04.08.1965

DROHT DER ATOMKRIEG, WEIL MAO DIE BOMBE NICHT VERSTEHT?

Schon in fünf Jahren könnte Rotchina über eine bedrohliche Atomstreitmacht mit Wasserstoffbomben und Interkontinentalraketen gebieten; Rotchinas Führer aber unterschätzen die verheerende Wirkung moderner Atomwaffen. Zu dieser Schlußfolgerung kommt der amerikanische Atomphysiker Dr. Ralph E. Lapp, der am Bau der ersten Atombombe beteiligt war, in einer Analyse der chinesischen Atomrüstung. Die Fehleinschätzung könnte, so fürchtet Lapp, Mao Tse-tung dazu verleiten, einen - selbstmörderischen - Atomkrieg gegen die USA heraufzubeschwören.
Das kommunistische China hat eine zweite Atombombe zur Explosion gebracht - knapp acht Monate nach dem ersten chinesischen Atombombentest. Es ist bedauerlich, daß Chinas atomares Potential die führenden Männer in den USA trotzdem kaum zu beeindrucken vermag. Viele von ihnen zeigen sogar nur schlecht verhohlene Verachtung für Chinas atomare Anstrengungen.
Angesichts des gewaltigen Vorrats an Atomwaffen in Amerikas strategischen Arsenalen ist das zwar eine verständliche Reaktion. Aber es ist zugleich eine gefährliche Geisteshaltung, weil Rotchina damit leichtfertig als ein primitives Zwei-Bomben-Land abgetan wird.
China kann aber schon in einigen wenigen Jahren die weitaus gefährlichste aller Atommächte werden - nicht etwa weil die chinesischen Führer dann über eine den USA vergleichbare Atomrüstung verfügen, sondern weil sie offenbar noch nicht verstanden haben, was Atomkrieg bedeutet, und sie sich daher möglicherweise auch durch Vernunftgründe nicht davon abhalten lassen, einen Atomkrieg zu beginnen.
In der "Roten Fahne", dem ideologischen Sprachrohr der Kommunistischen Partei Chinas, ließ der chinesische Generalstabschef Lo Jui-ching diese Einstellung unlängst deutlich erkennen. Lo schrieb, der psychologischen Vorbereitung der Massen Chinas auf einen konventionellen und sogar einen atomaren Krieg "müsse die höchste Dringlichkeitsstufe eingeräumt werden". Und er fügte hinzu, daß ein Atomkrieg zwar "Opfer und Zerstörungen" mit sich bringen werde, aber er werde auch "die Menschen erziehen".
Diese Anschauung ist typisch. Mao Tse-tung und seine Gefolgsleute scheinen der geradezu unglaublich gefährlichen Täuschung zu unterliegen, ihr Land könne einen Atomkrieg überleben. Dadurch ist - für sie - der undenkbare Konflikt denkbar geworden.
Maos eigene Schlußfolgerungen über einen atomaren Krieg gehen völlig fehl. Einige seiner Thesen hat Nikita Chruschtschow im Jahre 1963 überliefert, als Rußland und China sich öffentlich über die Einstellung der Atombombenversuche stritten. Nach Chruschtschow argumentierte Mao so: "Kann man abschätzen, wie groß die Zahl der Opfer in einem zukünftigen Krieg sein wird? Vielleicht geht dabei ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung von 2,7 Milliarden Menschen zugrunde.
"Ich persönlich glaube, daß jeder zweite Mensch auf der Erde umkommen würde, vielleicht sogar noch mehr.
"Wenn die Hälfte der Menschheit untergeht, wird immer noch eine Hälfte überleben, aber der Imperialismus wird ausgerottet sein, und auf der ganzen Welt wird es nur noch den Sozialismus geben."
Maos Sterblichkeitsprognose ist nicht unglaubhaft. Aber für seine eigentümliche Ansicht, daß der "Sozialismus" (ein Begriff, der für ihn offensichtlich mit der chinesischen Nation gleichbedeutend ist) als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen würde, gibt es keine logischen Begründungen.
