07.07.1965

FUSSBALL / BUNDESLIGADas ist schrecklich

Radio Luxemburg und der Deutschlandfunk verbreiteten die Fahndungsmeldung. Sie hatte Erfolg. Binnen zwei Tagen wurden 13 der Verfolgten in ganz Europa aufgespürt. Einzig die Spur des Berliners Helmut Fiebach verlor sich in Österreich. Nach ihm kämmte die Gendarmerie der Alpenrepublik die Campingplätze durch. Auch Fiebach wurde aufgefunden.
Die Verfolgten hatten keinen Postraub begangen und keine Verschwörung angezettelt. Gesucht wurden die Fußballspieler des Berliner Klubs Tasmania. Gleicherweise wurden auch die Kicker des Karlsruher SC von Spaniens und Italiens Küsten zurückgepfiffen. Im Lande Ludwig Erhards, der als erste Montagslektüre stets das Fußballmagazin "Kicker" liest, war der Fußball-Notstand ausgebrochen.
"Ich weiß nicht einmal, wann ich den Spielplan aufstellen soll", jammerte der Hamburger Walter Baresel, Spiel-Leiter der Bundesliga, Deutschlands höchster Spielklasse (SPIEGEL 35/1963). Baresel: "Im letzten Jahr war um diese Zeit alles fertig."
In der Bundesliga fehlt der 16. Klub. Zum ersten Male in der zweijährigen Geschichte der deutschen Parade-Liga hatte das Bundesgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) einen Verein gefeuert: das Berliner Bundesliga-Mitglied Hertha BSC. Den zwangsweise geräumten Platz soll der Sieger einer Sonderrunde besetzen, die der DFB ohne Rücksicht auf die sonst strikt eingehaltene Sommerpause ansetzte.
Die dazu aufgerufenen vier Vereine murrten jedoch. Die Chance des Aufstiegs in die erst 1963 eingeführte Millionen-Liga bot sich zu unvermittelt. Der Karlsruher SC und Tasmania 1900 mußten ihre Spieler aus dem Urlaub zurückrufen. Sie sind untrainiert. Die beiden anderen Teilnehmer der DFB -Sonderrunde, der SSV Reutlingen und der 1. FC Saarbrücken, müssen abgehetzte und ausgepumpte Spieler aufbieten. Sie haben gerade an der regulären Aufstiegsrunde für die Bundesliga teilgenommen.
"Was unseren Spielern zugemutet wird", sagte der frühere Reutlinger Landrat und Vereins-Mäzen Hans Kern, "ist eine Schweinerei." Statt wie geplant mit ihnen auf Urlaub zu fahren, mußten schluchzende Reutlinger Spieler-Ehefrauen zusehen, wie ihre Männer wieder den Trainingstrab aufnehmen.
Alles Übel verursachte die Berliner Fußball-Sünderin Hertha. Bei einer überraschend angesetzten Kontrolle hatte der DFB-Kassenprüfer Dr. Ziegler festgestellt, daß in Herthas Kasse 150 000 Mark fehlten. Dieses Geld war großenteils dazu verwendet worden, auf dem schwarzen Fußballmarkt Spieler einzukaufen.
Kaum war das Urteil rechtskräftig geworden, da brach Hertha vor den
Fernseh-Mattscheiben zu einer Art Amoklauf aus: Ihre Sprecher Holst und Herzog beschuldigten 27 Spieler und sämtliche Bundesliga-Vereine, sie hätten ebenso wie Hertha gegen die Bestimmungen gefrevelt (SPIEGEL 27/1965).
Die Vorwürfe, in Presse und Fernsehen einmütig als "größter Skandal in der Geschichte des deutschen Fußballsports" eingestuft, erschütterten den mächtigsten deutschen Sportverband.
Kein anderer Sport-Fachverband der Welt hat soviel Mitglieder wie der Deutsche Fußball-Bund. Erst vor wenigen Tagen meldete er mit 2 245 512 beitragzahlenden Mitgliedern - das entspricht West-Berlins Einwohnerzahl - einen neuen Kopfstärke-Rekord.
Der Welt größter Sportverband organisiert die größte sportliche Dauerschau der Deutschen: An jedem Wochenende - mit Ausnahme der Sommerpause - strömen durchschnittlich 1,2 Millionen zahlende Zuschauer auf die Fußballplätze, etwa ebenso viele spielen selber regelmäßig in den Mannschaften der 15 363 Vereine.
Zugleich kontrolliert der DFB das einträglichste Geschäft, das je eine Sportorganisation in Deutschland aufbaute: die Bundesliga. Durchschnittlich 220 000 zahlende Augenzeugen verfolgten an jedem Bundesliga-Spieltag die Darbietungen der 16 Mannschaften. Millionen sehen außerdem an den Fernseh -Mattscheiben jedes bedeutende Spiel.
Rund 300 Bundesliga-Lizenzspieler verhelfen ihren Vereinen im Jahr zu Einnahmen zwischen 1,2 und 2,6 Millionen Mark. Die Bundesliga erreicht insgesamt einen Jahresumsatz von 25 Millionen Mark. Das entspricht etwa dem Umsatz, den Getränkefirmen wie Pschorrbräu, Matheus Müller oder Sinalco erzielen.
