25.08.1965

Rußland im Krieg

Von Werth, Alexander

9. Fortsetzung und Schluß

Das "süße Leben" in Odessa

Odessa, das "russische Marseille", hatte - abgesehen von den letzten Wochen - nicht unter deutscher Herrschaft gestanden. Hitler hatte Rumänien als Belohnung für dessen Teilnahme am Krieg ein großes und reiches Gebiet in der südlichen Ukraine überlassen, das sich von Bessarabien bis zum Bug erstreckte. Dieses Gebiet schloß auch den Schwarzmeerhafen Odessa mit ein.

Malinoswki befreite Odessa am 10. April 1944. Die Deutschen hatten eine Einkreisung befürchtet und waren überstürzt abgezogen, zum Teil - unter ständigem sowjetischem Bombardement und Artilleriefeuer - auf dem Seeweg, zum Teil auf dem Landweg.

Aber obwohl sie Odessa in solcher Hast verlassen hatten, war den Deutschen immer noch genug Zeit geblieben, den Hafen, den größten Teil der Industrieanlagen und zahlreiche große Gebäudekomplexe in schwelende Trümmerhaufen zu verwandeln.

Mitte April besuchte ich Odessa. Über der völlig im Dunkeln liegenden Stadt hing ein scharfer Brandgeruch. Von den Deutschen, die in den letzten 14 Tagen über Odessa geherrscht hatten, waren alle Kraftwerke in die Luft gesprengt worden. Was noch schlimmer war: Es gab kaum Wasser. Normalerweise kam das Wasser für Odessa vom Dnjestr. Die 50 bis 60 Kilometer lange Rohrleitung war gleichfalls gesprengt worden. Jetzt war die Stadt - wie auch während der zweimonatigen Belagerung im Jahre 1941 - auf ihre eigenen, nicht sehr ergiebigen Brunnen angewiesen.

Im Hotel "Bristol", in dem wir abstiegen, betrug die, Wasserration eine Flasche pro Person und Tag.

Die beiden Hausdiener des Hotels, ein ehemaliger Hafenarbeiter mit schwarzem Bart und ordinärem Lachen sowie sein Gehilfe, ein altes Männlein mit grauem Schnurrbart und verschlagenem Blick, standen vor dem Eingang auf dem Bürgersteig und sahen den Mädchen nach, die in ihren hellen Frühlingskleidern vorüberpromenierten, machten unanständige Witze und erzählten sich Geschichten von zwei Mädchen, von denen das eine offenbar auf rumänische, das andere auf deutsche Offiziere spezialisiert gewesen war.

Das war Odessa mit seinem Anflug von Unterwelt-Atmosphäre, die selbst eine hundertjährige Sowjetherrschaft wohl niemals ganz wird ausrotten können. Doch war es nicht mehr ganz das Odessa, das man auch aus der Vergangenheit kannte. Vor allem fehlten die Juden. Sie waren ein wesentlicher Bestandteil dieser Hafenstadt gewesen - sie, die Armenier, die Griechen und Levantiner.

Aber es gab noch die eigentlichen "Odessiti", die - ob sie nun Ukrainer, Russen oder Moldauer waren - sich eben doch in erster Linie als Einwohner Odessas fühlten und ihren eigenen Jargon sowie ihren eigenen Dialekt sprachen. Ganz offensichtlich war für viele von ihnen das bequeme Leben im Odessa Antonescus mit seinen Restaurants und seinem schwarzen Markt, seinen Bordellen und Spielhöllen, seinen Lottoklubs und Kabaretts, seinem durch Oper, Ballett und Symphoniekonzerte unterstrichenen Gepräge europäischer Kultur außerordentlich reizvoll.

Es gab die "Siguranza", die rumänische Geheimpolizei, es gab den bolschewistischen Untergrund - hier wörtlich zu nehmen, da er in den Katakomben der Stadt hauste -, es gab auch hier tausendfachen Judenmord. Dennoch unterschied sich das rumänische Besatzungsregime sehr von dem Regime, das die Deutschen auszuüben pflegten.

Solange die Achsenmächte hoffen konnten, den Krieg zu gewinnen, gedachten die Rumänen Odessa in ein heiteres und besseres Bukarest zu verwandeln. Das sah man nicht nur an den Restaurants, an den Geschäften und Spielhöllen, das erkannte man nicht nur an dem feierlichen Erscheinen Antonescus in der früheren Kaiserloge in der Oper - man unternahm ernsthafte Versuche, die Bürger von Odessa zu überzeugen, daß sie zu "Großrumänien" gehörten und auch in Zukunft gehören würden.

Anders als die Deutschen in den besetzten Städten, schlossen die Rumänen weder die Universität noch die Schulen. Die Schulkinder mußten Rumänisch lernen, den Studenten eröffnete man, sie würden vom Studium ausgeschlossen, falls sie sich nicht innerhalb eines Jahres ausreichende Kenntnisse im Rumänischen aneigneten.

In einem Punkt unterschied sich Odessa ganz besonders von den deutschbesetzten Städten: Odessa wimmelte von jungen Leuten. Die Rumänen hatten die Stadt als Teil Rumäniens betrachtet und in seinen Bewohnern künftige rumänische Bürger gesehen. Aus diesem Grund wurden die meisten jungen Leute in Odessa nicht deportiert. Andererseits zog man sie auch nicht zur rumänischen Armee ein, da man sie für völlig unzuverlässig hielt.