Es gibt zwar einige "Tatsachen", die Maos Logik zu unterstützen scheinen. Aber Mao benutzt diese Fakten (bewußt oder unbewußt) ähnlich wie der sprichwörtliche Betrunkene eine Laterne benutzt: eher als Stütze denn als Leuchte. Maos Ansichten stützen sich unter anderem auf folgende Fakten:
- China hat heute rund 720 Millionen
Einwohner, mehr als irgendein anderes Land der Erde. In dem Orwellschen Zukunftsjahr 1984 wird, nach Schätzungen der Experten, rund eine Milliarde Chinesen in China leben. Mao sagte 1957 einem jugoslawischen Besucher: "Wir haben keine Angst vor Atombomben. Was geschieht, wenn 300 Millionen (Chinesen) getötet werden? Wir haben immer noch viele Menschen - China ist das letzte Land, das im Atomkrieg untergeht."
- Nur ein Siebtel der chinesischen Bevölkerung lebt in Städten. Vielleicht nimmt Mao an, daß China nicht vernichtet werden kann, weil seine Bevölkerung über weite Landstriche verstreut lebt.
- Rotchina steht noch auf einer sehr
niedrigen Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung. Mao glaubt offenbar, daß dieser Zustand im Falle eines Atomkrieges von Vorteil sei: China hat weniger zu verlieren.
Ein Mann in Maos Machtposition, der sich von derartigen "Tatsachen" verleiten läßt, ist ein gefährlicher Mann. Sicher, die atomare Macht Amerikas ist groß - so groß, daß es den Anschein haben könnte, wir müßten weder jetzt noch jemals in der Zukunft eine Auseinandersetzung mit Mao fürchten.
Die Strategische US-Luftflotte verfügt über Hunderte von Bombern des Typs B-52. Jede dieser Maschinen kann in ihrem Rumpf zwei 25-Megatonnen-Bomben tragen - das entspricht der Sprengkraft von 50 Millionen Tonnen TNT*.
Es sind "schmutzige" Bomben, die ein Areal von Tausenden von Quadratkilometern mit tödlicher Radioaktivität verseuchen. Zudem stehen in dem US-Arsenal heute schon mehr als 1000 mit Atomsprengköpfen versehene ballistische Raketen für den Zeitpunkt bereit, an dem die schweren Bomber veraltet sind. Über insgesamt 1710 solcher Raketen werden die US-Streitkräfte verfügen, wenn die letzten bestellten Minuteman- und Polaris-Projektile gefertigt sind.
Selbst wenn China gewaltig an atomarer Macht und atomarem Prestige gewinnt, so argumentiert man in Amerika, wird doch die Überlegenheit der USA bestehen bleiben. Schließlich hat sich auch Chruschtschow Präsident Kennedys Kuba-Ultimatum gebeugt. Würde sich nicht Mao oder sein Nachfolger genauso einschüchtern lassen?
Die Antwort lautet: China ist nicht Rußland, und Mao ist nicht Chruschtschow. In,letzter Konsequenz hängt die atomare Abschreckung von, einer gewissen Geisteshaltung ab. Was wir aber über Maos Geisteshaltung wissen oder was wir vermuten können, ist alarmierend. Man muß das in Rechnung stellen, wenn unsere atomare Stärke auf einem Niveau aufrechterhalten werden soll, das - nach Kennedys treffender Formulierung - "über jeden Zweifel ausreichend" ist.
In dem nervenstrapazierenden Spiel der atomaren Abschreckung ist für jede Nation der Einsatz buchstäblich das eigene Überleben. In der Kuba-Krise gab Chruschtschow nach und zog seine Raketen zurück, da ihm der in Aussicht stehende Vorteil das Risiko (eines atomaren Krieges) nicht wert schien.
Chruschtschow hatte das Wesen atomarer Strategie und Kriegführung klar erkannt. Auch der verstorbene Atomwissenschaftler Dr. Leo Szilard, der im Jahre 1960 eineinhalb Stunden lang mit Chruschtschow gesprochen hatte, bestätigte mir diesen Eindruck. Szilard erzählte mir, daß der Sowjetpremier über Atomwaffen sehr gut Bescheid wußte. Viele seiner Sätze habe er etwa damit begonnen: "Meine Wissenschaftler sagen mir...", und auch über die Probleme radioaktiven Aschenregens (Fallout) sei er ausgezeichnet informiert gewesen.
