04.08.1965

Rußland im Krieg

Von Werth, Alexander

6. Fortsetzung

Die Schlacht von Kursk

Hitlers Prestige hatte durch die Niederlage von Stalingrad schwer gelitten. Der Krieg in Rußland war kaum noch zu gewinnen; aber Hitler brauchte unbedingt einen überwältigenden, eindrucksvollen Sieg, einen Sieg wie den, den die Russen bei Stalingrad errungen hatten. Der Frontbogen von Kursk, den die Russen nach Westen vorgetrieben hatten, schien das richtige Terrain zu sein, um der Roten Armee eine sensationelle Niederlage zu bereiten.

Für die Russen stellte der Kursker Frontbogen das Sprungbrett für die Wiedergewinnung des Gebietes um Orel und der Ukraine dar, und sie hatten dort enorme Truppenmassen konzentriert. Seit März 1943 war der Bogen mit Tausenden von Kilometern messenden Schützengräben durchzogen, mit Tausenden von Artilleriestellungen befestigt worden. Stellenweise waren die Verteidigungsanlagen mehr als hundert Kilometer tief.

Deutschen Darstellungen zufolge war Hitler im Frühjahr 1943 entschlossen, die vom Finnischen Meerbusen bis zum Asowschen Meer laufende Front zu halten und im Verlauf seiner "Operation Zitadelle" den Sowjets bei Kursk eine nachhaltige Niederlage beizubringen. Wenn es gelänge, starke sowjetische Kräfte in dieser Falle zu fangen, würde dies die gesamte strategische Lage entscheidend zu Deutschlands Gunsten verändern und sogar eine neue Offensive gegen Moskau ermöglichen.

Nichts kam den Russen besser zustatten, als daß die Deutschen gerade dort angreifen wollten, wo sie selbst am stärksten waren. In welchem Ausmaß die Sowjets schwere Waffen im Hauptkampfgebiet massiert hatten, ersieht man am besten aus der Tatsache, daß In knapp drei Monaten etwa 500 000 mit Kriegsmaterial beladene Eisenbahnwaggons aus dem Inneren Rußlands in den Kursker Frontbogen gerollt waren.

Die Deutschen andererseits hatten entlang dem Frontbogen etwa 2000 Panzer (nach russischer Darstellung mehr als 3000) zusammengezogen, von denen sich mehr als die Hälfte in dem von Generaloberst Hoth befehligten Südabschnitt befanden. Außerdem standen 2000 Flugzeuge einsatzbereit.

In vier Tagen erzielten die Deutschen nur relativ geringe Erfolge - sie brachen an einer Front von mehr als 20 Kilometer Länge im Norden etwa 18 Kilometer tief und an einer 50 Kilometer breiten Front im Süden etwa 50 Kilometer tief ein. Fast 200 Kilometer waren die beiden deutschen Angriffskeile noch voneinander entfernt, als die Bewegung zum Stillstand kam.

Die deutschen Panzerreserven waren praktisch verbraucht, die Initiative ging auf die Rote Armee über. Trotz der schweren Verluste, die auch die Sowjets in der Schlacht von Kursk erlitten hatten, war das sowjetische Oberkommando noch in der Lage, mit überlegenen Kräften auf breiter Front zur Sommeroffensive anzutreten.

In Moskau herrschte Hochspannung, als der Beginn der deutschen Offensive mitgeteilt wurde. Aber schon am ersten Tag der Schlacht waren zwei Dinge völlig klar: daß die Deutschen gewaltige Kräfte in den Kampf geworfen hatten und daß sie Verluste in bisher ungekanntem Ausmaß hinnehmen mußten, ohne sie durch nennenswerte Erfolge aufwiegen zu können. Der sowjetische Frontbericht des ersten Kampftages lautete:

"Seit heute morgen stehen unsere Truppen in hartem Kampf gegen starke feindliche Infanterie- und Panzerkräfte, die in den Abschnitten Orel, Kursk und Belgorod angreifen. Die feindlichen

Verbände werden von zahlreichen Flugzeugen unterstützt. Alle Angriffe wurden unter schweren Verlusten für den Feind abgewiesen; nur an einigen Stellen konnten kleinere deutsche Einheiten geringfügige Einbrüche in unsere Verteidigungslinien erzielen."

Am 9. Juli war die Sorge fast geschwunden, die schon nach den ersten Erfolgsmeldungen wieder gewichen war.

"Die Tiger brennen", lautete die Überschrift eines Presseberichtes von der Front. In ihm wurden Erklärungen verstörter deutscher Gefangener wiedergegeben, die von einem Blutbad sprachen, wie sie es noch niemals erlebt hätten. "Unsere Sanitäter und Ärzte waren gar nicht mehr in der Lage, sich mit allen Verwundeten zu beschäftigen." Die Verbandsplätze hätten ausgesehen wie Schlachthäuser, berichtete ein im Raum Belgorod gefangener deutscher Unteroffizier.

Am 15. Juli wurde im sowjetischen Frontbericht mitgeteilt, die Gegenoffensive der Sowjets in Richtung Orel habe begonnen. In drei Tagen seien die sowjetischen Truppen 25 bis 45 Kilometer vorangekommen.

Am 24. Juli wurde der Befehl Stalins an die Generale Rokossowski, Watutin und Popow veröffentlicht, in dem die "endgültige Liquidierung der deutschen Sommeroffensive" sowie die Wiedergewinnung des gesamten Gebiets mitgeteilt wurde, das die Deutschen seit dem 5. Juli besetzt hatten. Der feindliche Plan, in einem Überraschungsangriff bis Kursk vorzustoßen, sei völlig fehlgeschlagen. Die Legende, daß die Deutschen in den Sommerschlachten stets vorrücken könnten, sei ein für allemal zerstört. Die deutschen Verluste wurden mit 70 000 Toten, 2900 Panzern, 195 Selbstfahrlafetten, 844 Feldgeschützen, 1392 Flugzeugen und mehr als 5000 Kraftfahrzeugen angegeben. Ein solches Gemetzel auf solch begrenztem Raum hatte es noch nie gegeben.

