18.08.1965

SCHAUT HER, ICH BIN'S

SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber mit Kanzler Erhard auf Wahlreise

Von Schreiber, Hermann

Ein kindlicher Frohlaut entrang sich den deutschen Menschen auf der vor genau 75 Jahren ins Reich heimgekehrten Ferieninsel Helgoland, als Ludwig Erhard den Gehweg vor dem Kurhotel überquerte und den Zigarrenladen der Genußwarenhändler Henry und Heinz Dähn betrat.

"Maßhalten!" heischte heiter das Volk vor dem eilends abgesperrten Eingang des Geschäfts, während drinnen der Volkskanzler mit Bedacht seine Zigarren wählte. Nicht "Flor de la Isabella" wollte er haben, auch nicht "Larranaga", sondern castro-kubanische Importe namens "Punch", das Stück zu 1,35 Mark, zollfrei.

Der Versuchung, zwei Kisten zu je 25 Stück so günstig zu erwerben, widerstand er. Unverdrossen wies er den Verkäufer an, die 30 Stück, die er haben wollte, dann eben in Tüten abzupacken. Und nachdem er die Preise für Gin und etliche Spezereien ausgeforscht hatte, ließ er die Endsumme des Einkaufs bis auf 56,10 Mark ansteigen. Dann hielt er Maß und bot sich, Kanzler und Konsument in einem, wieder dem Volke dar.

Planvolle Idylle wie diese sind für den Wahlkampf, den Titelverteidiger Erhard vergangene Woche mit einer Reise nach Norddeutschland in Gang gesetzt hat, viel typischer als wilde Attacken. Ein Erhard, der kauft, ist überzeugender als ein Erhard, der kämpft; ein Erhard, der kauft, ist populärer als ein Erhard, der keift.

Die Konsum-Kulisse, aufgefrischt mit frohen Freizeit-Farben, ist nun mal sein wirkungsmächtigstes Milieu. Er fand es

auf Helgoland, wo man ohnehin nicht den Wahlkampf, sondern ein Fest zur Erinnerung an den Eintausch der Nordsee-Insel gegen das ferne Sansibar beging. Und er fand es am Ostseestrand, entlang der Bikini-Strecke zwischen Niendorf, Timmendorfer Strand, Scharbeutz und Haffkrug, wo er am Abend eines langersehnten Sonnentages aufging wie der gute Mond.

Eine zum Spalier formierte Gesellschaft im Urlaubsdreß schulterte den Nachwuchs, zeigte mit dem Finger und brach in laute Bekundungen des Wiedererkennens aus: "Huch, der Dicke! Guck mal, das ist der Onkel! Da isser ja, unser Opa!" Die Repräsentantinnen des Fräulein-Wunders schienen sich dem Repräsentanten des Wirtschaftswunders auf sehr familiäre Weise verbunden zu fühlen. Und die Zigarre, wiewohl im Fahrtwind längst erkaltet, wurde zum Fetisch.

In Plön, wo eine schaulustige Menge den um beinah zwei Stunden verspäteten Kanzler-Konvoi durch Umzingelung zum Stehen brachte, hörten die Erhardiner ihren Matador in ein flugs zugereichtes Handmikrophon sagen: "Es ist gar nicht nötig, daß ich lang rede. Sie sollen mich sehen."

Sichtwerbung ist die Essenz der Erhard-Kampagne. "Schaut her, ich bin's", ist ihr wahres Motto. Und die Parteistrategen falten fromm die Hände und fügen ein inbrünstiges "Darum CDU" hinzu.

Viel mehr fällt ihnen meist nicht ein. Vielleicht ist mehr auch gar nicht nötig. Die Kampagne leidet sogar unter Organisationsmängeln - unzulängliche Lautsprecheranlagen oder Beleuchtungsmängel am Abend zum Beispiel -, die darauf schließen lassen, daß die Erkenntnis, mit der SPD in einem Kopf an-Kopf-Rennen zu liegen, in den Köpf der CDU einfach nicht hinein will. Die

Vorstellung, Bundestagswahlen auch einmal verlieren zu können, erscheint der Partei allenfalls wie ein Gespenst, dem sie mit abgewendetem Gesicht den Volkskanzler entgegenstreckt, auf daß er es banne.