Mao gab Ende vergangenen Jahres seinem Freund, dem amerikanischen Korrespondenten Edgar Snow, ein Interview. Dabei wurde deutlich, daß auch Mao sich mit dem Fallout-Problem befaßt hatte, aber er zog immer noch die falschen Schlußfolgerungen.
So erzählte Mao beispielsweise, er habe amerikanische Berichte über die Spätfolgen der Radioaktivität auf dem Pazifik-Atoll Bikini gelesen. Dort hatten die USA in den vierziger und fünfziger Jahren zahlreiche Atomwaffen erprobt. Mao bemerkte, die US-Wissenschaftler hätten später eine wuchernde Vegetation und zahlreiches Wild auf der Insel angetroffen. Und er schloß daraus, der Fallout könne so schlimm nicht sein - Tiere und demzufolge wahrscheinlich auch Menschen könnten überleben.
Mao wirft dabei vieles durcheinander. Zum Teil ist daran freilich die amerikanische Atomenergiekommission (AEC) schuld. In dem Bestreben der frühen Jahre, die Waffentests möglichst lange fortzusetzen, verniedlichte die AEC die Fallout-Folgen.
Das war eine kurzsichtige Politik von seiten der USA. Keine Atommacht sollte ihre eigene Abschreckungspolitik schwächen, indem sie die Zerstörungskraft ihrer Waffen unterbewertet. In der Tat hätten die AEC-Chefs in den fünfziger Jahren betonen müssen, daß die Spätfolgen des radioaktiven Fallout weit verheerender seien, als damals selbst "Atom-Alarmisten" behaupteten.
Bislang hat sich die atomare Abschreckung der Vereinigten Staaten fast ausschließlich gegen die Sowjet-Union gerichtet. Um den Männern im Kreml unmißverständlich vor Augen zu führen, welche Folgen ein Atomkrieg haben würde, hat Verteidigungsminister Robert McNamara klugerweise über die Stärke der USA genau Aufschluß gegeben. Im vergangenen Februar berichtete er einem Kongreßausschuß, daß bei einem amerikanischen Raketenangriff, "wenn er gegen Stadtziele im Land des (sowjetischen) Aggressors geführt würde, die Sowjets mit mehr als 100 Millionen Toten rechnen müßten, zudem würden rund 80 Prozent der industriellen Kapazität Rußlands zerstört".
Wie viele Tote und welche Zerstörungen ein Atomschlag gegen das chinesische Festland voraussichtlich im Gefolge haben würde, hat Verteidigungsminister McNamara noch nicht gesagt. Die Höhe der Verluste auf seiten der Chinesen wäre freilich auch sehr unterschiedlich, je nachdem in welchem Jahr solch ein hypothetischer US-Angriff erfolgen würde. Falls ein Krieg in den sechziger Jahren ausbrechen sollte, wird der Angriff wohl vor allem von den schweren Bombern des Strategischen Bomberkommandos und unseren auf Trägern stationierten Düsenbombern ausgeführt werden. In den siebziger Jahren würden Raketen die Hauptangriffswaffen sein.
Angenommen, Mao schätzt die Lage falsch ein und beschwört in den nächsten drei oder vier Jahren einen Atomkrieg herauf. Dann würde - bei einem Angriff der bemannten Bomber auf China - etwa folgendes geschehen:
Wir können zumindest von der Annahme ausgehen, daß 400 Bomben mit einer Sprengkraft von je 25 Megatonnen auf chinesische Festlandziele abgeworfen würden. Das entspricht einer Sprengkraft von insgesamt 10 000 Megatonnen - oder zehntausend Millionen Tonnen TNT -, immerhin 14 Tonnen TNT auf jeden Einwohner Rotchinas, gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind.