In diesen ersten Tagen nach der Befreiung traf man noch auf zahllose Überbleibsel aus den zweieinhalb Jahren, in denen die Rumänen hier regiert hatten. Überall in den von Akazien bestandenen Straßen, welche die Namen der französischen Gründer der Stadt

- Richelieu, de Ribas, Langeron - trugen, hingen noch die Plakate der Lottoklubs, Kabaretts und Bodegas, die inzwischen geschlossen worden waren, sowie die Reste einer in Deutsch, Rumänisch und Russisch gedruckten Bekanntmachung.

In Odessa wurde viel geboten: Am 27. März hatte hier sogar das Symphonie-Orchester der Deutschen Luftwaffe ein Konzert gegeben mit Schuberts "Unvollendeter", Beethovens Violinkonzert und Tschaikowskis Fünfter.

Geschäfte aller Art schienen im Odessa der rumänischen Zeit in vollem Schwung gewesen zu sein. Die Rumänen waren Spekulanten, und die meisten Einwohner von Odessa waren es auch. Handel und Spekulieren liegt den Leuten hier im Blut. Die rumänischen Generale hatten ganze Kofferladungen Damenunterwäsche und Strümpfe aus Bukarest mitgebracht und sie durch ihre Ordonnanzen auf dem Markt anbieten lassen.

Auch jetzt noch gab es manches auf dem Markt zu kaufen: deutsche Bleistifte, ungarische Zigaretten, deutsche Zigaretten (Marke "Krim"), Parfüm und sogar Strümpfe, obwohl diese jetzt Mangelware waren und nur unter dem Ladentisch verkauft wurden.

Man verkaufte auf dem Markt ein Glas Marmelade für 20 Rubel und das Kilo Brot für 10 Rubel, was äußerst preiswert war. Es gab Milch und deutschen Apfelsaft in Flaschen. Für die

Seidenstrümpfe müßte man 300 Rubel bezahlen. Die Verkäuferin sprach noch von Mark, wenn sie Rubel meinte, und als Einwickelpapier dienten deutsche Zeitungen.

Später verschwanden all diese Luxusartikel, die mit der "Neuordnung" in die Stadt gekommen waren, und die Preise zogen an.

Obwohl der Hafen mit seinen Docks und Getreidesilos nur noch ein Haufen schwelender Ruinen war, flanierten junge Leute scharenweise über die berühmte See-Promenade. Sie saßen auf Bänken oder auf den Stufen der großen Treppe, die man aus Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" kennt.

Ich erinnere mich besonders an zwei junge Burschen - der eine war blond, dem anderen sproß ein schwarzer Schnurrbart -, die mir in dem typischen Dialekt von Odessa die furchtbaren Verwüstungen schilderten, welche die Deutschen im Hafen und in anderen Teilen der Stadt angerichtet hatten. "Ich bin gespannt", sagte der mit dem schwarzen Schnurrbart, "wie es unter den Roten mit dem Baden sein wird." Während des vorangegangenen Sommers, sagte er, sei von den Rumänen nur ein Badestrand zur Benutzung freigegeben worden, und an heißen Tagen hätten sich dort an die 20 000 Menschen gedrängt. Jetzt, nachdem die verdammten Deutschen den ganzen Strand vermint hätten, werde man wohl das ganze Jahr über nicht ins Wasser kommen.

Im großen und ganzen waren sie froh, daß die "Roten" da waren, weil es unter den Deutschen wirklich "furchtbar" gewesen sei. Die Rumänen hätten zumindest "die meisten" in Ruhe gelassen, wenngleich auch beispielsweise die Juden sehr unter der Siguranza gelitten hätten.

"Was geschah mit den Juden?" fragte ich.

"Es hieß", sagte der blonde Bursche, "zahlreiche Juden seien umgebracht

worden, aber ich selbst habe es nicht gesehen. Manche entkamen, denn für Geld konnte man von den Rumänen alles haben, sogar einen Paß auf den Namen Richelieu. In unserem Keller lebte eine Judenfamilie. Einmal in der Woche holten wir für sie Lebensmittel. Die Rumänen wußten davon, aber es störte sie nicht. Sie sagten, es würden nur deshalb so viele Juden umgebracht, weil die Deutschen es verlangt hätten."

Da die Rumänen nicht so entschieden als "Herrenvolk" auftraten, war das Verhältnis zwischen ihnen und den Deutschen, ausgenommen vielleicht auf der obersten Ebene, nicht sehr innig. Eroberer und Eroberte fanden sich beim Geschäftemachen und im Schwarzhandel.

Nach Stalingrad sah es vielleicht noch ein Jahr lang so aus, als würden die Rumänen bleiben - danach nicht mehr. Für viele Bewohner Odessas bedeutete dies, daß sie in der Zusammenarbeit mit den neuen Herren viel vorsichtiger sein mußten.

Welche Rolle hatte die "Siguranza" in Odessa gespielt? Die Russen sagen, sie sei so schlimm gewesen wie die Gestapo. Sie habe nicht nur 40 000 Juden auf dein Strelbischtsche-Feld erschossen - sie habe auch während der ersten Zeit der Besetzung etwa 10 000 andere Personen umgebracht: Kommunisten, Verdächtige und Geiseln.

Wie die Russen sagten, war das einzig Gute an der "Siguranza", daß sie ungeheuer korrupt war und daß viele Juden, die es sich leisten konnten, sich "arische" Dokumente zu beschaffen vermochten; manchen gestattete man auch, aus der Stadt zu fliehen.

