23.06.1965

BEATLESFür Gott und Empire

George Harrison, 23, John Winston Lennon, 25, James Paul McCartney, 22, und Richard Starkey, 24, zu viert als "Beatles" bekannt, können von nun an hinter ihre Namen die Buchstaben M.B.E. schreiben.
Die drei Buchstaben dokumentieren den rasanten gesellschaftlichen Aufstieg der vier langhaarigen Sänger: Vor drei Jahren waren sie unbekannte Pop -Musiker in den Kellern Liverpools, seit einer Woche führen sie eine in der fein abgestuften britischen Ehrungshierarchie geachtete Auszeichnung.
M.B.E. ist die Abkürzung für "Member of the Order of the British Empire" (Mitglied des Ordens vom Britischen Empire). Der Orden samt dem silbernen Kreuz mit der Aufschrift "For God and the Empire" war 1917 von König Georg V. für "verdiente Untertanen" gegründet worden.
Als Mitte Juni bekannt wurde, daß Königin Elizabeth mit 600 "verdienten Untertanen" auch die vier Beatles zu Empire-Ordensmännern ernannt hatte (das Silberkreuz wird ihnen erst später, während einer Feier im Buckingham Palace, ans Jackett geheftet), war der Lärm in der britischen Öffentlichkeit lauter als Beatle-Musik.
Die Zeitungen machten der Neuigkeit auf ihren ersten Seiten Platz. "Daily Express": "Die Beatles sind ins Establishment vorgedrungen." Der "Daily Sketch" dagegen rügte: "Popsänger, die unverständlichen Unsinn in Mikrophone heulen, bekommen eine nationale Auszeichnung."
Immer mehr Mitglieder des Empire -Ordens, empört über die Beatle-Ehrung, verzichteten öffentlich auf ihre Mitgliedschaft: Den Anfang machten Paul Pearson, der als ehemaliger Staffelführer der englischen Luftwaffe zum M.B.E. ernannt worden war, und Hector Dupuis, vormals Mitglied des kanadischen Par-Laments. Zürnte Dupuis: "Das englische Königshaus stellt mich auf eine Stufe mit vulgären Einfaltspinseln." Englands Krone teilte die Meinungen aufgebrachter Untertanen nicht: Die Beatles sind bei Hofe wohlgelitten. Prinzessin Margaret und Lord Snowdon besuchten im Juli 1964 die Premiere des ersten Beatle-Films ("Yeah! .Yeah! Yeah!"), Prinz Philip empfing die Pilzköpfe in Audienz, und Königin Elizabeth erkundigte sich, wie die Beatles mit ihrem langen Haupthaar zurechtkämen.
Premierminister Wilson, der den Beatles zur M.B.E.-Ehrung verhalf - er setzte ihre. Namen auf die Vorschlagsliste für die Königin -, gab sich als Beatle-Fan zu erkennen. Wilson: "Wir alle sind stolz auf diesen neuen musikalischen Stil."
Der Stolz des Premiers galt nicht allein der musikalischen Neuerung, die im ausgeklügelt arrangierten Quartettgesang und, -spiel der vier hörbar wird. Viel wichtiger ist ihm eine andere Eigenschaft. Schon Wilsons Amtsvorgänger, Sir Alec Douglas-Home, hatte die Beatles "unsere besten Exportartikel" genannt.
Die vier Sänger haben zum Ansteigen des britischen Bruttosozialprodukts mehr beigetragen als viele Exportfirmen. Wie groß ihr Beitrag ist, weiß indes zur Zeit noch nicht einmal der Beatle-Manager Epstein. Sein Assistent, Tony Barrow, zum SPIEGEL: "Wir müßten bis zum Jahre 1970 rechnen um nur die Einkünfte des Jahres 1963 zu ermitteln." Und: "Pro Tag laufen bis zu 60 neue Zahlen aus aller Welt ein, die wir vorerst nur registrieren können."
Die Beatles machen viererlei Umsätze: mit ihren Tourneen, ihren Platten, mit Filmen und mit "Beatleware" - jenen Bedarfsartikeln (Pullover, Perücken, Kaugummi und dergleichen mehr), die unter der Marke "Beatle" verkauft werden.
Die Londoner "Financial Times" schätzte, daß sich allein der Umsatz mit derlei Beatleprodukten in aller Welt auf 400 Millionen Mark belaufe. Den Umsatz der Beatle-Schallplatten bezifferte die britische Wirtschaftszeitung mit 50 Millionen Mark (allein 1964 in England). In aller Welt rotieren bislang mehr als 115 Millionen Beatle-Platten - ein absoluter Rekord.
Der Beatle-Film "Yeah! Yeah! Yeah!" spielte während der ersten sechs Wochen in Amerika 24 Millionen Mark in die Kinokassen; während der ersten Beatle-Tournee durch Amerika (Februar 1964) wurden 3,3 Millionen Mark umgesetzt, während der zweiten Amerikareise (September 1964) rund 8,3 Millionen Mark.
Die "Evening News" ermittelten, daß jeder Beatle zur Zeit wöchentlich rund 90 000 Mark (nach Abzug der Steuern) verdient; jeder Beatle hat ein Vermögen von mehr als elf Millionen Mark.
Besonders deutlich wurde die Wirtschaftskraft der Pilzköpfe, die außer ihrem Manager einen Stab von 85 Angestellten, Beratern, Reklamemanagern und Agenten beschäftigen, als im Februar dieses Jahres an der Londoner Börse "Beatle-Aktien" aufgelegt wurden.
Die "Northern Songs"-Gesellschaft, an der Beatle Lennon, Beatle McCartney und der Musikverleger Richard James beteiligt sind, hatte die Rechte-Verwertung von 56 Schlagern übernommen, die Lennon und McCartney gemeinsam verfaßt hatten.
"Northern Songs" gab 1 250 000 Aktien mit einem Nominalwert von zwei Shilling (1,10 Mark) zum Preis von sieben Shilling und neun Pence (4,30 Mark) aus. Obwohl jeder Interessent mindestens 200 Aktien übernehmen, mithin 860 Mark anlegen mußte, war die Beatle-Emission binnen einer Stunde überzeichnet. Die Schalter mußten geschlossen werden.
So gab es keinen Zweifel: Die Beatle-Wirtschaft hatte Empire-würdige Ausmaße erreicht. Der Zeitpunkt schien gekommen, die devisenbringenden Pilzköpfe zu ehren - wie jeden erfolgreichen Industriellen.
Kommentierte Beatle Lennon nach Verleihung der Auszeichnung: "Ich hab' nicht geglaubt, daß man das für so was bekommt. Ich dachte, man müsse Panzer fahren, Kriege gewinnen und so'n Zeug."
Popmusik-Quartett Beatles
90000 Mark pro Kopf und Woche
Daily Mirror
"Freut mich, daß deine Tournee so'n Erfolg hatte, Junge"

DER SPIEGEL 26/1965
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