07.07.1965

DDRÖstIicher Western

Im Wigwam herrscht Aufregung: Indianer 'und Weiße rennen durcheinander, ihr Geschrei hallt von nahen Bergen wider, aus ihren Flinten steigen Pulverrauchwölkchen zum Himmel. Aber das Getümmel dauert nicht lang.
"Halt!" tönt die Stimme des Regisseurs Josef Mach. "Genossen, die Szene sitzt noch nicht. Das Ganze noch einmal."
Die als Genossen angesprochenen Darsteller der Rothäute und Bleichgesichter sind zum großen Teil DDR eigene Filmschauspieler und zur Zeit mit den Dreharbeiten des ersten Wildwestfilms beschäftigt, der im Ulbricht -Reich entsteht. Titel: "Die Söhne der großen Bärin".
Hauptdarsteller und Chargen des östlichen Western, von Regisseur Mach (Tschechoslowakei) so oft beim Wildwestspiel gestört, haben es schwer: Sie finden sich im neuen Milieu kaum zurecht.
Bislang waren sie von der volkseigenen Staatsfilmgesellschaft Defa darauf gedrillt worden, das Leben großer Kommunisten ("Ernst Thälmann"), sozialistische Konflikte ("Terra incognita") oder westdeutschen Revanchismus ("Der Hauptmann von Köln") darzustellen.
Nun müssen sie mit ungewohnten Utensilien wie Tomahawk und Lasso, Federschmuck und Marterpfahl umgehen und in Gründen jagen, die bisher als kapitalistische Domänen verrufen waren.
Das Defa-Künstlerkollektiv reproduziert in Farbe und für Breitwand die großen Kämpfe der Dakota-Indianer gegen die Weißen. Als Drehbuchvorlage dient ein Jugend-Lesestoff, geschrieben von der Parteiveteranin Liselotte Welskopf-Henrich, 63, Professorin für Alte Geschichte an der Ost-Berliner Humboldt-Universität.
40 Jahre lang ("Ich habe mich von Kindheit an mit Indianergeschichten beschäftigt") hatte die Professorin die Probleme der amerikanischen Ureinwohner studiert; dann veröffentlichte sie "Die Söhne der großen Bärin".
Das Buch erreichte eine Auflage von über 200 000 Exemplaren und wurde zur Lieblingslektüre Karl-May-entwöhnter DDR-Jugendlicher. Und schon vor Jahren wollten sich die Ost-Berliner Filmproduzenten an den Bucherfolg hängen. Das Projekt kam indes nicht voran, weil ihm ein Partei-Veto im Weg stand, das den Western schlechthin als kapitalistischen Nährboden für Kriminalität verdammte.
Erst als die Defa die Produktionsgruppe "Roter Kreis" (Metier: politische Filme) ihres Film-Ideologen Professor Kurt Maetzig mit den Söhnen der Bärin beschäftigte, gab die SED ihren Widerstand gegen den Film auf. Denn nun schien gesichert, daß der Kassenschlager zugleich ein Klassenschlager wird. "Es wird kein Abenteuerfilm im schlechten - Sinne des Wortes", sagte Liselotte Welskopf-Henrich, "weil wir eben nicht nur die abenteuerlichen Kämpfe der Männer zeigen, sondern auch das Leben in den Dorfgemeinschaften."
Das Leben in der Filmgemeinschaft, die in der bewährten europäischen Westernkulisse Jugoslawien am Farbfilm arbeitete, wurde bereits empfindlich gestört: Die Artisten-Brüder Fritz und Friedhelm Fabiunke aus Ost-Berlin flüchteten in die Bundesrepublik.
Die Gefahr besteht beim Hauptdarsteller nicht: Der jugoslawische Sportstudent Gujko Mitic, der für die Defa den Häuptling Toka-ihto spielt, ist gegen Flucht-Versuchung gefeit. Mitic wertet seine Fähigkeiten bereits in Ost und West aus.
In der bundesdeutschen Karl-May -Produktion "Unter Geiern" verkörperte er den Häuptling der Schoschonen.
Defa-Darsteller Mitic*
Genossen im Wigwam
* Als Häuptling in dem bundesdeutschen Karl-May-Film "Unter Geiern".

DER SPIEGEL 28/1965
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