23.06.1965

Rußland im Krieg

Von Werth, Alexander

Die letzten Friedenswochen

Sowjetische Autoren stellen die Invasion vom 22. Juni 1941 gern als völlig überraschendes Ereignis hin: "Das Leben war so friedlich und glücklich, und wir bereiteten uns darauf vor, in die Ferien zu gehen, als plötzlich, an diesem Sonntag..."

Tatsächlich war dies genau das, was viele sowjetische Normalbürger empfanden, die seit Jahren blindlings geglaubt hatten, die Rote Armee sei die beste der Welt und Hitler werde es niemals wagen, Rußland anzugreifen.

Kompliziertere Gemüter reagierten wie der Held in Simonows Roman "Die Lebenden und die Toten": "Es schien, als habe jedermann den Krieg seit langem erwartet, und als er schließlich kam, war es dennoch wie ein Blitz aus heiterem Himmel; offenbar war es unmöglich, sich im vornhinein auf einen solchen Schlag innerlich vorzubereiten."

Aber wer politischen Verstand hatte in Rußland, mußte schon seit einiger Zeit gewußt haben, daß die Kriegsgefahr immens groß war.

Schon einige Monate vorher waren dem Kreml deutliche Warnungen zugegangen. So hatte Sir Stafford Cripps bereits im Februar dem Außenministerium mitgeteilt, daß die Deutschen einen Schlag auf dem Balkan vorbereiteten und daß sie einen Angriff auf die Sowjet-Union "in naher Zukunft" planten.

Es ist ziemlich sicher, daß sich Stalin und Molotow der Gefahr eines deutschen Angriffs durchaus bewußt waren, daß sie aber immer noch hofften, die Stunde der Entscheidung hinausschieben zu können - mindestens bis zum Herbst. Im Herbst würden die Deutschen nicht angreifen, und 1942 konnte Rußland dann auf die Auseinandersetzung besser vorbereitet sein.

Gewissermaßen hinter der Szene hatte Ende März der Vizepräsident der Kornintern, Manuilski, erklärt, daß seiner Meinung nach "ein Krieg mit Nazi -Deutschland kaum noch vermieden werden kann". Die Äußerung machte die Runde in ganz Moskau. Und gleichfalls im März hatten mehrere russische Offiziere aus der Umgebung Timoschenkos den britischen Militärattache eingeladen. Die Konversation blieb unverbindlich, bis sich die Atmosphäre, zweifellos unter dem Einfluß von Wodka, lockerte. Schließlich trank man mit den Briten auf den "Sieg über den gemeinsamen Feind".

Offiziell mußten Stalin und Molotow natürlich den Eindruck erwecken, als befürchteten sie nichts. Nach der Unterzeichnung des sowjetisch - jugoslawischen Pakts fragte der jugoslawische Botschafter in Moskau, Gabrilovic, Stalin: "Was geschieht, wenn sich die Deutschen gegen Sie wenden?" Daraufhin Stalin: "Nun gut, laßt sie kommen!"

Am 13. April, dem Tag, an dem Belgrad fiel, wurde der sowjetisch-japanische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Dieser Pakt war eine Vorsichtsmaßnahme von zweifelhaftem Wert, aber die

Sowjets ergriffen sie angesichts der stetig wachsenden deutschen Gefahr.

Jedermann in Moskau wunderte sich über die herzliche und freundschaftliche Art, in der sich Stalin dem japanischen Außenminister Matsuoka gegenüber gab. Er tat etwas ganz Ungewöhnliches, indem er Matsuoka selbst am Bahnhof verabschiedete. Er umarmte den Japaner und beschwor ihn: "Wir sind auch Asiaten, wir müssen zusammenhalten!"

Sich Japans Neutralität versichert zu haben und mit dem Versprechen Tokios in der Tasche, Rußland nicht anzugreifen, ungeachtet aller Verpflichtungen, die Japan "mit dritten Partnern" eingegangen war - das war in Stalins Augen unter den gegebenen Umständen kein schlechtes Geschäft. So zeigte sich Stalin in ungewohnt überschwenglicher Stimmung und schüttelte sogar Eisenbahnern und Reisenden die Hände.

Stalin machte sich keine großen Illusionen mehr über die Deutschen. Bezeichnenderweise telephonierte er etwa um diese Zeit mit Ilja Ehrenburg, um ihm mitzuteilen, daß der Veröffentlichung seiner Anti-Nazi-Novelle "Der Fall von Paris" jetzt nichts mehr im Wege stehen werde, woraus Ehrenburg schloß, daß der Krieg mit Deutschland nunmehr wohl auch in Stalins Augen unvermeidlich sei.

Zum Mai-Feiertag veranstaltete man eine besonders eindrucksvolle militärische Demonstration auf dem Roten Platz, ließ motorisierte Einheiten, zahlreiche neue Panzer und Hunderte von Flugzeugen paradieren. In Moskau raunte man sich zu, daß alle diese Truppen unterwegs seien nach Minsk, nach Leningrad und zur polnischen Grenze. Dem deutschen Botschafter von der Schulenburg blieb das nicht verborgen; er vermerkte am 2. Mai, daß sich die Gerüchte über einen bevorstehenden sowjetisch-deutschen Krieg in Moskau immer mehr verdichteten.

Am 5. Mai fand im Kreml ein Empfang für mehrere hundert Offiziere, Absolventen der Militärakademien, statt, bei dem Stalin eine Ansprache hielt, über die offiziell nichts verlautbart wurde als das, was am nächsten Tag in der "Prawda" zu lesen stand. Unter der Überschrift "Wir müssen auf jede Überraschung vorbereitet sein", hieß es, in seiner Rede habe Genosse Stalin auf die tiefen Änderungen verwiesen, die man in der Roten Armee in den vergangenen Jahren vorgenommen habe.

Nach Ausbruch des Krieges erhielt ich ziemlich detaillierte Berichte über diesen Empfang, dem man seinerzeit in Moskau erhebliche Bedeutung beigemessen hatte. Ich erfuhr, daß die Hauptpunkte der Rede Stalins am 5. Mai 1941 folgende waren:

- Die Situation ist äußerst ernst. Ein deutscher Angriff in naher Zukunft kann nicht ausgeschlossen werden. Deshalb: Bereit sein, jeder möglichen Überraschung zu begegnen.

- Die Rote Armee ist noch nicht stark genug, die Deutschen ohne weiteres schlagen zu können. Ihre Ausrüstung ist alles andere als zufriedenstellend; es bestehen noch ernste Mängel an modernen Panzern, modernen Flugzeugen und vielem anderen. Die Ausbildung großer Massen von Soldaten ist noch längst nicht abgeschlossen. Die Verteidigungsanlagen in den neuen Grenzgebieten sind unzulänglich.

- Die Sowjetregierung will mit allen

ihr zur Verfügung stehenden diplomatischen Mitteln versuchen, einen bewaffneten Konflikt mit Deutschland zumindest bis zum Herbst hinauszuzögern, weil es um diese Jahreszeit für einen deutschen Angriff zu spät sein wird.

- Wenn dieser Versuch gelingt, wird der Krieg mit Deutschland fast unvermeidlich im Jahr 1942 stattfinden, und zwar unter viel günstigeren Bedingungen, da die Rote Armee dann besser ausgebildet und besser ausgerüstet sein wird. Je nach der internationalen Situation wird die Rote Armee einen deutschen Angriff abwarten oder aber selbst die Initiative ergreifen, da eine dauernde Vorherrschaft Nazi-Deutschlands in Europa "nicht normal" sei.