Was den sowjetischen "Untergrund" in Odessa betrifft, der von dem unentwirrbaren Labyrinth der Katakomben mit seinen Dutzende von Kilometern langen, zum Teil 30 Meter tief liegenden unterirdischen Gängen aus operierte, so bestehen durchaus einige Zweifel über seinen Umfang und seine tatsächliche Bedeutung. Viele romantische Geschichten wurden gegen Ende des Krieges über die "einzigen Stadtpartisanen" der Welt und über ihre kommunistischen Führer geschrieben, die während der ganzen rumänischen Besetzung tätig gewesen seien und unter den Eindringlingen Furcht und Schrecken verbreitet hätten.

In Wirklichkeit scheint die sowjetische Untergrundbewegung in Odessa die Katakomben, welche durch viele geheime Eingänge im Inneren von Häusern zugänglich waren, nur in Notfällen benutzt zu haben, und bestenfalls haben dort wohl nur einige wenige Leute für längere Zeit gehaust.

Sicher ist jedoch, daß große Bestände an Lebensmitteln und Waffen in den Katakomben versteckt waren und daß seit Ende 1943 und besonders während des letzten Monats der Besatzungszeit die unterirdischen Gänge auch als Zufluchtsstätte für gefährdete Personen an Bedeutung gewannen. Die Untergrundorganisationen versteckten hier junge Leute, die in Gefahr waren, deportiert zu werden, und ebenso eine gewisse Anzahl elsässischer, polnischer und vor allem slowakischer Deserteure der deutschen Armee.

Einige Partisanen, mit denen ich bald nach der Befreiung in Odessa zusammenkam - sie waren recht verwegene Typen -, behaupteten, es habe in den-Katakomben eine gut ausgerüstete Armee von 10 000 Mann gegeben (die meisten Waffen habe man auf dem schwarzen Markt von rumänischen oder deutschen Soldaten erwerben können), dazu ein "Katakomben-Lazarett" mit "zwölf Chirurgen und 200 Pflegerinnen", eine "Katakomben-Bäckerei" und sogar eine "Katakomben-Wurstfabrik".

Doch diese Angaben gebe ich nur unter Vorbehalt weiter. Abgesehen von den letzten Wochen der Besatzungszeit, waren die für eine starke Partisanenbewegung notwendigen Antriebsmomente - wie etwa die Gefahr der Deportation - einfach nicht gegeben.

Was ich in den Katakomben sah, waren ein paar Maschinengewehrnester, welche die wichtigsten Durchgänge absicherten, Nahrungsmittellager, die man für den Notfall angelegt hatte, sowie Brunnen und Waffendepots.

Fast ein Jahr später, im März 1945, besuchte ich wieder Odessa.

Essen war knapp, sogar im Hotel "de Londres"; überhaupt machte Odessa einen viel hungrigeren Eindruck als im Jahre 1944. Es gab weder Omnibusse noch Straßenbahnen, und der Markt bot ein dürftiges Bild. Raubüberfälle waren an der Tagesordnung. Finstere Gestalten schlichen bei Dunkelheit durch die Straßen. Benutzten sie jetzt die Katakomben, um der russischen Polizei zu entgehen?

Der Hafen war in Betrieb, und bleiche, gelbhäutige deutsche Kriegsgefangene räumten die Trümmer weg. Riesige Schuttmengen hatte man in der Zwischenzeit bereits fortgeschafft, doch war auch jetzt erst nur ein kleiner Teil des Hafens benutzbar.

Ich fragte mich damals, warum wohl Odessa in so geringem Umfang wiederaufgebaut worden war und warum hier die allgemeinen Lebensbedingungen so viel schlechter waren als in den meisten anderen befreiten Städten. Büßte Odessa jetzt Vielleicht dafür, daß es unter den Rumänen ein so relativ leichtes Los gehabt hatte, büßte es für den Eifer, mit dem sich so viele Odessier in das Leben der Nachtklubs, der Bodegas und des Schwarzmarktes gestürzt hatten?

Noch Jahre nach dem Krieg hatte man den Eindruck, daß Odessa in Moskau schlecht angeschrieben war und daß es auf den Dringlichkeitslisten für den Wiederaufbau weit unten stand.

Sewastopol wird überrannt

Deutsche Historiker sind der Meinung, ausschließlich Hitler sei für das "sinnlose Desaster" verantwortlich, das sich in den Monaten April und Mai des Jahres 1944 auf der Krim abspielte. Es war vielleicht die überwältigendste Niederlage, welche die Wehrmacht seit Stalingrad hatte einstecken müssen.

Hitlers Entschluß, sich auf der Krim festzuklammern, obwohl sich das gesamte ukrainische Hinterland im Norden bereits in der Gewalt der Sowjets befand, war die Frucht seiner bekannten politischen und wirtschaftlichen Überlegungen. In Hitlers Denken spielte ferner die sentimentale Vorstellung eine nicht unbedeutende Rolle, die Krim sei "das letzte Bollwerk der Goten" ... Dieses "Bollwerk" wurde binnen einem Monat von den Russen zurückerobert. Der massierte Angriff begann am 11. April 1944 im Norden.