Als ich ein paar Wochen später durch die ukrainische Provinz von Woltschansk nach Waluiki und dann nach Belgorod und Charkow fuhr, sah ich, daß das Gebiet nördlich von Belgorod (wo die Deutschen

etwa 50 Kilometer vorgestoßen waren) in eine grauenerregende Wüste verwandelt worden war, in der die Granaten jeden Baum und jeden Strauch zerfetzt hatten. Hunderte ausgebrannter Panzer und zerschossener Flugzeuge bedeckten das Schlachtfeld, und der Gestank, den Tausende nur halb vergrabene Leichen verbreiteten, erfüllte noch in mehreren Kilometer Entfernung die Luft.

Die Überlebenden aber hatten große Tage. Für die Russen begann die Zeit der Siegesmeldungen am 5. August 1943. Die tiefe Stimme des Moskauer Rundfunksprechers Lewitan brachte die Sondermeldung über die Befreiung von

Orel und Belgorod. Zum erstenmal wurden dabei Wendungen gebraucht, die für die Russen in den folgenden beiden Jahren wie süße Musik klangen:

"Befehl des Obersten Befehlshabers an Generaloberst Popow, Generaloberst Sokolowski, Armeegeneral Rokossowski, Armeegeneral Watutin, Generaloberst Konjew...

"Am heutigen 5. August haben die Truppen der Brjansker Front im Zusammenwirken mit der West- und Mittelfront nach schweren Kämpfen die Stadt Orel genommen. Ebenfalls am heutigen Tag brachen die Truppen der Steppen - und der Woronesch-Front den feindlichen Widerstand und eroberten die Stadt Belgorod."

Nachdem die Einheiten, die als erste in die wiedergewonnenen Städte eingedrungen waren, namentlich aufgeführt worden waren - sie durften sich ab sofort "Orel-Regimenter" und "Belgorod -Regimenter" nennen -, hieß es:

Am heutigen 5. August um 24 Uhr wird Moskau, die Hauptstadt unseres Landes, die tapferen Truppen, die Orel und Belgorod befreit haben, mit zwölf Salven aus 120 Geschützen grüßen. Ich drücke allen Truppen, die an der Offensive teilnahmen, meinen Dank aus ... Ewigen Ruhm den Helden, die im Kampf um die Freiheit unseres Landes fielen. Tod den deutschen Eindringlingen!

Der Oberste Befehlshaber Marschall der Sowjet-Union Stalin.

Die Zeit der Siegessalven hatte begonnen.

Die sowjetische Entscheidung, den Sieg von Kursk mit Siegessalut und Feuerwerk zu begehen, war nicht zufällig. Das russische Oberkommando wußte, daß Rußland mit der Schlacht von Kursk den Krieg gewonnen hatte.

Das ist im übrigen auch die Ansicht deutscher Militärhistoriker der Nachkriegszeit: Stalingrad war der politisch psychologische Wendepunkt - die deutsche Niederlage bei Kursk und Belgorod dagegen der militärische Wendepunkt des Krieges im Osten.

Charkow unter den Deutschen

Charkow mit seinen nahezu eine Million Einwohnern war die erste Stadt dieser Größenordnung, die die Russen von deutscher Besatzung befreiten. Wie hatte eine solche Großstadt eineinhalb Jahre unter den Deutschen gelebt? Die Einwohner waren vor allem Ukrainer, aber immerhin bestand fast ein Drittel der Bevölkerung aus Russen.

Für die Zeit, die Charkow unter deutscher Besatzung verbrachte, waren vielerlei Umstände kennzeichnend: Hungersnot, Terror, Vernichtung der Juden und Duldung eines schwarzen Marktes, auf dem sich die deutschen Soldaten aktiv betätigten; Versuche, Zwietracht zwischen Ukrainer und Russen zu säen; Unterdrückung des russischen und ukrainischen kulturellen Lebens; Verbitterung gegen die Deutschen wegen der Deportation zahlreicher junger Leute als Fremdarbeiter nach Deutschland; Existenz einer sowjetischen Untergrundbewegung.

Die "Stadtverwaltung" - ein ukrainischer Bürgermeister mit seinem Stadtrat

- stand völlig unter der

Fuchtel der deutschen Militärbehörden. Der Bürgermeister, Alexander Semenenko, zog mit den Deutschen ab und kehrte mit ihnen im März 1943 zurück.

Bei meiner Ankunft in Charkow im Februar 1943 war die Front noch immer sehr nah. Es war erst einige Tage her, daß die Russen die Stadt besetzt hatten.

Der Flugplatz sah schlimm

aus; die Hallen und alle

anderen Gebäude waren dahin. Ein junger Luftwaffenoffizier erzählte: "Bevor die Deutschen abrückten, haben sie alles auf diesem Flugplatz vernichtet."

Vom Flugplatz nach Charkow war es ziemlich weit. Die meisten der größeren Gebäude an der Straße waren vom Feuer zerstört. Kilometer um Kilometer fuhren wir durch endlos scheinende Vorstädte, ehe wir das Zentrum erreichten.

Hoch oben auf einem Hügel stand eine Anzahl 14 bist 16stöckiger Häuser. Die meisten dieser Wolkenkratzer am Dserschinski-Platz hatten die Deutschen vor ihrem Abzug in Brand gesetzt; nur zwei waren noch heil.

Vor dem Krieg hatten in Charkow 900 000 Menschen gelebt. Als dann die Flüchtlinge vom Westen her in die Stadt strömten, stieg die Zahl auf 1,3 Millionen an. Als sich im Oktober 1941 die Deutschen näherten, begann die Evakuierung Charkows. Doch hatten, als die Deutschen in die Stadt kamen, dort immerhin noch rund 700 000 Menschen gelebt. Jetzt waren es nur noch 350 000. Was war mit den anderen Einwohnern geschehen?

Nach offiziellen russischen Angaben errechnet sich dieser Bevölkerungsschwund so: 120 000 Menschen. vor allem junge Leute, wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschafft; 70 000 oder 80 000 verhungerten oder erfroren, vor allem im fürchterlichen Winter 1941/42; etwa 30 000, darunter 16 000 Juden (Männer, Frauen und Kinder), die in Charkow geblieben waren, wurden von den Deutschen getötet. Der Rest war auf das Land geflohen.

