11.08.1965

Vom Friedhof in die Freiheit

Neben dem Stacheldraht hängen Petunien, unter MG-Türmen dehnen sich Grünflächen, Betonklötze sind hell getüncht, Panzersperren leuchten taubenblau, und wo Bluthunde hecheln, wird ständig frisch geharkt: Deutschlands häßlichstes Bauwerk ist schöner geworden. Aber die Mauer in Berlin, am Freitag dieser Woche vier Jahre alt, fordert dasselbe wie am ersten Tag, dem 13. August 1961 - Blut und Tränen. Stunde um Stunde macht sie brave Bürger zu Helden und zu Abenteurern. Tag für Tag weckt sie in Ulbrichts Untertanen List und Gewalt. Woche um Woche wird ah dieser perfektesten Grenze der totalitäre Staat vom Freiheitswillen des einzelnen besiegt. Um die Mauer zu überwinden, schwangen sich DDR-Bürger zu todesmutigen Taten auf; um die Wächter zu überlisten, nahmen sie Zuflucht zu Ganoventricks. Sie kaperten Schiffe, fälschten Pässe und ließen sich wie Konterbande schmuggeln - unter den Kotflügeln von Automobilen, auf den Achsen von Eisenbahnwaggons und hinter Schweinehälften in Kühlwagen. Sie gruben sich unter ihr durch wie Mineure des Ersten Weltkriegs. Sie hangelten sich über sie hinweg wie Hochseilartisten. Sie durchwateten unterirdische Kanalisationen wie "Der dritte Mann" im Kino. Unter ihren Händen verwandelten sich klapprige Automobile zu gepanzerten Ramm-Fahrzeugen, die Schlagbäume und Mauerwerk durchbrachen. Die Zahl derjenigen, die durch die Mauer noch West-Berlin flüchten konnten, wird geheimgehalten. Fest steht, daß Tausende bei Fluchtversuchen ertappt und verhaftet wurden. Fest steht, daß Hunderte verwundet wurden. Und fest steht, daß 62 an der Mauer starben.
Russische Maskerade
Tagelang beobachtet der Mann den Ausländer-Übergang in der Friedrichstraße. Dann ist er sicher: Sowjetische Militär-Limousinen passieren ihn ohne Kontrolle, doch stets in der gleichen Besetzung - ein Mannschaftsdienstgrad am Steuer, daneben ein Major, und auf dem Rücksitz ein Leutnant.
In dieser Besetzung rollt, an einem Frühjahrstag 1962, auch der olivgrüne "Pobjeda" mit dem Kennzeichen "A 7 41-27" zum "Checkpoint Charlie". Der Major liest in der "Prawda" und erwidert den Gruß der Vopos, die die Schlagbäume öffnen.
In West-Berlin kann sich endlich das Mädchen erheben, das solange zu des Majors Füßen gelegen hat:
Es hatte aus erdfarbenen HO-Mänteln, olivgrün überzogenen Schiffermützen, buntem Stanniol und vielerlei Stoffresten die Uniformen für die falschen Russen geschneidert.
Braut am Auspuffrohr
Als Inge Lange, 18, Ost-Berliner Braut des West-Berliner Musikers Wolfgang Eulitz, 22, keine Ausreiseerlaubnis erhält, nimmt Gastarbeiter Eulitz Sonderurlaub: der Kontrabassist des Irischen Symphonie-Orchesters in Dublin fliegt im Herbst 1962 in die Frontstadt und fährt in einem "Skoda" mit irischer Nummer in die Hauptstadt der DDR.
Vier feste Lederriemen reichen aus, Inge unter das Fahrgestell zu schnallen. Ihre bandagierten Hände klammern sich um das Auspuffrohr.
Die 13 Kilometer bis zum Checkpoint legt der Entführer im Schrittempo zurück - das Auspuffrohr soll sich nicht übermäßig erhitzen.
Während Inges wallendes Rothaar durch den Straßenschmutz weht, zählt sie die Kontrollstops: fünf.