- Immer und immer wieder verwies

Stalin darauf, daß die Zeitspanne "bis zum August" die allergefährlichste sei.

Alle meine Informationen stimmten in den Grundzügen und den wichtigsten Punkten der Stalin-Rede überein: Die Überzeugung, daß der Krieg "fast unvermeidlich" im Jahre 1942 ausgetragen werde, wobei gegebenenfalls die Sowjets die Initiative ergreifen müßten.

Unmittelbar nach dieser Rede Stalins vor den jungen Offizieren waren wieder mehrere geradezu verzweifelte russische Versuche zu registrieren, die Deutschen zu beschwichtigen in der Absicht, die Invasion, wenn sie schon nicht zu vermeiden war, hinauszuzögern. Am 6. Mai wurde Stalin, bis dahin "nur" Generalsekretär der Partei, durch einen Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, das heißt zum Regierungschef, ernannt. Molotow wurde Stellvertretender Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, behielt aber das Amt des Außenkommissars bei.

Die nächsten Wochen waren gekennzeichnet durch eine ängstlich-opportunistische Haltung Stalins. Um Hitler durch Bekundungen seiner "Freundschaft" und "Solidarität" zu beeindrucken, unternahm er so unangemessene und willkürliche Schritte wie den, die Botschaften und Gesandtschaften von Deutschland besetzter Länder, so Belgiens, Griechenlands und Jugoslawiens, zu schließen, was eine Art De-facto- wenn nicht gar De-jure-Anerkennung ihrer Unterwerfung bedeutete.

Das Militär, vor allem in den Grenzgebieten, wurde strikt angewiesen, unter keinen Umständen eines der zahlreichen deutschen Aufklärungsflugzeuge abzuschießen, die sowjetisches Territorium überflogen.

Man tat alles, um die Deutschen bei Stimmung zu halten. Beträchtliche Mengen an 01 und anderen kriegswichtigen Materialien wurden nach Deutschland geschafft, ohne daß man darauf drängte, die industriellen Einrichtungen zu bekommen, die Deutschland der Sowjet -Union im Rahmen des Handelsabkommens als Gegenleistung zu liefern hatte.

Im Mai und Juni 1941, zu einer Zeit also, in der Stalin mehr denn je einen deutschen Angriff befürchtete, wurden wichtige Rohstoffe wie Kupfer und Kautschuk nach Deutschland geschafft. Ein paar Wochen später wurde dieses Kupfer dazu verwendet, Tausende von Russen zu töten.

Schulenburgs Aussprachen mit Molotow wurden in freundschaftlichem Ton geführt, aber von einer deutschen Reaktion auf Stalins wirtschaftliche und diplomatische Gesten war nichts zu merken.

So gesehen war es ein Akt reiner Verzweiflung, wenn Stalin sich genau eine Woche vor dem deutschen Angriff entschloß, jenes berühmt gewordene Tass-Kommuniqué vom 14. Juni zu publizieren, das in allen sowjetischenVeröffentlichungen über den Krieg, die später in der Chruschtschow -Ära erschienen, als das verdammungswürdigste Beispiel Stalinschen Wunschdenkens, Stalinscher Kurzsichtigkeit und seiner absoluten Unfähigkeit herausgestellt wurde, selbst zu so später Stunde zu erkennen, was in Deutschland vorging.

Das berühmte Tass -Kommuniqué lautete:

"Die Gerüchte über einen 'baldigen Krieg' zwischen der Sowjet -Union und Deutschland (haben) immer mehr zugenommen.

Es heißt, Deutschland habe territoriale und wirtschaftliche Forderungen an die Sowjet-Union gestellt ... All das ist nichts anderes als plumpe Propaganda der Deutschland und der UdSSR feindlich gesonnenen, an einer Ausdehnung des Krieges interessierten Kräfte. Tass ist ermächtigt festzustellen: Deutschland hat keinerlei Forderungen an die Sowjet-Union gestellt, weshalb auch keine Verhandlungen notwendig sind.

Deutschland erfüllt die Abmachungen des sowjetisch-deutschen Pakts ebenso gewissenhaft wie die Sowjet-Union. Den Bewegungen deutscher Truppen an der deutschen Ostgrenze müssen andere Ursachen zugrunde liegen, die nichts mit den sowjetisch-deutschen Beziehungen zu tun haben.

Die Sowjet-Union hält die Bestimmungen des sowjetisch-deutschen Pakts ein und hat auch weiterhin die Absicht, dies zu tun. Alle Gerüchte über Vorbereitungen zu einem Krieg mit Deutschland entbehren jeder Grundlage.

Die kürzlich erfolgte Einberufung von Reservisten sowie die durchgeführten Manöver bezweckten die Ausbildung von Reserve-Einheiten sowie die Prüfung der Leistungsfähigkeit des Eisenbahnnetzes, und es ist zumindest absurd, diese Operationen als deutschfeindlich hinzustellen."

Ein großer Teil des russischen Volkes brachte die nächsten Tage damit zu, ängstlich auf die Reaktion Berlins auf dieses Kommuniqué zu warten. Der rumänische Gesandte in Moskau erzählt, daß in diesen Tagen Tausende an ihren Radioapparaten hingen, um möglichst keine Nachrichten aus Berlin zu verpassen. Aber sie lauschten vergeblich. Die deutsche Regierung antwortete nicht auf die Tass-Erklärung, und sie veröffentlichte sie auch nicht. Als Molotow in der Nacht des 21. Juni Schulenburg zu sich bat, war es schon zu spät. Der deutsche Botschafter, offenbar völlig uninformiert über Hitlers Pläne, war nicht in der Lage, eine Antwort auf Molotows besorgte Fragen nach den "Gründen der deutschen Unzufriedenheit" zu geben. Aber als er in seine Botschaft zurückkehrte, lag die Anweisung Ribbentrops vor, den Außenminister aufzusuchen und ihm, "ohne sich in irgendwelche Diskussionen einzulassen", ein telegraphisch übermitteltes Dokument vorzulegen, das, in den verletzendsten Worten gehalten, faktisch eine Kriegserklärung war (siehe Kasten Seite 62).

Schweren Herzens fuhr der Botschafter, als eben der Tag anbrach, wieder zum Kreml, um Molotow das Dokument vorzulesen. Wie Schulenburg berichtete, hörte der Außenminister schweigend zu und sagte dann bitter: "Das heißt Krieg. Glauben Sie, daß wir das verdient haben?"

Die Sowjet-Union im Juni 1941 In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 setzte sich die Maschinerie des Plans "Barbarossa" in Bewegung, jenes Plans, an dem Hitler und seine Generale die letzten sechs Monate gearbeitet hatten.

Einer dreizinkigen Gabel gleich zielte die deutsche Invasion im Norden auf Leningrad, in der Mitte gegen Moskau und im Süden in die Ukraine und zum Kaukasus. Es bestand die Absicht, innerhalb kurzer Zeit praktisch das ganze europäische Rußland bis zu einer Linie, die von Archangelsk nach Astrachan lief, in die Gewalt der deutschen Armeen zu bringen. Im Endeffekt schlug dieser Plan fehl, doch die ersten Wochen des Krieges brachten den Sowjets die nahezu totale Katastrophe.

Der größte Teil der sowjetischen Luftwaffe war bereits in den ersten paar Tagen ausgeschaltet. Die Russen verloren Tausende von Panzern. Hunderttausende, vielleicht sogar mehr als eine Million sowjetischer Soldaten gingen in den ersten 14 Tagen nach einer Reihe gewaltiger Kesselschlachten in die Gefangenschaft.

