30.06.1965

GESELLSCHAFT / GRAPHOLOGIEKralle des Löwen

Als der Frankfurter Personalberater Dr. Maximilian Schubart, 45,
kürzlich mit einem seiner Klienten, dem Präsidenten eines US-Leichtmetallkonzerns, plauderte, fragte ihn der Amerikaner: "Sagen Sie, Max, ist es wirklich wahr, daß es in Deutschland Manager gibt, die ihre Leute nach der Schrift anheuern, oder ist das ein Witz?" Es ist kein Witz. Jeder zweite Bundesbürger, der sich heute um eine Anstellung bewirbt, wird mehr oder weniger deutlich ersucht, seinen Unterlagen eine Schriftprobe beizufügen: zwecks graphologischer Begutachtung***. "Mehr als früher", schließt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, lassen sich die Betriebe von Schriftdeutern beraten.
Ob das Versandhaus "Quelle einen Personalchef sucht oder die Automobilfabrik BMW einen Sachbearbeiter für Steuerfragen, ob die. Illustrierte "Revue" Telephonistinnen anheuern will oder die Dornier-Reparaturwerft Elektriker und Schlosser "zum Umschulen" - stets gilt die Schriftprobe als fester Bestandteil der Bewerbung.
Weltfirmen wie BASF, Lufthansa und Maggi verlangen sie ebenso wie das Bäderdezernat des Regierungspräsidenten von Hannover (für einen Kurdirektor in Bad Pyrmont), die Kreisverwaltung von Pinneberg (für einen Oberbaurat) und die Stadtverwaltung von Bochum (für Maurermeister und Polier).
In Bonn sondert die Bundeswehr wehrpflichtige Simulanten mit Hilfe der Graphologie aus und läßt sich von Graphologen sagen, wer zum Offizier taugt und wer nicht. In Hamburg erscheint mitunter der emeritierte Professor Dr. med. Rudolf Pophal, 71, vor Gericht, um die Persönlichkeit von Schwerverbrechern sowie die Glaubwürdigkeit von Zeugen graphologisch zu erhellen.
Zum Kundenkreis des Müncher Graphologen Rudolf Lindner gehören Selbstmordkandidaten, zur Klientel des Berliner Graphologen Friedrich Schneider hysterische Frauen ("Die besten Kunden, die kommen alle paar Tage wieder an").
Bei der Frankfurter Graphologin Beatrice von Cossel holen sich zuweilen Lehrer Rat, die mangelhafte Leistungen ihrer Schüler auf mißlichen Einfluß der Eltern zurückführen ("Elternschriften bekommt man verhältnismäßig leicht").
Bei der "neuzeitlichen Eheanbahnung Selectron International" dürfen Ehelustige, offenbar zwecks Partnerabstimmung, einen "beliebigen Text" in eigener Handschrift einreichen.
Aus dem "Stern", der regelmäßig Horoskope wie graphologische Analysen veröffentlicht, können Leser Woche für Woche einen "Anrechtsschein" für individuelle Schriftdeutung ("Hier ausschneiden") entnehmen; für 6,50 Mark sind sie dabei.
Im Branchenverzeichnis westdeutscher Telephonbücher werden unter der Rubrik "Graphologie" angeboten: "Universelle Analysen", "Ehe (Liebesfähigkeit)", Schicksalsforsch. (tägl. v. 20-22 n. tel. Anm.)".
Kein Zweifel: In Liebe und Ehe, Justiz und Verwaltung, Militär und Wirtschaft bauen die Deutschen auf die Graphologie. Um sich vor bösen Überraschungen zu schützen, um Mitmenschen oder Mitarbeitern unter die Haut zu schauen oder auch aus Neugier über sich selbst lassen sie Liebesbriefe von Auserwählten, Schriften von Sorgenkindern, Unterlagen von Bewerbern und eigene Proben in der Überzeugung graphologisch prüfen, daß die Schrift ein Schlüssel zur Seele sei.
Wie kein anderes Volk vertrauen sie auf die Methode, die aus Tintenkringeln und Bleistiftstrichen Rückschlüsse auf den Charakter zieht - sei es aus Rundungen der Schrift oder aus Ecken, aus der Größe und Richtung der Buchstaben, aus Schreibdruck und Schreibtempo, aus den Abständen zwischen Wörtern und Zeilen. Die Bundesrepublik ist, neben Österreich und der Schweiz, das graphologiewütigste Land der Erde.
Was die Deutschen offenbar beeindruckt, ist der Umstand, daß Schriftdeutung zwischen Rhein und Elbe einen Hauch von wissenschaftlicher Gelehrsamkeit hat. Graphologie wird an neun bundesdeutschen Universitäten gelehrt.
In München gibt es seit 1959 eine graphologische Staatsprüfung. In Freiburg kann nur Psychologe werden, wer drei graphologische Klausuren absolviert hat. Die Graphologie-Vorlesungen sind allenthalben rappelvoll, obwohl sie oft in den Abendstunden oder - wie in München - am traditionell vorlesungsfreien Samstag gehalten werden.
Seit und mit dem Privatgelehrten Ludwig Klages (1872 bis 1956) sind die Graphologen der Meinung, daß die Schrift eine "geronnene Bewegungsspur" der Persönlichkeit sei. Diese Spur verfolgen in der Bundesrepublik nach Schätzungen der Branche etwa 2000 Professionelle - Hochschulabsolventen mit Graphologie-Ausbildung, aber auch Autodidakten mit Fernkurs-Fertigkeiten.
Denn Graphologe darf sich jeder nennen. Rudolf Pophal, einst Deutschlands einziger Graphologie-Professor, sieht es so: "Jede Scheuerfrau kann sich hinsetzen und Gutachten machen." Es gibt kein einheitliches Ausbildungsschema, keine geschützte Berufsbezeichnung, keine zentrale Berufsvereinigung.
Etwa 450 der 2000 professionellen Schriftdeuter sind in Verbänden organisiert. Deren gibt es fünf:
- "Verband geprüfter Graphologen e.V." in Frankfurt - der kleinste Verband. Ihm gehören 27 haupt- und nebenberufliche Graphologen an, "bescheidene, stille Praktiker", wie Vorsitzender Johannes Mülhause sagt. Der Verein hat sich eine eigene, vom Land Hessen anerkannte Prüfungsordnung gegeben.
- "Deutsche Graphologische Vereinigung e.V. Berufsverband deutscher Graphologen" (DGV) in Heidelberg
- der größte Verband. Ihm gehören
unter Vorsitz der Graphologen Erich Klose und Hans Lamp'l 172 haupt wie nebenberufliche Schriftdeuter an. 59 Mitglieder nennen sich nach Ablegung der verbandsinternen Prüfung "geprüfter Graphologe DGV". 26 Mitglieder sind Absolventen des "Fernkurses Preußin einer - wie sich Pophal erinnert - gelernten Modistin aus Hinterpommern namens Frieda Preuß, die nach dem Zweiten Weltkrieg Graphologie lehrte und eine Schrift veröffentlichte mit dem Titel "Welche Mädel sind verführbar?"
"Graphologische Gesellschaft" in München - die älteste Organisation. Sie verwaltet das Erbe des deutschen Graphologie-Papstes Ludwig Klages und zählt 40 nur hauptberufliche Graphologen als Mitglieder. Vorsitzender ist Dr. Wilhelm
Hager, 79, der sich auf Berufseignungs- und Partnerschaftsgutachten spezialisiert hat und wegen der von ihm diagnostizierten Labilität junger Leute von heute von den meisten Lebensbünden "abraten" zu müssen meint.
