04.08.1965

MARLZinsen aus Berlin

Im Mai ließ die Verwaltung der Ruhrstadt Marl (95 000 Einwohner) zur Erinnerung an den gerade verstorbenen Bürgermeister Rudolf-Ernst Heiland ein schwarz drapiertes Porträt des Kommunalpolitikers und SPD-Bundestagsabgeordneten im Rathaus aufhängen. Zehn Wochen danach, im Juli, verschwand es wieder: Die Hinterbliebenen hatten entdeckt, daß zur Amtszeit Heilands der Stadtkasse 1,55 Millionen Mark abhanden gekommen waren.
Über den Verbleib des Geldes gab es zunächst nur einen einzigen Hinweis: Die anderthalb Millionen waren von dem rührigen Bürgermeister, der Marl während seiner 19jährigen Herrschaft um ein futuristisches Rathaus, eine der modernsten Kliniken Europas und die vielgerühmte Bildungsstätte "insel" bereichert hatte, nach Berlin transferiert worden.
Erst Recherchen des Heiland-Nachfolgers Immel und des Marler Amtsdirektors Oehler in Berlin brachten Licht in die Transaktion des ebenso tüchtigen wie selbstherrlichen "ungekrönten Königs von "Marl" ("Ruhr -Nachrichten"): 1962 hatte der Finanzmakler und Diplom-Volkswirt Dr. Heribert Froechte, 59, dem Bürgermeister empfohlen, die Finanzvorteile Berlins zugunsten Marls zu nutzen und Gelder aus dem städtischen Sparstrumpf gegen hohe Zinsen in der Frontstadt anzulegen.
Der sozialistische Heiland stimmte der kapitalistischen Manipulation zu. Und ohne das Gemeindeparlament zu befragen oder zu unterrichten, ließ er den Stadtkämmerer Dr. Martin Seyfert insgesamt 1,55 Millionen Mark nach Berlin überweisen.
Das Geld ging zunächst an die Privatbank Karl Papenberg KG in der Berliner Hardenbergstraße, später - auf Betreiben Froechtes - an die "Handels-Kredit Aktiengesellschaft".
Hinter dem aufwendigen Namen dieses Instituts, das ebenfalls in der Hardenbergstraße residiert, verbirgt sich jedoch nur ein "Kreditmakler auf allen Finanz-Gebieten". "Festbesoldete Beamte" konnten dort "langfristige Darlehen ab DM 5000,- zu günstigen Bedingungen" bekommen. Jahresabschlüsse hat die Firma nie veröffentlicht.
Nach dem Tode des Firmenvorstands Paul Langbein im Jahre 1963 übernahm Heiland-Berater Froechte die Handels -Kredit AG. Zunächst erhielt Marl auch weiterhin prompt die vierteljährlich fälligen Zinsen (22 000 Mark). Als jedoch am 30. April dieses Jahres 50 000 Mark von der Grundsumme zur Rückzahlung anstanden, schickten die Berliner einen ungedeckten Scheck nach Marl.
Der Kämmerer prolongierte das Papier. Als aber der Scheck auch im Juni - Heiland war inzwischen verstorben, Kämmerer Seyfert weilte gerade im Urlaub - noch immer nicht eingelöst werden konnte, kam Heilands mißlungene Geldvermehrung auf.
Kämmerer Seyfert, zur Rede gestellt, beantragte ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst und verteidigte sich damit, daß er "auf Anweisung" Heilands gehandelt halbe. Der Bürgermeister habe das Berliner Geldinstitut wie den Finanzmann Froechte stets als honorig hingestellt.
Die Marler verzichteten vorläufig darauf, etwas gegen die Handels-Kredit AG zu unternehmen. Sie hoffen, daß sich die Kasse der Finanzmaklerei, die das Geld vorwiegend als Teilzahlungskredite an Handwerker und Geschäftsleute ausgeliehen hat, doch noch wieder füllt. Außerdem versprach Froechte, er werde notfalls mit seinem Privatvermögen für den Schaden haften.
Vorsichtshalber aber zog der Marler Rat inzwischen Konsequenzen. Er beschloß zunächst einmal, den noch fehlenden dritten Turm (Kosten: rund sieben Millionen Mark) des Heiland -Rathauses vorerst nicht zu bauen.
Marler Bürgermeister Heiland
Ein Scheck war ungedeckt
Marler Rathaus
Der dritte Turm wird nicht gebaut

DER SPIEGEL 32/1965
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