Eine einzige 25-Megatonnen-Bombe ist schon ein schreckliches Instrument der Vernichtung. Sie ist 1250mal stärker als die Bombe, die auf Hiroshima geworfen wurde. Die Druckwelle einer solchen Bombe allein reicht aus, chinesische Häuser in einem Gebiet von über 650 Quadratkilometer fast restlos zu zerstören und 80 Prozent der Einwohner in diesem Areal zu töten. Der gewaltige Feuerball, den die Bombe erzeugt, wird sich über das Zielgebiet ausbreiten, und die alles versengende Hitze wird noch weit über die Grenzen jeder der chinesischen Metropolen hinaus tödlich sein.
Aber weniger als zehn Prozent der chinesischen Bevölkerung wohnen in Städten von mindestens 250 000 Einwohnern. Die Druck- und Feuerwellen der von unseren B-52 geworfenen Atombomben könnten nur einen kleinen Teil der chinesischen Bevölkerung erfassen.
Aber man muß noch andere Punkte in Betracht ziehen, ehe man vorschnell zu dem Schluß kommt, Mao habe recht - das heißt, China könnte eine B-52 -Attacke überstehen, indem es die Bevölkerung seiner Großstädte opfert.
Wenn eine gewaltige Megatonnen -Bombe auf oder dicht über dem Erdboden explodiert, saugt der Feuerball riesige Massen pulverisierten Schutts an. Atomare Fragmente des Urans hängen sich gleichsam an diesen Staub, der durch den Aufwind in der Pilzwolke nach oben gerissen wird. Diese radioaktiven Teilchen sind die tödlichen Keime des Atompilzes. Sie fallen innerhalb von Stunden zur Erde zurück, manchmal als sichtbarer, puderähnlicher Staub, meist aber als feiner Sprühregen, der für das Auge nicht wahrnehmbar ist. Dieser "schmutzige" Fallout erweitert die Kriegführung um eine neue Dimension, und diese Dimension scheint Mao nicht zu verstehen.
Der Fallout einer einzigen 25-Megatonnen-Bombe kann ein Gebiet von rund 40 000 Quadratkilometer mit einem Rückstand tödlicher Radioaktivität überziehen (ein Gebiet, das größer ist als das Bundesland Baden-Württemberg). In manchen Gebieten wäre die Verseuchung so stark, daß ein Aufenthalt von nur einer Stunde dem sicheren Tod gleichkommt. Um diesem Todesregen zu entgehen, müßten die chinesischen Bauern sich unter die Erde begeben. In einzelnen Gebieten müßten sie sogar monatelang eine Art Maulwurfsdasein führen, und selbst dann wäre die Welt, in die sie zurückkehren, alles andere als ein sicherer Ort.
Welcher Teil Chinas würde von diesem Fallout betroffen? Die Masse der chinesischen Bevölkerung lebt in nur 13 der insgesamt 22 Provinzen. Eine halbe Milliarde Menschen lebt auf einem Fünftel der chinesischen Landmasse.
Das ist die Gute Erde Chinas, die lange Zeit einer dauernden Eroberung widerstand. Aber wenn man das Fallout-Schema betrachtet, das von 400 Superbomben hervorgerufen wird, ist dies Gebiet nicht mehr groß. Eine Analyse der sich überschneidenden Zonen der Verseuchung bei einem 10 000 -Megatonnen-Angriff zeigt, daß die in China überwiegenden westlichen Winde den Tod in einem gigantischen Maßstab verbreiten würden. 350 Millionen Tote und 100 Millionen Schwerverletzte würden schätzungsweise Opfer des Fallout. Einschließlich der Druck- und Hitzetoten müßte bei einem solchen Bombenangriff fast eine halbe Milliarde Menschen sterben.
China hat in seiner Geschichte alle denkbaren Katastrophen überdauert - Überschwemmungen, Seuchen, Hungersnöte und das Schwert des Eroberers. Aber für solche Zerstörung gibt es kein Vorbild. Keine Nation könnte ein Gemetzel dieser Größenordnung überleben. Sollte Rotchina - durch irgendein Wunder - den kollektiven Willen aufbringen, das Desaster zu überleben, die Zerstörung aller Versorgungseinrichtungen allein würde es unmöglich machen, die elementarsten Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen. Seuchen und Krankheiten würden aus dem Rest Leben, der verbleibt, eine unvorstellbare Hölle machen.
