11.08.1965

Rußland im Krieg

7. Fortsetzung
1944 - das Jahr der Siege
Das Jahr 1943 war für die Russen das
Jahr des "Perelom" - das Jahr der großen Wende. Seit Stalingrad, besonders aber seit Kursk war die Rote Armee fast ohne Halt nach Westen vorgestoßen. Zwar hielt die Wehrmacht immer noch den größten Teil der Westukraine und Weißrußlands sowie das ganze Baltikum besetzt, und immer noch beschossen ihre Geschütze Leningrad - aber die Russen schickten sich an, die Deutschen endgültig aus der Sowjet-Union zu vertreiben.
Auf ihrem Weg nach Deutschland betrat die Rote Armee 1944 überall zwischen dem Balkan und Polen nichtrussischen Boden. Daraus entwickelten sich neue politische, diplomatische und psychologische Probleme.
Seit dem Fall Stalingrads und seit dem Sturz Mussolinis suchten Deutschlands Satelliten (Finnland, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und die Slowakei) fieberhaft nach Mitteln und Wegen, mit einem Minimum an Schäden aus "Hitlers Krieg" auszusteigen. Schon Anfang 1944 streckten Finnland, Ungarn und Rumänien die ersten Friedensfühler aus.
Die Konferenz von Teheran hatte diese Länder schließlich überzeugt, daß die Kriegsallianz zwischen Rußland,
England und Amerika ein weitaus solideres Unternehmen war.
Im Rückblick auf das Jahr 1943 hatte Rußland allen Grund, optimistisch zu sein, wenngleich für den einzelnen Sowjetbürger der nach wie vor mit furchtbaren Verlusten verbundene Krieg weiterhin eine düstere Realität war. Jeden Tag wurden mehr und mehr junge Leute zur Roten Armee eingezogen. Nahezu alle älteren Männer und Frauen, mit denen man sprach, hatten einen oder mehrere, oft alle Söhne verloren.
Den offiziellen Zahlen zufolge, die nach Kriegsende veröffentlicht wurden, standen Anfang 1944 ungefähr sieben Millionen Mann in der Armee; da mindestens fünf Millionen Mann bis dahin in den zweieinhalbjährigen Kämpfen gefallen waren (ganz zu schweigen von der Zahl der Verwundeten), kann man sich leicht vorstellen, wie tief der Krieg in das Leben jeder Familie eingegriffen hatte.
Trotz unleugbarer Anzeichen physischer Erschöpfung war die Moral der Arbeiterschaft nach wie vor gut. Noch besser stand es damit bei der Armee. Nicht nur, daß die Soldaten stolz waren, da jeder Tag neue Siege brachte; es herrschte auch ein nationales Hochgefühl, man war sich der errungenen Erfolge bewußt, und das Streben der Truppe nach Auszeichnungen wurde geschickt kultiviert. Medaillen und Orden wurden millionenfach verliehen, sie waren für jeden Soldaten ein Ansporn. Es gab inzwischen "Stalingrad -Medaillen", "Leningrad - Medaillen", "Sewastopol-Medaillen" und "Moskau -Medaillen", gegen Ende des Krieges wurden neue Ehrenzeichen "für die Eroberung von Bukarest", "für die Befreiung von Warschau" verliehen, und Medaillen bekam auch, wer in Belgrad, Budapest, Wien, Prag oder Berlin einmarschiert war.
1941 und 1942 war der deutsche Soldat vielen Russen als ein seelenloser, aber unerhört schlagkräftiger Roboter erschienen. Während der Jahre 1943 und 1944 änderte sich die russische Haltung den Deutschen gegenüber - allerdings in zwei verschiedenen Richtungen:
Nach wie vor gab es hervorragende deutsche Soldaten - vor allem in der Waffen-SS -, die bereit waren, bis zum Ende zu kämpfen, und die eher Selbstmord begingen als daß sie sich ergaben. Aber der gewöhnliche deutsche Kriegsgefangene trug nicht mehr das arrogante Wesen von 1941 und 1942 zur Schau. Jetzt neigte er eher dazu, sein Schicksal zu beklagen und elend dreinzuschauen.
Andererseits war bei den Russen das Bedürfnis - das sie in den ersten beiden Kriegsjahren gespürt hatten -, die deutschen Kriegsgefangenen zu mißhandeln, ja, sie umzubringen, weitgehend geschwunden. Nach kurzer Zeit kühlte sich der Zorn der russischen Soldaten ab, und sie gaben sogar eben eingebrachten deutschen Gefangenen zu essen.
Doch etwas machte das russische Verhalten den deutschen Soldaten gegenüber besonders problematisch: Nahezu jede befreite Stadt, jede befreite Ortschaft in Rußland oder der Ukraine hatte eine furchtbare Geschichte zu erzählen.
In Weißrußland waren Hunderte sogenannter "Partisanendörfer" niedergebrannt worden. Ihre Bewohner hatte man entweder ermordet oder verschleppt. Überall waren große Städte der systematischen Zerstörung anheimgefallen. In der Ukraine, wo der Partisanenkrieg ein relativ geringes Ausmaß erreichte, hatten die Deutschen einen hohen Prozentsatz der jungen Leute deportiert.
In allen Städten war die Gestapo am Werk gewesen und hatte erschossen und gehängt. Die Einsatzkommandos und andere Verbände hatten keinen Augenblick nachgelassen in ihrem Eifer, Partisanen und deren angebliche Komplicen zu liquidieren, oft ganze Ortschaften mit Frauen und Kindern.
In Hunderten von Städten waren die Juden systematisch umgebracht worden. In Kiew beispielsweise töteten die Deutschen Zehntausende von Juden in einem Graben außerhalb der Stadt, der Babi Jar hieß. Aber auch jede andere ukrainische und weißrussische Stadt hatte von Greueln zu berichten.
Als die Rote Armee nach Westen vorrückte, hörte sie täglich diese Geschichte des Terrors, der Erniedrigungen und der Verschleppung. Sie erlebte die zerstörten Städte, sah die Massengräber mit ermordeten oder verhungerten russischen Kriegsgefangenen, sah Babi Jar mit seinen Männer-, Frauen- und Kinderleichen.