Das Ehepaar Eulitz lebt in Dublin. Ein Kind.
Flucht durch den Gully
Um Mitternacht rutschen der 22jährige Schaffner und der 21jährige Maler mit zwei vierzehnjährigen Mädchen unweit des Walter-Ulbricht-Stadions in die Kanalisation.
Stundenlang kämpfen sie sich durch jauchige Abwässer, glitschige Rohre und Stacheldrahtverhaue voran. Dann kommen sie nicht mehr weiter: Im Schein ihres letzten Streichholzes sehen sie sich vor einer Mauer.
Über sich entdecken sie einen Gullydeckel; der Schaffner späht durch den Grill. Er flüstert: "Wir sind ja schon im Westen..."
Doch der Gullydeckel läßt sich nicht öffnen -er ist eingefroren.
Mit dem letzten Streichholz stecken sie das Taschentuch eines Mädchens in Brand und schieben die Fackel durch den Grill. Fünf Minuten später tauen West-Berliner Feuerwehrmänner den Deckel auf.
Sprung aus dem Fenster
Das Volk im Ulbricht-Staat ist abgeriegelt. Die Mauer wächst, die Fenster der Grenzhäuser in der Bernauer Straße - im Norden Berlins - sind bereits bis zum ersten Stock vermauert. Die Bewohner werden evakuiert. Ein letzter Ausweg ist nur noch Stunden offen: Der Sprung auf die Straße; der Bürgersteig gehört zu West-Berlin.
An diesem September-Sonntag des Jahres 1961 springen viele Ost-Berliner. Feuerwehrleute im Westen halten Fangtücher auf, Grenzwächter im Osten werfen Rauchkerzen von den Dächern.
Aus dem Haus Bernauer Straße 7 springt eine ganze Familie aus ihrer Wohnung im dritten Stock: Die Frau steht angeseilt auf dem Fenstersims, bevor die Feuerwehr bereit ist. Dann springt sie als erste. Ihr folgt der Sohn. Als letzter läßt sich der Vater in die Tiefe fallen - vor seine Haustür, aber in eine andere Welt.
Durch die Spree
In einer Juni-Nacht wagt er den Sprung. Er trägt nur eine Badehose und hechtet bei Treptow in die Spree. Mit langen Schwimmstößen gelangt er - nach etwa 125 Metern - in die Strommitte und krault Kurs West -Berlin.
In diesem Augenblick erfassen Ihn die Scheinwerferkegel. Geschoßgarben aus Maschinenpistolen peitschen in die Wasseroberfläche. Er wird an Arm, Knie, Ferse und Gesäß getroffen. Mit durchschossener Lunge, in einer Blutlache, schwimmt er weiter auf das West-Berliner Ufer zu.
"Achtung! Polizeiboot!" rufen West -Berliner ihm aus der Deckung zu - das Vopo-Lasso verfehlt seinen Kopf nur um Zentimeter...
Als er in einem West-Berliner Krankenhaus unter dem Sauerstoffzelt aus der Bewußtlosigkeit erwacht, flüstert er: "Ich heiße Neumann."
Der gekaperte Musikdampfer
Kapitän und Maschinist der "Friedrich Wolf" trinken je zwei halbe Flaschen Weinbrand, eine Flasche Sekt und fünf bis sechs Glas Bier. Dann übernehmen Koch und Steward das Kommando über das schönste und modernste Ausflugsschiff der Ost-Berliner "Weißen Flotte":
Sie fesseln die Bezechten auf ihre Lagerstatt, holen Frauen, Kinder und Freunde an Bord - und legen am 8. Juni 1962, 4.30 Uhr, in Treptow die Leinen los.
An der Sektorengrenze im Osthafen, zwischen Treptow und Kreuzberg, wird der Flüchtlingstransport unter Feuer genommen. Etwa 200 Kugeln durchlöchern die Aufbauten und den Tank und schlagen in West-Berliner Häuser ein.