Kanzler Erhard, der als Fußball -Fachkenner gilt, erscheint häufig auf Fußball-Tribünen, ebenso seine Minister Stücklen, Lemmer, Dollinger, Höcherl und Heck. Der einstige Bundespräsident Theodor Heuss nannte sich selber den "Theodor im Bundestor". Sein Nachfolger Heinrich Lübke näherte sich dem bevorzugten Massensport der Deutschen mit fliegendem Start: Im Hubschrauber ließ er sich vor kurzem zum Pokalendspiel ins Niedersachsen-Stadion in Hannover fliegen.
Prominente und Fußvolk beobachteten in den Stadien freilich vorwiegend Fußball-Sünder. Nach dem Bundesliga -Statut, das die Bezahlung der Spieler regeln soll, durfte ein Klub neu verpflichteten Spielern ein sogenanntes Handgeld von 10 000 Mark (neuerdings 15 000 Mark) zahlen. Laut Hertha haben die beschuldigten Spieler jedoch Summen zwischen 25 000 und 120 000 Mark gefordert und von angeschuldigten Vereinen erhalten.
Hertha scheute sich nicht, selbst den eigenen Torhüter, Nationaltorwart Wolfgang Fahrian, beim DFB anzuschwärzen. Fahrian habe sich Hertha BSC für 80 000 Mark Handgeld angeschlossen. Schon vorher hatten ihm Eintracht Frankfurt 60 000 und der VfB Stuttgart 80 000 Mark geboten. Dazu Fahrian: "Das stimmt alles."
Selbst ein Teil des von Hertha vorgelegten Beweismaterials würde, für stichhaltig befunden, das Ende der gültigen Bundesliga-Ordnung bedeuten.
Schon jetzt scheint ungewiß, ob die dritte Bundesliga-Meisterschaft wie vorgesehen mit 16 Vereinen am 14. August beginnen kann. "Normale Gehirne", entsetzte sich "Bild am Sonntag" über die Lage an der Fußballfront, "sind zu schwach, um vorauszuahnen, was die Zukunft noch bringt."
Denn außerdem mußte sich der DFB mit Protesten verschiedener Vereine befassen, die mit der Regelung der Hertha -Nachfolge nicht einverstanden sind. Einige Bundesliga-Vereine forderten sogar als Notstands-Maßnahme, die Bundesliga auf 18 Mitglieder aufzustocken. Überdies mußte der DFB über Herthas Gnadengesuch entscheiden. Es wurde abgelehnt.
"Was nützt uns denn Gnade", bezweifelte Herthas Geschäftsführer Jakubke die Zweckmäßigkeit der Gnaden-Aktion. Denn: "In dem Fall müßten wir nach dem Bundesliga-Statut weiterarbeiten. Und dann könnten wir den Laden dichtmachen."
In der Tat: Eigentliche Ursache für das deutsche Bundesliga-Chaos sind die unrealistischen Zahlungsgrenzen des Bundesliga-Statuts. Sie wurden von Alt-Funktionären festgelegt, die sich der Entwicklung nicht angepaßt haben. Während sie Idealismus predigten, sahen sich die Vereine geradezu gezwungen, das Zahlungslimit zu durchbrechen. Zu den vorgeschriebenen Höchstpreisen mag sich schon seit Jahren kein namhafter Spieler mehr verpflichten.
Besonders vom Ausland her, wo im Berufsfußball keine Zahlungsgrenzen bestehen, wurden die Preise verdorben. Vor allem italienische Klubs boten für deutsche Nationalspieler Millionensummen, luxuriöse Wohnungen und Sportwagen, Prämien (für ein Spiel bis zu 26 000 Mark) und Monatseinkünfte um 4000 Mark. Die wenigsten verzichteten - wie Fritz Walter und Uwe Seeler, den der Hamburger Theologe Professor Helmut Thielicke dafür in einem offenen Brief als "Vorbild für die Jugend" herausstellte.
Zehn deutsche Nationalspieler verdingten sich als Gastarbeiter für teure Handgelder und Ablösesummen ins Ausland: Helmut Rahn (für 110 000 Mark) nach Holland, Klaus Stürmer und Karl Mai in die Schweiz, Erwin Waldner (220 000 Mark), Rolf Geiger (135 000 Mark), Horst Szymaniak (1,1 Millionen Mark), Helmut Haller (750 000 Mark), Albert Brülls (600 000 Mark), Karl-Heinz Schnellinger (1 120 000 Mark) und Jürgen Schütz (800 000 Mark) nach Italien.
An dieser Realität sah Deutschlands Fußball-Präsident Dr. Hans Gösmann, 61, vorbei. Als er von dem trostlosen Zustand seiner Gala-Liga erfuhr, sagte er: "Das trifft mich völlig überraschend." Und als er Herthas Beweismaterial erblickte, sagte er: "Das ist ja schrecklich
- am liebsten würde ich heute noch zurücktreten."
Gösmann gehört, wie auch sein Vorgänger Dr. Peco Bauwens, der 1963 im Alter von 76 Jahren starb, noch zur ersten Funktionärs-Generation im deutschen Fußballsport. Bauwens erzählte bis zu seinem Lebensende gern, daß ihn der Direktor der Kölner Humboldtschule vom Gymnasium verweisen wollte, weil er unstandesgemäß Fußball spielte. Als Student - und erster fußballspielender Korpsbruder in Deutschland - reiste er regelmäßig auf eigene Kosten per Holzklasse von Berlin nach Köln, um seine Mannschaft zu verstärken.