Ich habe versucht, die Zahlen zu überprüfen und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Zahlen der Verhungerten und Erfrorenen waren leicht übertrieben, ähnlich die Zahl der erschossenen Nichtjuden. Die anderen waren korrekt, die der Deportierten sogar zu niedrig angesetzt.

Allenthalben standen noch deutsche Verbotsschilder: "Parken verboten", dies "verboten" und das "verboten". Auch die

Straßenschilder waren deutsch, und an einem Haus befand sich noch das ominöse Schild: "Arbeitsamt Charkow". Hier wurden die Zwangsarbeiter, die man nach Deutschland schickte, rekrutiert.

Auf dem Dserschinski-Platz waren viele Leute unterwegs. Die meisten sahen abgerissen, unterernährt und nervös aus.

Die Leute auf den Straßen Charkows waren recht gesprächig; man hatte das Gefühl, daß sie einem alle etwas erzählen wollten. Ich erinnere mich beispielsweise an einen kleinen Mann, der verhaftet wurde, kurz nachdem die Deutschen gekommen waren.

Sie sperrten ihn vierzehn Tage lang im inzwischen ausgebrannten Hotel "International" ein und gaben ihm fast nichts zu essen. Dann wurde er entlassen. Aber er hatte furchtbare Erlebnisse gehabt; jede Nacht konnte er hören,

wie man Leute zur Exekution fortbrachte. Viele von den Hingerichteten waren Kommunisten, die man bei den Deutschen denunziert hatte.

Der Mann war vor dem Krieg Optiker gewesen. Von den Deutschen bekam er schließlich in den großen Charkower Elektrowerken, die ein deutscher Konzern übernommen hatte, eine Stellung. Da die Russen alle Maschinen weggeschafft hatten, mußten die Deutschen ihre eigenen mitbringen. Einmal am Tag gab es eine warme Mahlzeit. Die Brotration betrug etwa 350 Gramm.

"Der Lohn", sagte er, "betrug angeblich einen Rubel und 70 Kopeken in der Stunde, aber als ich nach zwei Wochen mein Geld abholen wollte, gab mir der deutsche Buchhalter nur 75 Rubel. Auf meinen Protest erwiderte der Deutsche: 'Wir mußten Steuern abführen. Im übrigen brauchen Sie das Geld ja nicht anzunehmen, und wenn Sie noch ein Wort sagen, schlage ich Ihnen die Fresse ein.' Schließlich konnte ich es dort nicht länger aushalten. Die Deutschen ließen mich gehen, weil ich ein kranker Mann war."

Danach verdiente er sich seinen Lebensunterhalt damit, daß er Brillen auf dem Markt verkaufte.

Natürlich hielten sich Tausende dadurch am Leben, daß sie auf dem schwarzen Markt kauften und verkauften; Leute mit und Leute ohne Stellung

- alle mußten es tun.

"Wenn man Geld hatte", sagte eine Frau, "konnte man von den deutschen

Soldaten alles kaufen, was man wollte. Sie hatten Armbanduhren zu Dutzenden. Sie nahmen sie einfach den Leuten auf der Straße weg und verkauften sie auf dem Markt."

"Und nicht nur Armbanduhren", fiel eine andere Frau ein. "Meine Tochter wurde bei hellem Tageslicht von einem deutschen Soldaten angehalten. Ihre Schuhe gefielen ihm, und er befahl ihr, sie auszuziehen. Er verkaufte sie auf dem Markt, vielleicht hat er sie aber auch nach Hause geschickt."

"Ihre Tochter hatte Glück", sagte der kleine Mann, "oder sie muß recht häßlich sein. Oft zwangen sie die Mädchen einfach, mit ihnen zu gehen."

Viele der Umstehenden schrien, daß es wahr sei, und, was noch schlimmer gewesen sei, viele junge Mädchen seien gezwungen worden, in den Wehrmachtsbordellen zu arbeiten. Die Deutschen hätten die gutaussehenden Frauen einfach aus den Schlangen herausgepickt, die sich vor den Arbeitsämtern anstellten. Natürlich gab es viele Geschlechtskranke in der Stadt...

Dann erzählten die Leute von den Hinrichtungen, öffentlichen Hinrichtungen. Diese hatten offenbar auf alle den tiefsten Eindruck gemacht. An der Ecke Sumskaja-Straße und Dserschinski -Platz stand ein großes, ausgebranntes Gebäude. Es war das Hauptquartier der Gestapo gewesen.

Einige Frauen erzählten, wie man im November 1941 die Bevölkerung unter dem Vorwand auf dem Platz versammelt hatte, es finde eine wichtige Bekanntmachung statt. Plötzlich stieß man vor den Augen der Menge mehrere Menschen von den Balkons des Gestapo -Hauptquartiers; man hatte ihnen Stricke um die Hälse gebunden und die anderen Enden am Balkongeländer befestigt.

An vielen Stellen in Charkow seien an diesem Tag Leute gehenkt worden. Es habe zahlreiche Denunzianten in Charkow gegeben, welche die Kommunisten an die Deutschen verraten hätten.

Andere Frauen berichteten von der allmählichen Verwahrlosung der Kinder. Die Schulen waren geschlossen worden. Kleine Jungen mußten auf den Straßen betteln. Andere transportierten, um ein paar Rubel zu verdienen, auf kleinen Handwagen die Pakete und das Gepäck der deutschen Soldaten.

"Die halbe Bevölkerung", sagte eine Frau mit blassem Gesicht, "ließ die Kinder für sich arbeiten. Kleine, hungrige Kinder mußten für sich selbst sorgen - so etwas hat es noch nie gegeben! Unter Stalin bekommen die Kinder das Beste von allem, aber nicht unter diesen deutschen Schweinen. Inzwischen sind aus vielen von ihnen ausgesprochene Diebe und Herumtreiber geworden. Aber was kann man machen, wenn das Kilo Brot auf dem schwarzen Markt 150 Rubel kostet?"