Wichtigstes Requisit dieses Beschwörungsversuches ist der Elizabeth-Mercedes, den die CDU für Erhards Wahlreisen ausgeliehen hat und der auf den insgesamt 18 000 Eisenbahnkilometern huckepack im Sonderzug mitgeführt wird. Das königliche Gefährt erweist sich nicht nur bei den "langsamen Ortsdurchfahrten", sondern auch bei jedem Rede-Stopp als so symbolkräftig, daß alle es einmal anfassen wollen. Kanzler-Fahrer "Bubi" Rypka hat Mühe, den eingekeilten Sechshunderter immer wieder in Fahrtrichtung zu bringen, ohne daß Volk und Wagen Beulen bekommen.

Für Ludwig Erhard freilich ist Wahlkampf, wie die Partei ihn auch verstehen mag, immer nur ein Anlaß, vor das deutsche Volk hinzutreten und für sich zu zeugen.

Die Basis-Wahlrede, die er am Tegernsee handschriftlich entworfen hat und die er, mit wechselndem Glück, frei variiert, enthält darum auch weder Versprechungen noch Entwürfe, sondern nur Bekenntnisse. "Ich bin aus kleinen Anfängen herausgewachsen und habe mich heraufgearbeitet. Ich weiß also, was das deutsche Volk will." Das muß man glauben. Dann genügt es, "Treue um Treue" zu bekunden am Tage der Wahl. Denn daß er sich selber treu bleiben werde - das ist Ludwig Erhard zu versprechen allzeit bereit.

Um so mehr verblüfft es die Mehrheit seiner Zuhörer, wenn er plötzlich anfängt, wie Adenauer auf die SPD zu schimpfen. Der Volkskanzler tut sich schwer, die Leute glauben zu machen, daß er die Sozialdemokraten wirklich für ganz unwürdige Gesellen hält, die durch ihr ewiges Nein "das eigene Nest beschmutzen" und mit denen man also nicht mehr verkehren kann.

Außerdem spürt das Volk genau, daß dem Kanzler diese Attacken in Wahrheit gar keinen Spaß machen, und es mutmaßt deshalb mit Recht, daß also etwas anderes dahinterstecke: nämlich ein Angriff auf alle jene christlich-demokratischen Parteifreunde, die mit diesen bösen Sozis eine Große Koalition eingehen wollen, deren Kanzler nicht mehr Ludwig Erhard wäre.

Überhaupt drängt sich immer wieder der Eindruck auf, daß sich Volk und Volkskanzler mit Gesten besser verständigen können als mit Worten. Die direkte Begegnung zwischen beiden leidet entschieden unter einem Mangel an Artikulation.

Stehen sie einander unvermittelt gegenüber, so sind beide um das rechte Wort verlegen. Das Volk juchzt und knipst, und der Volkskanzler pafft und macht ab und zu mit dem rechten Arm eine Bewegung, als wolle er einen Schwarm Brieftauben auf die Reise schicken.

Wenn er sich aber, wie auf der Überfahrt nach Helgoland, einfach eine Pudelmütze aufsetzt, deren rückwärts herabhängende Bommel ihn im Nu zum perfekten Michel macht, erreicht er weit mehr als mit der hundertfältig wiederholten Versicherung, wahrhaftig ein Mann des Volkes zu sein.

Nicht allen, die jetzt auf Stimmfang sind, gelingt es so, aus dem Zufall und aus der Idylle Kapital zu schlagen.

Der Vizekanzler Erich Mende zum Beispiel, der es sich gleichfalls nicht hatte nehmen lassen, nach Helgoland zu kommen und dort - wenn schon in einer Art Splendid isolation von seinem Koalitionskanzler - auch dem Festgottesdienst beizuwohnen, geriet bei dem Versuch, den Schauplatz der Feierstunde durch einen separaten Eingang zu betreten, mitten hinein in den Kirchenchor. Aber als der Dirigent ihn mit dem Ruf "Wollen Sie mitsingen, Herr Mende?" auf den Irrtum hinwies, duckte er sich und verschwand.

Ludwig Erhard hingegen sang mit: "Nun danket alle Gott", drei Strophen, und alle auswendig.

Helgoland-Besucher Erhard: "Ich weiß, was das Volk will"


DER SPIEGEL 34/1965
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