23.06.1965

FRANKREICH / WAHLKAMPFPest und Cholera

Vor den Badegästen an Frankreichs Küsten - in Deauville und La
Baule, in Arcachon und Saint-Tropez gastiert derzeit ein Wanderzirkus besonderer Art: Im eigenen Zelt hält der renommierte Strafverteidiger und brillante Redner Jean-Louis Tixier-Vignancour Plädoyers gegen den General de Gaulle.
Der reisende Rechtsanwalt, den niemand gerufen und niemand nominiert hat, präsentiert sich den Rechtsextremisten Frankreichs und allen jenen Nationalisten, denen Charles der Gallier nicht nationalistisch genug ist, als Kandidat für die Präsidentschaftswahl im Dezember (siehe Interview Seite 79).
Der Zulauf ist beträchtlich, der Beifall groß. Denn im Zirkus Tixier ist Platz für jedes Ressentiment und für alle, die der große General jemals geärgert hat: für die algerienvertriebenen "Schwarzfüße" (pieds-noirs), für Faschisten und Marschallisten, für Poujadisten und Monarchisten - eine Sektiererwelt von fast tausend Grüppchen. Sie alle eint der Gedanke, Rache an de Gaulle zu nehmen.
Tixier, Jahrgang 1907, laut Wahlreklame "der Mann des 20. Jahrhunderts", gehörte vor dem Krieg dem faschistischen Bund "Camelots du roi" an und avancierte nach dem Kriege zum bekanntesten französischen Verteidiger in politischen Strafsachen. Seine Prozesse wurden jedesmal zu Anklagen gegen das System: zum Beispiel 1962, als er den für 2477 OAS-Attentate mit 415 Toten und 1145 Verwundeten verantwortlichen General Raoul Salan verteidigte.
Für die Präsidentschaftswahl macht sich der Anwalt der heimatlosen Rechten Hoffnungen vor allem auf die (nach der KP) zweitstärkste politische Gemeinschaft Frankreichs: die Algerien-Franzosen. Diese 1,2 Millionen "piedsnoirs" haben sich zwar ins Wirtschaftsleben des Mutterlandes eingegliedert, aber den Verlust ihrer Heimat keineswegs verschmerzt.
130 Organisationen pflegen das Heimweh nach Algerien und beschicken Tixiers Wahlkongresse mit geschlossenen Kontingenten: Wo der sozialistische Präsidentschaftskandidat Defferre (SPIEGEL 25/1965) 1000 Hörer zusammenbringt, hat Tixier 8000. Le Coroller, ein Häuptling der "pieds-noirs", trat in Tixiers Planungsstab ein.
Stimmenreserven sieht Tixier auch in Frankreichs Marschallisten - den Anhängern Marschall Petains, der 1916 das Vaterland vor Verdun rettete, 1945 aber von de Gaulle wegen Kollaboration mit den Deutschen lebenslang auf Festung geschickt wurde.
Um den Mythos Pétains sammeln sich vor allem Exnazis und Kollaborateure, ehemalige Rußland-Kämpfer aus der "Legion des volontaires francais" und der SS-Brigade "Charlemagne"; schließlich aber auch Weltkrieg-Poilus, die ihrem Marschall ergeben sind.
Tixier, ehedem Propaganda-Funktionär in Petains Regierung zu Vichy, machte sich den Marschall-Kult zunutze. In seinen Wahlreden verlangte er zum Beispiel die Überführung der Asche Petains nach Verdun.
Zustrom erwartet der Rechtsanwalt auch von den Anhängern eines anderen Märtyrers, des Oberstleutnants Bastien -Thiery. Der Offizier hatte 1962 de Gaulles Citroen bei Petit-Clamart mit MP -Kugeln durchlöchert und war dafür nach einem Prozeß, in dem ihn Tixier -Vignancour verteidigte, erschossen worden. Er ist der Heros aller alten Kämpfer der OAS, die den vergangenen Zeiten nachtrauern und de Gaulle nicht verziehen haben, daß er die Armee aus dem politischen Spiel verbannte.
Auch in die Gemeinde des Steuerstreik-Inszenators Pierre Poujade, der vor zehn Jahren eine Sturmflut mißvergnügter Kleinkaufleute auf die IV. Republik losließ, drang der politisierende Maître ein. Die Poujadisten Le Pen und Dides schlossen sich Tixiers Stab an, und Chef Poujade - obschon ein persönlicher Gegner Tixiers - diente dem Kandidaten mit dem Slogan, die Entscheidung zwischen de Gaulle und Defferre sei wie eine "Wahl zwischen Pest und Cholera".
Ferner zählt Tixier auf zwei Außenseiter-Grüppchen: auf Frankreichs Monarchisten, die sich über die gaullistischen Neigungen ihres Chefs, des Grafen von Paris, ärgern, und auf die antidemokratische, schon 1898 gegründete "Action Francaise" des bärtigen NS-Kollaborateurs Charles Maurras.
Schließlich marschieren die in der winzigen "Parti proletarien nationalsocialiste" organisierten Nazis des 27jährigen Vegetariers Monet (ein Großneffe des impressionistischen Malers) auf der extremen Rechten des Rechtsextremen mit.
Ihre Verbindungsfrau zum Weltnazitum ist Francoise Dior, Nichte des Modekönigs und Ex-Gattin des britischen NS-Führers Colin Jordan. Symbole der Partei sind das mit dem Hakenkreuz verwandte Keltenkreuz oder das Hakenkreuz deutscher Art.
Diese Völkischen informieren sich in Wochenblättern wie "Minute" (150 000 Exemplare), "Rivarol", "Aspects de la France" und "La Nation francaise" (je rund 50 000 Exemplare) über die neuesten Schandtaten des Generals de Gaulle und die alten Heldentaten der französischen Freiwilligen in der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Sie lesen, daß entgegen den "Lügen" im Auschwitz-Prozeß - die Juden in den KZ des Dritten Reiches nicht durch Gas, sondern durch Hunger starben, weil ihnen Mithäftlinge die Rationen vorenthielten.
Mit diesem Wahlvolk hinter sich denkt Tixier-Vignancour, der seinen Wahlkampf mit Beiträgen geheimgehaltener Spender und mit dem Verkauf von Schallplatten vom Salan-Prozeß finanziert, etwa 15 Prozent der Stimmen (3,4 von 23 Millionen) einzusammeln.
Das brächte den Anwalt zwar nicht auf den Präsidentensessel, würde aber ausreichen, de Gaulle genauso viele Wähler wegzunehmen, wie der General braucht, um gegen je einen sozialistischen und kommunistischen Kandidaten die für den ersten Wahlgang obligatorische absolute Mehrheit zu erreichen.
Und den empfindsamen General auf diese Weise zwei Wochen nach dem ersten Wahlgang zur Stichwahl zu zwingen, hält der Anwalt allein schon der Mühe seines Wahlkampfes für wert.
Tixier-Wahlplakat
Mit Schwarzfüßen zum Sieg?

DER SPIEGEL 26/1965
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