30.06.1965

DER DREIGETEILTE WEG NACH OBEN

Immer hat sie hoch hinaus gewollt, gerade einen Meter sechzig ist sie groß. Und so stand sie denn am 4. September vergangenen Jahres gegen 20 Uhr auf dem 3975 Meter hohen Eiger. Als erste Frau hatte sie ihn durch die Nordwand erstiegen, die "Mordwand" genannt wird, weil schon 25 Alpinisten den Tod in ihr fanden.
Ihr Weg auf diesen Gipfel war schwer. Als Leichtathletin kam sie nicht dorthin, wo für sie oben ist. Eine bayrische Waldlaufmeisterschaft, gute Zeiten über 800 Meter: nicht hoch genug für sie. Auch der Ski-Langlauf war nicht die Startrampe in ihr Firmament, so zäh sie trainierte, in der Hoffnung, Mitglied der Olympia-Mannschaft zu werden.
Schließlich trat sie in die Alpenver- einssektion "Turneralpenkränzchen" ein. Da war sie endlich auf der richtigen Strecke. Auf einem steinigen Pfad zwar, doch der führte nun nicht nur buchstäblich in die Höhe, sondern schließlich auch auf den Gipfel, von dem sie träumte. Eine Frau "Bezwingerin" der Eiger-Nordwand: Das war eine Spitzenmeldung in aller Welt.
Doch Daisy Voog, geboren am 28. Januar 1932 in Tapa bei Reval, Tochter eines Offiziers der estnischen Armee und 1944 mit der Mutter nach Bayern verschlagen, trat nicht nur als Sportlerin um ihren Weg nach oben an, Sportlehrerin wollte sie werden, doch das Geld reichte nicht. So ging sie ohne kaufmännische Lehre ins Büro.
Stenographie und Schreibmaschine in Abendkursen, Volkshochschule; im Sommer 1964 verdiente sie als Sekretärin der Junkers Maschinen- und Metallbau GmbH in München-Allach immerhin 1500 Mark. "Ich habe furchtbar gern gearbeitet." Man glaubt ihr das.
Nun gibt es aber noch einen dritten Aufstieg für Frauen, so sie dahingeraten sind, im Leben ein Treppenhaus zu sehen. Der Voog bot er sich nicht jäh wie ein Blitzschlag, sondern nach und nach, doch nur um so zwingender, wie ein Sonnenaufgang. 1956 trat sie bei Junkers ein, als Sekretärin des Inhabers Erhardt Junkers.
Der, gerade als Erbe in den Besitz getreten, bedurfte einer Kraft, die für ihn ganz da war. "Innerhalb der Firma gärte es", erinnert sich die Voog. Die Firma war wirtschaftlich gefährdet, personelle Querelen schwelten. "Sie müssen mir beistehen. Keiner versteht mich", soll Herr Junkers gesagt haben.
Daisy Voog mag übertreiben, indessen ist ihr Erinnerungsbild reich an Details, wenn sie schildert, warum schnell ein enges Vertrauensverhältnis zwischen ihr und dem Chef entstand. "Herr Junkers ist ein Abendmensch. Er kommt in der Früh, am Vormittag, absolut nicht zum Arbeiten, erst abends wird er wach." Das abendliche Training der Sekretärin war da natürlich ein böses Problem: "Ja, was mach' ich denn da abends, da kann ich ja erst richtig."
Das Mädchen Daisy Voog, entschlossen, jeden Weg nach droben zu pflegen, trabte schließlich bei künstlicher Beleuchtung um die Aschenbahn. Sie stellte "jede freie Minute der Firma zur Verfügung", wenn sie darüber auch "ins Hintertreffen gekommen ist gegenüber den anderen Sportkolleginnen". Denn da dämmerte ja nun immer heller aus der zweiten, der beruflichen Aufstiegszone, die dritte, überwältigendste hervor.
Herr Junkers, immer der Voog zufolge, war wirklich des vollen Beistands bedürftig. Rief jemand vom Bundesverteidigungsministerium an: "Ich bin nicht da, ich bin nicht da." Sprach der Betriebsrat vor: "Geben Sie ihm Kognak, geben Sie ihm Zigaretten, reden Sie mit ihm." Nur vorlassen - vorlassen nicht! Mitunter war natürlich doch mal etwas nicht abzuwehren, unvermeidbar, etwa eine Betriebsversammlung: "Und dann saß er da und heulte."
Schwere Stunden hatte die sorgliche Wachsamkeit der Mitarbeiterin auch zu bestehen, wenn Herr Junkers, der Abendmensch, nach Spätarbeit schlaflos, Tabletten genommen hatte. Da konnte er am nächsten Tag oft nicht nur nicht arbeiten in der Früh. Da konnte er meist "gar nicht recht sprechen, da hat er so a bissel gelallt. Mittags ging's dann wieder".