In der zweiten Woche des Juli waren viele deutsche Generale davon überzeugt, daß der Krieg bereits gewonnen sei.

Wie konnte es so weit kommen? Die einzige Erklärung, die man im Juli zur Hand hatte, war die, daß der deutsche Angriff unerwartet gekommen sei.

Mit dieser Erklärung konnte man damals freilich das russische Volk kaum abspeisen; man hatte ihm Jahre hindurch so viel über die unerhörte Stärke der Roten Armee erzählt, daß der Nonstopvormarsch der deutschen Dampfwalze in den ersten drei Kriegswochen

- bis nach Smolensk, bis zu den Außenbezirken von Kiew und bis an die Peripherie Leningrads - ein lähmender Schock war.

Für die Katastrophen des ersten Jahres gab es zahlreiche Ursachen. Einige waren historischer Art, etwa die im Jahre 1937 vollzogenen "Säuberungen" in der Roten Armee - andere psychologischer Natur, wie das ständige Gerede von der Unbesiegbarkeit der sowjetischen Streitkräfte. Zu den eigentlich militärischen Gründen gehörten unter anderem das Fehlen jeder wirklichen Kriegserfahrung und der oft äußerst niedrige Ausbildungsstand. Auch ökonomische Aspekte spielten eine Rolle: das Unvermögen der sowjetischen Rüstungsindustrie, die Rote Armee trotz der Atempause, die der sowjetischdeutsche Nichtangriffspakt Rußland verschafft hatte, in eine wohlausgerüstete moderne Streitmacht zu verwandeln.

Eine der wichtigsten neueren sowjetischen Publikationen zu diesem Thema ist der 1961 erschienene erste Band der "Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjet-Union" (herausgegeben vom Institut für Marxismus -Leninismus beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjet -Union).

Insbesondere widmet sich dieses Buch der schlechten psychologischen Vorbereitung der Roten Armee und des sowjetischen Volkes auf den "nächsten Krieg". Es zitiert die berühmte Felddienstordnung von 1939, um das verhängnisvolle Wunschdenken zu charakterisieren, das damals die militärische Konzeption beherrschte:

"Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wird jeden feindlichen Angriff mit einem vernichtenden Schlag der ganzen Macht ihrer Streitkräfte beantworten.

"Unser Krieg gegen die Angreifer wird der gerechteste Krieg in der Geschichte der Menschheit sein.

"Zwingt der Feind uns den Krieg auf, dann wird die Rote Armee die offensivste aller Armeen sein.

"Wir werden den Krieg offensiv führen und ihn auf das Territorium des Gegners tragen.

"Die Gefechtshandlungen der Roten Armee werden vernichtend sein und das Ziel verfolgen, den Gegner zu zerschlagen und mit geringen Blutopfern den entscheidenden Sieg zu erringen."

Noch auf einen anderen wichtigen Punkt weist die "Geschichte" hin - auf die negativen Folgen des Stalinschen "Personenkults" für die sowjetische Militärtheorie:

"Der Personenkult um J. W. Stalin führte zum Dogmatismus und zur Buchstabengelehrtheit und hemmte die Initiative der Militärwissenschaftler. Er zwang dazu, auf die Weisungen einer einzigen Person zu warten und die Bestätigung theoretischer Leitsätze nicht in der Praxis, sondern in fertigen Formeln und Zitaten zu suchen. Der Personenkult hinderte die Militärwissenschaftler daran, sich mit Lenins reichhaltigem militärtheoretischen Erbe vertraut zu machen und auf seinen Grundlagen weiterzuarbeiten. Die so wichtige Voraussetzung - für eine erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit, wie die breite Diskussion militärtheoretischer Fragen, fehlte."

Es gab auch andere Unzulänglichkeiten. Im Verhältnis zum deutschen Gegner hatte die Rote Armee tatsächlich sehr wenig Kriegserfahrung gewinnen können. Zudem: Mit Abschluß des sowjetischen Nichtangriffspakts wurde die Anti-Nazi-Propaganda in gewaltigem Umfang reduziert. Man tat nichts, um das Sowjetvolk mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß Rußland es im nächsten Krieg wahrscheinlich mit Deutschland zu tun haben werde. Die "Geschichte" schreibt zu dem geradezu kindischen Wunschdenken mancher Propagandisten:

"Einige Propagandisten und Artikelschreiber beurteilten auch das Hinterland des möglichen Gegners nicht richtig. Sie unterschätzten die Maßnahmen der imperialistischen Regierungen zur Festigung ihres Hinterlandes und meinten, daß jeder beliebige imperialistische Staat sofort zusammenbrechen werde, wenn er die UdSSR angreife. Sie maßen den großen Anstrengungen keine Bedeutung bei, die in den faschistischen Ländern unternommen wurden, um die Volksmassen zu verdummen, die oppositionellen Kräfte zu beseitigen und das materielle Interesse der Offiziere und Soldaten an Raub und Plünderung in fremden Ländern zu wecken."

Jedenfalls unterschieden Molotow und Stalin auch noch nach dem Beginn des Krieges strikt zwischen dem "leidgeprüften" deutschen Volk und der "verbrecherischen Nazi-Clique".

Nicht weniger folgenschwer als die offensichtlich mangelnde psychologische Vorbereitung auf einen großen Krieg mit Deutschland war die Tatsache, daß die Rote Armee, was den Ausbildungsstand der Truppe betraf wie auch die Quantität und vor allem Qualität ihres Waffenarsenals, für die Auseinandersetzung nicht gerüstet war.

Die Sowjet-Union verfügte über die größte Maschinenindustrie Europas. Partei und Regierung hatten besonders seit September 1939 Maßnahmen eingeleitet, um in den folgenden eineinhalb bis zwei Jahren die Produktionskapazität gewisser Rüstungsindustrien, besonders der Flugzeugindustrie, um mindestens hundert Prozent zu vergrößern.

Aber diese Pläne waren eine Sache, eine andere waren ihre Resultate. Diese Resultate fielen Ende 1940 äußerst enttäuschend aus und waren Mitte 1941, zur Zeit des deutschen Angriffs, alles andere als eindrucksvoll.

Die neuen Jagdflugzeuge wurden erst im Jahre 1940 und auch nur in sehr geringer Anzahl hergestellt.

Bei der Panzerproduktion lagen die Dinge nicht besser. Die Rote Armee verfügte im Juni 1941 zwar über eine sehr beträchtliche Zahl von Kampfwagen, doch waren diese fast durch die Bank völlig überholt. Die neuen Panzer, der KW und der T-34, die sich später den deutschen Panzern überlegen erweisen sollten, waren 1939 noch nicht in Produktion, und 1940 gab es davon nur sehr wenige.

Ähnlich war es mit der Herstellung von Geschützen, Werfern und automatischen Waffen; sie hatte "ein unerträglieb langsames Tempo". Und die Munitionsproduktion des Jahres 1941 erreichte nicht einmal die der Geschütze.

Eine andere ernste Schwäche der Roten Armee bestand darin, daß es in der Sowjet-Union keine nennenswerte Automobilindustrie gab. Im Juni 1941 verfügte - die Sowjet-Union insgesamt nur über 800 000 Motorfahrzeuge, was bedeutete, daß die Geschütze zum großen Teil entweder von Pferden oder von völlig unzureichenden Traktoren gezogen werden mußten.