- "Sektion Schriftpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen e.V." (BDP) in Frankfurt - der seriöseste Verband. Ihm gehören unter Leitung des Münchner Hochschullehrers Professor August Vetter 131 ausschließlich hauptberufliche Graphologen an, darunter vier Universitätsprofessoren und 20 Diplom -Psychologen.
- "Berufsverband geprüfter Graphologen/Psychologen e.V." in München
- das kurioseste Unternehmen. Ihm
gehören unter Vorsitz des "Psychobiologen" Rudolf Lindner "an die 100 Mitglieder" an, die nach verbandseigener Prüfung oder aufgrund besonderer fachlicher Meriten aufgenommen werden. Der Verband erteilt Graphologie-Unterricht per Fernkurs und verschickt "Fachinstanzielle Rundschreiben" an seine haupt- und nebenberuflichen Mitglieder. Beispiel aus einem Beratungsbrief über Ehegutachten: "Wir unterteilen in formale und äußere Gegebenheiten des Beruflichen, Ernährerischen, dem Trophischen und den Geschlechtsbezogenheiten, sowohl dem Genischen an sich, wie dem Platonischen im engeren und weiteren Sinne."
Graphologe zu sein, sei "Berufung, nicht Beruf", findet "Psychobiologe" Lindner. Und Zehntausende fühlen sich außerhalb der Verbände berufen - höhere Töchter und einfache Lehrer, gelangweilte Industriellengattinnen und zielstrebige Personalchefs. Sie alle erheben sich durch Privat- oder Fernunterricht zu Graphologen und bedienen ihren Bekanntenkreis oder die Stätte ihres Wirkens mit Schriftanalysen.
Die Grenze zwischen haupt- und nebenberuflicher, entgeltlicher und philanthropischer, professioneller und amateurhafter Graphologie ist denn auch so fließend, daß der Klages-Schüler Dr. Wilhelm Hager von einem "ziemlichen Kuddelmuddel" spricht. Die Masse der Viertel-, Halb- und Vollgraphologen konstituiert jedenfalls, wie es der Unternehmensberater Ludwig Kroeber -Keneth, 65, nennt, einen "grauen Markt der Psychologie".
Als Kroeber-Keneth, Verfasser von Personalleitfäden ("Wie findet man qualifizierte Mitarbeiter?"), vor einiger Zeit von einer großen Textilfabrik keine Aufträge mehr bekam und der Sache nachging, erfuhr er, die Frau des neuen Personalchefs befasse sich selbst mit Schriftdeutung.
Das tut auch Nina Raven-Kindler, 54, Ehefrau des Münchner Verlegers Helmut Kindler ("Revue"). Die ehemalige Schauspielerin beurteilt italienische Gastarbeiter, Lehrlinge und Hilfsarbeiter sowie die Verlagsspitze nach der Handschrift. Ihrem Ehemann ist diese "Schriftsüchtigkeit" der Tiefenpsychologin "eine große Hilfe", zumal die rotblonde Verlegerin pädagogischen Nutzen aus ihren graphologischen Gaben zu ziehen versteht: Einem Ätzer aus der Druckerei empfahl sie, in der "Sexzone" einiges "mal in Ordnung" zu bringen.
Nach eigener Darstellung und zu ihrer eigenen Verblüffung vermag die Verlegerin mitunter sogar Menschen, die sie noch nie gesehen, aber deren Schrift sie studiert hat, beim ersten Vis-à-vis auf schieren Anblick hin zu erkennen; so laut Nina Kindler geschehen im Fahrstuhl des "Revue"-Hauses. Die Verlegerin: "Das hat nichts mehr mit Graphologie zu tun, aber wenn ich eine Schrift sehe, dann rollt der Film."
Er rollt auch bei der Reederei-Seniorchefin Else Essberger, 60. Die ergraute Patrizierin, die zehn Jahre lang bei der Graphologin und Schriftsachverständigen (Anastasia-Prozeß) Minna Becker gelernt hat, läßt es sich vor allem angelegen sein, verborgene positive Qualitäten im Schriftbild zu entdecken - so bei der Beurteilung eines gehemmten jungen Mannes, dem niemand eine Chance gab und der sich schließlich doch zu einem erstklassigen Südamerika -Repräsentanten mauserte; oder bei der Beurteilung eines ehemaligen Kapitäns, der sich beworben hatte, Versicherungsclaims zu bearbeiten und über den die Seniorin einfühlend befand: "Der paßt doch viel besser in den Hafen."
In der Münchner Stadtverwaltung macht sich - nicht als Amtsperson, sondern als Amateur-Graphologe - der Personalreferent Walther Wüstendörfer aufgrund von handgeschriebenen Bewerbungsunterlagen "ein Bild" von Kandidaten. Je nach Gewandtheit oder Primitivität der Zeilen, je nachdem wie der Bewerber "die Unterlängen betont ... weiß man schon" (Wüstendörfer), wes Geistes Kind er ist. Und: "Auch der Oberbürgermeister sieht sich die Schrift genau an."
Schriftdeutung treiben die renommierten Universitätsprofessoren Robert Heiß (Freiburg), Udo Undeutsch (Köln) und August Vetter (München). Schriftdeutung treiben auch die Veranstalter eines graphologischen "Schnelldienstes" in München, die auf "Anruf ins Haus" kommen. Schnelldienstier Rudolf Lindner ("Diagnose durch die Linse") entdeckt in Schriftbildern Dinge, für die er geheimnisvolle Umschreibungen wählt wie "plerotische und pleonastische Komplexionen" oder "Kompensationen aus ideogenen und modalen Anteilen".
In der "Constanze" bieten "Graphologe Karpinski, Hamburg ... DM 10,-" und "Graphologin Sostmann, Göttingen" ihre Dienste an. Psycho-Graphologe nennt sich auch ein A. Huber -Halmy, der in München "Treffende Hinweise auf Krankh.Sympt." in Aussicht stellt. Allein im Branchenverzeichnis der bayrischen Hauptstadt finden sich 28 Schriftdeuter diverser Ausbildung und Herkunft, in Berlin 24, in Hamburg 31.
Im idyllischen Schwarzwaldkurort Hirsau hat eine Frau Ilse Scholl bereits 600 "Menschen der verschiedensten
Grundberufe", darunter "psychotherapeutisch, arbeitende Ärzte, Internisten ... Sozialbeamte, Fürsorgerinnen" durch ihre "Schule für Graphologie" geschleust.
In Stuttgart hat der Graphologe Klosinski, ohne die Aufmerksamkeit des Rektorats auf sich zu lenken, an der Technischen Hochschule einen Raum gemietet, wo er seit zwei Trimestern ein "Studio für angewandte Tiefenpsychologie und wissenschaftliche Graphologie" unterhält.
So ergänzt sich die Lust der Deutschen. Graphologie zu treiben, mit der Bereitschaft der. Deutschen, der Graphologie zu glauben, auf das vollkommenste - ungeachtet (oder auch wegen) der Tatsache, daß die Schriftdeuterei wie eh und je von einem Gespinst aus Scharlatanerie und Phantasterei umflort ist.
Es hat sensationell zutreffende Schriftdeutungen gegeben, etwa die Prüfungsarbeit eines angehenden Freiburger Psychologen, dem - in einem Blindtest - die Handschrift des 28jährigen Hitler vorgelegt wurde. Der Psychologe zeigte eine geradezu prophetische Sicht der Persönlichkeit, als er über den ihm nicht identifizierten Schreiber notierte, er sei "stimmungslabil, heftig ... zu gewalttätigen Handlungen seinen Mitmenschen gegenüber" und "zu utopischen Gedankengängen" neigend.
