09.06.1965

StereophonieSaal im Zimmer

Die Illusion ist nahezu perfekt: Vor Einbruch der Dunkelheit brausen Donnerhall und Sturmgeheul durchs Zimmer. In Fensternähe prasselt Regen. Entlang der Bücherwand huscht das Stakkato klappernder Pfennigabsätze. Sekunden später splittert, scheinbar in der rechten Zimmerecke, eine Fensterscheibe. Dann gellt ein Schrei aus weiblicher Kehle - diesmal von links.
Derlei raumplastische Horror-Geräusche, dazu Stimmen abwechselnd von links und rechts, sind Bestandteile einer Radio-Sendung, die am Mittwoch Letzter Woche vom Hessischen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Es war die erste stereophonische Aufzeichnung eines Hörspiels in deutscher Sprache. Titel: "Gewitter über Elmwood".
Dieses eher akustisch denn literarisch beachtenswerte Funkspiel, das vom Sender Freies Berlin (SFB) bereits Ende letzten Jahres produziert und versuchsweise ausgestrahlt wurde, markiert den Durchbruch der Stereophonie in Westdeutschlands Funkhäusern.
Noch in diesem Jahr - spätestens jedoch Anfang 1966 - wollen Radio Bremen und der Bayrische Rundfunk. erstmals stereophonische Sendungen ausstrahlen. In den letzten Wochen haben außer dem Hessischen noch der Süddeutsche Rundfunk und der Südwestfunk zum erstenmal stereophonisches Allerlei (Unterhaltung, klassische Musik, Jazz) in ihre Programme aufgenommen.
Und der Sender Freies Berlin, der Norddeutsche, Westdeutsche und Saarländische Rundfunk, die schon seit längerer Zeit Stereo-Versuchsprogramme senden, werden in Zukunft häufiger auf Raum-ton schalten und - wie der Sender Freies Berlin und der Hessen-Funk - auch Stereo-Hörspiele inszenieren. Durch den Ausbau von sieben UKW-Stationen will allein der Westdeutsche Rundfunk bis Ende dieses Jahres die technischen Voraussetzungen schaffen, um 97 Prozent aller WDRHörer mit Stereo-Klängen versorgen zu können.
Stereophonischer Heimklang, anfangs zumindest von den Rundfunkanstalten eher als Spielerei abgetan (SDR-Intendant Dr. Hans Bausch 1963: "Ich warne vor der enthusiastischen und unüberlegten Einführung der Stereophonie"), erfüllt in zunehmendem Maße bundesdeutsche Wohnstuben:
- Jedes zweite Radio, das im letzten
Jahr in der Bundesrepublik gekauft wurde, war für Stereo-Klang ausgerüstet;
- fast alle Industrie-Schallplatten, die
von den Rundfunkanstalten erworben werden, sind Stereo-Platten;
- rund 3,2 Millionen Stereo-Schallplatten wurden allein 1964 an Phono-Fans in der Bundesrepublik verkauft.
Mehr als eine halbe Million Musikliebhaber haben während der vergangenen drei Jahre aufwendige Stereo-Kombinationen für Ihr Wohnzimmer erworben, um es "in einen kleinen Konzertsaal zu verwandeln" (Telefunken-Werbeslogan). Preis für die billigste
dieser Anlagen: rund 800 Mark (Grundig); Preis der aufwendigsten Standard-Anlage: 5200 Mark (Braun).
Das Prinzip der stereophonischen Musikaufzeichnung und deren Wiedergabe, wofür erstmals im Jahre 1958 Platten, Plattenspieler und Verstärker auf den Markt kämen, baut auf einer simplen physikalischen Erkenntnis auf: Der Mensch hört räumlich, weil er Geräusche durch, zwei Ohren aufnimmt. Verstopft man eines seiner Ohren, kann er ebensowenig räumlich (stereophonisch) hören, wie er mit nur einem Auge, räumlich (stereoskopisch) sehen könnte.