Um so unfaßbarer muß die Logik anmuten, die aus einer Verlautbarung der Kommunistischen Partei Chinas vom 6. September 1963 spricht: "Wenn der Imperialismus einen atomaren Krieg entfesselt, und es dabei zum Schlimmsten kommen sollte, wird allenfalls die Hälfte der Weltbevölkerung getötet werden. Wir sind, was die Zukunft der Menschheit angeht, optimistisch."
Der Krieg ist ein schmutziges Geschäft; er ist es immer gewesen. Aber der Atomkrieg hat eine besonders schmutzige Seite, deren Eigenart bis heute noch nicht richtig eingeschätzt wird. Man kann sie in einem Wort ausdrücken: "Radio-Strontium" oder Strontium 90. Es ist ein Atom, das bei der Spaltung des Uran-Atoms erzeugt wird. Es hat eine Halbwertszeit von 28 Jahren, das heißt, wenn noch in diesem Jahr ein Atomkrieg ausbrechen sollte, wäre die Hälfte des (durch die Bomben erzeugten) Strontium 90 bis 1993 wirksam. Ein Viertel der ursprünglichen Menge würde sogar noch im Jahre 2021 die Erde vergiften. Da- Strontium 90 chemisch dem Kalzium sehr verwandt ist, wird es von Pflanzen und Tieren und schließlich - mit der Nahrung auch vom Menschen aufgenommen. Es wird in den Knochen "gespeichert" und verursacht Knochentumore und Krebs. Die Wirkung von Strontium 90 ist so verheerend, daß es jede Nation vernichten kann - einschließlich Chinas. Es steht außer Zweifel: China würde durch einen Atom-Angriff zerstört.
Nur wenn die chinesischen Führer dies eingesehen haben, werden sie sich mit einiger Sicherheit davon abhalten lassen, noch in diesem Jahrzehnt ein atomares Abenteuer zu beginnen.
Aber wir müssen auch die Lage in den siebziger Jahren bedenken, wenn Amerikas-Atommacht in den Sprengköpfen seiner Raketen verpackt sein wird. Nehmen wir an, die Hälfte unserer Minuteman- und Polaris-Raketen ist dann gegen China gerichtet.
Fehlstarts, Blindgänger und Irrläufer abgerechnet, würden etwa 700 Sprengköpfe mit einer Sprengkraft von je einer Megatonne (eine Million Tonnen TNT) ihre Ziele treffen. Der gesamte Raketen-Schlag würde etwa 700 Megatonnen entsprechen oder etwa einem Vierzehntel der Zerstörungskraft, die bei einem B-52-Angriff freigesetzt wird.
In nüchterner und kaltblütiger Statistik ausgedrückt: Durch die ersten 310 dieser Sprengköpfe würden in den größeren Städten Chinas 54 Millionen Menschen umkommen, aber 244 weitere Städte müßten zerstört werden, um die nächsten 12 Millionen Chinesen zu töten. Die restlichen 146 Sprengköpfe würden vermutlich gegen militärische Ziele gerichtet werden.
Der Raketen-Angriff würde 66 Millionen Chinesen töten und vielleicht 40 Millionen Verletzte fordern. Weit geringer als bei einem B-52-Angriff wäre bei dem Raketen-Schlag freilich die radioaktive Verseuchung des chinesischen Festlandes. Denn im gleichen Maßstab, in dem die Sprengkraft einer Bombe steigt, nimmt auch die Möglichkeit zu, bei ihrer Explosion radioaktiven "Schmutz" zu erzeugen. Die Raketen tragen dementsprechend nur ein Vierzehntel der tödlichen Radioaktivität des Bomberangriffs. Zudem müßten die Raketen-Sprengköpfe, um ihre maximale Sprengwirkung zu nutzen, in größerer Höhe gezündet werden als die Superbomben der Bomber. Sie wirbeln dabei nur wenig Schutt von der Erde auf, die Fallout-Mengen wären denkbar gering. China wäre zwar schwer angeschlagen, aber seine Erde wäre nicht verseucht - es könnte überleben.