Ich hatte ein Gespräch mit einem Arbeiter namens Tscherepachin, der behauptete, während der Besatzungszeit Mitglied der Untergrundbewegung gewesen zu sein. Er erzählte mir erschütternde Geschichten über die Gestapo.

"Es ist vielleicht nicht sehr marxistisch, das zu sagen", meinte er, "aber die Deutschen sind schlecht - und zwar nahezu jeder von ihnen. Vielleicht gibt es Ausnahmen, aber ich habe keine getroffen." Dafür hatte er, wie er erzählte, in Charkow Italiener kennengelernt, die ganz anders gewesen seien als die Deutschen. Sie haßten die Deutschen, erzählte er, und würden vermutlich bald aus dem Krieg aussteigen.

"Viele dieser Italiener waren wirklich anständige Kerle", sagte er. "Für einen von ihnen organisierte ich Gitarrensaiten. Er lud mich heimlich in das Haus ein, wo er und einige andere Italiener lebten. Sie schimpften auf Hitler, spielten Gitarre und sangen. Sie hatten wenig zu essen, aber sie schenkten mir aus einer strohumhüllten Flasche guten Wein ein. Wirklich anständige Kerle. Aber sie waren schlecht dran. Nicht einmal richtige Schuhe besaßen sie, und sie litten entsetzlich unter der Kälte. Ich sprach auch mit einer Menge Ungarn. Obwohl es sich zum großen Teil um Diebe und Schwarzhändler handelte, waren sie im Grunde gute Kerle und verabscheuten die Deutschen."

Natürlich gab es Leute, besonders unter den Handwerkern und Ladenbesitzern, die, ohne sich mangelnden Patriotismus vorwerfen lassen zu müssen, versucht hatten, das Beste aus den Verhältnissen zu machen. Zu diesen Leuten gehörte auch die Friseuse, die regelmäßig in unser Haus kam, um uns und die hier lebenden Offiziere der Roten Armee zu rasieren.

Die dralle junge Friseuse, mit Rouge, Lippenstift und Dauerwelle, gab zu, daß sie unter der deutschen Besetzung besser gelebt habe als die meisten Leute.

"Deutsche oder nicht", sagte sie, "man muß leben. Mit einer Ration von 300 Gramm Brot kann man das nicht. Ich hatte ein Kind von vier Jahren, und mein Mann war schon mehr als drei Jahre weg. Die Preise auf dem Schwarzmarkt waren furchtbar hoch - 130 bis 150 Rubel für ein Kilo Brot. Sie hätten sehen sollen, wie froh die Leute im vergangenen Mai waren, als sie dachten, die Rote Armee kommt zurück. Aber sie kam nicht, und ich mußte im Friseurladen weitermachen.

"Eine Menge Deutsche, muß ich sagen, waren recht nette Leute. Einen Major, der lange Zeit täglich zum Rasieren kam; habe ich ein- oder zweimal geschnitten. Ich sagte: 'Ach, entschuldigen Sie bitte, Herr Major!' Er aber lachte nur und sagte: 'Ach, das tut nichts.' Und sie gaben gute Trinkgelder, die deutschen Offiziere.

"Natürlich geschahen auch fürchterliche Dinge. Diese Hinrichtungen machten einen krank für Tage. Und auch das mit den Juden war furchtbar. Man trieb sie in endlosen Prozessionen durch die Straßen, viele schoben Kinderwagen oder Schubkarren mit Kindern vor sich her, und alle weinten. Ich konnte verstehen, daß sie die Juden irgendwo hinschicken wollten - aber sie alle auf so schreckliche Weise umzubringen, das ging schon ein bißchen zu weit, finden Sie nicht?

"Die Deutschen können sehr grausame Leute sein. Aber manche waren recht anständig. Und einige von ihren Offizieren waren ganz verrückt nach unseren Frauen ... Aber unsere Frauen sind eben auch soviel attraktiver als die deutschen Frauen. Und die deutschen Frauen waren ekelhaft. Sie benahmen sich, als seien sie hier zu Hause. Es gab Hunderte, und sie setzten sich in die besten Wohnungen..."

Für die deutschen Soldaten war Charkow eine Großstadt, in der es sich gut leben ließ. Die Theater wurden fast ausnahmslos von Deutschen betrieben, und die Programme entsprachen dem. Man führte "Aida" und "Don Quichotte" und Wiener Operetten auf und veranstaltete Wagner-Konzerte. Es gab zahlreiche Restaurants, Cafés und Bordelle.

Ganze deutsche Familien waren in die Stadt gekommen, um hier Geschäfte zu eröffnen. Auch manchen Einheimischen gelang es, Konzessionen für kleine Läden und Marktstände zu erhalten, und viele Armenier führten Restaurants und Nachtklubs. Es gab manche, die von der Besetzung profitierten, und das waren keineswegs nur Deutsche.

Die Intellektuellen auszuschalten, gehörte zur deutschen Politik in der

Ukraine. Ich sprach in Charkow mit einer Anzahl Professoren und Lehrer der Universität und einigen der anderen fünfunddreißig technischen und sonstigen Lehranstalten,die hier unter den Sowjets existiert hatten Diese Leute hatten die Besatzungszeit überlebt, aber viele ihrer Kollegen hatten den Tod gefunden. Manche hatte man erschossen, weil sie Juden oder Parteimitglieder waren oder weil man sie, lediglich der Mitgliedschaft verdächtigte. Einige hatten Selbstmord verübt. Andere waren verhungert.

Die Deutschen hatten die Bibliotheken und Laboratorien geplündert und vor ihrem Abzug auch noch eine Reihe von Universitätsgebäuden zerstört. Die Universitätslehrer, die am Leben geblieben waren, hatten von der Hand in den Mund gelebt, indem sie handgemachte Zündhölzer und Seife auf dem schwarzen Markt verkauften.

Sämtliche Mitttel-, Fach- und Berufsschulen (insgesamt 137) waren geschlossen worden; lediglich an 23 Grundschulen hatten die Deutschen noch Unterricht zugelassen.