"Von Natur aus eitel, ehrgeizig und geltungsbedürftig" - so heißt es weiter in dem Hitler-Gutachten -, habe er "nicht die Fähigkeit, die eigene Stellung innerhalb seines Lebensraumes zu erkennen und sich danach zu verhalten ... Er möchte nämlich gern mehr, als er seinen Anlagen nach vermag, und (ist) ... durch seine Triebhaftigkeit gefährdet."
Aber es hat auch, mindestens ebenso häufig, bizarre Fehleinschätzungen gegeben. Der Stuttgarter Stadtdirektor Mayer demonstrierte vor Jahren, wie fragwürdig graphologische Gutachten sein können: Er ließ einer für die Stadt tätigen Psychologin die Schriftprobe eines Malers mit der Frage überreichen, ob der Mann' als Anstreicher in städtische Dienste genommen werden könne. Die schriftkundige Doktorin urteilte: "Kein Anlaß, an der Eignung ... in leistungsmäßiger oder charakterlicher Hinsicht zu zweifeln."
In Wirklichkeit war der Begutachtete laut amtsärztlichem Zeugnis ein "schwer asozialer, haltloser Psychopath", Trinker, der ein langes Vorstrafenregister wegen Betrugs, Unterschlagungen und Körperverletzung hinter sich herzog. Stadtdirektor Mayer triumphierte: "Offenbar läßt die Handschrift eben doch keine sicheren Schlüsse für die Gesamtbeurteilung einer Persönlichkeit zu."
Angesichts solcher Fehlleistungen haben es schriftdeutende Hochschulprofessoren gegenüber kritischen Betrachtern schwer, der Graphologie eine gewisse Seriosität zu erhalten. Daß sie eine Wissenschaft sei, wie auch der Große Brockhaus lakonisch konstatiert, bezweifeln ohnedies viele von ihnen selbst. Der Freiburger Ordinarius für Psychologie Robert Heiß (Pflichtfach Graphologie): "Die Arbeit des Graphologen ist im besten Fall eine glückliche Synthese von Wissenschaft und Kunst, zugleich immer aber auch ein Zwitter zwischen beiden."
Viele seiner akademischen Kollegen "lachen nur" über den Wissenschaftsanspruch der Graphologie, wie er weiß. Peter R. Hofstatter, Ordinarius für Psychologie an der Universität Hamburg: "In Amerika gibt es auch Graphologen. Aber sie stehen auf einer Stufe mit Leuten, die aus dem Kaffeesatz wahrsagen. Und niemand kommt auf die Idee, das Wissenschaft zu nennen."
Graphologie fußt auf Erkenntnissen, die aus dem Vergleich von Charakter des (häufig berühmten) Schrifturhebers mit dessen Schriftzügen gewonnen wurden. Aber die Erkenntnisse, die manche Universitäten anhand aufwendiger analytischer Untersuchungen gewonnen haben, reichen bei weitem nicht aus, um eindeutige Regeln über Schriftbild und Charakter aufzustellen.
Schriftdeutung beruht daher im wesentlichen auf intuitiver Kombination. Dazu der Wiener Psychologe Professor Hubert Rohracher in seiner "Kleinen Charakterkunde" "Intuition gilt - mit Recht - nicht als wissenschaftliche Methode."
Der Münsteraner Professor Wolfgang Metzger, ebenfalls ein Kritiker der Graphologie, läßt es immerhin geschehen, daß an seinem Institut in Münster sich die Heiß-Schülerin Dr. Erika Zuberbier bereits mit dem dritten Teil der "Psychologie der Schreibhandlung" auseinandersetzt.
Ähnliche Umschreibungen wählen auch die Graphologie-Dozenten an den anderen Universitäten für ihre Vorlesungen, etwa "Schriftpsychologie" oder Ausdrucksgehalt der Handschrift". Damit suchen sie eben jenem Odium zu entrinnen, das aller Graphologie anhaftet: Wahrsagekunst zu sein.
Einer der prominentesten Nicht -Hochschulgraphologen, Ludwig Kroeber-Keneth, versteht sich und seine Kollegen kokett als "Nachfahren der antiken Eingeweideschauer", der Vates. Er hält sich denn auch für den "Nestbeschmutzer" der Zunft und die Schriftdeutekunst für eine "spekulative Methode", die, "gestützt auf eine gut systematisierte Empirie", der Wissenschaftlichkeit allenfalls "nahe" kommt.
Daß diese Art von Charakterstudie in Deutschland so populär geworden ist, scheint durch nationale Eigenheiten bedingt. Professor Heiß: "Der intuitive Ansatz ist typisch deutsch, das Poetisch-Bildhafte und Anschauliche gefällt."
Ausgesprochen bildhaft bedient sich die Graphologie der Raum- und Bewegungssymbolik. Etwa: oben-unten - Geist und Trieb, Rechts-Links-Richtung - her zu mir, fort von mir, "wie das Wort in der Wortgemeinschaft, so der Mensch in der Menschengemeinschaft" (Lutz Wagner, Lehrbeauftragter für Graphologie an der Universität München).
Besonders das Triebleben, das sich in den Unterlängen manifestieren soll, hat es Laien- und Populärgraphologen von jeher angetan. Eingerollte g-Schleifen symbolisieren danach Impotenz, spitz zulaufende Rachsucht; achtförmige Unterlängen sollen auf lesbische Anlage schließen lassen und Doppelschleifen auf Homosexualität.
Von solcher Deutelei sind selbst akademische Graphologen nicht frei. So gebraucht etwa Lutz Wagner in seinen Vorlesungen sinnträchtige Vokabeln wie "ausgerupfte Würzelchen" für die verkümmerten Unterlängen mancher Intellektueller, "Säbel"- oder "Peitschenhiebe" für kräftig von oben herab geführte Striche.
Von "Kopf in den Sand stecken" spricht er bei Oberzeichen (i-Punkten, u-Bogen), die vereinzelt in statt über die Zeilen gesetzt sind; von "Strich durchs Leben" bei nachträglich durchgestrichenen Buchstaben oder Wortteilen; von "Schwanz einziehen" bei eingerollten Wortenden. Und für linksläufige Einrollungen und Bögen prägt er die Wendung "Nehmen und verstauen".
Der Schriftpsychologe Wagner betont immerhin, daß solche Sondermerkmale nur in Kombination mit dem Gesamtschriftbild zu werten seien und setzt sie eigens in Anführungsstriche. Und an diesen Gänsefüßchen, die für den unkritischen Betrachter scheinbar einleuchtende Deutungen beherbergen, scheiden sich denn auch die Geister.
Während enthusiasmierte, Zeichendeuter aus. Schriftbesenderheiten eindeutige Charakter-Spezifika erkennen wollen, die Schrift als die Photographie oder gar das Röntgenbild des Charakters betrachten und in ihr den "schwarz weißen, Homunculus" (Heiß) sehen, geht der wissenschaftliche Ansatz immer und allein auf die Frage, inwieweit sich in dem motorisch - dynamischen Bewegungsgebilde der Handschrift seelische Antriebskräfte des Schreibers zeigen.
Unter diesem Gesichtspunkt zweifelt Professor Heiß nicht am Zusammenhang von Handschrift und Psyche: "Die Schrift ist wirklich eine geronnene Bewegungsform, die ziemlich umfassend alle Erregungsvorgänge psychomotorischer Art fixiert und darin das mögliche Verhaltensinventar einer Person zeigt."
