25.08.1965

BÜRGERLICH, HEROISCH, BANAUSISCH

Der in Rom lebende deutsche Kulturkritiker Dr. Gustav René Hocke, 57, Schüler des Romanisten Ernst Robert Curtius, ist Autor einer Geschichte des "Europäischen Tagebuchs" (SPIEGEL 30/1964) und zweier Bande der Rowohlt-Enzyklopädie über den künstlerischen und literarischen Manierismus.
Ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen von Oswald Spenglers aufsehenerregendem Werk "Der Untergang des Abendlandes" liegt jetzt eine Veröffentlichung aus dem Nachlaß des eigenwilligen Kulturhistorikers vor, der vor 85 Jahren im Harzgebirge geboren wurde und 1936 in München starb. Sie trägt den herrisch bestimmenden Titel "Urfragen".
Spengler bezeichnete diese aphoristischen Vorarbeiten als "Entwürfe einer Flohgeschichte der Menschheit". Sie entstanden meist zwischen 1924 und 1926. Ein Jahr später erlitt Spengler eine Gehirnblutung, an der er bis zu seinem Tode litt. Die Willenskraft des Verherrlichers des Willens erlahmte. Der Plan einer Weltgeschichte als universale Geschichte" konnte nicht mehr verwirklicht werden. Die Schwester und eine Nichte Spenglers haben die über 15 000 schwer leserlichen Notizzettel, die in 141 verschiedenfarbigen Mappen geordnet waren, gesichtet und in einen ersten Zusammenhang gebracht. Herausgegeben wurden sie jetzt, unter Mitwirkung von Manfred Schröter, von Anton Mirko Koktanek. Ein weiterer Teil unter dem Titel "Weltgeschichte von Anfang an" wird folgen.
Der umstrittene Prophet des Werdens und Vergehens aller Kulturen, das heißt auch der Entartung "abendländischer" Kultur von kosmisch gebundenen Anfängen zu großstädtischer Vermassung und "kalter" intellektueller Technisierung, bereitete mit diesen Aufzeichnungen eine Art Metaphysik der Geschichte der Menschheit vor. Damit wollte er seiner pessimistischen Kulturtheorie, die einst vor allem deutsch-bürgerliches Denken beeinflußte, ein festes Fundament geben. "Urfragen" sind nach ihm Fragen, "die ihren Wert in sich selbst haben". Es seien "ewige Fragen", doch solche, auf die es keine Antwort geben könne. Auf eine systematische Darstellung verzichtete der selbstbewußte deutsche "Dichterphilosoph" im vorhinein.
Schriftstellerisch sind diese Skizzen nur selten geformt. Viele von ihnen mußten durch Hinzufügungen von einzelnen Wörtern ergänzt werden. Die Sprache wirkt hart. Die Diktion wird im Streit banal und banausisch. So etwa wenn Spengler die gesamte Theologie als "idiotisch" bezeichnet; oder wenn er von der Naturwissenschaft zu sagen weiß, man habe sie heute "satt"; wenn er schreibt: "die heutige Atomtheorie ist ebenso Phantasie wie die chemischen Anschauungen der Araber"; oder wenn er behauptet: nur der großstädtische Halbgebildete "hält etwas" vom Fortschritt.
Das Denkgerüst des ehemaligen Gymnasiallehrers für Mathematik und Naturwissenschaft wird bald durchsichtig, auch wenn Sprachschutt in allen Etagen den Einblick erschwert. Dazu einige Beispiele, auch zu den Grundmotiven. Spengler will den Grundzug der Menschheitsentstehung aus dem Makrokosmos schildern; die allmähliche Abspaltung des "Kulturmenschen", den "tragischen Konflikt" zwischen der "flammenden" Schöpferkraft und dem angeblich blutlosen Intellekt der Wissenschaftler, Systemphilosophen und Fortschrittsliteraten; schließlich die
"letzte Urfrage, die alle anderen in sich schließt, das größte Warum" (auch sie sei allerdings nicht zu beantworten).
Dazu heißt es: Das ist der Sinn des Schicksals dessen, was sich nicht erkennen läßt." Und, mit der Ihm eigenen "pöbelverachtenden" Gebärde: "Der
Mensch ist eine Episode, ein Augenblick im Weltschicksal. Der größte Teil der Tragödie Kultur ist schon vorüber. Das Ende dämmert auf. Aber was bedeutet das für das Schicksal der Welt? Wie klein und unedel ist es, sich an ein eigenes Schicksal zu klammern! Was sind wir! Was bilden wir uns ein?"
Man hätte vermuten können, daß Spengler mit seinen philosophischen Essay-Fragmenten das Werden und Vergehen der einzelnen Kulturen von einer gleichsam in sich geschlossenen, im wesentlichen unveränderlichen Urkultur des Menschen abheben wollte, wie größere Denker von Plato über Thomas von Aquin, Pascal, Leibniz und Hegel bis zu Bergson, Ziegler, Toynbee und Teilhard de Chardin es versucht haben. Damit hätte er die Relativität der vergehenden (in Wirklichkeit sich wandelnden und sich anpassenden) Einzelkulturen überwinden und in der fortschreitenden Freiheit des Menschengeistes, trotz aller entsetzlichen Rückschläge, einen tieferen lebenerhaltenden und lebenbestimmenden Sinn ausfindig machen können.
