18.08.1965

BLANVALET / BERTELSMANNKampf um Angélique

Zwei potente Herren des deutschen Verlagswesens kämpfen derzeit um eine schöne Frau: Bertelsmann-Boß Reinhard Mohn, 44, aus Gütersloh, ist hinter "Angélique" her - "Angélique" -Verleger Lothar Blanvalet, 55, aus Berlin, will seinen Schatz dem Mohn nicht gönnen, auch wenn ihm dadurch ein Geschäft entgeht.
Die verlagspolitische Eifersuchtsaffäre spitzte sich in der vergangenen Woche dramatisch zu. Mit einem zweiseitigen Inserat im "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" wollte Blanvalet die Branche über Bertelsmanns Usancen informieren. Bertelsmann drohte, die Auslieferung des Börsenblatts durch Einstweilige Verfügung zu blockieren. In seinem Inserat (Überschrift: "Wichtige Mitteilung an den Gesamtbuchhandel") hatte Blanvalet eine "ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung" erfolgte Aktion des "Bertelsmann Leserings" beanstandet: Der größte Buchklub Europas bietet seinen mehr als zwei Millionen Mitgliedern seit kurzem den Blanvalet-Bestseller "Angélique" als sogenannte Werbeprämie an - wer ein neues Lesering-Mitglied wirbt, soll mit der vielbegehrten und jetzt auch verfilmten Schwulstromanze der französischen Autorin Anne Golon (SPIEGEL 45/1963) belohnt werden.
Dazu Blanvalet "an den Gesamtbuchhandel": "Ich bin von der Inanspruchnahme meines seit 10 Jahren erfolgreichsten Verlagstitels* als Bertelsmann-Werbeprämie ebenso überrascht worden wie das Sortiment selbst." Und weiter im Inseratentext: "Wie ich inzwischen erfahren habe, hat sich der Bertelsmann-Lesering die benötigten Angélique-Exemplare über Firmen des vertreibenden Buchhandels beschafft."
Dazu Lesering-Chef Karl Ludwig Leonhardt in Gütersloh: "Es gibt keinerlei Handhabe, irgend jemandem zu verbieten, im normalen Buchhandel zu normalen Preisen gekaufte Bücher zu verschenken."
Von Blanvalet direkt hätte er sie auch nicht bekommen, denn der Berliner Verleger ist dem Gütersloher Buchkonzern schon, lange gram. 1957, nach einem Zwist über die Lesering-Lizenz für das Erfolgsbuch "Vater, unser bestes Stück" hatte Blanvalet sich gelobt: "Die kriegen nichts mehr von mir."
Und dabei blieb er auch, als Bertelsmann 1963 den Literatur-Agenten Joschi Toth vorschickte: Toth bat für Bertelsmanns Buchklub um die "Angélique" -Lizenz, Blanvalet lehnte ab. Darauf versuchte Toth es bei der literarischen Agentur "Opera mundi" in Paris, die das Weltrecht an "Angélique" besitzt. Blanvalet überbot das Toth-Gebot an "Opera mundi" (150 000 Mark), indem er die Buchklub-Lizenzen für seine Golon-Wälzer an zwei Bertelsmann-Konkurrenten, den "Deutschen Bücherbund" und die "Deutsche Buchgemeinschaft", abgab - für 800 000 Mark.
Das Toth-Manöver hatte Blanvalets Grimm gegen Bertelsmann noch gesteigert, die Freude über den gelungenen Konterschlag sein Mißtrauen gegenüber den Güterslohern aber nicht geschwächt. Als daher im März dieses Jahres eine ungewöhnlich, hohe "Angélique"-Nachbestellung - 2000 Exemplare - vom Hamburger "Grossohaus Wegner & Co." eintraf, reagierte Blanvalet für einen Geschäftsmann fast widernatürlich: Er lieferte nicht, sondern faßte Verdacht und telegraphierte der Buchgroßhandlung: "Erbitten briefliche Erklärung, daß Exemplare nicht an eine Buchgemeinschaft ... abgegeben werden."