Unbestreitbar ist daß die Schreibbewegungen im wesentlichen gleich
bleiben, egal ob sie mit Hand, Mund, Fuß oder sogar mit der Feder in der Kniekehle ausgeführt werden, wie der Physiologe Wilhelm Thierry Preyer (1841 bis 1897) schon im vergangenen Jahrhundert nachwies. Aber damit kam auch die Legende von der Unverwechselbarkeit der Handschrift auf.
Selbst der Graphologe Professor Heiß ist in diesem Punkt skeptisch. Im Freiburger Universitätsinstitut ließ er einen Mann namens Helmut Kanzinger 25mal die Unterschrift auf weiße Zettel setzen. Anschließend reproduzierten "geschickte Fälscher" (Heiß) unter seinen Studenten diese Unterschrift viele Male teils freihändig, teils durch Pausen. Anderen Studenten wurden je sechs Umschläge vorgelegt - einer mit fünf garantiert echten Unterschriften, fünf mit je fünf Kanzinger-Signaturen, von denen nur der Versuchsleiter wußte, ob sie echt waren oder nicht.
Keine der Versuchspersonen fand sich mehr zurecht. Dem Professor selbst gelang es beim ersten Mixkuvert zwar, die echten von den gefälschten Unterschriften zu sondern, er kam sich aber "wie der Reiter überm Bodensee" vor und verzichtete vorerst auf den zweiten Teil des Tests. Helmut Kanzinger selbst konnte seine Unterschriften- nicht mehr von den Fälschungen unterscheiden.
Wie leichtsinnig der verbreitete Glaube an die unnachahmliche Handschrift, insbesondere Unterschrift ist, zeigt sich immer wieder bei Gericht: in Prozessen nämlich, in denen es gilt, die Identität handschriftlicher Dokumente einwandfrei nachzuweisen. Dabei unterlaufen Schriftsachverständigen mitunter gravierende Fehlleistungen*.
Der Fall, des Hauptmanns Dreyfus ist historisch. Die Affäre begann damit, daß am 13. Oktober 1894 der Kriminalist Alphonse Bertillon - mehr Erkennungstechniker als Schriftsachverständiger nach zehnstündiger Prüfung eines Handschreibens mit landesverräterischem Inhalt zu dem Ergebnis kam, der jüdische Hauptmann im französischen Generalstab Alfred Dreyfus, damals 35, müsse es verfaßt haben. In Wirklichkeit stammte es von dem Spion Major Walsin-Esterhazy.
Im Jahre 1949 verurteilte das Landgericht Düsseldorf den Postangestellten Günther Altroggen, weil er Rentenscheine im Wert von 263,40 Mark gefälscht haben sollte, zu acht Monaten Gefängnis. Zwei Gutachter und ein Obergutachter, der - 1957 verstorbene - Professor Bohne vom Kriminalwissenschaftlichen Institut der Universität Köln, hatten Altroggen als Fälscher identifiziert (Bohne: "Beide Tatschriften stammen von dem Schreiber der Vergleichsschriften").
Die Revision wurde verworfen. Zwei Jahre später gab ein anderer, der Postinspektorsanwärter Friedrich Schleuter, die Fälschung zu: "Wenn man mich schon früher gefragt hätte, hätte ich schon früher gestanden. Aber man hat ja den Altroggen im Verdacht gehabt."
In Gungolding im Altmühltal galt 1957 plötzlich der Bürgermeister und Gastwirt Jakob Obermeier aufgrund eines Graphologen-Urteils als anonymer Drohbriefschreiber. Er wurde zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt, verlor alle Ehrenämter, und niemand trank mehr sein Bier - bis er mit Detektiven seine verlorene Ehre überzeugend wiederherstellen konnte.
Zur Münsteraner Justizaffäre Weigand kam es nicht zuletzt, weil die fünf zugezogenen Schriftgutachter zu vier irritierend verschiedenen Ergebnissen über die Frage gekommen waren, ob die Abschiedsbriefe des 1961 tot aufgefundenen Rechtsanwalts Paul Blomert echt oder gefälscht seien.
Ein "mangelndes Ethos" mancher Sachverständiger führt, wie der Senatspräsident a.D. Deitigsmann konstatierte, oft dazu, daß die Gutachter sich zu einer neunzig- oder hundertprozentigen Aussage aufschwingen, die nach Meinung des Obergutachters Heiß "höchstens in zehn Prozent aller Fälle gerechtfertigt" ist. Die übrigen 90 Prozent sind nicht oder nicht mit genügend großer Wahrscheinlichkeit entscheidbar.
Wenn schon die bloße Identifizierung von Handschriften derart risikobeladen ist, so muß es noch schwieriger anmuten, hinreichend zuverlässige oder zumindest aufschlußreiche Graphologie zu treiben. Professor Heiß warnt: "Die Fehlerquellen der Graphologie sind immens, sobald sie unkritisch benutzt wird."
Was aber als rechter kritischer Maßstab zu gelten habe, ist umstritten, seit es überhaupt Graphologie gibt. Der Doktor Camillo Baldi, "nobile bolognese", verbreitete sich schon 1622 in einem 50-Seiten-Bändchen mit 14 Kapiteln darüber, "wie man aus einem Briefe Natur und Eigenschaften des Schreibers erkennt". Aber er deutete hauptsächlich aus Briefstil, inhaltlicher Gliederung, Orthographie und Interpunktion des Briefes - aus Merkmalen, die puristische Graphologen längst außer acht lassen.
Nur unter anderem spekulierte der Edelmann, daß, "wer die Buchstaben mal grob, mal fein setzt", wahrscheinlich sich "auch in seinen anderen Handlungen ungleich" verhalte. Baldi fand es "möglich, an der Kralle den Löwen zu erkennen" - und das etablierte ihn immerhin als ersten Graphologen des Abendlandes.
Unter Gebildeten des 17. und 18. Jahrhunderts war es durchaus Mode, die Handschrift auf ihren Ausdrucksgehalt hin zu studieren. Handschriftensammler Goethe korrespondierte mit seinem Freund, dem Züricher Physiognomen Johann Kaspar Lavater, über Schriftdeutung und meinte, sehr vorsichtig, die Analyse seiner Autographen könne "eine Aussicht auf einen einzuschlagenden Weg eröffnen".
Der Pfarrer Lavater fand bei seinen physiognomischen Studien heraus, daß auch Handschriften "physiognomische Ausdrücke, Ausflüsse von dem Charakter des Schreibers", seien. In Frankreich waren es wieder Theologen, die - von Lavaters ins Französische übersetzten "Physiognomischen Fragmenten" angeregt - sich mit Handschriftenkunde beschäftigten und ihr den Namen Graphologie gaben.
Aus ihrem Kreis stammt der Abbé Jean-Hippolyte Michon (1806 bis 1881), der die Graphologie um etwas bereicherte, was später verlacht wurde und gleichwohl bis heute eiserner Bestand der Schriftendeutekunst blieb: das "signe fixe". Er verstand darunter fixe Schriftzeichen, die ganz bestimmten Eigenschaften des Schreibers entsprechen sollten.
Michon kam zu dieser Theorie, indem er Schriften bekanntermaßen geiziger, genußsüchtiger oder auch jähzorniger Leute auf Gemeinsamkeiten hin untersuchte. Er fand: "Das graphische Zeichen der Widerborstigkeit ist der rückläufige Verbindungsstrich beim f und t". Oder: "Das Zeichen für Einbildungskraft ist die große Bewegung, die anomal große Bewegung der Buchstaben über oder unter den Zeilen."