So lernten die russischen Soldaten die Wahrheit über das nationalsozialistische Deutschland kennen, mit seinem Hitler und seinem Himmler, seiner Theorie vom Untermenschen und seinem unbeschreiblichen Sadismus. Was Alexej Tolstoi und Scholochow und Ehrenburg über die Deutschen geschrieben hatten, war nichts im Vergleich zu dem, was die russischen Soldaten sehen, hören und mit ihrer eigenen Nase riechen konnten.
Denn wo immer auch die Deutschen gewesen waren, hing der Geruch verwesender Leichen in der Luft. Babi Jar war ein Kinderspiel gemessen an Maidanek, dem Vernichtungslager bei Lublin, das die Russen im August 1944 besetzten.
In Maidanek waren innerhalb von wenigen Jahren eineinhalb Millionen Menschen umgebracht worden. Und mit dem Geruch Maidaneks in den Nasen erkämpften sich Tausende russischer Soldaten ihren Weg nach Deutschland hinein.
Es gab den "gewöhnlichen Fritz" des Jahres 1944, und es gab Tausende von Himmlers Berufsmördern - aber konnte man zwischen ihnen eine klare Trennungslinie ziehen? Hatte nicht der "gewöhnliche Fritz" ebenfalls an der Liquidierung der "Partisanendörfer" teilgenommen? Und billigte der "gewöhnliche Fritz" nicht das, was seine Kameraden von der SS und der Gestapo taten?
Hier bestand ein psychologisches und politisches Problem, das der Sowjetregierung und dem Kommando der Roten Armee besonders 1944 und 1945 beträchtliche Sorgen bereitet.
Schließlich war der Umstand, daß nunmehr Millionen russischer Soldaten in "bürgerlichen" Ländern Ost- und Mitteleuropas kämpften, die Quelle zahlreicher neuer psychologischer Probleme.
Das erste dieser Probleme tauchte auf, als die russischen Soldaten zum erstenmal die Kaufhäuser Bukarests betraten ...
"Kleines Stalingrad" am Dnjepr Nikopol mit seinem Mangan, Kriwoi Rog mit seinem Eisenerz, die Ukraine westlich des Dnjepr -jenes große Kolonialreich Erich Kochs, der künftige Kornspeicher des gefräßigen "Herrenvolks" - gingen verloren. Es war nicht leicht für Hitler, all dem Lebewohl zu sagen.
Ende 1943 waren die Russen bereits in die ukrainischen Gebiete westlich des Dnjepr eingedrungen.
In den letzten September- und den ersten Oktobertagen war ihnen eines der erstaunlichsten Kunststücke dieses Krieges gelungen: Unter dem Schutz der Dunkelheit hatten Tausende von Soldaten an zahlreichen Punkten das mächtige Hindernis, das der Dnjepr bildete, überwunden. Kaum hatten sie den Strom erreicht, überquerten sie ihn in kleinen Booten und auf improvisierten Flößen, ja manche benutzten sogar die Bretter von Gartenbänken, um sich über Wasser zu halten.
Die Deutschen, die sich mit ihrem unüberwindlichen "Ostwall" am rechten Ufer des Dnjepr gebrüstet hatten, waren völlig überrascht. Sofern sie überhaupt Widerstand leisteten, wurde er von der russischen Artillerie vom Ostufer aus niedergekämpft. An einer Stelle überquerten sechzig abgedichtete Panzer den Strom unter Wasser. Die Russen erreichten in ausreichender Stärke das andere Ufer, um dort mehrere Brückenköpfe errichten zu können. Und nachdem man so auf dem Westufer festen Fuß gefaßt hatte, legte man Pontonbrücken über den Strom.
Nach außen hin sah es so aus, als handle es sich hier um eine recht unbekümmerte Improvisation. In Wirklichkeit jedoch war die Operation sorgfältig geplant gewesen. Die Boote, Flöße, Gartenbänke und anderen Utensilien waren bereitgestellt. Insgesamt mehr als 2000 Soldaten, die sich bei der Überschreitung des Dnjepr besonders ausgezeichnet hatten, wurden nach dem Unternehmen dekoriert.
Am 6. November konnten die Russen Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, befreien.
In offenkundiger Überschätzung ihrer eigenen Stärke und in Unterschätzung der Stoßkraft der Roten Armee waren die Deutschen - oder war doch zumindest Hitler - noch im Januar 1944 entschlossen, die Russen aus der ganzen Ukraine rechts des Stromes wieder zu vertreiben. So klammerten sich denn die Deutschen-verzweifelt am Korsun -Schewtschenkowo-Bogen etwa 90 Kilometer südlich Kiew am Dnjepr fest.
Für das russische Oberkommando schien sich hier eine einmalige Gelegenheit zu bieten, den Deutschen ein zweites, wenn auch kleineres Stalingrad zu bereiten.
Am 3. Februar kam die Meldung, daß sich nach dreitägigen schweren Kämpfen die Truppen der 1. und 2. Ukrainischen Front bei Swenigrorodka vereinigt hätten und daß damit der große Korsun -Vorsprung der deutschen Front abgeschnitten war. Die deutschen Divisionen saßen im Kessel, und die sechzehntägige Vernichtungsschlacht konnte beginnen.
Am 18. Februar waren die Deutschein im Korsun-Kessel vernichtet. Die Russen nannten hohe Zahlen für die deutschen Verluste: 55 000 Gefallene, 18 000 Gefangene, 500 Panzer und mehr als 300 Flugzeuge.
Während Schukow in der Nordukraine und Malinowski entlang der Schwarzmeerküste vorstießen, begann Konjew am 5. März seine große Offensive gegen die 8. deutsche Armee unter Hube. Nach harten, eine Woche währenden Kämpfen unter unglaublich schwierigen Bedingungen - das Tauwetter hatte frühzeitig eingesetzt - eroberte, Konjew die Stadt Uman.
Danach stürmten die Truppen der 2. Ukrainischen Front zum Bug und über den Fluß hinweg. Erst als sie in der letzten Märzwoche in Rumänien eingedrungen waren, blieben sie stehen. In weniger als einem Monat hatten sie eine Entfernung von mehr als 450 Kilometern bewältigt.