Innerhalb von zwei Tagen überrannten Tolbuchins Truppen den ganzen Nordteil der Krim und nahmen die Hauptstadt Simferopol. Inzwischen stieß die Besondere Schwarzmeer-Armee Jeremenkos von den Brückenköpfen im Osten der Krim entlang der Südküste nach Westen vor, eroberte Kertsch, Feodosia, Gursuf, Jalta und Alupa und blieb den auf Sewastopol zurückweichenden Deutschen auf den Fersen.

Hitlers Beschluß, die Krim zu halten, war einer seiner wahnwitzigsten Einfälle. Nach sowjetischer Darstellung besaßen die Russen auf der Krim eine überwältigende Übermacht. 195 000 Mann auf deutscher und rumänischer Seite standen 470 000 russischen Soldaten gegenüber; ähnlich war das Kräfteverhältnis bei den Panzern, Geschützen und Flugzeugen. Auch die sowjetischen Flotteneinheiten im Schwarzen Meer waren den deutschen weit überlegen.

Hitler hatte Sewastopol zur "Festung" erklärt. Nach Ansicht Hitlers konnte sich Sewastopol mit 50 000 Mann auf unbegrenzte Zeit halten. Der Rest sollte evakuiert werden.

Die Russen hatten 1941/42 Sewastopol 250 Tage lang verteidigt und die "Sewastopol-Legende" geschaffen; mindestens das gleiche mußte jetzt den Deutschen gelingen.

Am 18. April umschloß die Front Sewastopol in einem etwa 35 Kilometer langen Halbkreis östlich der Stadt. Obwohl sich die Deutschen in großer Eile auf Sewastopol zurückzogen, richteten sie dennoch beträchtliche Zerstörungen an. So demolierten sie auch die Strandpromenade Jaltas,

Es wird eines der Rätsel dieses Krieges bleiben, warum Sewastopol 1941/42

von den Russen trotz einer überwältigenden Überlegenheit der deutschen und rumänischen Angreifer 250 Tage lang gehalten werden konnte, während 1944 die Russen die Stadt innerhalb von vier Tagen eroberten.

Deutsche Autoren finden die Erklärung einfach in der starken russischen Überlegenheit an Mannschaften, Flugzeugen und sonstiger Bewaffnung und Ausrüstung. Aber hatten nicht die Deutschen und Rumänen eine ähnlich starke Überlegenheit bei der Belagerung von 1941/42 gehabt? War im April 1944 vielleicht auf deutscher Seite schon ein Absinken der Moral spürbar - wenigstens an einem von der Heimat so weit entfernten Platz, wie die Krim es war?

Ob nun die Deutschen, wie sie heute zugeben, mindestens 60 000 oder ob sie,

wie die Russen behaupten, 100 000 Soldaten verloren - die ganze Krim -Operation, deren Scheitern Hitler anschließend durch die deutsche Version von der "heldenmütigen Verteidigung Sewastopols" zu kaschieren suchte, stellt eine der größten Fehlleistungen des Führers dar.

Am 9. Mai drangen die Russen von allen Seiten in die Stadt ein. Einige tausend Deutsche wurden in Sewastopol selbst getötet oder gefangengenommen; der Rest, etwa 30 000 Mann, räumte die Stadt und zog sich über das Moor auf die Halbinsel Chersones zurück.

Drei Meeresarme, die vom Norden her in den Landvorsprung einschneiden, bewirken, daß die Verbindung zu dem Vorgebirge mit dem eigentlichen Kap Chersones hier an einer Stelle nur dreieinhalb, an zwei anderen Stellen sogar bloß eineinhalb Kilometer breit ist.

Die erste Landenge hatten die Deutschen mit Minenfeldern, einem Erdwall sowie Drahthindernissen, Bunkern und Maschinengewehrnestern gesichert. Die Befestigungen waren nicht sehr solide, aber wegen der Minenfelder war es schwer, an sie heranzukommen. Die Verteidigungsanlagen auf den anderen beiden Landengen waren nicht nennenswert.

Die Entfernung zwischen den ersten Stellungen und dem Kap mit seinem weißen Leuchtturm betrug ungefähr fünf Kilometer. In diesem kleinen Gebiet, das etwa fünf mal zwei Kilometer maß, wollten sich die Deutschen noch einmal festsetzen - in der verzweifelten Hoffnung, über See zu entkommen.

So zogen sich denn am 9. Mai 30 000 Deutsche aus Sewastopol genau dorthin zurück, wo im Juli 1942 die letzten russischen Verteidiger der Stadt Zuflucht gefunden hatten, ehe sie vernichtet oder gefangengenommen worden waren.

Drei Tage und drei Nächte dauerte das "unvorstellbare Inferno", von dem deutsche Autoren heute berichten. In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai sowie in der darauffolgenden Nacht liefen zwei kleine Schiffe das Kap an und nahmen etwa 1000 Mann an Bord. Das gab den Zurückgebliebenen neuen Auftrieb. Auch ein kleiner Flugplatz lag in dem noch von den Deutschen gehaltenen Gebiet. Da er aber ständig von russischer Artillerie beschossen wurde, war er nicht von großem Nutzen.

Die Russen wollten verhindern, daß noch mehr Deutsche über See entkamen. Als sich in der Nacht zum 12. Mai wiederum Schiffe dem Kap näherten, gelang es der russischen Artillerie, zwei von ihnen zu versenken. Die übrigen Schiffe machten kehrt.