Aus linksläufigen Häkchen las er Ichsucht, aus rechtsschräger Schrift Leidenschaftlichkeit und - daraus kombiniert - aus schräger Schrift mit Widerhaken
Eifersucht. Solcher Schriftdeutelei ging die Graphologie nie mehr verlustig: Ein Jahrhundert später beispielsweise schloß der Franzose Duparchy -Jeannez aus einer zurückgebogenen f -Schleife auf Uterus-Erkrankungen.
Als erster kritisierte der Uhrmacher Jules Crepieux-Jamin (1858 bis 1940) die signes fixes. Er erkannte jedem graphischen Merkmal mehrere Bedeutungen zu, wobei sich die mehr positive oder negative Deutung nach dem "intellektuellen Niveau", dem "moralischen Verhalten" (von "überlegen" bis "unmoralisch letzter Ordnung") und nach der Harmonie der Schreibbewegung insgesamt richtete.
Das war der erste Versuch, von der starren Zeichendeutung weg zu sorgfältigerer Differenzierung zu kommen. In Deutschland, wo Anfang des 19. Jahrhunderts der Wittenberger Philosoph Grohmann aus der Schrift blaue Augen und blonde Haare erkennen wollte, grassierten derweil noch absonderliche Theorien.
Der Erfinder der sogenannten Chirogrammatomantie, Pfarrer Adolf Henze, begutachtete Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der Leipziger "Illustrierten Zeitung" mehr als 60 000 Handschriften und schrieb dann ein Lehrbuch, in dem es beispielsweise heißt: "Liegt in der Schrift Düsterkeit und Stille, so haben wir den finsteren Charakter ... Der Herzog von Alba ... hatte eine solche düstere Schrift."
Und selbst nachdem der Physiologe Preyer den Weg zu wissenschaftlicher Beschäftigung mit der Handschrift gewiesen hatte, behauptete noch 1929 der Hellseher und Graphologe Rafael Schermann in seinem Werk "Die Schrift lügt nicht", in der Unterschrift des Grafen Zeppelin ein Luftschiff zu erkennen; in der Schrift von Selbstmördern entdeckte der Witzbold Pistolenknäufe.
Dem Münchner Privatgelehrten Ludwig Klages war es vorbehalten, der Graphologie in Deutschland Glanz und später sogar - im Dritten Reich - Hochschulwürde zu verschaffen. 1938 wurde in Deutschland der erste graphologische Lehrauftrag (an den Psychiater Dr. Rudolf Pophal) vergeben.
Klages begann als Naturwissenschaftler, studierte Chemie und Physik bei Röntgen, wandte sich aber schon 1905 kritisch gegen die exakte Wissenschaft. Er schrieb das vielzitierte Werk "Der Geist als Widersacher der Seele" und verfaßte auch "Handschrift und Charakter" (1917), das zur Bibel der Graphologen wurde und seither in 25 Auflagen erschien.
Der schöne Graphologie-Papst gehörte in München zum Kreis Schwabinger Künstler und Philosophen um den Dichter Stefan George, die von Allmutter Erde, Blut und Boden fabulierten. Die Psychologie verstand er als Philosophie von der menschlichen Seele, nicht als Wissenschaft von den Gesetzmäßigkeiten seelischen Lebens überhaupt, die sie nach heutiger Lehrmeinung ist.
Ähnlich wie Karl Marx und Friedrich Nietzsche, den er als Geistesverwandten verstand, blieb Klages Außenseiter. Ähnlich wie sie bot er mehr Weltanschauung als Wissenschaft, und seine Schüler sind eher als Jünger zu verstehen.
Von Crepieux-Jamin ausgehend. stellte Klages für jedes Schriftmerkmal Tabellen mit positiven und negativen Eigenschaften auf und münzte je nach "Ebenmaß", "Rhythmus" und dem sogenannten Formniwo (Note eins bis fünf) auf den Schreiber die guten Eigenschaften oder deren Kehrseite.
Zum Beispiel bedeutete regelmäßige Schrift "Vorherrschaft des Willens", das, heißt positiv "Willensstärke", negativ "Gefühlskälte". Diese prinzipielle Doppel- oder sogar Vieldeutigkeit erwies sich zugleich als Stärke und Crux der Klagesschen Lehre. Denn die Bestimmung des Formniwos ist problematisch - sie ist weitgehend Geschmack-, mindestens aber Intuitionssache. Ludwig Klages selber gab zu, daß es dazu "seelischer Schaukraft" bedürfe.
Wozu diese Schaukraft beflügeln kann, zeigte sich 1932, als das Buch "Handschrift und Ehe" eines Bernhard Schultze-Naumburg konstatierte: "Die graphologischen Untersuchungen haben ergeben, daß es typisch-jüdische Schriftmerkmale gibt, die in krassem Gegensatz zur deutschen, zur nordischen Schrift stehen."
Der Graphologe entdeckte in jüdischen Handschriften generell "eine auffällige Verkümmerung des Gemütslebens, abstraktes unanschauliches Denken, Mangel an Staatsgefühl, Drang nach Geldherrschaft". In der Handschrift von Karl
Marx fand er "ein Musterbeispiel jüdischer Ungeistigkeit ... seelischer Substanzlosigkeit".
Bei dem Publizisten Maximilian Harden sah er "den Juden, der ungehemmtes Machtstreben, verzehrenden Ehrgeiz mit innerer Kleinheit und Enge verbindet". Über die Schriften eines zerstrittenen Ehepaares urteilte er: "Er ostisch-ostbaltisch, sie nordisch - eine ganz unglückliche Verbindung."
Ludwig Klages selber stand solchen Interpretationen nahe. Sein 1944 veröffentlichtes Buch "Rhythmen und Runen" steckt voll Antisemitismus. "Würde haben nur Rassemenschen" schrieb Klages "Eine sogenannt moralische Würde existiert nicht ... der Judaist schlachtet, vergiftet, verpestet ohne Wiederersatz ... Wir stehen also auf dem Punkt, zu entdecken: Der Jude ist überhaupt kein Mensch."
Klages, gab eine Philosophie-Dozentur in Berlin hauptsächlich deshalb auf, weil der NS-Mythiker Rosenberg, dessen, Werk Klages als journalistisches Gefasel abtat, ihn seinerseits als "Dunkelmann" bezeichnete.
Die Nationalsozialisten stuften die Graphologen, die sich nicht wie der weiland Graphologiedozent in Greifswald Pophal von der "Deutschen Arbeitsfront" wissenschaftlich prüfen ließen, zwar als eine Art Hellseher ein. Doch nahmen sie die Schriftdeutekunst oft zur Hilfe, etwa in der Wehrpsychologie und bei der Auslese von SS-Anwärtern.
Erinnert sich Graphologe Friedrich Schneider: Wir mußten vitale, eiskalte Täternaturen herausfinden." Von Rudolf Pophal verlangten NS-Militärs gar ein Charaktergutachten über den General Seydlitz (National-Komitee Freies Deutschland) und waren enttäuscht, als er "ein glänzendes Urteil" (Pophal) abgab.
Als Ludwig Klages 1956 starb, war durchaus nicht klar, welche Art der "seelischen Schaukraft" denn nun die zuverlässige Graphologie ermögliche. Der Psychologe Rohracher bemerkte sarkastisch über diese nebulöse Gabe, es gebe da "große individuelle Unterschiede".
Dem Heiligen Vinzenz von Paul, der den Krankenpflege-Orden der Barmherzigen Schwestern gründete, bescheinigte der Abbé Michon 1879 nach dem Schriftbild "Ergebenheit" und "Selbstentäußerung" - 1956 bezichtigte der italienische Franziskaner-Pater Girolamo Moretti denselben Vinzenz der Neigung zur Hinterlist.