Bald nach der Zerschlagung des Korsun-Kessels und einen Tag nach der Einnahme Umans durch Konjew hatte ich das Glück, als einziger westlicher Korrespondent die 2. Ukrainische Front besuchen zu dürfen. Dort erlebte ich die interessantesten Tage aller meiner Kriegsjahre in der Sowjet-Union. Mein Begleiter war Major Kampow von Konjews Stab, mit dem ich auch heute noch befreundet bin und der nach dem Krieg als Romancier unter dem Namen "Boris Polewoi" bekannt wurde.
"Es war ein Gemetzel"
Am 12. März flog ich in einem Armeeflugzeug von Moskau über den Dnjepr und über Tscherkassy nach Rotmistrowka, das bis zum Februar im Nordteil des Korsun-Bogens gelegen hatte. Am nächsten Tag gelangte ich mit einem kleinen U-2-Flugzeug weiter in das soeben von Konjews Soldaten zurückeroberte Uman. In Rotmistrowka traf ich zum erstenmal mit Major Kampow zusammen. "Sie hätten in keinem günstigeren Augenblick kommen können", sagte er. "Wissen Sie, was heute geschehen ist? Unsere Truppen sind bereits über den Bug!"
Das war eine großartige Neuigkeit. Der Bug, der auf dem Weg nach Odessa und Rumänien lag, war ja angeblich eine der am stärksten befestigten-deutschen Verteidigungslinien.
Die "Schlammoffensive" war in vollem Schwung. Sie war etwas absolut Ungewöhnliches und Neuartiges, denn sie widersprach allen Regeln der Kriegführung. Kaum drei Wochen nach der Vernichtung der Deutschen im Korsun -Kessel hatte Konjew zugeschlagen - zu einer Zeit, da der Feind es am wenigsten erwartete. Der ukrainische Schlamm war tief und scheinbar unpassierbar.
Während dieser Woche in der Ukraine hörte und sah ich eine Menge von dem "kleinen Stalingrad" bei Korsun, westlich Tscherkassy. Inzwischen habe ich die russischen und die deutschen Darstellungen dieser Operation gelesen. Sosehr sie im Fall Stalingrad übereinstimmen, sosehr weichen sie bei der Darstellung der Ereignisse von Korsun voneinander ab.
Russische Kriegshistoriker beschreiben den Ausbruchsversuch der Deutschen am 17. Februar als eine Katastrophe er sei mißlungen und habe zu fürchterlichen Verlusten geführt. Deutsche Kriegshistoriker hingegen bezeichnen ihn zumindest als teilweise gelungen - und nennen wesentlich niedrigere Verlustzahlen. Die Russen beziffern die deutschen Verluste im Korsun-Kessel auf 70- bis 80 000 Mann - die Deutschen auf etwa 20 000.
Angesichts der einander widersprechenden Darstellungen scheint es mir interessant, hier den dramatischen Augenzeugenbericht wiederzugeben, den ich seinerzeit von Major Kampow bekam:
"Nachdem wir mit unseren Panzern und Geschützen und mit unserer motorisierten Infanterie durchgebrochen waren, mußten wir nach zwei Seiten kämpfen, und das war manchmal ziemlich schwierig. Wir wurden von beiden Seiten unter Feuer genommen und mußten ununterbrochen angreifen, um unseren 'Ring' auszuweiten, der ja zunächst oft nur drei bis vier Kilometer breit war. Natürlich erlitten wir sehr schwere Verluste. Dennoch schafften wir es in sechs Tagen, den Ring so zu erweitern, daß er an der engsten Stelle fast 35 Kilometer breit war.
"Zu Beginn der Einschließung war der Kessel 600 Quadratkilometer groß. Die außen kämpfenden Truppen Hubes umfaßten acht Panzerdivisionen. Innerhalb des Rings standen zehn Divisionen, darunter eine Panzerdivision und die belgische SS-Brigade 'Wallonien'.
"Wir verfügten über starke Kräfte in unserem Ring, und Hubes Verbände kamen nicht weit voran. Wir versuchten, aus dem Kessel mehrere kleine Kessel zu machen, um mit jedem gesondert fertig zu werden. So schalteten wir eine Ortschaft nach der anderen aus, in denen die Deutschen sich eingegraben hatten. Es war ein blutiges Gemetzel. Ich fürchte, daß dabei auch einige unserer Landsleute in den Dörfern ums Leben kamen.
"Jedenfalls verfügten die Deutschen vier oder fünf Tage vor dem Ende nur noch über ein Gebiet von etwa zehn mal zwölf Kilometer um die Hauptpunkte Korsun und Schanderowka. Zu dieser Zeit lag der gesamte Kessel schon unter unserem Artilleriefeuer. Aber die Deutschen hielten weiter aus, weil sie auf ein Wunder hofften - das Wunder, daß Hubes Truppen von außen zu Hilfe kommen würden. Aber die deutschen Hoffnungen schwanden schnell. Dann fiel Korsun, und es blieb nur noch ein Gebiet rund um Schanderowka übrig.
"Ich erinnere mich noch genau an diese Nacht vom 17. Februar. Ein furchtbarer Schneesturm tobte. Konjew selbst fuhr in einem Panzer durch den von Granaten gepflügten ,Korridor'. Ich selbst ritt mit einem Befehl des Generals von einer Ecke zur anderen. Es war so finster, daß ich nicht einmal die Pferdeohren sehen konnte. Ich erwähne die Dunkelheit und den Schneesturm, weil sie bei dem, was geschah, eine wichtige Rolle spielten.
"In dieser Nacht oder am Abend zuvor beschlossen die eingekesselten Deutschen, die jetzt alle Hoffnung auf ein erfolgreiches Eingreifen Hubes aufgegeben hatten, einen letzten verzweifelten Ausbruchsversuch zu wagen.
"Schanderowka ist ein großes ukrainisches Dorf mit etwa 500 Häusern. Hier wollten die Verbände Stemmermanns - Stemmermann war der letzte General im Kessel, die anderen waren geflohen
- die letzte Nacht zubringen, um sich
auszuruhen. Konjew hörte davon, und er beschloß, sie um jeden Preis um die ersehnte Ruhe zu bringen und den Versuch eines geordneten Ausbruchs zu vereiteln.
