NESTLE
Gold entdeckt
PRODUKTE
Bislang wurden nur die Hamburger des Wunders teilhaftig. Ihnen offeriert die Deutsche Nestle AG "herrlichen Filterkaffee - ohne zu filtern".
Auf dem hanseatischen Markt testet die Frankfurter Tochter des schweizerischen Nestle-Konzerns (Marken: Findus, Jopa, Maggi, Sarotti) die Erfolgschancen ihres neuartigen Extraktpulvers "Nescafe Gold".
Zum erstenmal seit Schnellkaffee vor über 20 Jahren in amerikanischen Militärrationen sein Debüt gab, sind Herstellung und Qualität des Produkts einschneidend verändert worden. Nestle nennt den neuen Prozeß "Filterfrio" -Verfahren.
Nach der herkömmlichen Methode wird der gemahlene Kaffee in Großanlagen aufgebrüht und gefiltert; dem Extrakt wird danach mit Heißluft das Wasser entzogen, so daß die pulverfeinen Feststoffe zurückbleiben.
Bei "Filterfrio" gibt es zunächst auch einen gefilterten Extrakt. Wie es weitergeht, schildert die "Nescafe Gold" Werbung: "Statt mit Hitze machen wir es mit Kälte. Blitzschnell wird der filterfrische Kaffee tiefgefroren. Auf über minus 40 Grad. Dann entziehen wir ihm das Wasser (genauer: das Eis). Wir lassen es verdunsten. Im Vakuum."
Da sich mit Tiefkühlung flüchtige Aromastoffe besonders gut konservieren lassen, können die Nestle-Werber frohlocken: "So schmeckt nur gefilterter Bohnenkaffee."
Was die Anzeigen, Plakate und Fensterkleber an Hamburgs U-Bahn -Wagen mit dem Jubelruf "Entdeckt!" präsentierten, war freilich keine Nestle -Entdeckung. Die US-Firma General Foods (Maxwell) testet bereits seit einem Jahr in Amerika ihr Kälte -Kaffeepulver "Maxim". Und die Deutsche Extrakt Kaffee GmbH (DEK) in Hamburg, die für Versandhäuser, Kaffeefirmen und andere Großabnehmer produziert, kündigte wenige Tage vor Beginn der Nestle-Kampagne ihrer Händler -Kundschaft ebenfalls einen "gefriergetrockneten" Instant-Kaffee an.
Nestle war lediglich als erster darauf verfallen, in Westdeutschland aus dem Kälte-Verfahren in großem Stil Werbenutzen zu ziehen. Die Novität kam den Frankfurtern sehr gelegen.
Ihr Nescafe hatte bis 1955 ein fast unbestrittenes Monopol in der Bundesrepublik genossen, war dann aber unter wachsender Konkurrenz stetig abgesackt. Heute hält er noch etwa 40 Prozent Marktanteil.
Überdies weckt der Konserventrank bei vielen Verbrauchern Mißtrauen, das Nestle-Direktor Alfred A. Keller so charakterisiert: "Kein echter Bohnenkaffee, vielleicht synthetisch hergestellt." Keller hofft, solche Vorbehalte mit dem neuen Produkt abzubauen.
Bei der Röstkaffee-Branche hat "Nescafe Gold" denn auch bereits Unbehagen erregt. Hamburgs Bohnen -Versandhaus Tchibo zog sogar gegen die Nestle-Werbung vor Gericht: Als Filterkaffee dürfe nur bezeichnet werden, was aus der häuslichen Tüte tropft.
Neue Extrakte (General Foods, DEK, Nestle)
Tiefgefroren und verdunstet
DER SPIEGEL 32/1965
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