Die Radartechnik der Roten Armee steckte noch in den Kinderschuhen, und selbst ganz normale Funkverbindungen zwischen -Armee-Einheiten waren etwas Ungewöhnliches: "In dieser Hinsicht waren nicht einmal die minimalsten Forderungen erfüllt. Infolgedessen wurde eine Unmenge veralteten Materials verwendet. Viele Offiziere wußten nicht mit Funkgeräten umzugehen... und bevorzugten das altmodische Telephon."

Nur sehr wenige Angehörige der Roten Armee besaßen 1941 irgendwelche Kriegserfahrungen; viele Offiziere waren Neulinge, die jene in die Tausende gehende Zahl von Offizieren ersetzen mußten, welche den Säuberungen von 1937/38 zum Opfer gefallen waren. Obgleich im August 1940 die alleinige Befehlsgewalt der Offiziere dadurch wiederhergestellt worden war, daß man die Befugnisse der Kommissare verringert hatte, waren die Beziehungen zwischen vielen Offizieren und den ihnen, beigeordneten Partei- und Komsomolkadern nicht sehr erfreulich, und schon bald nach Kriegsbeginn erhielten die Kommissare ihre vorherige Stellung zurück.

Auch die Ausbildung von Spezialtruppen, besonders von Panzerbesatzungen und fliegendem Personal, wurde gröblich vernachlässigt.

Die ersten Panzer der Typen T-34 und KW trafen erst im April und Mai 1941 in den Grenzmilitärbezirken ein. Insgesamt verfügten zu Beginn des Krieges alle fünf Grenzmilitärbezirke nur über 1475 neue Panzer. Die Truppen besaßen allerdings noch eine bedeutende Anzahl von Panzern alter Typen. Doch am 15. Juni 1941 waren nur 27 Prozent aller Panzer dieser alten Typen voll einsatzfähig.

Schlimmer noch: Viele Panzerfahrer besaßen bei Kriegsbeginn nur eine eineinhalb- bis zweistündige Fahrpraxis. Auch hatten nicht alle Kommandeure die schwierige Kunst erlernt, Panzer- und motorisierte Verbände zu führen.

Die Gefechtsbereitschaft der sowjetischen Luftstreitkräfte war gleichfalls ungenügend. Die Flugzeugführer beherrschten die neuen Maschinen nur unzulänglich.

So hatten im Baltischen Besonderen Militärbezirk die Piloten, die die neuen Flugzeuge flogen, nur 15 Stunden Flugerfahrung gehabt, die Piloten des Militärbezirks Kiew sogar nur vier Stunden - ungewöhnliche Zahlen, wenn man bedenkt, Daß beispielsweise in der amerikanischen Luftwaffe 150 Flugstunden vor dem Einsatz nachgewiesen werden mußten.

Das waren nur einige der Unzulänglichkeiten, unter denen die Schlagkraft der Roten Armee litt, als der deutsche Angriff begann.

Am 22. Juni 1941 war der größte Teil der Truppen der Grenzmilitärbezirke

über weite Räume verteilt. So überraschte der Krieg die Truppen des Baltischen Besonderen Militärbezirks weit verstreut in einer Entfernung bis zu 330 Kilometern von der Grenze. Die Truppen des Westlichen Besonderen Militärbezirks waren bis zu 100 und 300 Kilometer und die Truppen des Kiewer Besonderen Militärbezirks bis zu 400 und 600 Kilometer von der Grenze entfernt.

Ein bedeutender Teil der Flugplätze war bei Kriegsbeginn für einen kriegsähnlichen Betrieb nicht benutzbar. Die Jagdfliegerkräfte waren auf einigen wenigen Flugplätzen konzentriert, ihnen war die Beweglichkeit genommen worden. Tarnung und Dezentralisierung wurden erschwert. Außerdem lagen einige Flugplätze zu nahe an der Grenze wodurch sie bei einem plötzlichen Überfall feindlicher Fliegerkräfte außerordentlich verwundbar waren.

Auch sonst ging alles schief an diesem 22. Juni. Die Transportkapazität der Eisenbahn in den grenznahen Räumen - die man ja alle erst in den Jahren seit 1939 annektiert hatte - war drei- bis viermal geringer als auf deutscher Seite. Auch die Befestigung der "neuen" Westgrenze war im Juni 1941 erst in ihrem Anfangsstadium. Das Durcheinander und der Wirrwarr auf der sowjetischen Seite der Grenze standen in absolutem Gegensatz zu den Verhältnissen auf der deutschen Seite. Hier hatte man bereits seit Mitte 1940, also noch vor der endgültigen Annahme - des Plans "Barbarossa", alles für einen eventuellen Angriff auf die Sowjet-Union vorbereitet. Straßen und Rollbahnen, Eisenbahnen und ein Netz

von Flugplätzen waren in dem der Invasion vorangehenden Jahr entstanden.

In diesem Zeitabschnitt hatten die Deutschen nicht weniger als 250 Flugplätze und 50 Feldflugplätze gebaut, von denen ihre Heinkels, Dorniers und Messerschmitts mit ihrer tödlichen Last starten konnten.

Molotow und Stalin sprechen

Einige Stunden nach Beginn des deutschen Angriffs gab Außenkommissar Molotow über den Rundfunk eine offizielle Erklärung ab.

"Männer und Frauen, Bürger der Sowjet-Union", begann er mit zögernder, fast etwas stotternder Stimme. "Die Sowjet-Regierung und ihr Chef, Genosse Stalin, haben mich angewiesen, die folgende Erklärung abzugeben:

"Um 4 Uhr morgens haben deutsche und rumänische Streitkräfte den Krieg in unser Land getragen, ohne daß der Sowjet-Union irgendeine Begründung oder Kriegserklärung übermittelt wurde ..."

Der nächste Satz verriet Molotows große Bestürzung; aus ihm konnte man entnehmen, daß die Sowjet-Regierung in ihren Verhandlungen mit den Deutschen bereit gewesen wäre, nahezu jede Konzession zu machen, um die Stunde der Entscheidung hinauszuschieben:

"Diese unerhörte Attacke auf unser Land ist ein Akt der Perfidie, der in der Geschichte der zivilisierten Nationen kein Beispiel hat. Dieser Angriff wurde trotz der Tatsache unternommen daß zwischen Deutschland, und Rußland ein Nichtangriffspakt bestand, der bis in die kleinsten Einzelheiten von uns in verantwortungsvollster Weise eingehalten wurde. Wir wurden angegriffen, obwohl die deutsche Regierung die ganze Zeit hindurch nicht die geringste Klage erheben konnte, daß die UdSSR ihre Verpflichtungen nicht ausgefüllt hätte..."

Molotow sprach dann über den Besuch, den ihm um 5 Uhr 30 morgens der deutsche Botschafter abgestattet hatte, um ihn, Molotow, davon zu unterrichten, daß Deutschland wegen angeblicher russischer Truppenkonzentrationen an der Grenze den Angriff auf die Sowjet-Union eröffnet habe. Der Außenkommissar unterstrich, daß kein sowjetisches Flugzeug jemals die Erlaubnis erhalten habe, die Grenzen zu überfliegen. Da nun aber die Deutschen mit ihrem Angriff auf die Sowjet -Union begonnen hätten, habe die Sowjet-Regierung den sowjetischen Truppen den Befehl erteilt, den Angriff aufzuhalten und die Deutschen vom sowjetischen Territorium zu verjagen.