"Wir haben früher die Tore selber auf den Platz geschleppt", hielt Ludwig Franz, Ehrenvorsitzender des 1. FC Nürnberg, seinen Bundesliga-Spielern nach einer Niederlage in der Kabine vor. "Das war Idealismus. Ihr redet nur vom Geld." Und Fritz Szepan, ehemaliger Nationalspieler und Vorsitzender des Bundesliga-Absteigers Schalke 04, führte den Leistungsabfall des Nationalspielers Libuda auf Luxus und Verweichlichung zurück: "Mit 20 Jahren schon Porsche fahren!"
Im Anekdoten-Repertoire deutscher Alt-Funktionäre rangiert die Geschichte vom ersten Endspiel um die Deutsche Fußball-Meisterschaft ganz vorn. Damals, im Jahre 1903 auf der Exerzierwiese in Altona, wurde das Eintrittsgeld noch mit einem Hut eingesammelt. Ausbeute: 473,20 Goldmark.
Schon nach dem Ersten Weltkrieg aber stiegen die Einnahmen rasch. Vor allem die prominenten Spieler, die durch ihre Leistungen die Zuschauer an die Kassen lockten, forderten immer unverhohlener ihren Anteil. Offiziell durften sie als Amateure keinen wirtschaftlichen Vorteil aus dem Sport ziehen.
"Wir haben im Schuh nach einem Schein gesucht", erinnerte sich der einstige HSV-Nationalspieler Friedo Dörfel an die Zahlungsmethoden im Spitzenfußball der dreißiger Jahre. "Bei größeren Beträgen lief alles doppelt so gut."
Die Altväter des deutschen Fußballs versuchten nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig "Sauberkeit und Ordnung" einzuführen. Der Stuttgarter Oberregierungsrat Kurt Müller entwarf für sie im Jahre 1948 das sogenannte Vertragsspieler-Statut: Nach seinen Paragraphen durften die Spieler der Oberligen, der damals höchsten Spielklasse, erstmals offiziell bezahlt werden.
Dem Zugwind der freien Marktwirtschaft - die zu gleicher Zeit Fußball-Fan Ludwig Erhard in Westdeutschland propagierte - mochten die Funktionäre ihren Fußball nicht aussetzen. Im Statut verboten sie grundsätzlich Handgelder und Ablösesummen. Das Spielergehalt begrenzten sie auf 320 Mark monatlich.
Indem der DFB jedoch Höchstbeträge einführte, begründete er zugleich - wenngleich unbeabsichtigt - Deutschlands schwarzen Fußballmarkt. Denn nur mit illegalen Zuwendungen konnten die Vereine ihre Spieler vor Abwerbung schützen oder selber fremde Spieler anheuern.
Das Geld war da: Sportlich erfolgreiche Klubs erzielten im Durchschnitt Jahreseinnahmen bis zu 500 000 Mark, in einzelnen Fällen sogar erheblich mehr. Allein in einem einzigen Europapokalspiel kassierte der HSV 1961 rund 350 000 Mark.
Immer wieder wurden Verstöße gegen das Statut aufgedeckt. So wollte der HSV 1953 für ein verbotenes Handgeld von 15 000 Mark den Bremer Nationalspieler Willi Schröder anmustern. Die Hamburger wurden ertappt und zu 10 000 Mark Geldstrafe verurteilt. Wie der HSV gerieten 15 andere Oberliga-Klubs vor die DFB-Richter. Auch ihnen wurden Strafen zwischen 1500 und 10 000 Mark auferlegt.
Den Statut-Vätern blieb nichts anderes übrig, als durch ein Ventil den Überdruck abzulassen: Sie erließen wiederholt Amnestien und erhöhten die erlaubten Gehälter auf 380 Mark (320 Mark netto - der Verein übernahm die Steuern), auf 400 und auf insgesamt 500 Mark (siehe Graphik). Zusätzlich durften bestimmte Prämien ausgesetzt werden, beispielsweise wenn eine Mannschaft die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft, das Meisterschafts -Endspiel oder das deutsche Pokalfinale erreichte.
Von den zunehmenden Vergünstigungen kaum beeinflußt, schleuderte das Karussell der Prämien und Gehälter um so schneller, je höhere Summen im Fußballgeschäft umgesetzt wurden. 1963 brach für die deutschen Spitzenvereine mit der Einführung der Bundesliga die Millionen-Ära an.
Schon im ersten Spieljahr 1963/64 zahlten 6 017 890 Zuschauer 24 365 000 Mark in die Kassen der 16 Bundesliga-Klubs. Im zweiten Meisterschaftsjahr 1964/65 stieg der Umsatz: 6 560 300 Zuschauer brachten 25 781 000 Mark ein. Mehrere Vereine, wie Hertha BSC (2,4 Millionen Mark) oder Borussia Dortmund (2,3 Millionen Mark), nahmen über zwei Millionen Mark ein.
Das Bundesliga-Statut verwandelte die in dieser Klasse spielenden Kicker von Klub-Mitgliedern - die sie bis 1963 waren - in Vereins-Angestellte. Sie erhielten vom DFB sogenannte - Spieler-Lizenzen und verdienten fortan ein Grundgehalt von 500 Mark, das durch Prämien bis auf 1200 Mark aufgestockt werden konnte. Ungewöhnlich erfolgreiche und zugkräftige Spieler (wie der Hamburger Uwe Seeler) durften Höchstgehälter bis zu 2500 Mark beziehen.