Auf die Moral der Deutschen wirkte sich das verheerend aus. In dieser Nacht

setzte man auch Stalinorgeln gegen den Feind ein, der bereits seit zwei Tagen unter schwerem Feuer lag. Was folgte, war ein Massaker. In panischer Flucht zogen sich die Deutschen hinter die zweite, dann hinter die dritte Verteidigungslinie zurück.

Als in den frühen Morgenstunden Panzer in den Kampf geworfen wurden, kapitulierten sie in hellen Scharen, darunter auch ihr Kommandeur, General Boehme, der sich mit mehreren Stabsoffizieren im Keller des einzigen Bauernhauses verschanzt hatte.

Tausende von Verwundeten waren zum äußersten Zipfel des Kaps gebracht worden. Hier standen auch noch etwa 750 Soldaten der Waffen-SS, die sich nicht ergeben wollten und weiterfeuerten ...

Am Morgen des 14. Mai flog Ich von Moskau nach Simferopol:

Das Tal von Inkerman schien ein Tal des Todes zu sein. Zwischen diesem Tal und Sewastopol liegt der Sapun-Rücken. Auch er bot ein trostloses Bild mit seinen zahllosen Bombentrichtern. Gott weiß, wie viele Männer hier am 7. Mai starben. In der Ebene um den Sapun -Rücken und über der Straße, die durch das Inkermantal nach Sewastopol führt, lag der Geruch des Todes. Hunderte von Pferdekadavern verwesten am Straßenrand, und Tausende von Toten hatte man oft nicht tief genug oder überhaupt nicht begraben.

Mehr als anderswo hatte man hier das Gefühl, über ganze Schichten menschlicher Gebeine zu fahren - über die Gebeine derer, die während der 250tägigen Belagerung Sewastopols 1941/42 und schließlich in diesem Mai des Jahres 1944 hier gefallen waren.

Aus einiger Entfernung sah Sewastopol aus wie jede andere Stadt. Aber Sewastopol lebte nicht, es war tot. Selbst in den Vororten, die sich das Tal von Inkerman hinaufzogen, stand kaum noch ein Haus. Zerstörung, Zerstörung überall. Über der Stadt - fröhlich und heiter vor dem Krieg - lag eine unsagbare Melancholie.

Man konnte sich kaum vorstellen, daß während des Sommers 1942 hier überhaupt Menschen hatten leben und kämpfen können, inmitten des Verwesungsgeruchs zahlloser unbestatteter Leichen.

Es war ein seltsames Gefühl, durch die verlassenen Straßen Sewastopols zu wandern. Überall lebte die Erinnerung an das entsetzliche Jahr 1942 und selbst an den Krim-Krieg.

Etwa 30 000 Zivilisten hatten die Belagerung von 1941/42 überlebt. Davon waren etwa 20 000 von den Deutschen deportiert oder unter dem Verdacht erschossen worden, es handle sich um Soldaten in Zivilkleidung. Etwa 10 000 schließlich durften in den nördlichen Vororten von Sewastopol bleiben.

Chersones bot einen schaurigen Anblick. Die Erde hier am Kap war von dem Feuer der Geschütze und Stalinorgeln wie umgepflügt.

Russische Soldaten schleppten zahllose deutsche Fahrzeuge ab.

Der Boden war übersät mit Tausenden deutscher Helme, Gewehre, Bajonette und anderen Waffen und Munition.

Fast alle Toten waren schon begraben, nur vor dem zerschossenen Leuchtturm trieben einige tote Deutsche in

den Wellen, von denen sie immer wieder gegen die Felsen geworfen wurden. Es waren die Leichen jener Männer, die versucht hatten, auf Flößen dem Unheil zu entkommen. Auch Überreste jener 750 SS-Leute waren noch zu sehen, die sich rund um den Leuchtturm bis zum letzten verteidigt und sich nicht ergeben hatten.

Und hier, zwischen den Leichen am Ufer, war noch eine geisterhafte Gestalt: ein Skelett, an dem nur ein paar Stoffreste hingen, und einer dieser Fetzen war weiß und grau gestreift - das Hemd eines Matrosen.

War er vielleicht einer von denen, die sich vor fast zwei Jahren - wie auch jetzt diese Deutschen hier - auf dem äußersten Zipfel des Kaps bis zum letzten verteidigt hatten?

Weißrußland: Schlimmer als Stalingrad

Die große russische Sommeroffensive begann etwa zwei Wochen nach der Landung der Alliierten im Westen und zwar - was symbolisch zu sein schien

- am 23. Juni, einen Tag nach dem dritten Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjet-Union.

Inzwischen waren die Rollen vertauscht worden. In den vergangenen zwei Jahren hatten die Sowjets trotz extrem hoher Verluste an Menschen und Material eine unerhörte Effektivstärke erreicht, während auf deutscher Seite die Menschenreserven ständig zurückgingen.

Zudem banden die britischen und amerikanischen Alliierten in Frankreich nach russischen Schätzungen etwa 30 Prozent der deutschen Kampftruppen.

Die russische Offensive begann unter den günstigsten Bedingungen. Noch in den allerletzten Tagen der Ruheperiode in Mai und Juni hatten die Deutschen erwartet, daß die Russen ihren nächsten Schlag nicht in Weißrußland, sondern im südlichen Teil der Front, zwischen den Pripjet-Sümpfen und dem Schwarzen Meer, führen würden. Die Russen hatten in Weißrußland nicht weniger als 166 Divisionen unter stärkster. Geheimhaltung zusammengezogen, und als der Angriff begann, waren die Deutschen völlig überrascht.