Um 5.05 Uhr legt die "Friedrich Wolf" im West-Berliner Landwehrkanal an: 14 Flüchtlinge gehen gesund von Bord. Kapitän und Maschinist lenken den Ausflugsdampfer verkatert in sozialistische Gewässer zurück - und werden festgenommen.
Das gestohlene Schnellboot
Aus einem Schuppen bei Wildau (Mark Brandenburg) gleitet ein schnelles Motorboot in den nachtschwarzen Zeuthener See. Diebe sind an Bord und steuern es.
Abgedunkelt und mit gedrosseltem Motor nimmt das Boot an diesem 10. Oktober 1961 Kurs auf Berlin. Nach fast zweistündiger Fahrt kommen die Lichter von Treptow in Sicht: Sektorengrenze.
Scheinwerfer flammen auf: Vier Vopo-Suchboote nehmen das Böot in das Kreuz ihrer Lichtkegel. Mündungsfeuer zuckt neben den Scheinwerfern. An Land belfern Maschinenpistolen.
Mit aufheulendem Motor und weiß schäumender Bugwelle sucht das Schnellboot den Jägern zu entkommen. Im Kugelhagel kracht es gegen die West-Berliner Kaimauer. Drei Teenager entsteigen unverletzt: Klaus und Jürgen, beide 17, Marion, 16.
Das Schiff ihrer Flucht gehört dem sowjetzonalen Roten Kreuz. Es ist ein Rettungsschnellboot.
Sprung auf den Paris-Express
Unter einer Spree-Brücke hinweg hangelt er bis an das Bahngelände hinter dem Bahnhof Friedrichstraße heran, den um 22.20 Uhr der Moskau-Paris-Expreß mit einer Geschwindigkeit von 25 bis 30 Stundenkilometern in Richtung West-Berlin verläßt.
Dann springt Wolfgang. Auf den Puffern zwischen zwei Waggons fährt er bis zum West-Berliner Bahnhof Zoologischer Garten.
Seinem Beispiel folgen bis Mitte Februar insgesamt 17 Personen, darunter zwölf 16- bis 19jährige Schüler der Max-Planck-Schule.
Als der 18. Flüchtling abstürzt, sich beide Beine bricht und dem SSD in die Hände fällt, ist der Fluchtweg entdeckt.
Ausbruch mit dem Vorortzug
Harry Deterling, 28, Lokomotivführer der sowjetzonalen Reichsbahn, meldet sich freiwillig zu einer "nationalen Aufbauschicht". Er darf sie leisten: am 5. Dezember 1961 auf der Vorortstrecke
Oranienburg-Albrechtshof, dem letzten unblockierten Schienenstrang nach West -Berlin.
Um 20.44 Uhr durchrast die Lokomotive, auf der Deterling Dienst tut, mit acht Wagen die sowjetzonale Endstation Albrechtshof. Der Zugführer zieht die Notbremse. Sie versagt: Deterling hat sie außer Betrieb gesetzt.
Die Sabotage ist Teil eines Fluchtplans: Auf West-Berliner Gebiet entsteigen dem Zug 25 Personen: Männer, Frauen und Kinder - sechs Flüchtlingsfamilien, darunter auch die Deterlings. Elf Reisende, unfreiwillig gekommen, kehren in die DDR zurück - darunter drei Grenzwächter.
386 Phantasie-Pässe
Die Ost-Berliner Friseuse reist als türkische Botschaftsangestellte Dagy Gellny durch die Mauer, der Bauarbeiter aus Ost-Berlin als tschechoslowakischer Diplomat Herman Vavra: zwei von 386 DDR-Bürgern, die von März 1962 bis November 1964 mit Phantasiepässen fliehen können.
Geschäftstüchtige West-Berliner hatten den Personenschmuggel organisiert. Sie beschäftigten Lederwarenhersteller in zahlreichen europäischen Ländern, unterhielten einen Park von elf deutschen und amerikanischen Luxuslimousinen, fälschten Uno- und Ostblockpässe, Stempel, auch das Staatssiegel der DDR
- und kassierten von jedem Flüchtling
3000 bis 5000 Mark West.