Zusätzlich standen den Spielern beim Abschluß eines Zweijahres-Vertrages
10 000 Mark als Treueprämie bei ihrem alten oder als Handgeld bei einem neuen Klub zu. Vereinen war nunmehr erlaubt, als Ablösegeld für einen wechselnden Spieler von dessen neuem Klub bis zu 50 000 Mark zu verlangen.
Ehrenwörtlich versprachen sich die Vorsitzenden der Bundesliga-Klubs, die Höchstsummen gewissenhaft einzuhalten und sich gegenseitig keine Spieler abzuwerben.
Doch das erste Bundesliga-Spiel war noch nicht angepfiffen, da wurden bereits die ersten Verstöße ruchbar. Der Nationalspieler Engelbert- Kraus hatte ein Handgeld von 50000 Mark gefordert. Kraus: "Ich kannte das Statut nicht so genau." Er wurde für drei Monate gesperrt. Schalke 04 erfand den Koppel-Trick: Da Nationalspieler Herrmann nicht für die erlaubte Ablöse von 50 000 Mark freigegeben wurde, nahmen die Schalker zusätzlich einen kaum bekannten Ersatzspieler, Lambert, als Zugabe und zahlten dem Karlsruher SC für beide Spieler zusammen 100 000 Mark.
Auch der 1. FC Nürnberg bewegte sich bis an die Grenze der Legalität: Er honorierte zwölf Spieler nach der Ausnahmeregel, die eigentlich nur für Stars gelten sollte, mit Gehältern bis zu 2200 Mark.
Die Folge: Das Grundgehalt mußte schon nach dem ersten Bundesliga-Jahr auf 1200 Mark, die Prämien auf 250 Mark pro Spiel erhöht werden. Franz Kremer, Vorsitzender des Bundesliga -Ausschusses und des ersten Bundesliga-Meisters 1. FC Köln: "Bei uns verdienen 15 Spieler zwischen 35 000 und 50 000 Mark im Jahr." Die Kölner fanden eine legale Möglichkeit, ihren Spielern überdurchschnittliche Einkünfte zu sichern. Sie ersetzten das Mittwoch-Training durch ein Spiel gegen leichtere Gegner. Dafür kassierten die Spieler ebenfalls die erlaubte Höchstprämie von 250 Mark.
Aber die Preise kletterten auch außerhalb der Legalität. Denn in jedem Jahr müssen zwei Mannschaften in die Regionalliga absteigen. Solange keine überregionale zweite Bundesliga existiert, ist das finanzielle Gefälle zwischen Bundesliga und Regionalliga unverhältnismäßig steil. Bundesliga-Spiele besuchten durchschnittlich 27 300 Zuschauer (Saison 1964/65). Zugleich sank der Durchschnittsbesuch in der nächstniedrigen Spielklasse rapide ab, so etwa in der südwestdeutschen Regionalliga bei einigen Vereinen zeitweise auf 500 Zuschauer.
Der sportliche Kampf gegen den Sturz aus der Bundesliga ist zugleich ein Kampf um die wirtschaftliche Existenz. Nachdem Preußen Münster 1964 abgestiegen war, sanken die Jahreseinnahmen von 1,2 Millionen Mark im Bundesliga-Jahr 1963/64 auf 300 000 Mark im Regionalliga-Jahr 1964/65. Umgekehrt erschienen in der Bilanz des 1. FC Nürnberg für 1963 die sieben letzten Spiele in der alten Oberliga Süd mit Einnahmen von 260 000 Mark. In den ersten acht Bundesliga-Spielen des gleichen Jahres kamen 805 000 Mark ein. Außerdem verlieren Absteiger erfahrungsgemäß ihre besten Spieler und damit die Chance zum baldigen Wiederaufstieg. Den 1. FC Saarbrücken verließen 1964 nach dem Abstieg sieben Spieler. Schalke 04, Absteiger dieses Jahres, verlor zwölf von seinen 22 Lizenzspielern.
Um die Abstiegs-Katastrophe zu verhindern, wurden vermutlich sogar Bestechungsversuche unternommen. Der 1964 aus der Bundesliga abgerutschte Verein Preußen Münster sucht bereits nach einer juristischen Möglichkeit, den Essener Spielervermittler Schwab und einige Spieler als Zeugen vor ein ordentliches Gericht zitieren zu lassen.
Preußen-Spieler Rummel hatte 1964 behauptet, Schwab habe ihn mit 2000 Mark bestechen wollen, absichtlich schwach zu spielen und frühzeitig eine Verletzung vorzutäuschen. Ziel: Die ebenfalls abstiegsgefährdete Mannschaft von Hertha BSC - Schwabs bester Bundesliga-Kunde - sollte durch Niederlagen Münsters begünstigt werden. Münsters Vorstandsmitglied Wilmers: "Wir wollen Schwab endlich zum Eid zwingen." Da Bestechungsversuche im Fußball nach den gültigen Paragraphen kein faßbarer Tatbestand sind, wies das Essener Landgericht die Verfolgung des Falles Rummel bisher zurück.
