."
Tschuikow: "Wo ist Krebs? Was hat er Ihnen gesagt?"
Weidling: "Ich traf ihn gestern in-der
Reichskanzlei. Ich hatte den Eindruck; daß er entschlossen war, sich das Leben zu nehmen ... Ich wiederhole, den mir unterstellten Einheiten habe ich den Befehl zur Kapitulation gegeben."
Tschuikow: "Wie weit reicht Ihre Befehlsgewalt?"
Weidling zeigt auf einem Stadtplan die Lage seines Gefechtsstandes.
Tschuikow: "Auch der Marschall hat Waffenruhe angeordnet. Welche Gebiete sind vermint?"
Weidling: "Wir haben keine Minen. Wir haben nicht einmal die Brücken mit Sprengstoff geladen."
Sokolowski: "Wo sind Hitler und Goebbels geblieben?"
Weidling gibt Auskunft.
Tschuikow: "Also, der Krieg ist aus?"
Weidling: "Meines Erachtens ist jedes weitere Opfer ein Wahnsinn und ein Verbrechen."
Tschuikow: "Das stimmt. Dienen Sie schon lange in der Armee?"-Weidling: "Seit 1911. Ich begann meine Laufbahn als einfacher Soldat."
In diesem Augenblick bekommt Weidling einen Nervenanfall. Am Telephon wird gemeldet, daß auf deutscher Seite noch an einigen Punkten geschossen werde.
Weidling: "Ich möchte alles, was in meiner Macht steht, tun, um zur Einstellung des Kampfhandlungen auf unserer Seite beizutragen."
Tschuikow: "Unterschreiben Sie einen Kapitulationsbefehl, und Sie werden ein reines Gewissen haben."
Weidling setzt sich und beginnt, seinen Befehl zu formulieren. Es wird still. Es ist 7.57 Uhr Moskauer Zeit. Tschuikow schlägt vor, man solle frühstücken. Weidling schreibt.
Tschuikow: "Brauchen Sie Ihren Adjutanten?"
Weidling: "O ja."
Ein großer dunkelhaariger Mann tritt ein, er trägt ein Monokel und graue Handschuhe, sein Scheitel sitzt tadellos. Es ist Oberst im Generalstab Refior, Weidlings zweiter Stabschef. Weidling
schreibt und beginnt dann vorzulesen: "Am 30. April hat der Führer Selbstmord begangen ..."
Sokolowski unterbricht ihn. Er hält es für überflüssig, daß Weidling in seinem Kapitulationsbefehl den Tod Hitlers erwähnt. Weidling antwortet, der Tod des Führers sei noch nicht bekannt, er sei, wie ihm Goebbels gesagt habe, nur Stalin bekanntgeworden, und zwar durch Tschuikow.
Sokolowski berichtigt Weidling: Ein deutscher Sender habe am Tage zuvor bereits gemeldet, Hitler habe den Heldentod gefunden.
Weidling schüttelt den Kopf und überreicht nun wortlos Sokolowski seinen Text. Er lautet in dieser ersten Fassung: Am 30. April 1945 beging der Führer Selbstmord und entband dadurch alle, die ihm Treue geschworen hatten,von ihrem Eid. Getreu dem Befehl des Führers wart Ihr, deutsche Soldaten, bereit, den Kampf um Berlin fortzusetzen, obwohl Eure Munition zur Neige ging und die Gesamtlage den weiteren Widerstand sinnlos machte: Ich ordne
die sofortige Einstellung jeglichen Widerstandes an.
Weidling
General der Artillerie ehemaliger Befehlshaber
des Verleidigungsbereiches von Berlin
Der Text wird übersetzt. Tschuikow sagt: "Die Bezeichnung ,ehemaliger' ist überflüssig. Auch jetzt sind Sie der Befehlshaber."
Der ebenfalls anwesende Sowjetgeneral Poscharski wirft ein: "Halten Sie den Hinweis auf den Treueid für wichtig?"
Tschuikow: "Lassen wir den Text, wie er ist. Das ist sein Befehl. Lassen Sie den Text mit der Maschine abschreiben und setzen Sie das Datum darunter."
Weidling: "Jawohl! Soll es ein Befehl oder ein Aufruf sein?"
Tschuikow: "Ein Befehl!"
Der Dolmetscher fragte: "Wie viele Durchschläge?"
Tschuikow: "Zwölf!"
Weidling: "Mein Stab ist groß, ich habe zwei Stabschefs und zwei pensionierte Generale, die sich wieder zum Dienst gemeldet hatten. Sie können bei der Abwicklung der Kapitulation helfen."
Tschuikow: "Wenn Sie wollen." Die Maschine, auf der der Text geschrieben wird, klappert bereits.
Weidling: "Mein Mantel ist in der Reichskanzlei geblieben. Könnten Sie ihn holen lassen?"
Tschuikow: "Selbstverständlich."
Weidling: "Danke gehorsamst!" Sokolowski: "Das ist schwer für ihn."
Der ebenfalls anwesende politische Berater Semjonow: "Das stimmt. Aber er hat den Befehl klug formuliert. Er betont gleichzeitig den Eid und die Umstände. Er gehört nicht der Regierung an. Dieser Befehl ist wie ein Wegweiser nach vorn."
Ein anderer General aus Tschuikows Stab schlägt vor: "Der Befehl muß sofort unter den Deutschen verbreitet werden. Er wird stark wirken." Tschuikow: "Ich möchte Tee." Die Deutschen bekommen zu essen. Für sie wird im anstoßenden Zimmer ein Tisch gedeckt. Beim Essen fragen Kriegsberichterstatter die Deutschen wiederholt: "Wo ist Hitlers Leiche?" Einer antwortet: "Niemand weiß es."