"Die Heiligen nach ihrer Schrift" hieß Morettis Buch, in dem er - unter Gewissensqualen, aber mit kirchlicher Druckerlaubnis - manches Bild veränderte, das sich die Gottesmänner von den Heiligen gemacht hatten. In den Schriftzügen des Heiligen Franziskus zum Beispiel, der vor allem wegen seiner Demut verehrt wird, entdeckte Pater Moretti Anzeichen der Eitelkeit und "Aufsässigkeit gegenüber der eingesetzten Obrigkeit". Aus der geronnenen Bewegung der spanischen Mystikerin Theresie von Avila glaubte der analysierende Ordensmann Symptome starker Sinnlichkeit herauslesen zu können: "Veranlagung zur Vielmännerei".
Genau an diesem Punkt, bei der Angabe spezifischer Eigenschaften, wird Graphologie problematisch. Ob jemand "Veranlagung zur Vielmännerei" hat oder zur Homosexualität, ob jemand humorvoll ist oder bierernst, ob tuberkulös oder krebskrank, ob Mann oder Frau, ob wohlerzogen oder mißraten, kann Graphologie nach Bekundung ihrer führenden akademischen Vertreter nicht feststellen.
Und problematisch bleibt sie auch bei wertenden Eigenschaftsbegriffen, etwa Geiz, Eifersucht, Großmut, Rücksichtslosigkeit - ebenso wie bei speziellen Berufsbegabungen. "Wir wissen zum Beispiel nichts über das typische Schriftbild von Automationstechnikern und Refa-Leuten, die heute häufig gesucht werden", klagt der Berliner Graphologe Friedrich Schneider. Auch wie der ideale Versicherungsvertreter schreibt, weiß Schneider mangels zugänglichen Schriftmaterials aus diesem Berufszweig nicht und ist, wie er zugibt, "schon öfter hereingefallen".
Insbesondere bei der Beurteilung von führungsbegabten Naturen und kreativen Kräften, die heute in vielen Bereichen gefragt sind, werden die überlieferten psychologischen Maßstäbe fragwürdig: Gerade Führungskräfte haben oft das, was man landläufig einen schlechten Charakter nennt; und neurotische Spannungen in der Persönlichkeit sind bei manchen Berufen geradezu Voraussetzung für die gewünschten überragenden Leistungen.
Zu unterscheiden, ob der Bewerber sich trotz solcher Tendenzen bewähren wird, ob er nur ein "Störer" oder "Versager" sein wird, wie Psychologen zwei neurotische Grundtypen nennen, geht über die Schaukraft fast aller Vates.
Eher ist es guten Graphologen schon möglich, allgemeine Neigungen - etwa für die Künste - festzustellen, ob sanguinisches oder phlegmatisches Temperament überwiegt, ob der Prüfling Phantasie und Sensibilität besitzt. Und auf wirklich sicherem Terrain wähnen sich die Graphologen, wenn zu bestimmen sind: Intelligenz, Denkgewohnheiten (abstrakt, anschaulich, logisch, intuitiv), Reife, Vitalität, Selbstwertgefühl, Willensstärke, Begabung zu selbständigem Denken und Handeln.
Mit anderen Worten: Graphologie scheint um so tauglicher, je mehr sie die Gesamtpersönlichkeit anvisiert und je stärker sie darauf verzichtet, Einzeleigenschaften zu charakterisieren. Sie kann dann, wie Professor Heiß sagt, "zu recht guten Ergebnissen" führen, deren Zuverlässigkeit etwa der Beurteilung einer Person "aus langjähriger Erfahrung" entspricht.
Voraussetzung dafür ist laut Heiß,
- daß der Graphologe genügend Schriftenmaterial zur Verfügung hat (mindestens eine Seite im Original, möglichst Schriftproben aus verschiedenen Situationen - gehetzt, ausgeruht -, Stimmungen und Zeitabschnitten);
- daß dem Graphologen nicht eine
Zuchtschrift" (etwa bei Graphikern), "Fassadenschrift" (bei äußerst geschickten Hochstaplern) oder die
eines völlig Schreibungeübten vorliegt;
- daß der Graphologe "sehen kann".
Dieses "Sehen können" aber, der immer wieder auftauchende Anspruch der Intuition, macht die Graphologie zu einem weiten Feld, wo Maßstäbe und Begriffe schwanken. Die Hochschul -Graphologen sind denn auch, im Gegensatz zu Populärgraphologen, dazu übergegangen, ihre Befunde durch andere diagnostische Methoden zu ergänzen. So kombiniert Heiß nach der Devise "Ein Test ist kein Test" jede graphologische Prüfung mit erprobten Persönlichkeits- und Berufseignungstests (Rorschachtest, Farbpyramidentest) der herkömmlichen Psychologie.
Wenn Heiß sich dennoch gelegentlich dazu versteht, allein aufgrund der graphologischen Begutachtung jemanden als Säufer oder als Betrüger einzustufen, so setzt er "wenigstens drei Fragezeichen" dahinter - was die Frage aufwirft, wozu ein Gutachten, von dem sich etwa ein Unternehmer hieb- und stichfeste Auskünfte erhofft, dann noch sinnvoll ist
Aber Graphologen mit so kritischem Selbstverständnis sind rar. Selbst akademische Schriftdeuter kommen oft nicht los von der magischen Beschwörungskraft der "signes fixes". Und was sich sonst noch Graphologe nennt, trägt eher dazu bei, den kleinen sinnvollen Kern der Schriftdeutung mit Unfug zu garnieren.
Denn es gab immer und gibt noch heute Graphologen, die Frühdiagnosen für Geschwulstkrankheiten stellen, Anlage zum Verbrechen, Liebestauglichkeit und dergleichen mehr entdecken können wollen. Andere produzieren nichtssagende Einerseits-andererseits-Gutachten, was den amerikanischen Psychologen Joy Paul Guilford zu dem Verdammungsurteil provozierte:
"Der Interpret von Handschriften trifft über seine Klienten Feststellungen, die für beinahe jedermann gelten könnten; er äußert Schmeicheleien ... formuliert Doppeldeutigkeiten; wenn er etwas Ungünstiges gesagt hat, so fügt er sogleich irgendeine neutralisierende oder vorteilhafte Bemerkung an."
Wirklich lassen sich Charaktergutachten - wie Horoskope - mühelos so abfassen, daß jeder sich gut getroffen fühlt. In einem vielzitierten Versuch der Volkshochschule Hamburg wurde 39 Testpersonen ohne deren Wissen das gleiche Einheitsgutachten präsentiert - jeder fühlte sich seelisch zutreffend porträtiert (siehe Kasten Seite 33).
Schon Sigmund Freud, der um die Vielschichtigkeit der Persönlichkeit wußte wie kein zweiter, nannte Schriftanalysen "graphologische Horoskope" und verweigerte 1928 der Graphologin Lucy Weizsäcker die Genehmigung, eine Graphoanalyse, die sie von ihm gefertigt hatte, vor seinem Ableben zu veröffentlichen.
Die Freud-Bewunderin sah einen ,träumerisch, weich, gefühlsbetonten" Schreiber von "taktvollem Auftreten" trotz "geistig eigenwilligen" Zügen. Die Studie "überraschte" den Meister, doch seine "Schätzung der Graphologie", so schrieb er ihr, habe durch die Lektüre "keine Beeinflussung erfahren".
Der Schweizer Graphologe Max Pulver hingegen bescheinigte Freud "Unnachgiebigkeit, Härte der Männlichkeit", "Dogmatik" und "Rücksichtslosigkeit im Endeffekt, nicht in der Absicht".