Der 387. kommt nicht mehr durch: Der Kurier, der ihm am 9. November 1964 die Papiere nach Ost-Berlin bringen soll, liefert nicht den Paß ab, sondern den Fluchtwilligen dem SSD aus.
Kinder Im Kühlwagen
Der Kühllastzug des "VEB Güterkraftverkehr Berlin", der im Rahmen des Interzonenhandels regelmäßig eingefrorene Schweinehälften in die Frontstadt liefert, hält auf der West-Berliner Seite des Grenzübergangs Heinrich-Heine-Straße. Fahrer Erich Ross, 32, wohnhaft in Karlshorst, SED-Mitglied und Vater von acht Mädchen, beugt sich aus der Kabine und sagt zum West-Berliner Zöllner:
"Ich habe meine Familie mitgebracht."
Die Mitteilung ist unvollständig: Hinter 170 Schweinehälften krabbeln auch noch die Frau und die drei Kinder des Beifahrers Worm hervor.
Ross: "Wir haben sie alle ordentlich verhauen, damit sie still waren."
Tunnel zum Friedhof
An einem Septemberabend 1961 betreten sie den Friedhof an der Fischer straße im Ost-Berliner Bezirk Pankow: drei Männer mit Zylinder, zwei schwarzverschleierte Frauen.
18.30 Uhr: Die Trauernden legen zwei Kränze auf einem Grab nahe der westlichen Friedhofsmauer nieder.
18.40 Uhr: Aus einem wenige Meter entfernten Urnengrab reckt sich eine Hand.
18.42 Uhr: Die Friedhofsbesucher sind verschwunden.
18.50 Uhr: Auf West-Berliner Boden - jenseits von Friedhofsmauer und Ulbrichts Mauer - klettert die Trauergemeinde ohne Trauer an die Erdoberfläche.
Zwei West-Berliner Tunnelbauer hatten den 25 Meter langen Stollen nach Ost-Berlin bis unter das Urnengrab getrieben, um ihre Bräute aus der DDR zu holen.
Rückwärts über die Grenze
Zum zwölften Gründungstag der DDR, dem 9. Oktober 1961, trommelt der Ost-Berliner Photoreporter Horst Beyer Athletinnen des Ost-Klubs "Rotation" zusammen. Er rüstet sie mit Sträußen aus und marschiert mit ihnen zum "antifaschistischen Schutzwall", um Propagandaaufnahmen zu machen.
Am Übergang Friedrichstraße beglückwünschen die Blumenmädchen, von Beyer ermuntert, die DDR-Grenzer zum aufopferungsvollen Mauerdienst. Beyer knipst die sozialistische Szene - mit immer neuen Einstellungen, aus einem jeweils anderen Blickwinkel. In seiner Geschäftigkeit bewegt er sich, im Rückwärtsgang weiter knipsend, auf den weißen Grenzstrich zu.
"Paß auf, Genosse", ruft ihm ein Volkspolizist zu, "daß du nicht über die Grenze trittst!"
Genosse Beyer paßt auf: Er tritt über die Grenze.
Klimmzug an der Mauer
Seit anderthalb Jahren hat der 24jährige Dolmetscher Ulrich Block ausländische Besucher an den "antifaschistischen Schutzwall" geführt. Am Sonnabend, 18. Juli 1964, begleitet er 46 Schüler und Studenten aus der französischen Stadt Arras an das Brandenburger Tor.
Es ist kurz nach 17 Uhr. Die Mauerwächter dösen in der Hitze - das Thermometer zeigt 28,5 Grad. Abschnittsleiter Major Ganzauge wird von den Franzosen umringt; er läßt sich photographieren.
Da wagt Ulrich Block den Sprung: Er durchläuft - in Kniehosen und Sporthemd - den 15 Meter breiten Todesstreifen bis zur Mauer, zieht sich hoch und schwingt sich, unter den Blicken der Ausländer, nach West-Berlin.
Mit erhobenen Armen läuft er in die Freiheit.