Von einer konstruktiven Planung konnte unter den Deutschen kaum die Rede sein. Alles befand sich im Zustand der Zerstörung und Auflösung. Die lokale Verwaltung wurde von den Deutschen national-ukrainischen Abenteurern und von ein paar antikommunistischen Emigranten wahrgenommen, die weder über die erforderlichen Kenntnisse noch überirgendwelche Erfahrung in Verwaltungsfragen verfügten. Die Ukraine bedeutete ihnen lediglich eine Quelle für Nahrungsmittel, Rohmaterialien und menschliche Arbeitskraft.

An meinem dritten Nachmittag in Charkow hatte ich auf dem Marktplatz ein erschütterndes Erlebnis. Ich sah zwei gespenstische, in Lumpen gehüllte Gestalten. An die eine von beiden erinnere ich mich noch genau:

Es war ein Mann mit einem langen Gesicht, das aus nichts als Knochen und einer schmutzigweißen Haut zu bestehen schien, aus der ein roter Bart heraussproß. In seinen großen blauen Augen lag der Blick hoffnungslosen Leidens. Seine Lippen waren ausgetrocknet und gesprungen, und sein Atem roch nach Tod. Die Lumpen, die er am Körper trug, waren die Überreste einer abgelegten italienischen Uniform.

Der Mann war ein Bauer aus Smolensk, der von den Deutschen im Sommer 1942 bei Millerowo gefangengenommen worden war. Er und sein Leidensgenosse kamen aus einem Gefangenenlager, wo sie monatelang vom Hungertod bedroht gewesen waren und ihre Kameraden hatten sterben sehen.

Nachdem die Russen zurückgekehrt waren, hatte man sie freigelassen, aber sie mußten jede Nacht ins Lager zurückkehren. Niemand kümmerte sich um sie, und so wanderten sie in Charkow umher, um irgend etwas Eßbares aufzutreiben. Aber keiner auf dem Markt gab ihnen etwas, und die Soldaten behandelten sie mit Verachtung.

Die Gefühllosigkeit, die hier sichtbar wurde, war ebenfalls ein Produkt der Tätigkeit der deutschen Besatzungsmacht und des NKWD. Denn für die russischen Behörden hatten diese Leute sich eben den Deutschen ergeben, und bevor nicht eine genauere Untersuchung ihre Unschuld erbracht hatte, waren sie verdächtig.

Ein russischer Soldat meinte: "Wie sollen wir wissen, daß sie nicht vielleicht von den Deutschen als Spione oder Diversanten zurückgelassen worden sind?"

"Aber sie sehen doch nicht so aus!" "Vielleicht nicht", antwortete der Soldat, "aber man kann in diesen Tagen nicht vorsichtig genug sein. Der NKWD sollte feststellen, wer sie sind. Im übrigen", schloß er, "gibt es viel wichtigere Dinge, um die man sich kümmern sollte..."

Die Rotarmisten in unserem Quartier waren keineswegs mehr so fröhlich wie sie es noch vor wenigen Tagen waren. Die Deutschen, sagten sie griffen bei Kramatorskaja und westlich von Charkow an. Auch die Verwundeten, die bereits in die Stadt zu strömen begannen, berichteten über starke Angriffe von SS-Panzerdivisionen.

Wir verließen Charkow am nächsten Tag mit einem unguten Gefühl. Tatsächlich kamen die Deutschen zurück. Zwar nicht sofort, aber doch zwei Wochen später, am 15. März. Das erste, was die SS zu tun hatte, war, zweihundert Verwundete in einem Lazarett niederzumetzeln und das Gebäude anzuzünden.

Die Wiedereroberung Charkows war ihre "Rache für Stalingrad".

Orel unter den Deutschen

Orel gehörte 1943 zu den ersten größeren rein russischen Städten, die befreit wurden; eine Stadt, die fast zwei Jahre, nämlich seit Oktober 1941, von den Deutschen besetzt gewesen war.

In der zweiten Augustwoche konnte ich mit dem Wagen nach Orel reisen. Der folgende Bericht basiert auf Notizen, die ich mir damals über meine Eindrücke von Orel und dem ehemaligen deutschen Frontbogen machte.

Orel, vor nicht langer Zeit noch eine hübsche, verträumte Provinzstadt, in der die Erinnerung an Turgenjew lebte, war schwer mitgenommen. Über die Hälfte der Stadt war zerstört, und aus manchen Ruinen stieg noch der Rauch.

Die Brücken über die Oka waren gesprengt. Man hatte eine hölzerne Behelfsbrücke errichtet, über die Armeelastwagen nach Westen fuhren. Sanitätswagen kamen aus dem etwa 50 Kilometer weiter westlich gelegenen Karatschew, wo zu dieser Zeit schwere Kämpfe tobten.

Was hatte Orel in diesen fast zwei Jahren deutscher Besatzung erlebt? Von ursprünglich 114 000 Menschen waren

30 000 geblieben. Viele waren ermordet worden, viele hatte man öffentlich gehenkt, auf demselben Platz, auf dein man jetzt die Besatzung des russischen Panzers bestattet hatte, der als erster in Orel eingedrungen war.

Es hieß, insgesamt seien 12 000 Menschen umgebracht und etwa doppelt so viele nach Deutschland deportiert worden. Es gab aber auch Tausende, die sich den Partisanen in den Wäldern rund um Orel und besonders Brjansk angeschlossen hatten.

Die Deutschen hatten einen Bürgermeister ernannt, der inzwischen geflohen war. Mit den Deutschen waren einige ehemalige russische Grundbesitzer oder deren Söhne in das Gebiet von Orel gekommen. Es ist nicht ganz klar, ob diese Leute, die "Weißgardisten" genannt wurden, tatsächlich ihren früheren Besitz zurückerhalten hatten.

Der Winter 1941/42 war der härteste gewesen. Massenhaft waren die Leute verhungert. Später bekamen sie, sofern sie irgendwie für die Deutschen arbeiteten, 200 bis 250 Gramm Brot pro Tag.