In Berlin und München verbürgen sich mindestens vier Personen für einen weiteren Fall. Nach ihrer Darstellung steckte Herthas Schatzmeister Herzog dem Münchner Mittelläufer Alfons Stemmer vor dem Spiel bei München 1860 am 7. Dezember 1963 eine Summe von 2000 Mark zu. Als Gegenleistung sollte Stemmer "so spielen, daß Hertha Tore schießen kann". Wegen der Bedeutung des Spiels hatte der DFB sogar einen offiziellen Beobachter entsandt.
Die Berliner gewannen überraschend mit 2:1. "Dieser Sieg hatte den abstiegsbedrohten Berlinern gefehlt", meldete das Fachblatt "Kicker". Und das "Sport-Magazin" berichtete: "Stemmer wurde zur Achillesferse, da er fast nur den Raum deckte und im Zweikampf meist den kürzeren zog." Herzog nahm als einziger Hertha-Funktionär nicht am anschließenden Bankett teil. Stemmer wechselte nach einem Bundesliga-Jahr, obwohl sein Vertrag auf zwei Jahre abgeschlossen war, zum Regionalliga-Klub Kickers Offenbach.
Als sichersten Schutz gegen Abstieg, Zuschauerschwund und wirtschaftliche Depression betrachteten die Vereine von jeher die Verpflichtung leistungsstarker und zugkräftiger Spieler. Tatsächlich beeinflussen einzelne prominente Stars nachweislich die Zuschauerzahlen. Mit Fritz Walter, dem Ehrenspielführer der deutschen Weltmeister-Elf von 1954, erreichte der 1. FC Kaiserslautern zwischen 1951 und 1955 viermal das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Die Pfälzer lockten dabei zweimal 76 000, einmal 80 000 und einmal 85 000 Zuschauer an (und wurden zweimal Meister). 1961 trat Kaiserslautern - ohne den inzwischen abgetretenen Fritz Walter - im deutschen Pokalendspiel vor nur 10 000 Besuchern an.
Die Nachfrage nach Spielern der Sonderklasse war stets größer als das Angebot. "Ein Nationalspieler", erläuterte Dr. Horst Barrelet, Vorsitzender des Hamburger Fußballverbandes und Vizepräsident beim HSV, die schwierige Marktlage, "verlangt mindestens 70 000 Mark." Niemand konnte den Spielern verdenken, daß sie, wie in jedem anderen Beruf üblich, auf möglichst hohe Einnahmen erpicht waren.
Die Jagd auf talentierte Spieler führte zu grotesken Auswüchsen. Sogar 17 und 18 Jahre alte Jung-Kicker, die im Frühjahr am alljährlich stattfindenden internationalen Jugendturnier teilnahmen, suchten die Vereine beizeiten mit Vorverträgen zu binden. Einen gültigen Vertrag dürfen sie erst mit 21 Jahren (und nur zwischen dem 15. Juni und 15. Juli) unterzeichnen.
Als die letzte Saison im August 1964 gerade begonnen hatte, sicherte sich Hertha BSC bereits die Option auf den vielversprechenden Stürmer Siegfried Held. Während Held noch für den Klub Kickers Offenbach spielte, überwies Herthas dritter Vorsitzender Otto Verkin vom Herbst 1964 an bereits einen monatlichen Bundesliga-Vorschuß von 500 Mark an Helds Vater. Trotzdem verpflichtete sich Held beim Meidericher SV und am Stichtag endgültig bei Borussia Dortmund.
In direkten Verhandlungen dürfen weder Spieler überhöhte Handgelder fordern noch Vereine illegale Zuwendungen gewähren. Als unbeteiligte Strohmänner organisieren daher Spielervermittler im Fußballsport einen schwarzen Markt. Die bekanntesten: Dr. Otto Ratz aus München, Karl Alt und Nikolaus Berger aus Frankfurt sowie Raymond Schwab aus Essen. Da sie unabhängig vom DFB arbeiten, können sie nicht zur Aussage vor einem Sportgericht gezwungen werden. Für die ordentlichen Gerichte wiederum ist die - nach dem Bundesliga-Statut verbotene - Mehrbezahlung von Spielern keine strafbare Handlung.
Die Spieler-Makler, von Alt-Bundestrainer Josef Herberger verächtlich als "Menschenhändler" eingestuft, beherrschen durch ihre umfassenden Detailkenntnisse den Markt. Als zum Beispiel Hertha BSC einen starken Außenläufer suchte, hatte Vermittler Schwab sofort den geeigneten Mann parat: Durch ständige Kontakte zu Spielern und Vereinen wußte er, daß sich Nationalspieler Hans Jürgen Sundermann, Außenläufer bei Viktoria Köln, zu verändern trachtete.
Aber selbst wenn ein Spieler noch keine Abwanderungsgedanken hegt, versuchen ihn die Vermittler mit einem Vorvertrag an sich zu ketten: Sie versprechen ihm im voraus den günstigsten Vertrag.
Aus möglichst hohen Handgeldern ziehen die Vermittler ihren Verdienst. Sie kassieren in der Regel zehn Prozent Provision. Dr. Ratz wird deshalb in Fachkreisen als "Dr. Zehnprozent" bezeichnet. Sein Kollege Schwab setzte am 15. Juni 1965, dem diesjährigen Stichtag für Vertragsunterzeichnungen, eine Million Mark um. Er verdiente dabei 100 000 Mark.