1960 wurde aus der beruflichen Ehe nun ja, eine Liaison. Denn der Herr Junkers war verheiratet, wenn es um seine Ehe auch schon lange nicht gut stand. Da wurde das Arbeitsverhältnis, so die Voog, "ein sehr intimes, ja, das darf ich schon sagen".
Hatte sie es endlich geschafft? Ach nein, denn 1962: "Da wurde die Ehe (des Herrn Junkers) wieder gekittet." Die Voog ging keineswegs im Zorn. "Wir hatten gerade 1962 so schwierige Verhältnisse in der Firma Junkers." Sie blieb, schließlich war die Firma nicht nur Stätte eines leider unvollkommenen Privaterfolgs, sondern auch ein Höhepunkt ihrer Berufskarriere.
Sie blieb und waltete weiter ihres Amtes als Chefsekretärin, oder eher, wie Herr Junkers selbst gesagt haben soll, als eine besondere Art "leitende Angestellte". Mit der Berechnung und Auszahlung der Gehälter betraut wie eh, mit der Führung des privaten Junkers-Kontos, mit Zugang zu anderen Konten. "Sie müssen, müssen zu mir halten", und so hielt sie. Aber etwas in ihr hielt schon seit geraumer Zeit nicht mehr.
Fortgesetzte Untreue, Unterschlagung, Betrug hieß es vergangene Woche im Anklagesatz vor dem Amtsgericht in München. Denn im Sommer 1964 fand der Herr Junkers heraus, daß die Getreue nicht treu gewesen war in einem Bereich, der natürlich über allen anderen Regionen steht: dem geschäftlichen. Er erstattete Anzeige, um zirka 20 000 Mark.
Herrn Erhardt Junkers' Vater baute die Ju 52, gerühmt als das "zuverlässigste Flugzeug in der Geschichte der Luftfahrt". Vater baute freilich auch andere, weniger überzeugende Modelle. Herr Erhardt Junkers, 56, jedenfalls hatte, was die Voog angeht, auf Sand gebaut. "Das Ganze ist teuflisch ... Ich stehe absolut vor einem Rätsel", meinte er als Zeuge. Nicht nur Geld ist ihm genommen worden, die Voog hat auch, zu seinem Schaden, Geschäftspapiere unterdrückt, in ihrem Schreibtisch, sinnlos.
Welche Motive die Voog gehabt haben könne, fragt Amtsgerichtsrat Dr. Woerle an. Herr Junkers zuckt die Achseln. Beziehungen, intimer Art, bestreitet er nicht. Doch - "nur 1962". Überdies hat er ja "Privates und Geschäftliches immer streng getrennt". Kontrolliert hat er die Voog nicht, von 1956 bis eben zum Sommer 1964; so bedeutsam ihre Position auch war, so augenfällig sie sich auch vergriff. "Sie mißbrauchte mein Vertrauen."
Wie eine Turnerin, die sogleich einen Preis entgegennehmen soll, stand die Voog vor Gericht, und jetzt heißt sie Leidig, denn Anfang des Monats hat sie einen Feinmechaniker geheiratet. Die Schultern gerade, ein Bein durchgedrückt, eines leicht vorgesetzt, die Arme locker an der Seite - vier Stunden bei drückender Schwüle. Nur die kräftigen Hände, die nicht zu der zierlichen Person zu passen scheinen, öffneten und schlossen sich. Streng hochgesteckt war die blonde Mähne, die sie sonst gern wie Jutta Heine trägt.
Der Amtsgerichtsrat Dr. Woerle, der Distanz um sich, aber auch Güte in sich hat, baute ihr eine Brücke, über die hätte sie hüpfen können, den Eiger auf den schmalen Schultern. "Die Problematik Ihres persönlichen Verhältnisses zu Herrn Junkers wird schwer in die Waagschale fallen." Nur bat er still "um möglichst wahre Angaben". Zu denen kam es nicht. So wurde Daisy, wie das Gänseblümchen auf englisch heißt, entblättert, zwei Tage lang. Mut hat sie nur zum Eiger. Genommen habe sie, aber auch wieder nicht. Schließlich stand ihr Entgelt für Urlaub zu, den sie nicht haben konnte, weil sie doch zu "ihm" stehen mußte. Und überhaupt: So korrekt ging's in der Firma nicht zu. Hat nicht Herr Junkers Zement für einen privaten Neubau als zur "Grundstückspflege" angekauft verbuchen lassen?
Neun Monate Gefängnis mit Bewährung trotzdem nur. Die Anklage wollte das Doppelte. Respekt vor dem Herrn Dr. Woerle, Hochachtung den beiden Schöffinnen. Denn den zwei älteren Damen war anzusehen, daß ihnen das Leben nie als Treppenhaus erschienen ist. Sondern als eine Landschaft, durch die es Schritt für Schritt voranzukommen heißt. Ohne allzuviel Stolz was die Gipfel angeht, und ohne allzuviel Geschrei über die Täler.
Verurteilte Daisy Voog
"Und dann saß er da und heulte"
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 27/1965
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