Wie wichtig es für die Deutschen war, Orel zu halten, habe man, erklärte General Sobennikow, aus dem Befehl des inzwischen durch Model abgelösten Generals von Schmidt ersehen können, in dem es hieß, Orel müsse bis zum bitteren Ende verteidigt werden. "Und es war ein bitteres Ende." Der General berichtete:

"Die deutschen Truppen kämpften tapfer. Fast alle hielten aus, und nur ganz wenige ergaben sich. Unter den Gefangenen, die wir machten, war keiner älter als dreißig - ausgesuchte Soldaten, gesunde, gute Soldaten. Wenn Genosse Ehrenburg heute erzählt, die deutsche Armee setzte sich aus gichtigen alten Männern zusammen, die unter Hämorrhoiden litten, dann übertreibt er beträchtlich. Es waren gute Truppen, wenn auch inzwischen demoralisiert. Kursk hatte sie demoralisiert."

Dann berichtete der General, wie die russischen Truppen Orel am 3. August fast völlig eingeschlossen hatten und wie sie schließlich in den frühen Morgenstunden des 5. August in die Stadt eingedrungen seien:

"Unser gepanzerter Lautsprecherwagen gehörte zu den ersten, die in die Stadt eindrangen. Er spielte die Internationale und den 'Heiligen Krieg'. Auf die Einwohner machte das einen großen Eindruck. Sie strömten auf die Straße, obwohl noch gekämpft wurde. Stellen Sie sich vor: Morgendämmerung, brennende Häuser, und unsere Geschütze und Panzer fahren in die Stadt, bedeckt mit Blumen. Alte Frauen und Kinder laufen den Soldaten entgegen und drücken ihnen Blumen in die Hand und küssen sie.

"Die Deutschen setzten Sturmgeschütze und Panzer gegen uns ein, und ihre Maschinenpistolenschützen in den Dachfenstern machten uns beträchtlich zu schaffen. Immer noch explodierten Minen mit Zeitzündern, doch inmitten des Lärms schallten aus dem Lautsprecher patriotische Lieder. Erst am nächsten Tag wurden wir mit den Maschinenpistolenschützen fertig. Ein paar konnten sich allerdings immer noch versteckt halten."

Orel war erst fünf Tage zuvor befreit worden, aber schon hatten sich die sowjetischen Behörden etabliert. Die meisten öffentlichen Gebäude waren zerstört, aber in einem kleinen Haus in einer Seitenstraße residierte als Präsident des Exekutivkomitees der Provinz der Partisanenchef des Gebietes, Held der Sowjet-Union M. P. Romaschow.

Die Einwohner von Orel, besonders die Parteimitglieder, hatten über ihr Verhalten in den zwanzig Monaten der Besetzung Rechenschaft abzulegen. (Orel war am 2. Oktober 1941 von den Panzern Guderians so überraschend genommen worden, daß zahlreiche Leute nicht mehr entkommen konnten.) So lag auf Romaschows Tisch der Brief einer Frau: Sie hätte mit ihren Kindern nicht mehr fliehen können; um ihre Kinder am Leben zu erhalten, habe sie als Putzfrau bei den Deutschen gearbeitet...

Aus der Entfernung sah es aus, als seien es grünbraune Stoffpuppen, die da auf dem Rand eines Grabens lagen, aus dem man sie herausgeholt hatte.

Zwei russische Beamte sortierten Menschenschädel, rechts die mit Einschüssen am Hinterkopf, links die ohne. Aus dem Graben stieg Leichengeruch auf.

Die Stoffpuppen waren menschliche Körper, die man vor dem großen Backsteingebäude des Gefängnisses von Orel ausgegraben hatte. Etwa 200 Körper, unter ihnen auch Frauenleichen, waren inzwischen exhumiert worden. Nach Länge und Tiefe der Gräben zu schließen, mußten dort aber noch mindestens 5000 weitere Leichen liegen.

Zu einer Hälfte handelte es sich um russische Kriegsgefangene, die verhungert oder an Krankheiten gestorben waren, zur anderen Hälfte um Soldaten und Zivilisten, die man durch einen Schuß in den Hinterkopf getötet hatte. Jeweils dienstags und freitags um 10 Uhr waren die Erschießungsmannschaften der Gestapo im Gefängnis erschienen.

Außer ihnen waren viele andere Russen in Orel ermordet worden. Einige hatte man als Partisanen auf dem Hauptplatz gehenkt.

Eines Tages besuchte ich ein hübsches, altmodisches Haus in Orel, ein Haus mit klassischen Säulen und wildwucherndem Garten, das einmal einem Verwandten Turgenjews gehört hatte. Turgenjew selbst hatte sich hier gern aufgehalten. Zuletzt war das Haus ein Museum gewesen. Ich sprach mit dem alten Mann, der es immer noch betreute.

Drei Monate lang hatte er im Gestapo-Gefängnis gesessen und jeden Dienstag und Freitag die Schüsse gehört. Seine beiden Assistenten waren als "suspekte Elemente" erschossen worden.

Der alte Mann - er hieß Fomin - berichtete von dem furchtbaren Hunger, unter dem Orel gelitten hatte. Lange Zeit hatte es überhaupt nichts zu essen gegeben, nicht einmal eine winzige Brotration. Wenn man im Winter 1941/42 durch die Straßen ging, stolperte man förmlich über Menschen, die zusammengebrochen und gestorben waren. Fomin und seine Frau hatten sich notdürftig mit Kartoffeln und Wurzeln durch diesen Winter gerettet. Später half den Leuten das Gemüse, das sie in ihren Gärten gepflanzt hatten.

Zehntausend Bücher sowie viele andere Ausstellungsgegenstände des Turgenjew-Hauses, so erzählte Fomin, seien von den Deutschen mitgenommen worden.

Merkwürdige Gestalten waren in den zwei Jahren der deutschen Besetzung Orels tätig. Die Schulen waren - mit Ausnahme einiger weniger Grundschulen und einer Schule für jugendliche Spione - geschlossen. Die Erbitterung der unter den Sowjets verwöhnten Jugendlichen war stark.