Wein wird angeboten. Refior sagt: "Deutsche trinken so früh kaum." Weidling sitzt still auf seinem Platz. Einmal sagt er aus tiefen Gedanken heraus: "Das ist mein zweiter verlorener Krieg."
Später übernimmt die Politische Abteilung des Armeestabes das Kommando. Sie muß für die Verbreitung des Befehls sorgen. Man geleitet den General in ein bescheidenes Haus in Johannisthal. Den Sowjets fällt seine Kleidung auf: Er trägt Kniehosen, sogenannte Breeches, und lange, helle Strümpfe.
Mit dem Monokel ständig im Auge, den - hageren Kopf mit der Hakennase vorgeschoben, sitzt er nun in einem Zimmer, dessen Fenster vernagelt sind. Es ist ziemlich dunkel im Raum. Die
beiden pensionierten Generale, die er Tschuikow gegenüber erwähnt hat, von Wetasch und Schmid-Dankward, sind bei ihm. Vom Gefechtsstand in der Bendlerstraße kommt ein Major mit einer Aktentasche. Auch Dufving ist dabei.
Die sowjetischen Offiziere von der Politischen Abteilung schlagen Weidling vor, den Befehl zur Kapitulation ins Mikrophon für eine Plattenaufnahme zu sprechen, die dann über den Rundfunk gesendet werden soll.
Weidling überlegt minutenlang, dann sagt er: "Was man tut, muß man ganz tun." Die Kriegsreporter Spasski und Mednikow tragen den Aufnahmeapparat ins Zimmer und stellen ihn vor Weidling auf den Tisch.
Anwesend ist auch der Moskauer Schriftsteller Guss. Er spricht Deutsch. Ihn fragt Weidling, wie der Name richtig ausgesprochen werde Schuikow oder Schukow. Guss erklärt ihm, es handle sich um zwei verschiedene Namen, und schreibt Tschuikow und Schukow deutsch und russisch auf ein Blatt Papier. Weidling betrachtet den Aufnahmeapparat aufmerksam, Marke "Presto", und macht dann die Bemerkung, es handle sich um ein amerikanisches Gerät. Die Sowjets haben den Eindruck, er habe darin einen kleinen Trost gefunden.
Dann verliest er seinen Befehl mit ruhiger Stimme, hackt aber die einzelnen Worte scharf ab. Spasski kontrolliert den Ton im Kopfhörer und bittet Weidling, den Befehl noch einmal zu verlesen. Jetzt erst schaltet er das Gerät ein.
Die Deutschen sind wie erstarrt. Die Platte dreht sich. Weidlings Stimme erfüllt das Zimmer. Niemand gibt einen Laut von sich. Langes Schweigen nach Weidlings letzten Worten. Dann sagt Guss zu ihm: "Bitte, hören Sie sich zur Kontrolle die Aufnahme noch einmal an."
Während Weidlings Stimme den Kapitulationsbefehl zum drittenmal durch das kleine Zimmer mit den vernagelten Fensteröffnungen trägt, starrt Weidling mit zitternden Händen auf das Gerät.
General von Wetasch kann Gesichtszuckungen nicht unterdrücken. General Schmid-Dankward hat seinen Stuhl nach rückwärts gekippt und blickt zur Decke, das Gesicht mit seinen Händen verdeckt. Der Kopf des Majors aus Weidlings Stab liegt fast auf den Knien. Oberst von Dufving trommelt mit den Fingern auf der Tischkante.
Was in Reims und in Karlshorst später geschah, nennt Tschuikow Kapitulationsakte. Er unterscheidet sie von der Kapitulation: "Wir Militärs sehen die
Kapitulation des Gegners dann als gegeben an, wenn er, physisch und moralisch geschlagen, die Hände hebt und sich auf Gnade und Ungnade ergibt. In diesem Augenblick werden die Bemühungen der Truppen und des Volkes durch den Sieg gekrönt."
Dieser Augenblick war jetzt erreicht, in Berlin, am 2. Mai 1945.
Ende
Die Serie "Die Russen in Berlin 1945" von Erich Kuby erscheint zum Herbst 1965 in erweiterter Fassung und thematisch fortgeführt bis Ende Juni 1945 als Buch im Scherz-Verlag, München-Bern.
Siegesallee im Berliner Tiergarten 1945: Über abgeschlagene Hohenzollernköpfe
... zum letzten Befehlsempfang: Unterhändler Tschuikow, Weidling
Parlamentär Krebs bei den Sowjets: "Es gibt keine verzweifelten Logen"
Paradierende Rotarmisten vor dem BrandenburgerTor, Mai 1945: Jedes,weitere Opfer ...
... ist Wahnsinn und Verbrechen": Verwundete hinter dem Brandenburger Tor, Mai 1945
Keller-Bewohner noch Waffenstillstand
"Also; der Krieg ist aus?"
Wasserholer auf der Frankfurter Allee:
"Deutsche trinken so früh kaum"
Berlin-Verteidiger Wöhlermann
Nach der Kapitulation ...
... ein Essen für den Knochenkerl: Gefangene Deutsche in Berlin
Kapitulations-Bekanntmachung durch Lautsprecherwagen in Berlin. "Was man tut
Berliner, Abfall, Mai 1945
... muß man ganz tun"
Auf dem Gefechtsstand General Tschuikows im Haus Schulenburgring 2.
Von Erich Kuby

DER SPIEGEL 24/1965
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DIE RUSSEN IN BERLIN 1945

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