Artist am Starkstromkabel
Eisiger Wind singt in den Drähten, als der 36jährige Drahtseilartist Horst K. nachts in Ost-Berlin unter dem Mast der Hochspannungsleitung steht.
Der übernächste Mast steht schon in West-Berlin - 120 Meter entfernt.
K. liest das Warnschild: Das Kabel hat 110 000 Volt. Dennoch erklimmt er das Gestänge. In 15 Meter Höhe hechtet er nach einem Isolator aus Porzellan. Langsam rutscht er über den Draht. Der Stahl schneidet ins Fleisch. Die Hände erstarren.
30 Meter vor dem Ziel stürzt K. ab und schlägt auf den hartgefrorenen Boden im Niemandsland.
Von den West-Berliner Feuerwehrmännern, die ihn mit gebrochenen Armen bergen, erfährt er, daß seine Sorge unbegründet war:
Seit einem Jahr ist die Leitung ohne Strom.
Unter den Schlagbaum hindurch
Der Österreicher Heinz Meixner, 20, arbeitet als Elektriker in West-Berlin, seine Verlobte Margit, 20, als Buchhalterin in Ost-Berlin. Mit dem Auto will er sie holen.
Bei legalen Besuchen in Ost-Berlin kundschaftet er am Grenzübergang Friedrichstraße insgeheim die Höhe der Schlagbäume aus: Sie sind genauso hoch wie der Lenker seines Rollers - 90 Zentimeter über Straßenebene. Er braucht einen Wagen, der darunter durchfahren kann.
Bei einem Autoverleiher am Kurfürstendamm entdeckt er ihn: einen Roadster vom Typ "Austin Healey Sprite". Er ist ohne Windschutzscheibe genau 90 Zentimeter hoch - und bei nur halbem Atü-Druck in den Reifen etwas niedriger.
Dieser Spielraum genügt. In der Nacht zum 5. Mai 1963 kehrt Meixner mit dem geliehenen Wagen von einem Besuch in Ost-Berlin zur Sektorengrenze zurück. Seine Freundin Margit unter dem Spritzverdeck und deren Mutter im Kofferraum - so rast er mit Tempo 80 unter den Schlagbäumen hindurch.
Mit einem Kranz in die Freiheit
Am 7. November 1961, 10 Uhr, setzt sich in Ost-Berlin eine Kommunisten-Kavalkade in Bewegung: Die Funktionäre fahren nach West-Berlin, um am 44. Jahrestag der bolschewistischen Oktoberrevolution, wie jedes Jahr, am Russen-Ehrenmal im Tiergarten Kränze niederzulegen.
Um 9.45 Uhr stoppt unweit des Übergangs Friedrichstraße ein "Wartburg". Auf seinem Dach ist ein Kranz befestigt; drinnen sitzen zwei DDR-Bürger, die sich der Funktionärsdelegation anschließen wollen. Zwei Stunden warten sie vergebens. Dann entscheidet der Mann am Steuer: "Wir fahren allein."
Langsam rollt der bekränzte "Wartburg" in die Friedrichstraße ein. Er passiert die Kontrollposten, durchfährt die Slalom-Sperren und gibt vor der letzten Postenkette Vollgas.
In West-Berlin erfahren die Insassen, daß die sowjetische Kranz-Delegation ganz woanders - an der Sandkrug-Brücke - die Sektorengrenze passiert hat.
Ein Toter saß am Steuer
Der Lastwagen der "VEB Bautransporte Berlin" durchbricht die Grenzbarrieren am Kontrollpunkt Heinrich-Heine-Straße unter dem Dauerfeuer aus einer Maschinenpistole und rollt mit unverminderter Geschwindigkeit zweihundert Meter weiter durch West-Berlin.
Er prallt gegen eine Hausmauer am Moritzplatz. Ein Beifahrer wird mit einem Schultersteckschuß, der andere mit Beckenquetschungen geborgen.
Der Fahrer Klaus Brüske, 24, war bereits vor dem Aufprall tot. Zwei Kugeln haben ihm beim Grenzdurchbruch tödlich getroffen: Sterbend hat er seine Freunde in die Freiheit gefahren.