"'Ich weiß, das ist eine höllische Nacht mit diesem Schneesturm, aber wir brauchen Nachtbomber, um mit der Lage fertig zu werden', sagte er. Man informierte ihn darüber, daß es bei einem solchen Wetter praktisch unmöglich sei, Bomber einzusetzen, vor allem gegen ein so kleines Ziel wie Schanderowka.
"Aber Konjew sagte: ,Es ist wichtig, und ich kann diese Einwendungen nicht hinnehmen. Ich will den Fliegern keine Befehle geben, aber versuchen Sie doch, bei einer Komsomol-Fliegereinheit Freiwillige für diesen Einsatz zu bekommen.' Wir bekamen eine Einheit, die zum größten Teil aus Komsomolzen bestand. Alle ohne Ausnahme hatten sich freiwillig gemeldet. Und so geschah es dann.
"Die U-2 spielten bei dem Unternehmen eine unerhört wichtige Rolle. Die Sicht war so schlecht, daß zunächst nur ein langsam fliegendes Flugzeug wie die U-2 etwas erreichen konnte. Die U-2 machten Schanderowka trotz des Schneesturms und der Finsternis aus. Damit hatten die Deutschen natürlich nicht gerechnet.
"Die U-2 flogen im Tiefflug über Schanderowka und warfen Brandbomben. Zahlreiche Feuer loderten auf. Das Ziel war jetzt deutlich sichtbar.
"Wenig später - es war gerade 2 Uhr morgens - kamen die Bomber und griffen den Ort eine Stunde lang an. Unsere Artillerie, die nur fünf Kilometer entfernt war, konzentrierte ihr Feuer ebenfalls auf Schanderowka.
"Was die Sache für uns besonders erfreulich machte, war die Kenntnis, daß die Deutschen alle Einwohner von Schanderowka in die Steppe hinausgejagt hatten. Sie wollten den Ort für sich allein haben. Die Bomben und Granaten zwangen die Deutschen, ihre warmen Unterkünfte zu verlassen.
"Die Deutschen hatten in dieser Nacht noch einmal richtig getrunken, aber das Bombardement und das Artilleriefeuer machten sie nüchtern. Nachdem sie aus ihren warmen Hütten vertrieben waren, mußten sie Schanderowka räumen. Sie retteten sich in die Schluchten, die es in der Nähe der Ortschaft gab. Dann faßten sie den verzweifelten Entschluß. am frühen Morgen den Ausbruch zu wagen.
"Sie hatten fast keine Panzer mehr, und die wenigen, die ihnen nach den schweren Kämpfen der vorangegangenen Tage noch geblieben waren, konnten nicht fahren, weil es kein Benzin gab; in den letzten Tagen war der Kessel so klein geworden, daß auch Transportflugzeuge ihnen nichts mehr bringen konnten. Vorher waren wenigstens noch ein paar Transportflugzeuge durchgekommen, aber die abgeworfenen Nachschubgüter - Verpflegung, Treibstoff und Munition - gingen oft hinter unseren Linien nieder.
"An diesem Morgen formierten sie zwei Marschkolonnen von jeweils ungefähr 14 000 Mann. Sie marschierten nach Lysjanka, wo die zwei Schluchten zusammentreffen, Lysjanka lag hinter unserer Hauptkampflinie im 'Korridor'. Die deutschen Divisionen auf der anderen Seite versuchten, ihnen den Weg frei zu schießen, aber der Korridor war so breit, daß sie damit nicht viel Glück hatten.
"Es war ein merkwürdiger Anblick, wie diese beiden deutschen Marschsäulen versuchten, unseren Ring zu durchbrechen. Es sah aus, wie wenn zwei riesige Volkshaufen sich vorwärts bewegten. Die Spitze und die Flankendekkung bildeten die SS-Männer der Brigade 'Wallonien' und der Division 'Wiking' in ihren perlgrauen Uniformen. Ihre physische Verfassung war relativ gut. Innerhalb dieses Dreiecks marschierte die gewöhnliche deutsche Infanterie, die recht heruntergekommen aussah. In der Mitte des Haufens gingen die Offiziere. Auch sie sahen relativ gutgenährt aus.
"So marschierten sie in den zwei parallel verlaufenden Schluchten nach Westen. Sie waren kurz nach vier Uhr morgens, als es noch völlig dunkel war, aufgebrochen. Wir wußten, aus welcher Richtung sie kommen würden. Wir hatten fünf Linien vorbereitet - zwei Linien Infanterie, eine Linie Artillerie und zwei weitere Linien, wo Panzer und Kavallerie in Bereitstellung lagen.
"Wir ließen sie die ersten drei Linien passieren, ohne daß wir einen Schuß abgaben; die Deutschen glaubten, sie hätten uns überlistet und alle unsere Verteidigungsstellungen schon hinter sich; sie brachen in ein wildes Jubelgeschrei aus und schossen mit ihren Pistolen und Maschinenpistolen in die Luft, während sie weitermarschierten. Jetzt hatten sie die beiden Schluchten verlassen und offenes Gelände erreicht.
"Dann geschah es. Es war ungefähr sechs Uhr morgens. Plötzlich tauchten unsere Panzer und unsere Kavallerie auf und warfen sich in die dichtgedrängten Marschsäulen. Was sich abspielte, ist schwer zu beschreiben. Die Deutschen liefen in alle Richtungen davon.
"Die nächsten vier Stunden rasten unsere Panzer kreuz und quer über die Ebene und zermalmten sie zu Hunderten. Unsere Kavallerie wetteiferte mit den Panzerleuten und jagte die Deutschen durch die Schluchten, wohin ihnen die Panzer nicht folgen konnten. Die meiste Zeit über konnten unsere Panzer ihre Geschütze nicht einsetzen, um die eigene Kavallerie nicht zu gefährden.
"Hunderte und aber Hunderte von Kavalleristen schlugen mit ihren Säbeln auf die Deutschen ein; die Deutschen wurden niedergemetzelt, wie niemals zuvor Soldaten von Kavallerie niedergemetzelt worden waren.