Die Lehrer, sogar die der geschlossenen Schulen, mußten den Vorlesungen

eines Individuums lauschen, das mit einem ganz sonderbaren russischen Akzent sprach und sich selbst Oktan nannte. Seine Vorlesungen nannten sich "Kurs in pädagogischer Umerziehung". Die Themen waren: "Der Russe ist von Natur unschöpferisch und dazu bestimmt, Befehlen zu gehorchen", "Die Revision der russischen Geschichte" und "Wie ein Arier sein muß".

Oktan gab in Orel auch eine russische Zeitung heraus, in der er beispielsweise eine "totale Umwertung der kulturellen Werte" verlangte. Tolstoi wurde als ein wertloser Schriftsteller bezeichnet, Wagner zum größten musikalischen Genie aller Zeiten erhoben. Natürlich wurden nicht alle Lehrer zu Oktans Vorlesungen "eingeladen": Viele saßen im Gefängnis, zahlreiche andere waren geflohen.

Der allgemeine Eindruck war, daß sich in den siegreichen Tagen der Jahre 1941/42 eine Anzahl russischer Abenteurer im Gefolge der Deutschen befand, die damit liebäugelten, eine Rolle bei der Germanisierung rein russischer Territorien, wie etwa des Gebietes um Orel, zu spielen.

Wlassow und die "Freiwilligen"

Am 1. September besuchte ich Charkow, das die Russen während ihres Vorstoßes zum Dnjepr wiedererobert hatten.

Charkow hatte seit meinem letzten Besuch im Februar noch weitere Schäden erlitten. Aber diesmal hatten sich die Deutschen, die die Stadt im März zurückeroberten, zurückhaltender benommen als während der ersten Besatzungszeit. Sie waren inzwischen nervös geworden. Sofern Hinrichtungen erfolgten, wurden sie im- geheimen vollzogen und nicht mehr öffentlich. Aber wie vordem wurden die Leute in den Straßen zusammengetrieben und als Fremdarbeiter nach Deutschland verfrachtet.

Von Mai an wurde der Druck, den die Deutschen ausübten, wesentlich geringer. Die ukrainischen Zeitungen veröffentlichten am 2. Mai eine offizielle Anordnung, die eine bessere Behandlung der russischen Kriegsgefangenen befahl: Teil einer Politik, die darauf abzielte, diese Gefangenen in die Wlassow-Armee einzugliedern.

Ehrenburg schildert Wlassow, der einer der Lieblingsgenerale Stalins gewesen sein soll, als einen Mann mit grenzenlosen Ambitionen. Als ihn die Deutschen fingen, war damit seine militärische Karriere in Rußland zu Ende. Nach Ehrenburgs Meinung war Wlassow ehrgeizig und zynisch genug, sich nunmehr nur von einem deutschen Sieg eine große Zukunft für sich selbst zu versprechen.

Die Deutschen- stellten aus russischen Kriegsgefangenen eine "Freiwilligen" -Armee auf, die Wlassow befehligte. Zweifellos folgte ein großer Teil,dieser "Freiwilligen" dem Ruf der Deutschen nur, weil dies die einzige Alternative zum Hungertod zu sein schien.

Wlassow wurde später von den Amerikanern gefangengenommen und an die Russen ausgeliefert, die ihn aufhängten. Viele seiner Soldaten blieben in Westeuropa. Diejenigen, die in russische Gefangenschaft gerieten oder den Sowjets ausgeliefert wurden, steckte man in Lager und amnestierte sie erst nach Stalins Tod.

Die "Untermenschen"

Orel war der Schauplatz zahlreicher deutscher Verbrechen. Es scheint deshalb angebracht, sich an dieser Stelle kurz mit diesem Aspekt des Krieges in Rußland zu beschäftigen.

Soweit diese Verbrechen überhaupt klassifiziert werden können, zerfallen sie - bei einer groben Unterteilung - in die folgenden Kategorien:

- Verbrechen, die aus der allgemeinen Theorie vom "Untermenschen" erwuchsen. Diese Theorie fand ihren Ausdruck beispielsweise in den Anweisungen des Generalfeldmarschalls von Reichenau über das Verhalten der deutschen Armee auf russischem Boden oder in Himmlers berühmter Posener Rede, in welcher der Reichsführer SS verkündete: "Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10 000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird."

- Verbrechen, die in Befolgung spezieller Anordnungen verübt wurden. Aufgrund des "Kommissarbefehls" waren politische Kommissare nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern kurzerhand zu erschießen.

- Die Deportationen von nahezu drei Millionen Russen, Weißrussen und vor allem Ukrainer als Fremdarbeiter nach Deutschland.

Diesen Zwangsarbeitern widerfuhr eine weitaus schlechtere Behandlung als den aus anderen Ländern stammenden Fremdarbeitern.

- Die wahllose Erschießung von Geiseln und "verdächtigen Personen" in den besetzten Gebieten, also von Leuten, die in irgendeinem Zusammenhang mit der Partisanenbewegung oder dem sowjetischen Untergrund zu stehen schienen. Besonders in Rußland und in Weißrußland wurden nicht nur zahlreiche Ortschaften niedergebrannt; auch ihre Einwohner - Frauen und Kinder eingeschlossen - wurden liquidiert. In jeder sowjetischen Stadt gab es ein Gestapo-Gebäude - Schauplatz

der verschiedenartigsten Scheußlichkeiten und Folterungen; und die Gefängnisse waren überfüllt.

- Jene spezifisch deutsche Praxis, die in der Ausrottung der gesamten jüdischen Bevölkerung bestand. Für diese Massaker waren hauptsächlich die unter Himmlers Befehl stehenden "Einsatzkommandos" verantwortlich. Nach dem Kriege behaupteten praktisch alle deutschen Generale, von solchen Massakern niemals gehört zu haben, obwohl diese oft unmittelbar vor ihrer Nase stattfanden.

- Nach den Verbrechen an den Juden

- es waren zweifellos mehr als nur

eine Handvoll "schlechter" Deutscher nötig, um sechs Millionen Menschen zu vernichten - war das größte Verbrechen der Deutschen, daß sie unzählige russische Kriegsgefangene (vermutlich drei Millionen) verhungern und erfrieren ließen oder auf andere Weise umbrachten. Viele wurden erschossen, viele starben während der letzten Phasen des Krieges in den Konzentrationslagern, speziell in Mauthausen. Manche wurden Vivisektionen und anderen "wissenschaftlichen" Experimenten unterworfen.