"Dieser Krieg ist nicht ein Krieg, der vom deutschen Volk geführt wird, von den deutschen Arbeitern, Bauern und Intellektuellen, über deren Leiden wir voll unterrichtet sind; er wurde uns aufgezwungen von den blutdürstigen Herrschern Deutschlands, die bereits die Franzosen, die Tschechen, die Polen, die Serben und die Völker Norwegens, Dänemarks, Hollands, Belgiens, Griechenlands und anderer Länder versklavt haben."

Molotow fuhr fort: Es gebe keinen Zweifel, daß die sowjetischen Streitkräfte ihre Pflicht tun und den Aggressor zerschlagen würden... Er erinnerte daran, daß im großen vaterländischen Krieg von 1812 das ganze russische Volk sich wie ein Mann gegen Napoleon erhoben habe. Dasselbe werde jetzt dem "anmaßenden Hitler" widerfahren.

"Die Regierung der Sowjet-Union ist tief davon überzeugt, daß die ganze Bevölkerung unseres Landes ihre Pflicht tun und hart und gewissenhaft arbeiten wird. Unser Volk muß mehr denn je zusammenhalten. Die größte Disziplin und die eines sowjetischen Patrioten würdige Selbstlosigkeit muß von jedermann verlangt werden, um Armee, Flotte und Luftwaffe zu helfen und den Sieg sicherzustellen.

"Die Regierung fordert euch alle, Männer und Frauen, Bürger der Sowjet-Union, auf, euch noch enger um die ruhmreiche Bolschewistische Partei, um die sowjetische Regierung und unseren großen - Führer, Genossen Stalin, zu scharen. Unsere Sache ist gerecht. Der Feind wird vernichtet werden. Der Sieg wird unser sein!"

Angesichts widerspruchsvoller, nichtssagender und allem Anschein nach auch unwahrer Frontberichte bedeutete Churchills berühmte Rundfunkansprache in der Nacht vom 22. zum 23. Juni, nicht einmal 24 Stunden nach dem deutschen Angriff, für das russische Volk geradezu einen Lichtblick.

Churchill räumte ein: "Niemand ist ein konsequenterer Gegner des Kommunismus gewesen, als ich es in den letzten 25 Jahren war. Ich will kein Wort widerrufen, das ich darüber gesprochen habe", aber alles verblasse vor der Tragödie, die sich jetzt entfalte:

"Ich sehe die russischen Soldaten an der Schwelle ihres Vaterlandes wachen und sehe sie die Felder schützen, die ihre Vorväter seit undenklichen Zeiten beackert haben. Ich sehe sie, wie sie ihre Heimstätten verteidigen, in denen Mütter und Frauen beten - o ja, denn es gibt Zeiten, da alle beten - und um das Leben ihrer Angehörigen flehen, um die Rückkehr ihrer Ernährer und Beschützer. Ich sehe die Zehntausende von russischen Dörfern, wo man dem Boden unter so großen Mühen die Mittel zum Dasein abringt, wo es aber auch ursprüngliche Freuden gibt, wo Mädchen lachen und Kinder spielen. Und

ich sehe die Nazi-Kriegsmaschine über sie alle in scheußlicher Wildheit hereinbrechen, sehe die säbelrasselnden hackenschlagenden, stutzerhaften preußischen Offiziere, und ich sehe auch die stumpfen, gedrillten, willfährigen und brutalen Massen dieser hunnischen Soldateska wie ein Heuschreckenschwarm das Land überkriechen. Ich sehe in den Lüften die deutschen Bomber und Kampfflieger, die ihre Züchtigung durch die Briten kaum verwunden haben und hier voller Begeisterung ein leichteres und sichereres Opfer vorzufinden glauben."

Endlich - nach zwölf langen und angstvollen Tagen - sprach Stalin. Seine Rede war eine ganz ungewöhnliche Leistung, und schon die ersten Worte machten großen Eindruck: "Genossen, Bürger, Brüder und Schwestern, Kämpfer unserer Armee und Flotte. Ich spreche zu euch, zu meinen Freunden!" Das war etwas völlig Neues. Niemals zuvor hatte Stalin solche Worte gewählt. Doch diese Worte entsprachen genau der Atmosphäre jener Tage.

Stalin begann damit: daß der Angriff der Nazis fortgesetzt werde trotz des

heroischen Widerstands der Roten Armee -und obwohl "die besten deutschen Divisionen und Luftwaffeneinheiten bereits vernichtet sind und ihr Grab auf dem Schlachtfeld gefunden haben. .."

"Unsere Heimat ist in ernster Gefahr!" Aber bedeute dies, fragte Stalin, daß die deutschen faschistischen Truppen unbesiegbar seien? Natürlich nicht. Man habe seinerzeit auch die Armeen Napoleons und Wilhelms II. für unschlagbar gehalten, und doch seien sie schließlich besiegt worden. Dasselbe Schicksal werde Hitlers Streitmacht widerfahren.

"Die deutschen Armeen waren schon vollkommen mobilisiert, und die 170 deutschen Divisionen standen in voller Bereitschaft an der Grenze, während unsere erst mobilisiert und an die Grenze geworfen werden mußten. Es war auch von großer Bedeutung, daß das faschistische Deutschland unerwartet und perfide den 1939 geschlossenen Nichtangriffspakt zwischen der Sowjet-Union und Deutschland gebrochen hat, ohne Rücksicht darauf, daß es vor der ganzen Welt als Aggressor dastehen wird."

Stalin bemühte sich dann, den sowjetisch-deutschen Pakt zu rechtfertigen:

"Man wird fragen, wieso die Sowjet -Union überhaupt einen Pakt mit derart treubrüchigen Ungeheuern wie Ribbentrop und Hitler abschließen konnte? War hier nicht ein ernster Fehler gemacht worden? Natürlich nicht. Einen Nichtangriffspakt, wie uns Deutschland ihn ja 1939 vorschlug, einen Friedenspakt also, konnte ein so friedliebendes Volk wie das russische nicht ablehnen, und zwar keinem Land gegenüber, selbst wenn an seiner Spitze solche Ungeheuer und Kannibalen stehen wie Hitler und Ribbentrop. In keiner Weise verletzte dieser Pakt die territoriale Integrität, die Unabhängigkeit oder die Ehre unseres Landes."

Stalin argumentierte dann, daß der Pakt der Sowjet-Union die Möglichkeit gegeben habe, sich auf einen deutschen Angriff, sollte sich Nazi-Deutschland zu einem solchen entschließen, vorzubereiten.

"Durch den uns aufgezwungenen Krieg ist unser Land in einen Kampf auf

Leben und Tod mit seinem erbittertsten Feind, mit dem deutschen Faschismus, eingetreten... Der Feind ist grausam und erbarmungslos. Er will sich unseres Territoriums, unseres Getreides und unseres Erdöls, der Früchte unserer Arbeit, bemächtigen. Er will die Macht der Grundbesitzer, den Zarismus wiederherstellen und die nationale Kultur der Völker der Sowjet-Union vernichten ... Er will sie zu Sklaven der deutschen Prinzen und Barone machen.

"Es wird in unseren Reihen keinen Raum für Feiglinge und Zauderer, für Deserteure und Panikmacher geben. Unser Volk muß furchtlos sein in seinem Kampf und selbstlos unseren nationalen Krieg der Befreiung von den faschistischen Sklavenhaltern durchfechten... Wir müssen einen unerbittlichen Kampf führen gegen alle Deserteure und Panikmacher. Militärgerichte werden jedermann, der durch Panikmache oder Feigheit unsere Verteidigung schädigt, sofort und ohne Rücksicht auf Position und Rang aburteilen ...