"Es gab keine Zeit, Gefangene zu machen. Es war ein Blutrausch, der erst verebbte, als alles vorbei war. Auf kleinem Raum waren 20 000 Deutsche niedergemacht worden. Ich war in Stalingrad. Aber ich habe niemals ein Gemetzel gesehen wie das auf den Feldern und in den Schluchten dieses kleinen Stück Landes. Um neun Uhr morgens war alles vorbei.
"An diesem Tag und in den nächsten Tagen ergaben sich noch rund 8000 Deutsche. Sie hatten sich fast alle, weit von der Szene des Blutbads entfernt, in Wäldern und Schluchten verborgen.
"Drei Tage später fanden wir bei Dschurschanzy die Leiche des Generals Stemmermann. Wenig später wurde im deutschen Rundfunk in allen Einzelheiten mitgeteilt, Hitler persönlich habe ihm einen hohen Orden verliehen. Aber General Stemmermann war tot. Ich sah seine Leiche vor mir liegen. Unsere Leute hatten sie in einem Stall auf einen roh gezimmerten Holztisch gelegt. Hier lag er mit all seinen Orden und Ehrenzeichen.
"Er war ein kleiner Mann mit grauem Haar. Dem großen Schmiß auf der Wange nach mußte er in seiner Jugend Korpsstudent gewesen sein
"Einen Moment lang fragten wir uns, ob das alles nicht eine Täuschung war. Vielleicht hatte man einen gewöhnlichen Soldaten in eine Generalsuniform gesteckt. Aber wir fanden an der Leiche alle Papiere Stemmermanns. Sie hätten vielleicht alle möglichen Ausweise fälschen können, aber sie hätten wohl kaum die Idee gehabt, einen Jagdschein mit Bild, ausgestellt im Jahr 1939, nachzumachen.
"Wir begruben ihn anständig. Wir können es uns erlauben, einen General anständig zu begraben. Die übrigen legten wir in große Gruben; wenn wir angefangen hätten, Einzelgräber auszuheben - wir tun das nicht einmal für unsere eigenen Leute -, hätten wir bei Korsun eine Armee von Totengräbern benötigt.
"Und dabei war keine Zeit zu verlieren. Der General ist hinsichtlich Leichen sehr eigen - sie mußten im Sommer in zwei Tagen, im Winter in drei Tagen verschwunden sein ... Aber tote Generale sind nicht allzu häufig, deswegen konnten wir ihm ein eigenes Grab geben. Immerhin war er der einzige General, der Mumm bewiesen hatte. Alle übrigen hatten sich im Flugzeug davongemacht."
"Hatte er Selbstmord verübt?" fragte ich.
"Nein, ein Granatsplitter traf ihn in den Rücken." Und Major Kampow fuhr fort: "Alles in allem kostete die Deutschen der Versuch, den Korsun-Bogen zu halten. 70 000 Mann ihrer besten Truppen - 55 000 Tote und 18 000 Gefangene..."
"Was hatten sie mit ihren Verwundeten gemacht? Stimmt es, daß sie sie selbst umbrachten?"
"Ja. Ohne Zweifel war das eine Folge der Hysterie, die sie in dieser letzten Nacht in Schanderowka erfaßt hatte. Der Befehl, die Verwundeten zu töten, wurde strikt befolgt. Sie erschossen Hunderte, und zwar auf eine Art, die gewöhnlich Russen und Juden vorbehalten ist: durch den Hinterkopf.
In vielen Fällen zündeten sie auch die Sanitätswagen an, in denen die Toten lagen. Es war schon ein recht merkwürdiger Anblick, all die verkohlten Skelette mit den weißen Gipsverbänden an Armen und Beinen. Gips brennt ja nicht.
"Die Katastrophe von Korsun bereitete den Boden für die jetzige Frühjahrsoffensive. Vom psychologischen Standpunkt aus war sie ungeheuer wichtig. Die Deutschen hatten bis zu einem gewissen Grad Stalingrad schon wieder vergessen. Jedenfalls war der Effekt von Stalingrad schon wieder dahin. Es war notwendig, ihr Gedächtnis aufzufrischen. Ihre Furcht, eingekreist zu werden, wird in Zukunft noch größer sein."
Es ist schwer zu sagen, ob Kampows Zahlen korrekt sind. Aber immerhin vermittelt seine Erzählung ein überzeugendes und wirklichkeitsnahes Bild sowohl von der hysterischen und verzweifelten Stimmung der eingeschlossenen deutschen Soldaten wie auch von der Grausamkeit der russischen Verbände am Ende einer vierzehntägigen Periode äußerst verlustreicher Kämpfe.
Die Geschichte der Partisanen Im Sommer 1942 wurde in Moskau ein 430 Seiten starkes Taschenbuch mit dem Titel "Partisanen-Führer" verkauft, das angeblich in einer Auflage
von 50 000 Stück gedruckt worden war. Es befaßte sich mit allen möglichen im Leben eines Partisanen auftauchenden Fragen.
Genauen, oft mit erklärenden Zeichnungen versehenen Instruktionen über die wichtigsten taktischen Regeln des Partisanenkriegs folgten Richtlinien für die Verwendung erbeuteter Feuerwaffen sowie die Darstellung der besten Methoden zur Vernichtung feindlicher Panzer, Flugzeuge, Transportzüge und Lastwagenkonvois.
Der "Partisanen-Führer" zeigte, wie man feindliche Motorradfahrer mit Hilfe eines über die Straße gespannten Drahtes unschädlich macht, und gab Anweisungen zur Feinderkundung, Tarnung und zur Übernachtung im Freien.
Ein besonders interessantes Kapitel war der Frage gewidmet, wie man mit "Notständen" fertig wird; dort las man etwa, wie Moos und Rinden zuzubereiten sind, damit sie als Grundnahrung dienen können.
Das Buch informierte des weiteren über Erste Hilfe und gab Anweisungen für den Nahkampf und Tips für das "Leben im Schnee".
Den Anhang bildete ein russischdeutsches Wörterbuch: "Halt!", "Waffen hinlegen!", "Ergib dich!", "Raus aus dem Wagen!", "Bei Fluchtversuch wird geschossen!", "Sie lügen!", "Wo befinden sich deutsche Truppen?", Wo noch?", "Wo sind Minen gelegt?"