Kann dieser Ausblick China abschrecken? Kein noch so behendes Elektronengehirn im Pentagon vermag das zu errechnen. Aber es scheint nicht so, als sei die Gesamtmenge atomaren Sprengstoffs, die von allen derzeit geplanten US-Raketen getragen werden kann, "über alle Zweifel ausreichend".
Befürworter eines Präventiv-Krieges oder Verteidiger des Großbombers -könnten daraus den Schluß ziehen, die USA müßten jetzt zuschlagen - da sie noch eine überwältigende Überlegenheit ("overkill capacity") besitzen -, oder wir sollten neue strategische Bomber produzieren, die große Megatonnen -Ladungen schleppen können. Beide Wege sind nicht gangbar. Ein atomarer Präventiv-Krieg ist, gelinde gesagt, ein Widerspruch in sich. Und neue Bomber können mit Raketen nicht konkurrieren: Sie sind zu schwerfällig beim Start und auch von der Abwehr leichter zu erfassen als Raketen.
Trotzdem ist eine bestimmte Overkill -Kapazität unumgänglich, um die Abschreckung "über alle Zweifel" glaubhaft zu machen, besonders gegenüber einem Mann wie Mao.
Chinas erste Atomexplosion bei Lop Nor im vergangenen Jahr entsprach etwa unserem ersten Test bei Alamogordo, Neu-Mexiko, am 16. Juli 1945. Trotzdem dürfen wir nicht annehmen, daß die USA den Chinesen 19 Jahre voraus sind. China muß nicht denselben mühseligen Weg gehen, den die Vereinigten Staaten vorgesprengt haben. Die Chinesen konnten zum Teil aus unseren Erfahrungen lernen. Viele Beobachter nehmen an, daß amerikanische Atom-Kenntnisse, die von Alan Nunn May, Bruno Pontecorvo und Klaus Fuchs an die Sowjets verraten worden sind, via Moskau nach Peking gelangten. Außerdem verfügt China auch über einheimisches Talent. Wang Kan chang, vermutlich Chinas Atomforscher Nummer eins, studierte in den dreißiger Jahren in Deutschland und war 1959 stellvertretender Direktor des sowjetischen Atomzentrums in Dubna. Chien San-chiang, Leiter des Atomenergie-Instituts in Peking, wurde am Laboratoire Curie in Paris ausgebildet.
Darüber hinaus hat sich auch die Technologie des Atoms gewandelt. Anfang der fünfziger Jahre haben die Wissenschaftler den Atombombenbau auf eine neue Basis gestellt, indem sie von den schweren und teuren Elementen auf billige, leichte Elemente, wie Wasserstoff und Lithium, übergingen. Die billige (Wasserstoff -)Megatonnen-Bombe ersetzte die teure (Uran- oder Plutonium-)Kilotonnen-Bombe.
Die Chinesen können ein Jahrzehnt überspringen, indem sie der (technisch freilich schwierigeren) Megatonnen -Bombe den Vorrang geben. Es wird für sie nicht leicht sein, aber Anfang der siebziger Jahre dürfte China über eine beachtliche atomare Stärke verfügen.
Optimisten, die annehmen, China würde bis dahin noch keine Raketen haben, die Atomladungen befördern können, sollten sich daran erinnern, daß die Chinesen vor fast tausend Jahren die Rakete erfunden haben. Ihr "huo chien" oder "Feuerpfeil" war ein hohles Bambusrohr, das mit langsam brennendem Pulver gefüllt wurde. Natürlich ist es ein weiter Weg vom Feuerpfeil zur Interkontinental-Rakete, aber die Chinesen haben das Wissen und das Talent von Professor Tsien Hsueh-schen, der bis zu seiner Ausweisung 1955 in der US -Raketenforschung gearbeitet hat.
