23.06.1965

Lieber Spiegel-Leser!

All die Zeit, wenn ich in Illustrierten -Epen dem Heldenlied des deutschen
Soldaten im Rußlandkrieg begegnete ("Unternehmen Barbarossa"), interessierte mich "die andere Seite des Berges", die unseren Blicken verborgene Mondhälfte, der Krieg aus russischer Sicht. Bei der Spärlichkeit der russischen Augenzeugenberichte, angesichts der groben Verfälschungen der sowjetischen Geschichtsschreibung, offiziell und vaterländisch, konnte man die Hoffnung aufgeben, je in Fleisch und Blut die Vorgänge des schrecklichsten Krieges zu erleben, den je ein Volk bestehen mußte.
Was uns heute als Sowjetmacht entgegentritt, was uns als Gewalt und Vergewaltigung bedrückt, ist nicht verständlich ohne das Trauma des Giganten -Krieges zwischen den beiden totalitären Antipoden; nicht ohne die 20 Millionen Kriegstoten der Russen, ohne die 900 000 im belagerten Leningrad Verhungerten, ohne den Ausrottungswahn des vulgärdarwinistischen Adolf Hitler.
Es gab aber während der Kriegsjahre in Rußland einen Mann, der keine Angst haben mußte zu notieren und der den russischen Alltag beobachten konnte, den 1901 in St. Petersburg geborenen Alexander Werth, Kriegskorrespondent der "Sunday Times", Verfasser der "Russischen Kommentare" der BBC. 1917 nach England emigriert, am 2. Juli 1941 als erster England-Korrespondent nach Moskau geflogen, beherrschte er Russisch als seine Muttersprache.
Er bereiste das Land und die Fronten, besuchte das belagerte Leningrad und das zurückeroberte Stalingrad. Nahezu täglich machte er sich Notizen. Die Kriegsheroen Sokolowski, Tschuikow, Malinowski, Rokossowski und Schukow lernte er kennen, ebenso Molotow und Wyschinski, ebenso Pasternak und Eisenstein. Sein Buch, aus dem der SPIEGEL Teile abdruckt, heißt "Russia at War".
Als de Gaulle im Dezember 1944 Moskau besuchte, gab er in der Französischen Botschaft einen Empfang. Alexander Werth fragte den Franzosen nach dessen Besuch in Stalingrad.
"Ah, Stalingrad", sagte de Gaulle, "alles in allem, sie sind ein ziemlich enormes Volk, ein sehr großes Volk." Werth: "0 ha, die Russen..." De Gaulle, ihn unterbrechend: "Aber nein, ich spreche nicht von den Russen, ich meine die Deutschen. Die Vorstellung, daß sie bis dahin gekommen sind!"
Werths Darstellung läßt erkennen, daß der Endkampf nicht nur von Hitler als unausweichlich erkannt worden war. Auch Stalin bereitete sich innerlich darauf vor. Er wollte Zeit gewinnen, wollte über den Sommer 1941 hinwegkommen und im Jahre 1942 vielleicht selbst losschlagen. Überrascht wurde er also nicht von Hitlers Unmoral. Werth schildert, wie die russischen Soldaten ihre Löcher anfangs mit Stahlhelmen ausheben mußten; schildert die Agentenhysterie im bedrohten Moskau und die überragende Standhaftigkeit Stalins bei der Rettung der Hauptstadt. In Leningrad erlebte er, wie Haaröl und Zimmermannskleister begehrte Nahrungsmittel wurden. Rachedurst kommt auf, man geht in die Wälder, um einen Fritz umzubringen.
Stalin erhebt sich zum Vater aller Reußen, entdeckt die vaterländische Geschichte und bestellt in England Goldborte für die wiedereingeführten Epauletten der Offiziere.
Ehrenburg dichtet den Haß: "Es gibt nichts Schöneres als deutsche Leichen." Im Moskauer Zirkus lacht man über den Winter-Fritz.
Werth war während des Krieges innerlich auf seiten der Russen, er ließ darüber keinen Zweifel. Aber er ist zu sehr Journalist, um den Tatsachen nicht ihr Recht zu lassen.
Er wollte keine "formale Kriegsgeschichte" schreiben, er hatte die menschlichen Aspekte des Krieges im Auge, eben das, was den deutschen Leser interessieren müßte.
Er schildert uns den Krieg als "einen echten Volkskrieg", eine Qualität, die wir ihm zu unserem Nachteil lange Zeit aberkannt haben. Hätte Stalin es nicht verstanden, die seelischen Reserven der Russen aufzubieten, sein Regime hätte nicht überleben können.
Es waren die Russen, die den deutschen Armeen, wie Churchill sagte, "den Schneid abkauften". Ein Rest Dankbarkeit scheint auch heute noch in allen Handlungen der westlichen Verbündeten.
"In der Kriegsgeschichte hat kein anderes Volk", so sagte Präsident Kennedy 1963, "mehr gelitten als das russische während des Zweiten Weltkrieges. Mehr als
20 Millionen Menschen ließen ihr Leben. Millionen Häuser in Stadt und Land verbrannten oder wurden zerstört. Ein Drittel des europäischen Territoriums Rußlands, davon nahezu zwei Drittel seiner Industriegebiete, wurde verwüstet."
Ohne Rußlands Widerstand hätten die Angelsachsen den Sieg sowenig erringen können wie umgekehrt die Russen ohne westliche Hilfe. Aber während die USA und England überwiegend in Material zahlten, entrichteten die Russen ihren Beitrag in Hekatomben von Menschen. Weit über dreißigmal soviel Russen sind im Kampf gegen die Deutschen ums Leben gekommen wie Engländer und Amerikaner.
Daß der SPIEGEL Alexander Werth abdruckt, hat so gut wie keine aufklärerischen Gründe. Wir finden interessant, was er als einziger gesehen und notiert hat. Das genügt uns diesmal.
Herzlichst Ihr
Rudolf Augstein
Werth
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 26/1965
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