Auf den ersten Blick konnte man bei der Lektüre den Eindruck gewinnen, russische Partisanen seien eine Art ruhmreiche Pfadfinder; es 'sei zwar immerhin schwierig, "im Schnee zu leben", und kein besonderes Vergnügen, in Notfällen Moos und Rinden zu essen, doch sei trotz allem das Partisanendasein ein herrliches Leben.
Der Partisanenkrieg in den von den Deutschen besetzten Territorien nahm sowohl in der Regierungspropaganda als auch in der militärischen Planung fast von Kriegsbeginn an einen wichtigen Platz ein.
Stalin rief in seiner berühmten Rundfunkansprache vom 3. Juli 1941 zum Aufbau einer riesigen Partisanenbewegung im Hinterland der Deutschen auf.
Am 18. Juli gab das Zentralkomitee der KPdSU eine Anweisung über "Die Organisation des Kampfes im Rücken des Feindes" heraus, die es als eine der wichtigsten Aufgaben bezeichnete, "für die Eindringlinge unerträgliche Bedingungen zu schaffen, ihre Verbindungen und Transportwege zu zerstören". Die "Sowjetischen Geheimorganisationen" in den besetzten Gebieten wurden aufgefordert, ihr Äußerstes in dieser Richtung zu tun.
Die Geschichte der russischen Partisanenbewegung von 1941 bis 1944 ist eines der kompliziertesten und noch am wenigsten erhellten Kapitel des sowjetisch-deutschen Krieges. Dieses Kapitel ist nicht nur zu einem großen Teil noch nicht erforscht, es wird auch, wie die Geschichte der Widerstandsbewegungen in Jugoslawien, Frankreich und anderen Ländern, weitgehend unerforscht bleiben - ganz einfach, weil bei zahlreichen Partisanenoperationen sämtliche Teilnehmer den Tod fanden und deshalb niemand mehr über diese Unternehmungen berichten kann.
Besonders in Weißrußland war es zahlreichen russischen Offizieren und Soldaten, die von den Deutschen eingekesselt worden waren, gelungen, sich in den Wäldern zu verstecken, in der Hoffnung, wieder zur russischen Front zu gelangen. So gut wie möglich fristeten sie ihr Leben mit Hilfe der örtlichen Bauern und schlossen sich allmählich in Partisanenbanden zusammen.
Die Wälder bildeten auch den Zufluchtsort für jene Parteifunktionäre und Beamten der weißrussischen Städte, die ihre Identität kaum hätten geheimhalten können, ferner für Eisenbahner und andere Leute, die von den Deutschen der Sabotage verdächtigt wurden und die sich so zwangsläufig den Partisanen anschließen mußten.
1942 besaßen die Partisanen höchstens Gewehre und ein paar Handgranaten; 1943 verfügten sie über Werfer und sogar über Artillerie. 1942 war der Nachschub an Personal und Material,
den Moskau den Partisanen auf dem Luftweg zukommen lassen konnte, noch sehr begrenzt. Viele Partisaneneinheiten mußten sich völlig oder doch weitgehend mit dem behelfen, was sie sich aus deutschen Waffenlagern holen konnten -und was ihnen die Bevölkerung mehr oder weniger freiwillig an Lebensmitteln überließ.
Immerhin erreichte die Partisanentätigkeit während der Schlacht um Moskau größeren Umfang. Sehr oft wurden starke Einheiten hinter die feindlichen Linien geschickt. Als etwa 10 000 Partisanen im deutschen Hinterland in den Räumen Moskau, Tula und Kalinin operierten, gewannen ihre Angriffe gegen deutsche Nachschubzüge und Lastwagenkolonnen eine gewisse Bedeutung.
Der Partisanenchef N. Gurjanow, dessen Männer rund 600 Deutsche töteten, wurde von den Deutschen gefangengenommen und gehängt. Er erhielt posthum den Titel eines Helden der Sowjet -Union.
Insgesamt nahmen im Winter 1941/42 etwa 10 000 Partisanen auf ihre Weise an der Schlacht um Moskau teil. Ihnen wird die Vernichtung von rund 18 000 Deutschen zugeschrieben.
Die deutsche Politik in den besetzten Gebieten gab der Partisanenbewegung enormen Auftrieb. Das Terror-Regime in den Städten und die Massendeportation junger Leute nach Deutschland hatten die Zivilbevölkerung zutiefst empört.
Es ist müßig, darüber zu spekulieren, welche Beweggründe den einzelnen, der sich den Partisanen anschloß, veranlaßten, diesen so überaus gefährlichen Schritt zu tun. War es reiner Patriotismus? Verletzter Nationalstolz? War es der Wunsch, den Deutschen zu entkommen? War es die Anhänglichkeit an das Sowjet-Regime und an Stalin, die sich jetzt mehr denn je mit "Rußland" identifizierten? Alle diese Motive spielten eine Rolle, doch variierte ihre Reihenfolge von Ort zu Ort.
Im September 1942, als die militärische Lage im Süden und im Südosten äußerst bedrohlich war, erließ Stalin einen Sonderbefehl an die Partisanen der besagte, daß es angesichts der immer länger und damit verwundbarer werdenden deutschen Nachschublinien von unerhörter Wichtigkeit sei, mit der Sprengung von Eisenbahnlinien, Brükken und Zügen zu beginnen.
Im Jahre 1942 wurden die sogenannten "Partisanenregionen" eingeführt, Gebiete, in denen keine Deutschen standen und wo die Partisanen in den meisten Fällen das sowjetische Regime wiedereingeführt hatten.
Solche Partisanenregionen befanden sich in den waldreichen nördlichen Gebieten der Ukraine, in weiten Teilen Weißrußlands, in den Wäldern um Brjansk in der Provinz Orel, wo 18 000 Partisanen ein Gebiet kontrollierten, zu dem 490 Ortschaften gehörten, sowie in der Provinz Leningrad. Weite Gebiete der Provinz Smolensk wurden von 22 000. Partisanen, die in 72 Abteilungen operierten, beherrscht. Im Winter 1942/43 umfaßten die Partisanenregionen 63 Prozent ganz Weißrußlands.