Die Russen machten kein Geheimnis aus der Tatsache, daß es sich hier gewissermaßen um die Revanche für 1941 handelte und daß jetzt sie es waren, die eine enorme Überlegenheit hatten: 166 Divisionen, 31 000 Geschütze und Werfer, 5200 Panzer und Selbstfahrlafetten sowie etwa 6000 Flugzeuge. Die sowjetische Überlegenheit den Deutschen gegenüber betrug:

- Mannschaften 2:1,

- Geschütze und Werfer 2,9:1,

- Panzer 4,3:1,

- Flugzeuge 4,5:1.

Das waren die Verhältnisse von 1941

- nur umgekehrt.

Bezeichnend für die Schlacht um Weißrußland war die äußerst wichtige Rolle, die die Partisanenverbände hinter den deutschen Linien spielten. Obwohl die Deutschen im Januar und Februar 1944 äußerst grausame Strafexpeditionen gegen die weißrussischen Partisanen durchgeführt und obwohl sie im April ganze Ortschaften im Zuge solcher Vergeltungsmaßnahmen vernichtet hatten - etwa die Ortschaft Baiki in der Provinz Brest, wo 130 Häuser niedergebrannt und 957 Menschen getötet wurden -, waren die weißrussischen Partisanen dennoch eine ansehnliche Streitmacht. Am Vorabend der Offensive betrug ihre Stärke 143 000 Mann.

Zwischen dem Kommando der Roten Armee und den Partisanen bestand eine enge Zusammenarbeit. Zwischen dem 20. und dem 23. Juni gelang es den Partisanen, praktisch alle Eisenbahnen in Weißrußland außer Betrieb zu setzen - und gerade das brauchte die Rote Armee, um den deutschen Nachschub zu lähmen.

Von der ersten Stunde an war die russische Offensive unerhört erfolgreich. Zwischen dem 23. und dem 28. Juni durchbrachen die russischen Fronten die deutschen Linien an sechs Stellen und kesselten bei Witebsk und Bobruisk starke deutsche Verbände ein. Allein in diesen beiden Kesseln wurden Zehntausende deutscher Soldaten getötet und etwa 20 000 Gefangene gemacht.

Vom Nordosten und Vom Südosten her drangen die Russen am 3. Juli in die weißrussische Hauptstadt Minsk ein; im Verlauf der Operation wurden starke deutsche Kräfte in einem riesigen Kessel östlich von Minsk eingeschlossen - hunderttausend Mann, die sich zum Teil ergaben.

Etwa 40 000 Soldaten wurden getötet oder verwundet. 57 000 Deutsche mit mehreren Generalen und Dutzenden anderer höherer Offiziere an der Spitze marschierten am 17. Juli durch die Straßen von Moskau.

Der Zweck dieser ungewöhnlichen Demonstration: einmal, die deutschen Behauptungen von einem "planmäßigen Rückzug" aus Weißrußland Lügen zu strafen - zum andern, Behauptungen der britischen und amerikanischen Presse zu entkräften, daß, wenn die russische Offensive in Weißrußland ein "Spaziergang" sei, dies seinen Grund hauptsächlich darin habe, daß ein großer Teil der Deutschen nach dem Westen habe abgezogen werden müssen, um dort

gegen die westlichen Alliierten kämpfen.

Der Zug der 57 000 Deutschen durch die Straßen Moskaus war ein denkwürdiger Anblick. Überraschend war, wie sich die Moskowiter am Straßenrand verhielten:

Die jungen Leute buhten und zischten und bombardierten die Deutschen mit allen möglichen Gegenständen. Die Männer sahen finster drein. Aber viele Frauen, vor allem ältere, waren voller Mitgefühl - manche hatten sogar Tränen in den Augen - als sie diese vollig heruntergekommenen "Fritzen" sahen. Ich hörte, wie eine alte Frau vor sich hinmurmelte: "Genau wie unsere armen Jungen ... Auch sie hat man in den Krieg getrieben."

Die in Weißrußland kämpfenden russischen Soldaten empfanden im allgemeinen nicht so nachsichtig. Denn überall hatten die Deutschen noch während des Rückzuges versucht zu zerstören, was sie zerstören konnten.

Nach Schätzungen wurden in Weißrußland in der Zeit der deutschen Besetzung mehr als eine Million Menschen ermordet.

Der größte Teil Weißrußlands und der Raum östlich davon, zwischen Smolensk und Wjasma, war nur noch eine einzige Wüste. Im Frühjahr 1944 hatten die Deutschen, wohl in Erwartung ihres Rückzuges aus Weißrußland, das gesamte Wintergetreide unterpflügen lassen und versucht, die Frühjahrsaussaat zu verhindern. Mit Spezialwalzen zerstörten sie die Felder.

Zwar konnten die Vernichtungsbefehle angesichts der Tatsache, daß nahezu 70 Prozent des Bauernlandes mehr oder weniger unter der Kontrolle der Partisanen standen, an vielen Orten nicht ausgeführt werden. Nichtsdestoweniger gelang es den Deutschen, einen großen Teil Weißrußlands in eine Wüstenei zu verwandeln.