Zwar versuchte die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung in Nürnberg kürzlich, die Spielervermittler durch Strafandrohung einzuschüchtern. Doch vergebens: Für das Vermittlungsmonopol der Arbeitsämter gibt es eine Ausnahme. Artisten und Künstler dürfen von privaten Agenturen vermittelt werden. Zu dieser Ausnahme-Kategorie zählen die Finanzämter die Bundesliga-Spieler wegen ihrer hohen Gagen. Außerdem sind die Nürnberger Vermittler auf absehbare Zeit nicht in der Lage, die Bedürfnisse des Fußballmarktes zu befriedigen.
Gefahr droht jedoch den Bundesliga-Klubs. Nicht alle haben sich rechtzeitig vom biederen Amateur-Gebaren auf moderne, wirtschaftliche Betriebsführung umgestellt. Durch hemmungslose Ausgaben geriet Schalke 04 mit 800 000 Mark in die roten Zahlen. Der siebenmalige deutsche Meister mußte seine Stadion-Anlagen an die Stadt Gelsenkirchen verkaufen. Auch München 1860 (mit 500 000 Mark) und Hertha BSC (mit 242 000 Mark) trieben ins Defizit.
Nicht selten rächt sich die Fußball-Erbsünde - leichtsinnige und verbotene Finanzaktionen - an den ehrenamtlichen Klub-Funktionären. Schalkes ehemaliger Präsident Dr. König wurde beispielsweise der Steuerhinterziehung zugunsten seines Vereins angeklagt und deswegen monatelang von seinem Amt als Gelsenkirchener Stadtkämmerer beurlaubt. Der Spielausschuß-Vorsitzende von Eintracht Frankfurt, Ernst Berger, mochte sich 1965 nicht wiederwählen lassen: "Ich möchte endlich wieder ruhig schlafen."
Robustere Naturen drängten sich in das Bundesliga-Geschäft. Jahrelang hatte zum Beispiel der Gastwirt Heinz Dolle für den mehrmaligen deutschen Meister Borussia Dortmund als Einkäufer gewirkt. Zusammen mit Direktor Schönherr von der Dortmunder Union -Brauerei ließ er sich 1964 - die Borussia-Mitglieder wurden mit Freibier bewirtet - in den Vorstand wählen. Als Trainer Eppenhoff seinem Machtstreben im Wege stand, setzte er dessen fristlose Entlassung und sogar ein Platzverbot durch. Doch die Mannschaft hielt zum Trainer. Sie drohte mit Streik. Eppenhoff blieb. Dolle wurde zum Rücktritt gezwungen.
Standfester behaupteten sich die Berliner Funktionäre Wolfgang Holst und Günter Herzog bei Hertha BSC. Sie waren zwar im Februar durch einen Mißtrauensantrag mit dem gesamten Vorstand abgewählt worden (SPIEGEL 12/1965). Aber vom Ältestenrat ließen sie sich als Hertha-Mitarbeiter bestätigen. Holst: "Herzog hat schließlich 100 000 Mark in den Verein investiert." Herzog hatte gedroht: "Wenn ich heute auspacke, existiert morgen Hertha BSC nicht mehr."
Das Intrigenspiel der Hertha-Funktionäre stürzte nicht nur den Berliner Klub aus dem siebten Bundesliga-Himmel (Hertha zog die meisten Zuschauer: 1 065 575 in einem Jahr) in den Regionalliga-Orkus. Es bewirkte die bisher schwerste Krise im deutschen Fußball.
Als DFB-Kassenprüfer Dr. Ziegler im April überraschend eine zweite Buchkontrolle vornahm, vermißte er 150 000 Mark. Eine Rückfrage bei Herthas Bank ergab, daß die Berliner nicht - wie Herzog behauptet hatte - den fehlenden Betrag eingezahlt, sondern einen Kredit in gleicher Höhe beantragt hatten. Schatzmeister Herzog sagte aus, er habe an Holst insgesamt 40 000 Mark ohne Quittung ausgezahlt: "Was damit geschehen ist, weiß ich nicht."
Wo Herthas Geld geblieben war, klärte sich schnell auf. 80 000 Mark hatte der Ulmer Nationaltorwart Wolfgang Fahrian erhalten. Anderen Spielern aus Westdeutschland war der Umzug nach Berlin mit Handgeldern bis zu 70 000 Mark erleichtert worden. Selbst die Berliner Spieler Faeder, Altendorf, Schimmöller und Eder erhielten bis zu 45 000 Mark an Treueprämien.
Herthas Funktionäre hatten versucht, in den Büchern die roten Zahlen zu vertuschen. So quittierte der Spieler Krampitz 50 000 Mark, erhielt aber nur 30 000 Mark. Anderen Spielern wurden vordatierte Wechsel überreicht. So erhielt beispielsweise Uwe Klimaschefski einen Wechsel über 25 000 Mark - fällig am 1. August.
Doch bei Hertha hielt man die Lage keineswegs für hoffnungslos. Die Funktionäre des Berliner Klubs ließen beim DFB durchblicken, daß ihnen ähnliche Verstöße von den anderen Bundesliga-Klubs bekannt seien. Hertha rechnete lediglich mit einer Geldstrafe.