Die Bestellung wurde auf 4000 Exemplare erhöht; die Erklärung des Wegner-Prokuristen Kurtze, die Bände gingen an reguläre Sortimentsbuchhandlungen, befriedigte Blanvalet nicht. Er wollte nun, bevor er lieferte, auch von den Einzelhändlern hören, daß sie nicht für Bertelsmann kauften. Da schrieb Kurtze Anfang Mai: "Streichen Sie bitte unseren Auftrag. Wir, werden Ihnen zum gegebenen Zeitpunkt eine neue Bestellung zuschicken ..."
Neue Bestellungen auf die "Angélique"-Bände begannen ab Ende Mai sich zu häufen - mal wurden 100, mal 50 Exemplare von einem Band verlangt. Blanvalet lieferte. Als die Bestellzahlen im Juli auf 200, 300 und 500 kletterten, stoppte er die Auslieferung ab. Denn nun war auch das neue Heft der "Bertelsmann Lesering-Illustrierten" erschienen, und die Umschlagrückseite dieser Klubzeitschrift offerierte vierfarbig: "Unsere Werbeprämie ... Angélique ... Bestell-Nr. 8353."
Die Situation war da. "Angélique" -Hüter Blanvalet, der rasch eine seiner Angestellten, in Bertelsmanns Lesering hatte eintreten lassen, um in den beweiskräftigen Besitz der Lesering-Illustrierten zu kommen, holte zum großen Gegenschlag aus. Daß Bertelsmann sich die Zugkraft des ihm als Klub -Buch verweigerten Bestsellers auf diese Weise doch noch zunutze machen wollte, durfte nicht hingenommen werden. Blanvalet: "Meine Vertreter haben bei den Buchhändlern immer damit geworben, daß Blanvalet keine Bücher an Bertelsmanns Lesering gibt. Wer jetzt die Bertelsmann-Illustrierte sieht, muß meinen, ich sei umgefallen."
Blanvalet ("Seitdem der Film läuft, hat sich mein 'Angélique'-Umsatz verdreifacht") verhängte die totale Bertelsmann-Blockade und schmetterte schließlich auch die zunächst unverdächtig erscheinende Bestellung einer Braunschweiger Buchhandlung ab, die im Auftrag der Braunschweiger "Mühlenbau und Industrie GmbH" etwa 2000 "Angélique"-Bände - angeblich als Geschenke für Geschäftsfreunde - begehrt hatte. Blanvalet: "Es stellte sich heraus, daß Bertelsmann bei der Mühlenbau drinsteckt oder die Mühlenbau bei Bertelsmann."
Bald hielt der Blockadebauer einen Beweis erster Erfolge in Händen - einen roten Zettel, den Bertelsmann für manchen "lieben Freundschaftswerber" hatte drucken müssen: "Die von Ihnen bestellte Werbeprämie 'Golon, Angélique' wird bei uns so oft bestellt, daß wir die in der Illustrierten angezeigte Ausgabe nicht mehr vorrätig haben ..."
In seinem Börsenblatt-Inserat wollte Blanvalet nun die Buchhändler "mit allem Nachdruck davor warnen, Werke meines Verlages als Werbeprämie an Buchgemeinschaften weiterzuleiten".
Mit der Annonce erreichte die Eskalation im Kampf um "Angélique" ihren bisher höchsten Punkt: Blanvalets "wichtige Mitteilung" stieß beim "Börsenverein des Deutschen Buchhandels" auf Widerstand. Die Bestimmungen des Börsenvereins besagen, daß Börsenblatt -Anzeigen, in denen ein Verleger den Namen eines anderen Verlegers nennt, nicht ohne Kenntnis und Erlaubnis des Genannten veröffentlicht werden dürfen.
Da zog der Berliner - letzten Freitag - sein Kampf-Inserat zurück, ließ es 10 000fach vervielfältigen und schickte es per Post "an den Gesamtbuchhandel".
Bertels-Mann Leonhardt:. "Daß Herr Blanvalet an uns nichts verdienen will, hat schon etwas Lächerliches."
* Deutsche Gesamtauflage der bisher erschienenen fünf "Angélique"-Bände: 2,5 Millionen.
Verleger Blanvalet (mit "Angélique"-Darstellerin Michèle Mercier). Verdacht gefaßt
Bertelsmann-Chef Mohn
Agent geschickt

DER SPIEGEL 34/1965
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Kampf um Angélique

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