Die Zerstörungen in den Städten waren erschütternd; nahezu alle Fabriken und öffentlichen Gebäude waren vernichtet, und in Minsk war außerdem die Mehrzahl aller übrigen Häuser niedergebrannt; allein in Minsk wurden 4000 Bomben, Minen und Sprengkörper mit Zeitzündern entdeckt und entschärft.

Der Vormarsch der Roten Armee ging mit großer Geschwindigkeit weiter; pro Tag rückten die sowjetischen Truppen 15 bis 25 Kilometer vor.

Am 18. Juli überschritten Rokossowskis Truppen die polnische Grenze, und am 23. Juli wurde Lublin erobert - ein Ereignis von weitreichenden politischen Konsequenzen. Am 28. Juli schließlich nahmen die Russen Brest-Litowsk - ganz Weißrußland war von den Deutschen gesäubert.

Die russische Offensive in Weißrußland brachte der Wehrmacht die schwerste Niederlage, die sie jemals an der Ostfront erlitten hatte. Zwischen 25 und 28 deutsche Divisionen - das bedeutete mindestens 350 000 Mann - wurden vernichtet. Im Kriegstagebuch des OKW wird die Niederlage der deutschen Heeresgruppe Mitte als größere Katastrophe gewertet als die von Stalingrad.

Wer ist zuerst in Berlin?

Die letzten drei Monate des Jahres 1944 standen im Zeichen verschiedener sowjetischer Operationen, die den Schlußangriff gegen Nazi-Deutschland zwischen Januar und Mai 1945 vorbereiteten.

Im Norden überrannte die Rote Armee die baltischen Republiken; der Empfang, den ihr die Bevölkerung bereitete, war gemischt.

Die drei baltischen Länder hatten ihre eigenen Nazis und ihre eigene Gestapo gehabt. Als ich im Oktober 1944 nach

Tallinn kam, sah ich in vielen Gesichtern den Ausdruck der Angst, und zwar vor allem bei den besser gekleideten Leuten. Der NKWD war unermüdlich tätig, und in den folgenden Jahren wurden Tausende von Balten deportiert.

Ende Oktober waren diese drei Republiken befreit, lediglich auf der Halbinsel Kurland standen noch 30 deutsche Divisionen; sie blieben hier bis zum Ende des Krieges.

Zu dieser Zeit hatten die Russen mehr als 750 Quadratkilometer deutschen Territoriums in Ostpreußen erobert. Der große Exodus der Deutschen aus Ostpreußen hatte begonnen. Viele flohen nach Königsberg, andere noch weiter nach Westen.

Unter den Rotarmisten herrschte Ungeduld - und Mißtrauen. Im November 1944 zeigte man mir den Brief eines Soldaten:

"Wie bisher bin ich auf dem Weg nach Berlin. Vielleicht werden wir nicht rechtzeitig dort sein, aber Berlin ist genau der Ort, den wir erreichen müssen. Wir haben genug gelitten und wir haben uns das Recht erworben, in Berlin einzumarschieren. Unsere militärische Leistung berechtigt uns dazu, während das bei den Alliierten nicht der Fall ist. Sie würden es wahrscheinlich nicht verstehen, aber Fritz versteht es nur zu gut. Deshalb leistet er so heftigen Widerstand. Sie beschießen uns morgens, mittags und abends, und sie müssen alles herangeschafft haben, was sie im Westen gehabt hatten. Ganz offensichtlich möchten sie lieber von den Alliierten als von uns besiegt werden. Wenn es dazu käme, würde uns das wirklich kränken. Ich vertraue jedoch darauf, daß man von uns bald Gutes hören wird. Die Wut und der Rachedurst unserer Soldaten sind, nach allem, was wir gesehen haben, größer als je zuvor ..."

Die Frage, wer zuerst nach Berlin kommen würde - diese Frage beschäftigte viele russische Soldaten unentwegt.

Man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die Rote Armee lieber viele Tausende von Soldaten in der Schlacht um Berlin verlieren als zusehen wollte, wie Engländer und Amerikaner mit einem Minimum an Verlusten Berlin als erste erreichten.

Offensichtlich war es vom russischen Standpunkt aus von politischer Bedeutung, in das Gehirn eines jeden Deutschen die Tatsache einzuprägen, daß Berlin sich nicht freiwillig den westlichen Alliierten ergeben hatte, sondern daß es von den Russen in blutigen Kämpfen erobert wurde.

Nach Deutschland hinein!

Am 12. Januar 1945 begann die letzte russische Offensive. Sie ging erst zu Ende, als knapp vier Monate später Deutschland kapitulierte.

Am 29. Januar überschritt Schukow südwestlich von Posen die alte deutsche Grenze von 1938. Zwei Tage später drang er auf dem Marsch nach Frankfurt an der Oder in die Provinz Brandenburg ein.

Das war die Lage, als Hitler den zwölften Jahrestag der Machtergreifung "feierte": Die Russen standen in der Provinz Brandenburg. Ein letztes Hindernis lag noch vor ihnen, die Oder.

Hier scheinen einige Bemerkungen über die russische Einstellung zu den Deutschen angebracht: in einer Zeit, da die Rote Armee in Deutschland eindrang.

Nach allem, was die Deutschen getan hatten - die Todeslager in Maidanek und Auschwitz waren den russischen Soldaten ganz frisch im Gedächtnis -, gab es zu diesem Zeitpunkt keinerlei Sympathie für das deutsche Volk.