Der rechtskräftige Ausschluß aus der Bundesliga durch das Urteil des DFBBundesgerichts wirkte sich auf den DFB wie ein Bumerang aus, als Holst und Herzog im Fernsehen zum Bundesliga-Strip-tease übergingen. Alle beschuldigten Vereine bestritten Herthas Anklagen mit fast dem gleichen Argument: "Unsere Bücher sind nicht beanstandet worden." Dazu ein DFB-Funktionär: "Buchprüfungen sind doch ein Witz." Als der HSV und Hannover 96 im Februar forderten, die unrealistischen Höchstgrenzen für Handgelder und Ablösesummen abzuschaffen, stimmten die anderen 14 Vereine - einschließlich Hertha BSC - dagegen.
Freilich zahlen nur unerfahrene Funktionäre überhöhte Handgelder direkt "Jeder Verein hat seine Masche", verriet HSV-Vizepräsident Dr. Barrelet, "um das Statut auszuhöhlen, ohne ertappt zu werden."
Herthas Holst, ein Vertreter für Spielautomaten, entdeckte den Automaten-Trick: Sechs neuen Spielern stellte er insgesamt 32 Spielautomaten auf (Gesamtwert: 160 000 Mark), die monatlich bis zu 800 Mark einspielen.
Am gebräuchlichsten ist die Versorgung der Spieler mit Tankstellen (Beispiel: Hans Schäfer aus der deutschen Weltmeister-Elf), Gastwirtschaften (Werner Liebrich, ebenfalls Weltmeister von 1954), Sportgeschäften (Weltmeister Max Morlock) oder mit Darlehen. Prominenten Spielern werden häufig auch Wohnungen und Wagen gestellt. Schalke 04 bezahlte etwa Nationalspieler Nowak für 15 000 Mark Mobiliar.
Beim HSV soll Nationalspieler Willi Giesemann einen Spirituosenladen übernehmen, für den Nationalspieler Gert Dörfel ist ein Papiergeschäft mit Toto- und Lotto-Annahme vorgesehen, für Nationalspieler Willi Schulz eine Versicherungsvertretung, in die sich ein Anwärter ohne Protektion erst einkaufen müßte. Für die HSV-Lizenzinhaber schloß der Verein Versicherungen ab, die nach sieben Jahren 35 000 Mark einbringen - falls der Spieler dann noch im HSV-Dreß spielt.
Außer durch Versicherungen unterstützt der 1. FC Köln einige Spieler mit Bausparverträgen oder Grundstücken. Nicht immer gereicht die wirtschaftliche Hilfe, die den Kickern meist durch Mäzene oder Strohmänner zugeschanzt wird, zum dauernden Vorteil. Dortmunds Nationalspieler Friedhelm Konietzka verwirtschaftete einen vom Klub mitfinanzierten Autoverleih. Er zog nach München um und in ein Schreibwaren- und Tabakgeschäft ein (Monatsumsatz: 50000 Mark). Münchens Nationalspieler Brunnenmeier erhielt einen Friseur-Salon, den seine Braut führte. Inzwischen ging die Verlobung jedoch in die Brüche. Die Zukunft des Salons ist ungeklärt.
Der Schalker Nationalspieler Reinhard Libuda, 21 (nach Herthas Behauptungen erhielt er 50 000 Mark Handgeld), bezog im Dortmunder Vorort Oespel eine von Borussia Dortmund angebotene Wohnung, während er noch mit Schalke im Abstiegskampf stand. Libuda ist einer der ersten wirklichen Fußballprofis in Deutschland. Er übt keinen normalen Beruf aus.
Max Merkel, mit 11 000 Mark Monatsgage der höchstbezahlte Trainer in Deutschland, versucht seine Spieler bei München 1860 aus allen beruflichen Verpflichtungen zu lösen. Sie sollen sich einzig auf Höchstleistungen im Fußball konzentrieren und vorbereiten. Nicht allen Spielern bekommt das abwechslungslose Kicker-Einerlei. "Ich sehe jeden Tag drei Westernfilme und Krimis", klagte Münchens Nationalspieler Bernd Patzke, ein Kaminkehrer. "Wenn das so weitergeht, falle ich vor lauter Langeweile noch einen an."
Die DFB-Idealisten scheuen davor zurück, den uneingeschränkten Berufsfußball einzuführen: Lizenzspieler sollen sich auf die Zeit nach Beendigung ihrer sportlichen Karriere beruflich vorbereiten.
Auch die Vereine fürchten den Professionalismus. Sie verweisen auf das abschreckende Beispiel Italiens. Dort werden Millionen für einzelne Stars ausgegeben, alle Klubs der Nationalliga sind verschuldet (AS Roma mit über neun Millionen Mark). Die meisten stehen unter dem Einfluß wohlhabender Industrieller. Einige Klubs subventioniert bereits die Liga-Organisation. Zudem saugen die Vereine mit den zahlungskräftigsten Mäzenen (wie etwa der von Öl-Millionär Angelo Moratti geförderte Verein Inter Mailand) die besten Spieler auf. In der Meisterschaft haben allenfalls sechs Mannschaften eine Chance. Die übrigen zwölf sind nur Statisterie.
Viele Alt-Funktionäre fürchten außer italienischen Zuständen, daß bei einem Verzicht auf alle Zahlungsgrenzen die Gemeinnützigkeit aufgehoben wird. Sie verschafft den Sport-Vereinen erhebliche Steuer-Erleichterungen. Aus den Einnahmen jedes Bundesliga-Spiels müssen an Steuern abgeführt werden:
- zehn Prozent Vergnügungssteuer;
- vier Prozent Umsatzsteuer.