Als der SFB zum zweiten Weihnachtsfeiertag 1958 stereophonische Musikdarbietungen erstmals direkt aus dem Sendesaal übertrug, arbeiteten die SFB-Ingenieure nach eben jenem Prinzip: Stellvertretend für die beiden menschlichen Ohren ließen - die Techniker zwei getrennte Mikrophone die musikalische Darbietung aufnehmen; beide Tonspuren wurden getrennt gespeichert und über getrennte Sender ausgestrahlt.
Nur mit einem kuriosen Notbehelf war es damals, als es noch keine Stereo-Sender und -Empfänger gab, den SFBHörern möglich, die stereophonische Weihnachtsmusik einzufangen. "Der zweite Weihnachtsfeiertag", so empfahlen die Sendetechniker in der Programm-Ankündigung, "ist doch der Besuchstag, und wir stellen uns vor, daß die Leute eben ihr Radiogerät zu ihren Bekannten mitnehmen." Zwei Empfänger, gleichzeitig in einem Raum aufgebaut, doch auf verschiedene Sendewellen eingestellt (links: Kanal 10, rechts: Kanal 22), vermittelten den Berliner Radio-Hörern das Raumklang-Erlebnis.
Derart umständliche technische Spielereien erübrigten sich, als die Amerikaner 1961 das sogenannte Pilotton-Verfahren einführten: Der von zwei Mikrophonen aufgenommene Stereo-Ton wird gebündelt einer Sendewelle aufgepfropft und über nur noch einen Sender ausgestrahlt. Im Stereo-Rundfunk-Empfänger wird das Bündel-Signal wieder entschlüsselt und auf verschiedene Lautsprecher verteilt.
Rund 500 UKW-Sender strahlen in den Vereinigten Staaten bereits Rundfunksendungen nach diesem Verfahren aus. Und auch Westdeutschlands Funkhäuser wollen mit Hilfe der Pilotton-Technik ihren Hör-Programmen - in Konkurrenz zum Fernsehen - neuen akustischen Glanz verleihen.
Galt in den Gründerjahren der Stereophonie der sogenannte Ping-Pong-Effekt - Erste Geigen von links, Kontrabässe von rechts - als die eigentliche Novität, ist es den Stereo-Besitzern mittlerweile um andere Hör-Freuden zu tun: "Man fühlt sich", formulierte die "Zeit", beim Anhören von Stereo-Musik "in einen großen weiten Raum versetzt... das imaginäre Orchester im Wohnzimmer hat seine ursprüngliche Breite zurückerhalten..." Erhöhte "Plastizität" und "Durchsichtigkeit" des musikalischen Kunstwerkes ist nach Meinung vieler Musikkritiker der bedeutsamste Gewinn, den die Stereo-Technik bietet.
Bariton Dietrich Fischer-Dieskau versicherte in Zeitschriften-Anzeigen der Radiofirma Braun, daß "ich mir gar nicht vorstellen (kann), wie sich die Wiedergabe . . . noch weiter verbessern lassen soll".
Auch bei Hörspiel-Aufnahmen geht es, wie der "Gewitter über Elmwood"-Regisseur Curt Goetz -Pflug betonte, nicht darum, "den Lord oder eine Lady hörbar von rechts oder links auftreten zu lassen". Vielmehr: "Mit dem hörbaren Spielraum, mit der Atmosphäre dieses Raumes, sind wir jetzt, wie das Fernsehspiel, beim Hörer zu Hause."
Die Produktion des ersten Stereo-Reißers stellte den Funkmann vor neue überraschende Probleme. Während bei Hörspiel-Inszenierungen Geräusche bislang durch Tricks erzeugt werden konnten - wie etwa das Stiefelknallen marschierender Kolonnen durch rhythmisches Zusammenknüllen eines Papiers -, erwies sich der Stereo-Ton als so verräterisch, daß die Funkleute mit echten Requisiten arbeiten mußten.
Und die Sprecher, die bisher vor Hörspiel-Mikrophonen nur gestanden oder gesessen hatten, agierten - der Raumillusion wegen - wie auf einer Bühne: Mit Kreidestrichen hatte Regisseur Goetz-Pflug die "Gänge" der Hörspieler auf den Studio-Fußboden gemalt.
Hörspiel-Aufnahme im
Stereo-Studio*: Lady von links
* Aufnahme des Kriminal-Hörspiels "Gewitter über Elmwood" beim Sender Freies Berlin.

DER SPIEGEL 24/1965
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