Und einer dritten Graphologin, Ania Teilhard-Mendelssohn, blieb Freuds Handschrift im ganzen "ein ungelöstes Problem". Nur Einzelheiten waren ihr zugänglich: "... unleugbar, daß der Analkomplex sich graphisch im Schriftbild seines Entdeckers ausdrückt ... (schwerer schwarzer Druck mit Verschmierungen)."
Ähnlich verschieden und oft widersprechend fallen charakterologische Gutachten der Schrift anderer großer Persönlichkeiten aus - je nach Sympathie und Zeitgeist. Über Bismarck schrieb die Populärgraphologin Laura von Albertini, des Kanzlers Schrift rage "durch ihre Größe fast ebensosehr über die Schriftzüge anderer Sterblicher hinaus, als die Verdienste und Gaben des gewaltigen Mannes die Leistungen anderer Menschen übertreffen". Der Abbé Michon legte die große, enge, winklige Schrift des Eisernen Kanzlers anders aus: "Schlechter Bettgenosse, schlechter Nachbar, unversöhnlicher Feind."
Über Napoleon schrieb der Napoleon -Verehrer Hans H. Busse: "Wenn Jupiter tonans schriftliche Äußerungen hinterlassen hätte, so wären sie in dem Sich-Ballen und in dem Herausblitzen wohl ähnlich ausgefallen wie bei diesem großen kleinen Mann." Ludwig Klages wieder gab Bonapartes Schrift die Formniwo-Note vier und kritisierte: "Von mächtigem aber blindem Leben besessen."
Dem Führer Adolf Hitler attestierte der Graphologe Alfred Gernat 1936 "Gemütsfeuer und stählerne Härte ... Er ist kein Diplomat und Kompromißler, sondern ein gradliniger Streiter, unentwegt ... einfach und schlicht im Kern, genügsam ..." 1953 sah Hitlers ehemaliger Wehrmachts-Chefpsychologe Max Simoneit in den Schriftzügen des mittlerweile Gescheiterten "etwas Schleichendes", und der Amerikaner Harry O. Teltscher ("Handschrift, der Schlüssel zum erfolgreichen Leben") fällte das Post-mortem-Urteil: "Übererregt, krankhafter Ehrgeiz ... brutales Temperament, ernstlich krank".
Den Prominenten der Gegenwart billigen die Graphologen meist lediglich das zu, was die Zeitgenossen ohnehin glauben. Sie attestieren Konrad Adenauer "vitale Unverwüstlichkeit" (Dr. Hans Knobloch 1958), dem VW-Professor Nordhoff "Begabung zum konstruktiven Planen und Organisieren" (Jakob Böckl 1957) und dem Franzosen Charles de Gaulle, daß er "nicht auf seine persönliche Sicherheit bedacht" sei (Harry O. Teltscher 1963).
Für die tägliche graphologische Praxis nützen solche Versuche, Personen der Zeitgeschichte zu beurteilen, laut Professor Heiß "sehr wenig" - und sie bringen auch nichts ein. Das Dorado der Graphologen ist die Wirtschaft, wo die Schriftdeutung als eine Art Stethoskop an der engen Brust des deutschen Arbeitsmarktes gilt.
Vor dem Zweiten Weltkrieg konnten die Personalchefs davon ausgehen, daß etwa zehn Prozent aller Bewerber für einen offerierten Schreibtisch-Posten geeignet waren; heute sind es nur noch drei bis fünf Prozent. Viele Betriebe sind denn auch in dem Bemühen, diesen knappen Rest herauszusieben, geradezu "Graphologie-hörig" (Heiß) geworden.
Und der Unternehmensberater Maximilian Schubart sagt: "Was kein Mensch ahnt, ist, wie umfangreich diese Dinge bis hin zu Spiritismus und Hellseherei in die deutsche Wirtschaft Eingang gefunden haben ... der Graphologe ist oft die graue Eminenz des Betriebes, und wenn er von Libido spricht, geht der Unternehmer erst richtig auf."
Laut Schubart haben viele Unternehmen "feste Graphologen eingestellt, die alles bis hinunter zum Botenmädchen begutachten, und die Chefs denken, niemand weiß davon". Mitunter fühlen sich die Schriftdeuter wie "der zweite Generaldirektor" (so der Münchner Graphologe Jakob Böckl).
Welchen Einfluß sie haben, erhellt am Beispiel des Nestlé-Unternehmens Maggi, das hauptsächlich mit dem Schriftdeuter Kroeber-Keneth zusammenarbeitet:
- Kurz vor dem Nitribitt-Skandal
stellte sich bei Maggi ein Mann Vor, der die beurteilenden Personalexperten derart begeisterte, daß sie ihrem Eindruck nicht recht trauten. Kroeber-Keneth riet aufgrund der Schriftzüge ab. Später ergab sich, daß es der Beschützer des. Mädchens Rosemarie, Heinz Pohlmann, gewesen war.
- Ein zukünftiger Gruppenleiter der
zentralen Personalabteilung machte auf zwei Maggi-Beurteiler einen fehllosen Eindruck. Doch da der dritte Prüfer abwesend war, examinierte Kroeber-Keneth die Schrift. Ergebnis laut Assessor Schmidt, des stellvertretenden Leiters der Abteilung Personal- und Sozialpolitik: "Ein guter Mann - aber er schneidet die Leute notfalls vom Galgen ab." Maggi nahm Abstand.
- Ein anderer Kandidat für die Personalleitung im Frankfurter Nestlé -Haus bewarb sich maschinenschriftlich mit dem PS-Vermerk, er sei lange genug im Fach: Er wisse Bescheid, was alles mit der Handschrift aufgestellt werde. Diese "sehr ungeschickte" (Schmidt) Attacke auf die Graphologie ließ den Bewerber gar nicht erst in die engere Wahl kommen.
Maggi-Leute haben eine graphologische Treffsicherheit von 90 Prozent festgestellt: Das heißt, neun von zehn Bewerbern, die auf Kroeber-Keneths Empfehlung hin eingestellt wurden, haben sich bewährt - eine freilich fragwürdige Treffer-Rechnung angesichts der Tatsache, daß die auf seinen Rat
Abgewiesenen in der Statistik nicht mehr auftauchen (und mithin nicht feststeht, ob sie tauglich gewesen wären).
Maggi holt die graphologischen Gutachten für "qualifizierte Bewerber vom Abteilungsleiter an" aber nur ein, sofern sich die Firmeninstanzen nicht aufgrund der Kandidaten-Vorstellung haben einigen können. Auch der Siemens-Konzern unterzieht qualifizierte Bewerber erst einer Schriftprobe, "wenn ein Mann von allen Seiten betrachtet werden muß" (Firmensprecher Dr. Kiesewetter).
Gleichwohl sind die Unternehmer, die sich der Graphologie nur als eines Mittels unter anderen bedienen, eher in der Minderzahl. Ein Hamburger Versandhaus kam erst durch einen aufschlußreichen Test von der bis dahin geübten Praxis ab, Bewerber nur dann zur persönlichen Vorstellung zu bitten, wenn das Schriftbild stimmte: Der Personalchef des Unternehmens sandte Lebensläufe von zehn seit Jahren tätigen Mitarbeitern an fünf Graphologen. Die Beurteilungen waren nicht nur gegensätzlich, sondern wichen zum Teil stark von dem Eindruck ab, den der Betrieb von den Herren hatte.
Seitdem darf nur noch der Sieger dieses Graphologen-Wettbewerbs "zur Abrundung des Bildes" gutachten. Meistens ist es aber umgekehrt. Der Bewerber - so der Hamburger Verbandsgraphologe Lamp'l - kommt erst in die engere Wahl, wenn der Schriftkundige ihm in der Rangfolge der Interessenten einen guten Listenplatz gegeben hat.