Es war schwer für die russischen Truppen, ihren Rachedurst zu bändigen, nachdem sie fast vier Jahre lang auf russischem Boden gekämpft und Tausende von russischen Städten und Dörfern in Schutt gesehen hatten.

Nachdem die russischen Truppen deutschen Boden betreten hatten, ereigneten sich manche Grausamkeiten. Im ersten Rausch brannten die russischen Soldaten zahlreiche Häuser, ja manchmal ganze Städte nieder - nur weil es deutsche Städte waren!

Es wurde geplündert, geraubt und vergewaltigt. Gerade in dieser Beziehung kam es ziemlich häufig zu Scheußlichkeiten.

Aber wie mir später ein russischer Major erzählte, fanden sich viele deutsche Frauen damit ab, daß jetzt die "Russen an der Reihe" seien und daß es wenig Sinn habe, Widerstand zu leisten.

"Die Annäherung", sagte er, "war normalerweise sehr einfach. Unsere Soldaten mußten nur sagen: 'Frau, komm!', und sie wußte, was er von ihr erwartete ... Wir wollen uns nichts vormachen. Nach nahezu vier Jahren waren die Soldaten der Roten Armee in dieser Beziehung ausgehungert.

"Für die Offiziere, besonders für die Stabsoffiziere, war das kein solches Problem, da viele von ihnen eine 'Kriegsfrau' hatten - eine Sekretärin, eine Stenotypistin, eine Krankenschwester oder eine Kellnerin; der gewöhnliche. Wanka hatte es in dieser Beziehung längst nicht so gut.

"In den befreiten russischen Städten hatten zwar ein paar unserer Burschen Glück, aber eben die meisten doch nicht. Die Frage, ob man eine russische Frau mehr oder weniger vergewaltigen dürfe, stellte sich praktisch nie.

"In Polen ereigneten sich eine Reihe bedauerlicher Dinge, aber was die Frauen anging, so wurde doch streng auf Disziplin geachtet.

"Das häufigste Vergehen in Polen war das: 'Dai tschassy' - 'Gib mir deine Armbanduhr!' Es wurde schrecklich viel gestohlen und geraubt. Unsere Burschen Waren geradezu verrückt nach Armbanduhren, das läßt, sich nicht bestreiten.

"Aber Plünderungen und Vergewaltigungen in großem Maßstab begannen erst, als unsere Soldaten nach Deutschland kamen. Sie waren sexuell so ausgehungert, daß sie oft alte Frauen von 60 oder gar 70 oder 80 überfielen ...

"Ich gebe zu, es war eine häßliche Angelegenheit, und der Ruf der Kasachen und der übrigen asiatischen Truppen war besonders schlecht."

Die "Stunde der Rache"

In den ersten Wochen nach dem Einmarsch der Russen hingen in Deutschland Schilder, auf denen zu lesen stand: "Rotarmist - Du stehst jetzt auf deutschem Boden. Die Stunde der Rache hat geschlagen!" Und Ehrenburg schrieb:

"Deutschland ist eine Hexe ... Wir sind in Deutschland. Die deutschen Städte brennen, und ich bin glücklich darüber ...

"Nicht nur Divisionen und Armeen marschieren auf Berlin. Die Leichen all der Unschuldigen aus den Massengräbern, Gräben und Schluchten marschieren auf Berlin. Die Kohlfelder von Maidanek und die Bäume von Witebsk, an welche die Deutschen so viele Unglückliche hängten. Die Stiefel und Schuhe der in Maidanek erschossenen und vergasten Männer, Frauen und Kinder - sie alle marschieren nach Berlin. Der Tod klopft an die Türen in der Joachimsthaler Straße, in der Kaiserallee, Unter den Linden, und in allen verfluchten Straßen dieser verfluchten Stadt.

"Wir werden Galgen in Berlin aufstellen. Ein eisiger Wind fegt durch die Straßen der Stadt. Aber es ist nicht die Eiseskälte, es ist das Entsetzen, das die Deutschen und ihre Weiber nach Westen treibt ...

"Wir vergessen nichts. Wenn wir durch Pommern ziehen, haben wir das verwüstete, blutgetränkte Weißrußland vor Augen ...

"Die Deutschen wurden bestraft, aber nicht genug. Der Führer steht noch, anstatt daß er hängt. Die Fritzen laufen noch, anstatt daß sie tot am Boden liegen ...

"Du kannst dich drehen und wenden und in deinem Todeskampf brüllen - die Stunde der Rache hat geschlagen!"

Ende

Deutsche Rechte: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München.

Hinterbliebene, Kriegsopfer nach Abzug der Deutschen auf der Krim: "Gott weiß, wie viele starben"

Einmarsch der Russen in Odessa, April 1944: "in der Stadt der Bodegas und Bordelle eine Armee in Katakomben"

Russische Matrosen in Sewastopol, Mai 1944: "Am letzten Bollwerk der Goten ...

... eines der Rätsel dieses Krieges": Erbeutete deutsche Ausrüstung auf der Krim

Gefangene Deutsche in Moskau: "Alte Frauen weinten"

Siegessalven in Moskau: "Revanche in den Sümpfen"

Russen an der deutschen Grenze*, Oktober 1944: "Deutschland ist eine Hexe"

Berliner Vorort im April 1945: "Der Tod klopft an die Türen"

Sowjetische Siegesparade in Berlin, Mai 1945 "Die Deutschen wurden bestraft, aber nicht genug"

* Grenzschild: "???


DER SPIEGEL 35/1965
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