Der falsche SSD-Mann
"Ich bin vom Geheimdienst. Geben Sie mir Ihre Ausweise!" Mit diesem Trick knöpft der Hallenser Horst Streit, 36, dem West-Berliner Dieter Mahrholdt am Karfreitag 1965 in Ost-Berlin Ausweis, Passierschein und Westgeld ab.
Tagelang hat Streit ah Ost-Berliner S-Bahn-Ausgängen auf den Westbesucher gewartet, der ihm ähnlich sieht; Als er Mahrholdt in der Friedrichstraße entdeckt, verfolgt er ihn bis zum Prenzlauer Berg.
Während Streit mit den fremden Papieren längst nach West-Berlin entschlüpft ist, gehen Mahrholdt und ein weiterer West-Berliner Ost-Berlin-Besucher, Jürgen Rehbein, zum Vopo-Revier und melden den Verlust der Papiere.
Die beiden werden als "Fluchthelfer" verdächtigt und inhaftiert.
Die Geschichte endet erst Anfang Juni: Streit wird wegen Freiheitsberaubung zu drei Jahren West-Berliner Gefängnis verurteilt - erst dann werden Dieter Mahrholdt und Jürgen
Rehbein in Ost-Berlin auf freien Fuß gesetzt.
Der geschneiderte Amerikaner
Auf der Ost-Berliner Prachtstraße Unter den Linden verharrt an einem Herbstabend ein Passant: Er wirft seinen Mantel ab und schleudert ihn in eine Ruine. Dann stülpt er ein Käppi auf und setzt seinen Weg fort - in der Uniform eines amerikanischen Offiziers.
Freundlich grinsend passiert er, der Ost-Berliner Fachlehrer Fritz Berger, 32, wenig später am Ausländer-Übergang in der Friedrichstraße die dreifach gestaffelte Kette der Kontrollposten. Die Vopos salutieren.
Er hatte sich seine Freiheit zusammengeschneidert: aus einer abgeschabten tschechischen Uniform; russischen Schulterklappen und gebleichtem SA -Hemd.
Opel P 4 als Panzer
Den Betonsperren am Kontrollpunkt Chausseestraße nähert sich an einem Novemberabend ein rostroter Opel P 4, Baujahr 1933.
Als er auf quietschenden Reifen durch die Slalomkurven schlittert, jagen die Grenzwächter einhundert Schuß auf den schleudernden Opel. Doch die Flüchtlinge, zwei Männer und drei Frauen, gelangen unverletzt nach West-Berlin.
Sie hatten den Auto-Veteranen zum Panzerwagen ausgebaut. Der Hohlraum der Türen war mit Beton ausgegossen, der Fond mit Eisenplatten ausgekleidet. Hinter der Windschutzscheibe war eine Eisenplatte mit 28 Bohrlöchern in Sichthöhe angebracht.
Die notwendige Stärke dieser Panzerplatte hatte einer der Flüchtlinge bei Volkspolizisten ausgekundschaftet: 4,5 Millimeter.
In der Isetta versteckt
Ein Algerier kehrt Ende Oktober 1964 von einem Besuch in Ost-Berlin an den Ausländerübergang in der Friedrichstraße zurück. Er entsteigt seiner "Isetta" und betritt die Kontrollbaracke.
Neugierig betrachtet ein Vopo das kapitalistische Kleinst-Vehikel. Er will sich schon wieder abwenden - da wackelt die unbemannte Kapsel plötzlich. Der Vopo inspiziert das Gefährt genauer - und zieht aus einem Hohlraum neben dem Motor im Heck eine 59jährige Frau hervor.
Die blinde Passagierin und der Algerier werden verhaftet.
Später verlautet in West-Berlin, daß in dem Hohlraum dieser "Isetta" innerhalb acht Wochen neun Personen über die Grenze wechselten.
Die größten Schwierigkeiten bereitete der Transport eines Mannes: Der Flüchtling maß 1,82 Meter.