Dabei verdienen geschickte Vates nicht schlecht. "Alles was über 1000 Mark verdient, begutachten die Graphologen", klagt der Psychologie-Professor Hofstätter, "wir Psychologen dürfen nur die testen, die unter 1000 verdienen."
Sichtung und Klassifizierung der Bewerber-Handschreiben kosten den Auftraggeber drei bis 15 Mark je Schrifteingang, ein Eignungsgutachten je nach Graphologe, Ausführlichkeit und Bedeutung des Einzustellenden 30 bis 100 Mark. Vergleichsgutachten können über 140 Mark kosten. Das Limit ist überall "die eigene Chuzpe" (Kroeber-Keneth).
Viele Graphologen haben jüngst ihre Honorarsätze erhöht, weil sie der Nachfrage nicht mehr Herr wurden. Der Geschäftsführer der Sektion Graphologie, Unternehmensberater Hubert Rehbinder, verlangt für ein Gutachten der Gruppe C ("Führungskräfte höchster Verantwortung") statt bisher 60 jetzt 100 Mark, damit er nicht mehr Jeden Sonntag arbeiten muß". Rehbinder sucht einen jungen Teilhaber und will demnächst per Merkblatt Graphologie-Studenten darauf hinweisen, "daß man auf diesem Gebiet durchaus leben kann, wenn man es richtig anpackt".
Rehbinder schätzt, daß die Umsätze der Graphologie-Büros zwischen 10 000 und 250 000 Mark im Jahr liegen. Das "Institut für Menschenkunde" in München-Solln - wissenschaftlicher Leiter Dr. phil. Bernhard Waszkewitz - verdient, wie Eingeweihte wissen, täglich 600 Mark. Die Gutachten-Beispiele sind bei scheinbarer Präzision vielsagend abgefaßt. Ein "Betriebsleiter" von 40 Jahren ist etwa "begabungsmäßig noch geeignet ... leistungsmäßig bedingt geeignet ... menschlich bedingt geeignet".
Der Auftraggeber des Graphologen muß selbst seine Erfahrungen sammeln, denn Titel und Verbandszugehörigkeit
- Waszkewitz ist BDP-Mitglied - sind
noch keine Garantie für brauchbare Arbeit. Viele Chefs suchen sich daher zu vergewissern, indem sie ihre eigene Handschrift unter die der Bewerber mischen. BDP-Mitglied Schneider, dem dies häufiger geschah: "Wenn man's nicht merkt, ist der Kunde verloren."
Ähnlich wurde auch die Graphologin Hanna Hahn in München auf die Probe gestellt, als ihr die Filmschaffende Maria Schell, die ihre persönliche Bedienung stets der Graphoanalyse unterzieht, mit den Schriften mehrerer Chauffeuranwärter auch die von Bruder Maximilian unterzuschieben versuchte. Die Graphologin erkannte das Spiel: "Diese Bewerbung ist ein Witz."
Mitunter kommt es auch vor, daß die Graphologen mit ihren Gutachten Material für innerbetriebliche Intrigen liefern. So widerfuhr es der Graphologin und Direktorin der "Schule für Graphologie" in Hirsau im Schwarzwald, als sie kürzlich das technische Vorstandsmitglied eines Kamerawerks begutachtete: "Schreiber ist eine schon anlagemäßig äußerst zerrissene Natur, der der Vertiefung und Harmonie entbehrt ... geneigt, Fehlentschlüsse und -entscheidungen auf andere abzuwälzen ... vitalmäßig nur in sehr geringem Maße belastbar ... sehr unangenehme Erfahrungen dürften über kurz oder lang zu erwarten sein.
Bestellt war die Analyse von der Frau eines feindlichen Vorstandskollegen, der mit dem Gutachten hausieren ging und auf diese Weise sein Ausscheiden aus dem Vorstand in ein gutes Licht rücken wollte.
Das Freiburger Universitätsinstitut für Psychologie und Charakterologie verlangt aus diesem Grund für graphologische Gutachten die schriftliche Einwilligung des Opfers. Denn Institutsdirektor Heiß ist sich bewußt, daß das Gutachten "immer ein Vorurteil schafft".
Und nichts macht das deutlicher als der Fall eines baden-württembergischen Aufsichtsratsvorsitzenden, der sämtliche Vorstandsmitglieder von einem renommierten Graphologen beurteilen ließ - mit vernichtendem Ergebnis.
In der Aktiengesellschaft werden seitdem nur noch Herren ohne Prokura graphologisch begutachtet.
*** Graphologie: Kunstwort aus dem griechischen "graphein" (schreiben) und "logos" (Wort, Kunde, Lehre).
* Handschriftenvergleichung, welche die Identität des Schreibers, und Graphologie, die den Charakter des Schreibers feststellen will, haben nur die Voraussetzung gemein, daß jeder Mensch eine typische Handschrift schreibt. Die meisten Schriftsachverständigen sind aber Graphologen, die sich auf "Schriftexpertisen" spezialisiert haben.
* Graphologin Scholl weist darauf hin, daß
derartige Merkmale nur im Zusammenhang mit dem Gesamt-Schriftbild interpretiert werden sollten.
Graphologie-Professor Heiß bei einer Schrift-Demonstration*: Schlüssel zur Seele?
Stellenangebote mit Schriftproben-Anforderungen: In Beruf, Liebe und Justiz ...
Graphologe Klages
Geronnene Spur
Schriftzeichendeutung noch Michon (1879), Laura von Albertini (1901): Aus Kringeln, Widerhaken und Unterlängen ...
... vertrauen die Deutschen der Graphologie: Schriftdeutungsangebote
Graphologe Michon
Fixe Zeichen
... formt sich ein Charakterbild: Schriftzeichendeutung nach Duparchy-Jeannez (1919), Ilse Scholl (1965)*
Graphologin Nina Kindler
Erkenntnis im Fahrstuhl
Graphologin Minna Becker
Gutachten für Anastasia
Graphologin Else Essberger
Vertrauen zum Kapitän
Begutachteter Dreyfus, Dreyfus-Schrift
Ein Sachverständiger, ein Irrtum
Begutachteter Blomert, Blomert-Schrift
Fünf Sachverständige, vier Resultate
Schrift-Liebhaber Lavater
Ausfluß der Persönlichkeit
Schrift-Interessierte Maria Schell
Gutachten fürs Personal
Schrift-Liebhaber Goethe
Aussicht auf den Weg
Schrift-Interessierter OB Vogel
Prüfung für Beamte
Schriftanalysierte Theresie von Avila, Zeppelin, Freud; Schriftbeispiele: "Wie das Wort in der Wortgemeinschaft ...
... so der Mensch in der Menschengemeinschaft": Schriftanalysierte Hitler, Adenauer, de Gaulle; Schriftbeispiele
Simplicissimus
"Ich will, mich als Generaldirektor bei der Schwerstahl-AG bewerben. Ein Kollege sagte mir, Sie schreiben so was in der von den Betriebsgraphologen bevorzugten Erfolgsmenschen-Handschrift"
* Im Institut für Psychologie und Charakterologie der Universität Freiburg.
** Das Titelbild zeigt (von links oben nach rechts unten) die Unterschriften von: Bach, Wilhelm I., Bismarck, Lessing, Kant, Bebel, Goethe, Einstein, Nordhoff, Wilhelmine Lübke, Adenauer, Hitler, Kortner, Franz-Josef Strauß.

DER SPIEGEL 27/1965
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