Wenn Rotchina eines Tages genug Waffen besitzt, um die Vereinigten Staaten herauszufordern, wird das Leben von 80 Millionen Amerikanern in Gefahr sein. Jeder hofft, daß diese apokalyptische Konfrontation vermieden werden kann. In der Zwischenzeit wird keine Atommacht es wagen, den Griff an ihrem atomaren Schwert zu lockern. In gewissem Sinne gleicht es der Erfindung eines Schwachsinnigen - wenn sie benutzt werden muß, hat sie ihren Zweck verfehlt.
* TNT - Trinitrotoluol, ein herkömmlicher
Sprengstoff großer Sprengkraft. Copyright 1965, Time Inc.
Lapp
Chinesische Atomexplosion
"China ist das letzte Land...
Staatschef Mao Tse-tung
... das im Atomkrieg untergeht"
Raketen-Experte Tsien Hsueh-schen
Tragen westliche Winde...
... den Tod über die Gute Erde Chinas?: Chinesischer Atom-Reaktor
Atomkriegsstratege Chruschtschow
Richtige Vorstellungen vom Aschenregen
US-Atomtest beim Bikini-Atoll (1946)
Mao zog die falschen Schlüsse.

DER SPIEGEL 32/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 32/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DROHT DER ATOMKRIEG, WEIL MAO DIE BOMBE NICHT VERSTEHT?

Video 03:39

Waghalsiges Manöver Drohne fliegt unter fahrenden Zug

  • Video "Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug" Video 03:39
    Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug
  • Video "Unterwasserwelt: Bizarre Tiefsee vor Hawaii" Video 00:50
    Unterwasserwelt: Bizarre Tiefsee vor Hawaii
  • Video "Letzter Flug aus Übersee: Air-Berlin-Maschine dreht Ehrenrunde" Video 01:19
    Letzter Flug aus Übersee: Air-Berlin-Maschine dreht Ehrenrunde
  • Video "Drohgebärde gegen Verfolger: Wal beschützt Mutter" Video 00:55
    Drohgebärde gegen Verfolger: Wal beschützt Mutter
  • Video "Virale Landtagsrede: Das ist Nazi-Diktion" Video 03:28
    Virale Landtagsrede: "Das ist Nazi-Diktion"
  • Video "Tanz mit dem Bären: Überraschungs-Auftritt von Herzogin Kate" Video 00:52
    Tanz mit dem Bären: Überraschungs-Auftritt von Herzogin Kate
  • Video "Elle-Awards in Hollywood: 99% der Frauen hier wurden belästigt oder vergewaltigt" Video 02:27
    Elle-Awards in Hollywood: "99% der Frauen hier wurden belästigt oder vergewaltigt"
  • Video "20-Minuten-Manöver: Wie komm ich aus der Parklücke nur raus?" Video 00:42
    20-Minuten-Manöver: Wie komm ich aus der Parklücke nur raus?
  • Video "Wirklich in letzter Sekunde: Polizisten retten Frau aus sinkendem Auto" Video 00:59
    Wirklich in letzter Sekunde: Polizisten retten Frau aus sinkendem Auto
  • Video "Tote und schwere Schäden: Sturm Ophelia zieht über Irland hinweg" Video 01:04
    Tote und schwere Schäden: Sturm "Ophelia" zieht über Irland hinweg
  • Video "Wahl in Österreich: Resozialisierung von Fremdenfeindlichkeit" Video 03:49
    Wahl in Österreich: "Resozialisierung von Fremdenfeindlichkeit"
  • Video "Nordkorea-Krise: Militärmanöver von USA und Südkorea" Video 00:44
    Nordkorea-Krise: Militärmanöver von USA und Südkorea
  • Video "Sprachkolumne Der denglische Patient: Missverständnis auf dem Bürotisch" Video 04:35
    Sprachkolumne "Der denglische Patient": Missverständnis auf dem Bürotisch
  • Video "Drohnenvideo: Südkorea von oben - im Spiegel und im Zeitraffer" Video 01:42
    Drohnenvideo: Südkorea von oben - im Spiegel und im Zeitraffer
  • Video "Frankfurter Buchmesse: Tumulte bei Auftritt von AfD-Rechtsaußen Höcke" Video 01:30
    Frankfurter Buchmesse: Tumulte bei Auftritt von AfD-Rechtsaußen Höcke