Vom Jahresgewinn werden außerdem 49 Prozent Körperschaftssteuer und 11 Prozent Gewerbesteuer berechnet - aber erst nachdem alle Ausgaben, auch die für andere Amateur-Abteilungen des Vereins, abgezogen worden sind. Ließen die Länder-Finanzminister die Gemeinnützigkeit löschen, müßten die Bundesliga-Klubs von ihren gesamten Einnahmen Körperschafts- und Gewerbesteuer bezahlen. Außerdem kämen ein Prozent Vermögens- und drei Prozent Grundsteuer dazu.
Das Opfer wären die Amateur-Abteilungen. In der Bundesrepublik profitieren so gut wie alle ärmeren Sportarten vom reichen Onkel Fußball. Auf Vereins- und Verbandsebene wird im deutschen Sport eine Art von Lastenausgleich praktiziert. So subventioniert der DFB etwa die Modernen Fünfkämpfer, und die Bundesliga-Mannschaften unterhalten mit ihren Einnahmen zu einem beträchtlichen Teil beispielsweise die Handball-, Leichtathletik- oder Badminton-Abteilung ihrer Vereine.
Eine Aberkennung der Gemeinnützigkeit würde sogar die Struktur des deutschen Sports sprengen. Die Lizenzspieler-Abteilungen müßten unabhängig vom Gesamtverein und vom DFB - um ihnen die Gemeinnützigkeit zu erhalten - eine eigene unabhängige Profiliga gründen.
Doch viele Experten teilen diese Sorgen nicht. "Der Fußball ist - leider - auch politisch eine Macht", erklärte der Hamburger Karl Mechlen, Mitglied des Bundesliga-Ausschusses. "Ich möchte die Partei sehen, die es riskiert, unsere Vereine zu ruinieren." Die Finanzämter, die wegen der Gemeinnützigkeit der Klubs alle Anträge auf Höherbezahlung namhafter Spieler prüfen müssen, lehnten bisher in keinem Fall ab.
Vorausschauende Fußball-Funktionäre haben einen möglichen Ausweg aus dem Bundesliga-Dilemma propagiert: Ihr Vorbild ist England. Dort werden die Klubgeschäfte von bezahlten Managern geführt. Spielervermittler gibt es nicht. Die Vereine bieten Spieler, die nicht mehr benötigt werden oder darum bitten, zu Festpreisen auf Transferlisten an. Dr. Barrelet: "Der weiße Markt ist immer noch billiger als der schwarze."
Um die Bundesliga aus dem gegenwärtigen Chaos zu lösen, gibt es freilich nur ein Rezept: "Amnestie nach hinten - Freizügigkeit nach vorn" (HSV-Präsident Mahlmann). Das gültige Statut mit seinen Zahlungslimits würde zwangsläufig zu weiteren Skandalen führen. Ein DFB-Funktionär meinte ahnungsvoll: "Hertha hat noch lange nicht alle Fälle aufgedeckt. Einige prominente Namen fehlen." Der erste Fall nach dem Hertha-Knall ist bereits im Gespräch: Eintracht Frankfurt verpflichtete den prominenten Ungarn Istvan Sztani. Dessen belgischer Klub, Standard Lüttich, hatte 200 000 Mark gefordert.
Eine Aufhebung der Zahlungsgrenzen und die Einführung des Berufsfußballs würde auch den deutschen Gastarbeitern im Ausland - die nach dem gültigen Statut von deutschen Klubs nicht legal zurückgekauft werden können - die Heimkehr ins DFB-Reich ermöglichen. Nationalspieler Helmut Haller, der 1964 mit dem AC Bologna italienischer Meister wurde, erklärte: "Wenn in Deutschland der Berufsfußball erlaubt wird, komme ich zurück." Er nannte bereits den Verein, für den er spielen möchte: München 1860.
Beim DFB waren die Verstöße seiner Bundesliga-Klubs wohlbekannt. "Aber unter hundert Sündern", beklagte sich DFB-Generalsekretär Hans Paßlack, "finden wir höchstens einen Dummen der schuldig gesprochen wird." Für schnelle Lösungen ist der DFB durch seine vielen Instanzen zudem zu schwerfällig. Eine Änderung des Statuts muß zunächst der Bundesliga-Ausschuß beschließen. Dessen Vorschlag berät sodann der DFB-Beirat. Im Falle der Zustimmung wird der Änderungsvorschlag schließlich dem DFB-Bundestag zur Abstimmung vorgelegt, in dem neben den Bundes- und Regionalliga-Klubs auch die über 15 000 Amateur-Vereine Stimmrecht haben.
Doch für den äußersten Fall haben die DFB-Funktionäre in der Frankfurter Zentrale an der Zeppelinallee bereits eine Schocktherapie vorbereitet. "Wenn die Vereine von ihren Schulden aufgefressen werden", verkündete Paßlack in vertrautem Kreise, "kaufen wir einen nach dem anderen auf. Wir können uns das leisten. Der DFB ist immer flüssig."
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* Mit seinem ersten Kunden, Petar Radenkovic ("Bin i Radi, bin i König"), Torwart bei München 1860.

DER SPIEGEL 28/1965
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