Und dann folgten die berühmten Anweisungen zur Politik der 'Verbrannten Erde": .Wann immer Einheiten der Roten Armee zum Rückzug gezwungen sind, muß alles rollende Gut der Eisenbahnen mitgeführt werden. Kein einziger Wagen und keine einzige Lokomotive, nicht ein Kilo Korn und kein einziger Liter Brennstoff dürfen dem Feind in die Hände fallen. Alles von Wert, so Metalle, Getreide und Petroleum, muß unbedingt vernichtet werden, wenn es nicht mitgenommen werden kann."

Sodann kamen die Direktiven für den "Partisanenkrieg":

"In den vom Feinde besetzten Gebieten sind Partisaneneinheiten zu Fuß und zu Pferd sowie Gruppen

von Diversionsagenten zu schaffen, die gegen die feindlichen Einheiten zu kämpfen, überall den Guerillakrieg zu entfachen, die Telephon- und Telegraphenleitungen zu zerstören und Wälder, Depots usw. in Brand zu stecken haben. In den überfallenen Gebieten sind für den Feind unerträgliche Verhältnisse zu schaffen, und er muß auf Schritt und Tritt verfolgt und vernichtet werden..."

Dieser Krieg, sagte Stalin, sei nicht ein normaler Krieg zwischen zwei Armeen; es sei der Krieg des ganzen sowjetischen Volkes gegen die deutschen faschistischen Truppen. Es gehe in diesem Kampf des ganzen Volkes nicht nur darum, die über der Sowjet-Union hängende Bedrohung zu beseitigen, sondern auch darum, allen europäischen Völkern zu Hilfe zu kommen, die unter dem Joch des deutschen Faschismus litten. Das sowjetische Volk werde die Völker Europas und Amerikas, das von seinen Führern versklavte deutsche Volk eingeschlossen, als Verbündete haben.

Die Schlußsätze lauteten:

"Die ganze Kraft des Volkes muß eingesetzt werden, um den Feind zu zerschmettern. Vorwärts, dem Sieg entgegen!"

Diese Rede an ein verstörtes, erschrecktes und fassungsloses Volk hatte einen enormen Effekt. Bis dahin hatten die Lobpreisungen etwas Gewolltes, Künstliches an sich gehabt; mit Stalins Namen verbanden sich ja nicht nur die erstaunlichen Anstrengungen des Fünfjahresplans, sondern auch die Erinnerung an die barbarischen Methoden, die bei der Kollektivierung angewandt worden waren, und noch mehr an den Terror der großen Sauberungen.

Jetzt aber hatte das sowjetische Volk das Gefühl, einen Führer zu haben, zu dem es aufblicken konnte. Stalin gelang mit wenigen Worten, die Hoffnung, wenn nicht die Gewißheit zu vermitteln, daß Rußland schließlich siegen werde.

Die Invasion

Doch für das russische Volk begann zunächst das schreckliche Jahr, das schrecklichste, das es je erlebt hatte. Tod und Vernichtung tobten durch das Land. In den Grenzgebieten und teilweise bereits tiefer im Land zerschmetterten die Deutschen in konzentriertem Angriff die roten Truppenverbände, nahmen sie gefangen oder rieben sie auf.

Schon am ersten Tag des Angriffs wurde die sowjetische Luftwaffe in den westlichen Gebieten nahezu ausgelöscht. Innerhalb von fünf Tagen hatten die deutschen Truppen bereits Minsk, die innerhalb der alten russischen Grenzen gelegene Hauptstadt Weißrußlands, erobert. In der gleichen Zeit etwa besetzten die Deutschen das gesamte Gebiet, das sich die Sowjet-Union seit 1939 einverleibt, hatte: West-Weißrußland, die West-Ukraine, Litauen, Lettland und Estland. Und schon am 8. Juli triumphierten die Deutschen, daß der Krieg "praktisch" gewonnen sei.

Die Memoiren russischer Soldaten, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, besonders die der Generale Fedjuninski und Boldin; vermitteln ein eindringliches Bild von den Ereignissen an diesen ersten Kriegstagen.

Fedjuninski war im April 1941 zum Kommandeur des 15. Infanteriekorps im Besonderen Kiewer Militärdistrikt ernannt worden. Das Hauptquartier befand sich in der west-ukrainischen Stadt Kowel, etliche 50 Kilometer östlich der Grenze zwischen der Sowjet-Union und dem von den Deutschen besetzten Polen. Fedjuninski erzählt:

"Als ich in Kowel ankam, wuchsen die Spannungen an unserer Westgrenze von Tag zu Tag. Aus vielen Quellen und aus den Berichten unserer Aufklärung wußten wir, daß seit Februar deutsche Truppen an unserer Westgrenze konzentriert wurden."

Die älteren Offiziere, darunter manche, die schon in der zaristischen Armee gedient hatten, machten sich keine Illusionen über den bevorstehenden Krieg. Unter den jüngeren Soldaten und Offizieren aber gab es ein beklagenswertes Ausmaß an Selbstzufriedenheit:

"Viele dachten, daß unsere Armee einen leichten Sieg davontragen werde und daß die Soldaten eines kapitalistischen Landes, auch Nazi-Deutschlands, nicht wirklich gegen die Rote Armee kämpfen würden. Sie unterschätzten auch die militärische Erfahrung und die hervorragende technische Ausstattung der deutschen Streitkräfte. Als der Zusammenprall kam, überraschte die Stärke der deutschen Armee manchen russischen Offizier völlig."

Das berühmte Tass-Kommuniqué vom 14. Juni hatte alle Gerüchte über aggressive Absichten Deutschlands als "vollständig grundlos" abgetan. Fedjuninski erwähnt in seinen Aufzeichnungen mehrfach, daß dies in völligem Gegensatz zu dem gestanden habe, was "wir in den Grenzgebieten beobachten konnten".

Er berichtet, wie am 18. Juni ein deutscher Deserteur zu den Russen überlief. Er hatte, wie er sagte, in Trunkenheit einen Offizier geschlagen und befürchtete jetzt, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen zu werden; angeblich war sein Vater Kommunist. Der deutsche Überläufer versicherte, daß die Wehrmacht sich darauf vorbereite, die Sowjet-Union am 22. Juni, morgens vier Uhr, anzugreifen.

Fedjuninski rief sofort den örtlichen Armeekommandeur, Panzergeneral Potapow, an, der ihm jedoch auseinandersetzte, daß die ganze Angelegenheit eine "Provokation" sein müsse und daß es keinen Sinn habe, deswegen in Panik zu geraten. Zwei Tage später erhielt Fedjuninski den Besuch General Rokossowskis, der Potapows Unbekümmertheit keineswegs teilte und ungewöhnlich aufgeregt schien. In den frühen Morgenstunden des 22. Juni wurde Fedjuninski dann von Potapow angerufen; Potapow befahl, die Truppen in Alarmbereitschaft zu versetzen, doch dürfe noch keine scharfe Munition ausgegeben werden.

Das 15. Infanteriekorps hatte den Auftrag, einen Grenzabschnitt von etwa 100 Kilometer Länge zu sichern:

"Wir mußten unter ständigem Beschuß und Bombardement aus der Luft in unsere Verteidigungsstellungen einrücken. Die Nachrichtenverbindungen wurden immer wieder unterbrochen. Die Einsatzbefehle erreichten die Einheiten oft erst mit großer Verzögerung... Trotzdem verloren die Offiziere nicht die Kontrolle, und wir erreichten die Verteidigungsstellungen, wo die Grenztruppen schon seit mehreren Stunden einen ungleichen Kampf zu führen hatten. Sogar die Frauen der Grenzsoldaten waren in der Feuerlinie. Sie schleppten Wasser und Munition heran und versorgten die Verwundeten. Einige der Frauen schossen auch auf die angreifenden Nazis... Aber die Linien der Grenztruppen lösten sich auf. Überall brannten Baracken und Häuser. Die Grenzsoldaten kämpften bis zum letzten Mann..."