Offiziell waren die Partisanenregionen die "Nachschubbasen" der Partisanenverbände. Mitte 1942 wurden in diesen Regionen Rollbahnen gebaut, auf denen Flugzeuge landen konnten, die Nachschubgüter heranschafften und Verwundete ausflogen.
Ohne Zweifel spielten die Partisanen im Herbst und im Winter 1942 bei der Zerstörung der langen deutschen Verbindungslinien zum Stalingrader Gebiet eine wichtige Rolle. Die Manstein -Offensive zum Beispiel wurde dadurch verzögert, daß der Nachschub an Waffen aufgrund der Partisanentätigkeit das Dongebiet zu spät erreichte.
Der Sieg von Stalingrad förderte den Zustrom zu den Partisaneneinheiten. Man hatte jetzt das Gefühl, nicht umsonst zu sterben und aller Erwartung nach auf der Seite der Gewinner zu kämpfen. Auch die Versorgung der Partisanen mit schwerer Ausrüstung, mit Medikamenten und Lebensmitteln nahm nun zu.
In Weißrußland, dem größten Partisanengebiet, sah die jetzt einsetzende Entwicklung so aus:
Am 1. Februar 1943 wurden in Weißrußland 65 000 Partisanen gezählt, im Frühling und Anfang Sommer 1943 wirkten in dieser Republik schon über 100 000 Partisanen und Ende 1943 etwa 245 000.
Ende 1943 operierten in Weißrußland 360 000 Partisanen, in der Ukraine 220 000, in den noch von den Deutschen besetzten Teilen der RSFSR, also des eigentlichen Rußland, viele Zehntausende. Oft schlossen sich ganze Familien, ja ganze Ortschaften den Partisanen an - wenn auch nur, um den Strafexpeditionen der Deutschen zu entkommen.
Am 14. Juli 1943 befahl das sowjetische Oberkommando den Partisaneneinheiten, die zu ihrer sonstigen Ausrüstung inzwischen auch mit Panzerabwehrwaffen für den Einsatz gegen Lokomotiven versehen worden waren, einen allgemeinen "Schienenkrieg" zu entfesseln.
Die Vorbereitungen dafür waren offenbar bereits getroffen, denn am 20. und 21. Juli wurden gegen die Eisenbahnstrecken in den Räumen Brjansk, Orel und Gomel schwere koordinierte Schläge geführt, die auf die russische Offensive gegen Orel und Brjansk abgestimmt waren. Insgesamt sprengten die Partisanen von Orel und Brjansk zwischen dem 21. Juli und dem 27. September 17 000 Schienen.
In Weißrußland waren die Partisanen noch erfolgreicher. Zwischen Januar und Mai, also noch vor Beginn des befohlenen "Schienenkrieges", hatten sie 634 Züge entgleisen lassen. Am 3. August starteten die Partisanen eine neue große Operation gegen die weißrussischen Eisenbahnlinien, wobei sie die Transportkapazität der Eisenbahnlinien vorübergehend um etwa 40 Prozent minderten.
Die Erfolge der Partisanen in Weißrußland zwischen August und November 1943 lassen sich in exakten Zahlen ausdrücken:
200 000 gesprengte Schienen, 1014 zerstörte oder entgleiste Züge; 814 zerstörte oder beschädigte Eisenbahnbrücken.
Ein halboffizieller Bericht behauptet, daß in den drei Jahren 1942 bis 1944 die Partisanen in Weißrußland 500 000 Deutsche, darunter '47 Generäle und Hitlers Generalkommissar für Weißrußland, Wilhelm Kube, getötet hätten. (Aus deutschen Quellen weiß man - was die Russen nicht erwähnen -, daß Kubes hübsche weißrussische Freundin ihm in Minsk eine Bombe unter, das Bett gelegt hatte.) In der Ukraine konnten die Partisanen 460 000 Deutsche töten, 5000 Lokomotiven, 50 000 Eisenbahnwaggons und 15 000 Automobile zerstören oder beschädigen.
Die Partisanen waren keine Armee, die planmäßig mit Verpflegung, Medikamenten und Waffen versorgt wurde und die den Feind nur vor sich hatte. Sie hatten ständig auf Verräter zu achten, und sofern sie solche griffen, mußten sie sie - oft aus realer Notwendigkeit, manchmal aber auch aus psychologischen Gründen - töten, etwa die Starosti und die in deutschen Diensten stehenden Polizisten.
Eine andere ständige Sorge bereitete den Partisanen die Haltung der Landbevölkerung, welche die Partisanen mehr oder weniger freiwillig mit Verpflegung versorgte und sich dadurch den schärfsten Repressalien durch die Deutschen und deren einheimische Gehilfen aussetzte.
Wenn es ein Oradour in Frankreich und ein Lidice in der Tschechoslowakei -gab - so gab es Hunderte solcher Orte der Heimsuchung in der Sowjet-Union.
Zumindest bis zum Anfang des Jahres 1943, als der Nachschub aus dem
"Hinterland" in beträchtlichen Mengen zu fließen begann, waren die Bedingungen, unter denen die Partisanen lebten, im allgemeinen miserabel. Schlimmer noch als der Mangel an Waffen und Verpflegung war das Fehlen von Medikamenten.
F. G. Markow, einer der ersten Partisanenführer Weißrußlands, erwähnt in seinen Erinnerungen jene Ärzte, die "unter unglaublich schwierigen Bedingungen, ohne alle Instrumente oder Medikamente, ja, ohne Verbandstoff, es immer noch fertigbrachten, das Leben Hunderter von Partisanen zu retten".
Die in Markows Bericht genannten Partisanenärzte scheinen zu einem großen Teil Juden gewesen zu sein.
Dagegen gibt es praktisch keinen Hinweis darauf, daß Juden sich am eigentlichen Partisanenkrieg beteiligt hätten. Obwohl in den weißrussischen Städten wie Minsk, Gomel, Witebsk zahlreiche Juden lebten, versuchten sie entweder gar nicht erst ihrem Schicksal zu entgehen, oder die Partisanen wünschten sie nicht in ihren Reihen.
Vielleicht auch war die Mehrheit der Juden zu der Zeit, als die Partisanenbewegung an Bedeutung gewann, bereits völlig isoliert oder tot.