Im Bus durch drei Barrieren
Hundert Meter vor dem taghell erleuchteten, wie eine Festung bewehrten Autobahnkontrollpunkt Babelsberg stoppt am 2. Weihnachtsfeiertag 1962 ein Vomag-Bus. Baujahr: 1941.
Zwei Männer schrauben Panzerplatten vor die Fahrerkabine. Vor dem Kühler sind Eisenrohre zusammengeschweißt und ein Schneeflug befestigt. Die Räder sind durch Stahlplatten geschützt.
Der als "Werkstattwagen" getarnte Panzerbus war seit 24 Stunden über 250 Kilometer aus der sächsischen Kleinstadt Neugersdorf herangerollt. Insassen: Spediteur Hans Weidner und der Kraftfahrer Jürgen Wagner mit ihren Familien.
Am 26. Dezember, 5.30 Uhr, zertrümmert der rollende Rammbock die drei eisernen Schlagbäume von Babelsberg und rast unter geltendem Sirenengeheul nach West-Berlin.
Dort steigt als erster Weidner aus. Der Schwerkriegsbeschädigte kann sich nur an Krücken bewegen.
Seilbahn über die Mauer
Einen der gefährlichsten und bestbewachten Punkte der ganzen Ulbricht'-Schanze hat sich der Leipziger Industrie-Ökonom, Gruppenorganisator und Büro-Planer Heinz Holzapfel, 34, für die Flucht ausgesucht: das "Haus der Ministerien", Görings ehemaliges Reichsluftfahrtministerium.
Den ganzen Tag - den 29. Juli dieses Jahres - verbringen Holzapfel, seine Ehefrau Jutta und Sohn Günter unter dem Vorwand von Dienstgeschäften, in der Funktionärskanzlei. Nach Dienstschluß verstecken sie sich bis zum Anbruch der Nacht in einer Toilette und hängen ein Schild auf: "Toilette außer Betrieb - bitte eine andere benutzen."
Dann pirschen sie sich auf selbstgefertigten Schleichsocken zum Dach. Ein Hammerwurf über die Mauer befördert das Ende eines Perlonseils zu Freunden in West-Berlin; ein Stahlseil von 150 Meter Länge und, sechs Millimeter Stärke zieht er daran herauf. Er befestigt es an einem Fahnenmast: Seilbahn zum Westen.
In selbstgefertigten Tragegurten gondelt die Familie über die Mauer - zuerst der Sohn, dann die Frau, zuletzt Holzapfel selbst.
Unweit der Fahnenstange stand ein sowjetischer Beobachtungsposten. Sie hatten ihn nicht bemerkt - er sie aber auch nicht.
Flüchtlinge in Russen-Kluft: Der Major las die "Prawda"
Flüchtling im Gully: Der Deckel war eingefroren
Fluchtsprung Bemauer Straße
Vor der Haustür eine andere Welt
Gekaperte "Friedrich Wolf": Nach dem Gelage Leinen los
Entführter Vorortzug: Ohne Bremse auf dem letzten Gleis
Falsche Diplomatenpässe
Der letzte Kurier...
Falscher Diplomatenwagen
... war ein Spitzel des SSD
Geflüchtete Familie Ross
Frauen und Kinder...
Ross-Wagen
... hinter eingefrorenen Schweinehälften
Fluchttunnel
Eine Hand winkte aus dem Grab
Photograph Beyer
"Paß auf, Genosse...
Beyer-Photo an der Mauer
... daß du nicht übertrittst"
Flüchtender Block: Ganzauge döste
Flüchtlingsauto: Die Russen kamen nicht
Geflüchteter Artist K.
Absturz im Niemandsland
Fluchthelfer Meixner, Meixner-Auto: Braut unterm Verdeck
Verkleideter Berger
Die Vopos salutierten
Gepanzerter Opel
Beton in den Türen
Präparierte Isetta
Hohlraum im Heck
Gepanzerter Vomag
Rammbock am Kühler
Drahtseil-Fluchtweg
Vom Ministerium abwärts

DER SPIEGEL 33/1965
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