Die Beweise sind so zahlreich und erdrückend, daß nur einige wenige am Rande zitiert werden können. So wies zu Anfang des Jahres 1942 Rosenberg in einem Brief an Keitel auf den Umstand hin, daß von den 3 600 000 russischen Kriegsgefangenen aufgrund der verheerenden Bedingungen, unter denen sie gefangengehalten würden, nur ein paar hunderttausend arbeitsfähig seien.

Göring beklagte ungefähr zur selben Zeit in einem Brief an (den italienischen Außenminister) Ciano den Kannibalismus, der bei den russischen Kriegsgefangenen herrsche, wobei er als besonderen Witz hinzufügte, diese Dinge gingen jetzt ein wenig weit, es sei bereits ein deutscher Wachtposten verzehrt worden!

Man ließ die russischen Gefangenen nicht nur verhungern, man ermordete sie auch in Massen.

Gegen Ende des Jahres 1942 fingen die Deutschen an, die überlebenden russischen Kriegsgefangenen zu erpressen: Die Alternative war, in die Wlassow -Armee einzutreten oder zu verhungern.

Zahlreiche russische Kriegsgefangene lehnten es ab, unter Wlassow zu dienen. Viele von ihnen fand man gegen Ende des Krieges in den Lagern Dachau und Mauthausen; einige lebten noch, die meisten jedoch waren tot.

Russische Gefangene wurden aber nicht nur erschossen oder vergast, sie wurden auch für Unterkühlungsexperimente und andere Kurzweil benutzt, die sich Himmler und einige seiner "Wissenschaftler" ausgedacht hatten. Die Geschichte vom Schicksal der russischen Kriegsgefangenen ist so furchtbar, daß es einem schwerfällt, sie zu glauben.

Von sowjetischer Seite wurden hinsichtlich der in deutsche Gefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten niemals eindeutige Zahlen genannt; wenn man aber in Rechnung stellt, daß der Gesamtverlust an Menschenleben während des Zweiten Weltkriegs auf etwa 20 Millionen beziffert wird, dann scheint die Annahme, es könnten drei oder vier Millionen in deutscher Gefangenschaft umgekommen sein, nicht abwegig.

Diejenigen Gefangenen, die sich der Wlassow-Armee anschlossen - in den meisten Fällen einfach, um sich den langsamen Hungertod zu ersparen -, waren zu einem großen Teil bereits psychisch und moralisch erledigt, als der Krieg noch im Gange war. Viele wurden zu regelrechten Banditen. Als sie nach Rußland zurückkehrten, behandelte man sie als Verbrecher.

Aber auch solche Heimkehrer, die niemals der Wlassow-Armee angehörten, hatten nichts zu lachen. In seinen Memoiren schreibt Ehrenburg:

"Im März 1945 ging meine Tochter Irina für den 'Roten Stern' nach Odessa. Von dort aus wurden britische, französische und belgische Kriegsgefangene, die die Rote Armee befreit hatte, repatriiert. Sie sah auch, wie ein Truppentransporter aus Marseille ankam, der unsere eigenen Kriegsgefangenen an Bord hatte, darunter manche, die aus deutschen Lagern geflohen waren, und manche, die in der französischen Untergrundbewegung gekämpft hatten. Irina erzählte mir, man habe diese Leute behandelt wie Verbrecher, man habe sie isoliert, und es sei davon die Rede gewesen, daß sie in Lager gesteckt werden sollten..."

Deutsche Rechte: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München.

IM NÄCHSTEN HEFT:

1944: Das Jahr der Siege - Das Gemetzel am Dnjepr: Rotarmisten im Blutrausch - Ein Einzelgrab für den deutschen General - Die Geschichte der SowjetPartisanen

Angreifende Russen bei Kursk, Juli 1943: "Der militärische Wendepunkt des Krieges"

Deutsches Kino für Russen*: "Wie ein Arier sein muß"

Sowjet-Soldaten im befreiten Charkow: "Parken verboten"

Hauptagronom in der Ukraine*

"Der Russe ist unschöpferisch...

Bauern in der Ukraine**

... und muß gehorchen"

Ukrainisches Ballett in deutschem Fronttheater: "Man muß leben"

Hinrichtung russischer Partisanen: "Exekutionen dienstags und freitags"

"Berliner Illustrierte"-Reportage 1942*

"Die deutschen Frauen waren ekelhaft"

Kollaborateur Wlassow

"Ruf zu den Fahnen...

... aus Furcht vor dem Hunger": Wlassow-Soldaten

Transport gefangener Russen*: "Drei Millionen kamen um"

* Text auf dem Hitler-Bild über dem Eingang: "Hitler, der Befreier".

* Der von den Deutschen eingesetzte "Hauptagronom" übermittelt versammelten Bauern die Befehle des örtlichen deutschen "Landwirtschaftsführers".

** "Vorläufige Urkunden" in deutscher und russischer Sprache bestätigten ukrainischen Bauern die Landzuteilung nach der Auflösung der Kolchosen durch die deutsche Besatzungsmacht.

* Bildunterschrift in der "Berliner Illustrierten Zeitung" vom 22. Oktober 1942: "Nachmittags um vier kommt die 19jährige Inge B. mit dem Zug aus Lemberg in Kiew an. Sie ist als Sekretärin an ein industrielles Werk verpflichtet. Auf dem Kiewer Bahnhofsplatz warten Dutzende von ukrainischen Jungen, die mit ihren selbstgebauten Wägelchen das Gepäck der Reisenden gegen geringes Entgelt in die Stadt befördern. Unterwegs erzählt der kleine 'Dienstmann' in halsbrecherischem Deutsch, wie die Sowjets vor ihrem Abzug noch die Hauptstraße, durch die sie gerade gehen, in die Luft gesprengt haben..."

* Titelseite der vom Oberkommando der Wehrmacht herausgegebenen Zweiwochenschrift "Die Wehrmacht" vom 5. November 1941.


DER SPIEGEL 32/1965
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Rußland im Krieg