Den ganzen ersten Tag wehrten sich Fedjuninskis Soldaten, aber die Deutschen führten immer neue Kräfte heran, und gegen Abend begannen die Russen, nachdem sie schwerste Verluste erlitten hatten, mit dem Rückzug.

Als sich starke deutsche Panzerverbände entlang der Straße Brest-Kowel der Stadt näherten, beschloß man, Kowel zu evakuieren.

Der Rückzug aus Kowel war charakteristisch für viele ähnliche Rückzüge des Jahres 1941. Die Deutschen hatten die absolute Luftherrschaft, und es gab schwere Verluste durch Tiefflieger. Saboteure taten das Ihre:

"Eisenbahnlinien und Nachrichtenverbindungen wurden durch deutsche Flugzeuge und Sabotagetrupps zerstört. Bei den Stäben gab es zu wenige Funkgeräte, und wo es welche gab, wußte man sie kaum zu bedienen ... Befehle und Anweisungen kamen zu spät und manchmal überhaupt nicht... Die Verbindung zu den Nachbareinheiten war oft unterbrochen, und niemand bemühte sich, sie wiederherzustellen. Der Feind machte sich das zunutze; er überfiel in unserem Rücken die Stäbe. Trotz der deutschen Luftüberlegenheit versuchten unsere marschierenden Verbände nicht, sich richtig zu tarnen. Auf engen Straßen ballten sich Infanterie, Artillerie, Motorfahrzeuge und Feldküchen zu unentwirrbaren Knoten, und dann hatten die deutschen Flugzeuge leichtes Spiel... Oft konnten unsere Truppen sich nicht eingraben, weil sie nicht über die primitivsten Geräte dazu

verfügten; da es keine Spaten gab, wurden Schützenlöcher oft mit den Helmen ausgehoben."

Dramatischer noch als Fedjuninskis Darstellung der ersten Tage des Krieges ist die Beschreibung, die General Boldin gibt.

Boldin hörte von der bevorstehenden deutschen Invasion am Abend des 21. Juni, als er mit anderen Offizieren im Armee-Offiziersklub in Minsk die Aufführung einer Komödie von Korneitschuk sah:

"Plötzlich erschien Oberst Blochin, der Chef des Geheimdienstes des Besonderen Westlichen Militärdistrikts, in unserer Lage. Er beugte sich über die Schulter unseres Kommandeurs und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. 'Das kann nicht wahr sein', sagte Pawlow. Er wandte sich zu mir: 'Ich halte es für Unsinn; unsere Aufklärung berichtet, daß die Dinge an der Grenze sehr alarmierend aussehen. Die deutschen Truppen, heißt es, seien angriffsbereit, und angeblich haben sie schon unsere Stellungen beschossen.' Dann berührte er meine Hand, deutete auf die Bühne

und meinte, daß wir besser daran täten, uns wieder dem Schauspiel zuzuwenden."

Aber in den frühen Morgenstunden rief Pawlow ganz aufgeregt an und bat Boldin, unverzüglich ins Hauptquartier zu kommen. Zehn Minuten später war er dort. Er erzählt:

"Was ist geschehen?' fragte ich. ",Ich weiß nicht genau', sagte Pawlow. Irgendeine Teufelei ist im Gang. Eben rief General Kusnezow aus Grodno an. Er sagte, die Deutschen hätten die Grenze auf breiter Front überschritten und bombardierten Grodno und das Hauptquartier. Auch Golubew von der 10. und Oberst Sandalow von der 4. Armee haben angerufen. Lauter unerfreuliche Nachrichten. Die Deutschen bombardieren alles.'

"Bald darauf rief Kusnezow wieder an; er sagte, daß die Deutschen ihre Luftangriffe fortsetzen. Im Umkreis von 50 Kilometern seien alle Telephon- und Telegraphenverbindungen vernichtet. Zwischen vielen Einheiten sei die Verbindung abgebrochen.

"Dann kam ein neuer Anruf. Timoschenko war am Apparat:

"'Genosse Boldin, ich erinnere Sie daran, daß ohne unser Wissen nichts gegen die Deutschen unternommen werden darf. Wollen Sie bitte Pawlow sagen, daß Genosse Stalin verboten hat, (las Artilleriefeuer gegen die Deutschen zu eröffnen!'

"'Aber wie ist das möglich?' schrie ich in den Hörer. Unsere Verbände sind in vollem Rückzug. Ganze Städte stehen in Flammen, und überall sterben Menschen...'

'Nein', sagte Timoschenko, 'es gibt keine Luftaufklärung über mehr als 60 Kilometer jenseits der Grenze hinaus.'

"Ich sagte, daß dies ohnehin unmöglich sei, da die Nazis praktisch unsere ganzen Luftstreitkräfte im Frontgebiet ausgeschaltet hätten, und beharrte darauf, daß wir das ganze Gewicht unserer Infanterie, Artillerie und Panzer und vor allem unsere Flugzeugabwehr einsetzen sollten. Aber Timoschenko sagte immer noch nein - Luftaufklärung höchstens 60 Kilometer innerhalb des gegnerischen Territoriums..."

Ein paar Stunden später flog Boldin mit Timoschenkos Erlaubnis nach Bialystok. Sein Flugzeug war von 20 Geschossen einer Messerschmitt durchlöchert, aber es gelang dem Piloten, auf einem Flugplatz 35 Kilometer östlich der Stadt zu landen. Ein paar Minuten später erschienen neun deutsche Maschinen über dem Flugfeld und warfen ihre Bomben, ohne daß irgend jemand sie daran gehindert hätte. Flakgeschütze gab es nicht. Boldins Flugzeug und mehrere Kraftfahrzeuge wurden vernichtet

"Jede Minute zählte. Wir mußten ins Hauptquartier der 10. Armee. Autos gab es nicht auf dem Flugplatz; so nahm ich einen kleinen Lastwagen, und zusammen mit einigen Offizieren und Soldaten - zwölf Mann alles in allem - fuhren wir los. Ich saß neben dem Fahrer und befahl ihm, die Straßen nach Bialystok zu nehmen.

"Es war unglaublich heiß und über allem lag Brandgeruch. Endlich erreichten wir die Hauptstraße von Bialystok. Durch die Windschutzscheibe konnte ich sehen, wie 15 deutsche Bomber vom Westen her anflogen. Sie flogen tief, unverschämt tief, so, als ob unser Himmel ihnen gehörte. Auf dem Leitwerk konnte ich ganz deutlich die Spinnenbeine der Hakenkreuze erkennen."

Unterwegs hielt Boldin eine Gruppe Arbeiter an, die in entgegengesetzter Richtung liefen. Er fragte sie: "Wohin wollt ihr?" "Nach Wolkowysk." "Wo kommt ihr her?"

"Wir hatten bei den Befestigungen gearbeitet. Aber dort steht jetzt alles in Flammen."

Boldin: "Diese Leute schienen den Kopf verloren zu haben; sie wußten nicht aus noch ein. Dann begegneten wir einigen Wagen, geführt von einem Sis-101. Die breiten Blätter einer Aspidistra ragten aus dem Fenster.