Gewisse Darstellungen der Partisanentätigkeit lesen sich wie Wildwestromane. Es war für die Partisanen relativ leicht, einen feindlichen Stab zu überfallen und die Weihnachtsfeiern der Deutschen mit ein paar Handgranaten zu stören. Oft aber waren es dann die Einwohner der betreffenden Orte, die unter solchen Unternehmungen zu leiden hatten.
Die Deportation und die Erschießung von Dorfbewohnern, die angeblich mit den Partisanen sympathisierten, ist ein unerschöpfliches Thema. Viele Zivilisten wurden getötet oder verschleppt - ihre Häuser wurden niedergebrannt.
Im Partisanengebiet von Osweja im nördlichen Weißrußland richteten die Deutschen im März 1943 schreckliche Verwüstungen an:
Einer deutschen Strafexpedition gelang es zwar nicht, die Partisanen zu fangen, doch sie besetzte eine Zeitlang den Raum. Als die Partisanen nach vierzig Tage währenden Kämpfen in ihre Standorte zurückkehrten, stellten sie fest, daß die Deutschen 158 Ortschaften niedergebrannt hatten. Die arbeitsfähigen Männer waren deportiert, die Frauen, Kinder und alten Leute ermordet worden.
Verbände, welche die Vergeltungsaktionen durchführten, bestanden normalerweise aus regulären deutschen Truppen oder SD- und SS-Einheiten. Manchmal waren auch Kosaken, russische Polizisten oder sogar Slowaken beteiligt.
Die an den gefangenen Partisanen begangenen Verbrechen zählen zu den schlimmsten Grausamkeiten, die von den Deutschen und ihren Handlangern verübt wurden - und das heißt einiges.
Einen Einblick in die gängigen Methoden der Partisanenbekämpfung gewähren auch zahlreiche deutsche Dokumente und Befehle. So heißt es in einem von Generalfeldmarschall Keitel unterzeichneten Befehl Hitlers zur "Bandenbekämpfung" vom 16. Dezember 1942:
"Wenn dieser Kampf gegen die Banden ... nicht mit den allerbrutalsten Mitteln geführt wird, so reichen in absehbarer Zeit die verfügbaren Kräfte nicht mehr aus, um dieser Pest Herr zu werden..."
Diese Direktive wurde zu der Zeit erlassen, da die Deutschen in Stalingrad eingekesselt wurden und die Partisanenbewegung ihren entscheidenden Aufschwung nahm.
Die deutschen Grausamkeiten konnten die Entwicklung des Partisanenwesens zur Volksbewegung nicht aufhalten. Die Partisanen wurden schließlich so zahlreich, daß die Deutschen sogar schwache Versuche unternahmen, sie mit antikommunistischer Propaganda auf ihre Seite zu ziehen.
Als die Rote Armee im Vormarsch war, besetzten Partisanen manchmal ganze Städte ein oder zwei Tage vor Eintreffen der regulären russischen Verbände, um diesen den Weg zu bereiten. Wenn die regulären Verbände eintrafen, wurden die Partisanen meist automatisch in die Rote Armee übernommen.
Das ging verhältnismäßig leicht im Falle jener jungen Leute, die sich den Partisanen erst zu einem späteren Zeitpunkt angeschlossen hatten. Die alten Guerillakämpfer, deren Mentalität oft ein
wenig der von Anarchisten und "Banditen" entsprach, fanden sich in der regulären Armee nicht immer zurecht.
Bevor sie in die Armee eingegliedert wurden, hatten sich die Partisanen einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen, und es ist kein Wunder, daß sich etwa 20 Prozent der Anwärter nach all den physischen und seelischen Beanspruchungen der voraufgegangenen Jahre insbesondere wegen Tuberkulose als für den Militärdienst untauglich erwiesen.
Auf dem Höhepunkt des Partisanenkriegs 1943/44 operierten mindestens eine halbe Million bewaffneter Partisanen in der Sowjet-Union. Wie viele der Menschen, die mit ihnen zusammenarbeiteten, im Kampf oder im Zuge deutscher Vergeltungsaktionen ihr Leben verloren, ist äußerst schwer zu sagen, Jedenfalls schätzt man, daß allein in Weißrußland ungefähr eine Million Menschen im Partisanenkrieg den Tod fand.
IM NÄCHSTEN HEFT:
Konjews Blitzkrieg durch den Schlamm - Die Verräter von Uman - Höllenmaschine im Klavier - Das Wüten der Kosaken - Die Folterinstrumente der Gestapo - Der betrunkene Bischof - Als ukrainische Zwangsarbeiterin in Deutschland
Russische Scharfschützen, 1943*: "Im Jahr des Perelom ein nationales Hochgefühl"
Russen am Dnjepr, 1943*. "Auf Gartenbänken über den Strom"
Russen in Bukarest, 1944: "Neue Probleme in bürgerlichen Ländern"
Gefangene Deutsche, 1943: "Der deutsche Fritz schaut elend drein"
Russen in Bobruisk, 1944: "Jede Stadt hatte eine furchtbare Geschichte"
Sowjet-Marschall Konjew (l.)*: "Keine Zeit, Gefangene zu machen"
Konjew-Stabsoffizier Kampow
"Blutrausch in der Steppe"
Schlachtfeld Korsun, Februar 1944: "Unsere Panzer rosten kreuz und quer...
... und zermalmten sie": Gefallener General Stemmermann
Russische, ukrainische Partisanen: "Dem deutschen Kommissar eine Bombe unter das Bett"
Partisanen vor der Hinrichtung: "Gegen die Pest allerbrutalste Mittel"
Partisanen-Parade: "Hinter den Linien der Deutschen ...
... das Sowjet-Regime wiedereingeführt": Russischer Verwundeten-Transport
Partisanen-Medaille
Deutsche Rechte: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München.
* Fünf Komsomolzinnen, die als beste Scharfschützen der 2. Baltischen Front ausgezeichnet wurden.
* Wegweiser: "Nach Kiew".
* 1944 vor einem Flug an die Front.
* Die Partisanin Mascha (r.) wurde, kurz nachdem diese Aufnahme entstand, von den Deutschen bei Pskow gefangengenommen und gehängt.
Von Alexander Werth

DER SPIEGEL 33/1965
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