"Es war der Wagen irgendeines hohen örtlichen Beamten. Drinnen saßen zwei Frauen und zwei Kinder. ,Sie sollten in einer solchen Zeit wichtigere Dinge zu transportieren haben als Ihre Aspidistra', sage ich. ,Es wäre besser, Sie hatten ein paar alte Leute oder Kinder mitgenommen.' Sie senkten die Köpfe, und die Frauen schwiegen. Auch der Fahrer wendete sich beschämt ab."

Und dann kam der deutsche Tieffliegerangriff.

"Drei Maschinengewehrsalven, trafen unseren Lastwagen. Der Fahrer wurde getötet. Mir geschah nichts, weil ich rechtzeitig abgesprungen war. Aber mit Ausnahme meines Adjutanten und eines Melders wurden alle getötet. In der Nähe sah ich wieder den alten Sis-101. Ich ging zu ihm hin. Die Frauen, die Kinder, der Fahrer waren tot... Nur die immergrünen Blätter der Aspidistra ragten aus dem Fenster."

Es war ein Tag des Entsetzens. In Bialystok herrschte das vollkommene Chaos; auf dem Bahnhof wurde ein mit

Frauen und Kindern vollbesetzter Zug bombardiert, und es gab Hunderte von Toten.

Gegen Abend erreichte Boldin endlich das Hauptquartier der 10. Armee. General Golubew befand sich dort mit einer Anzahl von Stabsoffizieren. Golubew sah von der Karte auf und sagte:

"Es ist hart, sehr hart, Iwan Wassiljewitsch. Meine Männer kämpfen wie Helden. Aber was können sie gegen Panzer oder Flugzeuge ausrichten? ... Die Nazis rücken vor, sie marschieren aufrecht, sie benehmen sich wie Eroberer. Und das am ersten Tag des Krieges! Was wird noch alles kommen?"

In diesem Augenblick war die Verbindung nach Minsk wiederhergestellt, und General Pawlow gab Boldin Befehle über die Gegenoffensive, welche die 10. Armee in der Nacht durchführen sollte. Boldin erhob Einwände; er wies darauf hin, daß die 10. Armee praktisch nicht mehr vorhanden sei. Pawlow schien einen Augenblick zu zögern; dann sagte er: "Das sind meine Befehle Sie haben sie auszuführen."

Boldin überlegte, was dieser unrealistische Befehl sollte. Erst lange nach dem Krieg entdeckte er, daß Leute wie Pawlow solche Befehle zu geben pflegten, damit sie Moskau mitteilen konnten, daß "irgend etwas getan wurde, um die Deutschen aufzuhalten".

Die. Geschichte" gibt zu, daß die Deutschen an zahlreichen Stellen den sowjetischen Widerstand innerhalb kürzester Zeit brachen. Die sowjetische Luftwaffe war in weiten Gebieten bereits ausgeschaltet. In den ersten Tagen des Krieges griffen deutsche Bomber 66 Flugplätze an. Noch vor dem Mittag des 22. Juni waren 1200 sowjetische Flugzeuge zerstört, davon 800 am Boden.

Es gab praktisch keine Reserven in den Grenzgebieten; Telephon- und Telegraphenverbindungen wurden schon in den ersten Kriegsstunden zerstört, und so verloren die Einheiten den Kontakt untereinander. Den ganzen Tag über

gelang es dem sowjetischen Generalstab nicht, ein klares Bild von den Ereignissen zu bekommen.

Der erste Befehl, den der Generalstab am 22. Juni morgens an die Fronttruppen ausgab, zeigt, wie wenig er über die wirkliche Lage Bescheid wußte. Aus der Sicht von heute klingt er wie eine bittere Travestie:

- "Die Truppen haben sich mit allen Kräften und Mitteln auf die feindlichen Kräfte zu werfen und sie dort zu vernichten, wo sie die sowjetische Grenze überschritten haben."

- "Die Aufklärungs- und Kampfflugzeuge haben die Konzentrierungspunkte der Luftwaffe des Gegners und die Gruppierungen seiner Landstreitkräfte festzustellen. Durch mächtige Schläge der Bomben- und Schlachtflugzeuge sind die Flugzeuge auf den feindlichen Flugplätzen und die wichtigsten Gruppierungen seiner Landstreitkräfte zu vernichten. Die Fliegerkräfte haben ihre Angriffe über deutschem Gebiet bis in eine Tiefe von 100 bis 150 Kilometer vorzutragen... bis zum Erhalt besonderer Weisungen darf finnisches und rumänisches Gebiet nicht durch Flieger angegriffen werden." Dieser Befehl wurde ausgegeben, nachdem die sowjetische Luftwaffe praktisch bereits nicht mehr vorhanden war, und es war natürlich unmöglich, ihn auszuführen. Am Abend des 22. Juni,war der linke Flügel der deutschen Heeresgruppe Mitte bereits über Kaunas hinausgestoßen und hatte die russische 11. Armee in die Flucht geschlagen, die sich jetzt in ungeordnetem Rückzug von Kaunas nach Wilna befand.

Der deutsche Vormarsch rollte. IM NÄCHSTEN HEFT:

Deutsche Panzer vor Moskau - Russen laufen vor der "Stalinorgel" weg - Juden, Kommissare und Kommunisten werden erschossen - Die Panik vom 16. Oktober - Die Industrie wird nach Osten verlagert

Deutsche Rechte: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München.

Mai-Parade 1941 in Moskau: "Ein Krieg mit Nazi-Deutschland ...

... kann kaum noch vermieden werden": Stalin (2. v. l.) am 1. Mai 1941*

Deutsche, Russen im Polen-Krieg, September 1939: "Die Sowjets taten alles ...

Sowjetische Getreidelieferungen, 1940* ... die Deutschen bei Stimmung zu halten"

Deutscher Panzerangriff am 22. Juni 1941, Panzer-General Guderian: "Nun gut, laßt sie kommen!"

Abgeschossene Sowjet-Panzer, Sommer 1941: "Nur jeder dritte war einsatzfähig"

Russische Kriegsgefangene, Sommer 1941 : Eine Million in vierzehn Tagen"

Russische Rückzugstraße, Sommer 1941: "Unmengen veralteten Materials"

Am Boden zerstörte Sowjet-Flugzeuge, Sommer 1941: "In den ersten Tagen ausgeschaltet"

Sowjetische Kavallerie-Attacke, Sommer 1941: "Unser Volk muß furchtlos sein ...

... und sich um Stalin scharen": KP-Instrukteure an der Front

Russische Partisanen, Sommer 1941. "Die ganze Kraft des Volkes ...

Sowjetisches Kriegsplakat*

... gegen die deutsche Dampfwalze"

Russische Flüchtlinge: "Der Feind ist grausam und erbarmungslos"

Russische Zivilisten beim Barrikaden-Bau: "Stalin verbot Artilleriefeuer"

Sowjetischer Gegenangriff, Sommer 1941. "Die Deutschen marschieren aufrecht"

* Erste Reihe: Molotow, Woroschilow. Dahinter: Malenkow, Berija.

* Die Lieferungen wurden an der Demarkationslinie zwischen Deutschland und der Sowjet-Union von russischen Breitspur- auf deutsche Normalspurwaggons umgeladen.

* Plakat-Text: "Das Vaterland - die Mutter ruft!" In der Hand: "Fahneneid".


DER SPIEGEL 26/1965
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Rußland im Krieg