Doch Spengler bleibt nicht nur, wie der Herausgeber der "Urfragen" schreibt, ein Gefangener seiner präziseren Gedanken". Der Sohn eines Postsekretärs aus dem Harzgebirge bleibt vor allem Gefangener seines sozialen Standorts, seiner bürgerlichen Unzulänglichkeit nach dem Scheitern in seinem Lehrerberuf.
Dem romantischen Beamtensohn, dem bürgerlichen Mythosophen stehen die Bauern, Matrosen, Fischer und Jäger näher. Der Lehrer, der unter dem Zwang des, Schullebens stand, haßt alle "Schulen", vor allem alle theologischen, philosophischen Schulen und naturwissenschaftlichen Methoden. Er träumt von erlebnisstarker Naturverbundenheit und von cäsarischer Macht. Er verurteilt sozialreformistische Menschenfreunde und fühlt sich wohl im Umgang mit Industriekapitänen, die doch gerade er verdächtig finden sollte, da er schließlich vom Aufstand des Blutes gegen das Geld schrieb.
Widersprüche um Widersprüche! Im Leben wie im Denken. Und dabei hoffnungslose Befangenheit. Ein rauschhaftes, aber dunkles, nervös-melancholisches Bild des untergehenden Abendlandes verwandelt sich in die zähflüssige Vision einer untergehenden Menschheit. Ein Mystiker, dem im Gegensatz zu Meister Eckhart oder Jakob Böhme die Kraft des Bildes fehlt. Ein Verächter der Begriffe, der selbst Opfer falscher Schlußfolgerungen wird. Ein Gegner der Systematik, der die Erkenntnismethoden irrig anwendet.
Spengler, ein spätpreußischer Mythosoph der "strahlenden Seele" und der Ohnmacht des kritischen Geistes, ist in allen seinen Grundthesen, wie man längst weiß, nur selten originell. Er befindet sich außerdem, wie man durch die neue vergleichende Literaturwissenschaft jetzt genauer erkennen kann, in einer Ahnengalerie von Untergangsgrüblern und Schwärmern der "Ursprünglichkeit", die die sichere Weltvereisung - sei es durch Intellekt, Wärmetod, Technik, Atombomben oder durch den Persönlichkeitstod in pöbelhafter" gleichmachender Demokratie - prophezeiten.
Doch stellt sich Spengler vor allem als ein Kind seiner Zeit dar. In der wilhelminischen Gründerzeit "erlebte" er seine besten Jahre. Ein "tragischer" Cäsarismus machte damals in ganz Europa Mode, Thomas Hardy, Rudyard Kipling und Maurice Barrès schrieben davon in Romanen, Gabriele d'Annunzio und Filippo Marinetti in Versen, Richard Wagner in Musikdramen. Spengler wählte kulturhistorische Weltpanoramen. Seine Kulturgrübelei wurde von einem zerfallenden Bürgertum als Religions- und Wissenschaftsersatz konsumiert.
Es wäre unsinnig, einen individualistischen "Geistmenschen" wie ihn als
Vorläufer des Faschismus zu bezeichnen. Mit Hitler verkrachte er sich ebenso rasch wie d'Annunzio mit Mussolini. Doch mündete all dieser anti-intellektuelle und anti-rationale Amoralismus, dieser lieblose Hochmut eines "tragischen Weltgefühls" und dieser ins Welt-Unpersönliche verliebte Heroismus auch gegen den Willen ihrer Verkünder schließlich doch in die ideologischen Garküchen des europäischen Faschismus. Und dort brodeln solche "Urkräfte" auch heute noch trübe weiter.
Solches Urteil mag als hart erscheinen angesichts des Hauptwerkes von Spengler, des "Untergangs des Abendlandes", das durch manche Grunderkenntnisse die Kulturphilosophie bereicherte. Aber die "Urfragen" zwingen uns dazu - wegen ihrer überheblichen Anti-Wissen-Ideologie, wegen ihrer menschenverächterischen Lieblosigkeit, wegen ihrer aus sozialer Befangenheit trübsinnigen Melancholie, die sich in Feuer-Visionen kleidet, und wegen einer banausischen Polemik, die von einem krankhaften Egozentrismus des Autors kündet.
Einem einfallsreichen Historiker wie Oswald Spengler kann man es nicht verzeihen, daß er die Gebrechen so vieler Kulturen durchaus durchschaut, die Bedingtheit seines eigenen sozialen Standorts hingegen überhaupt nicht erkannt hat.
Ludwig Marcuse schrieb anläßlich der "Urfragen", es wäre vielleicht doch besser gewesen, wenn Spengler noch einige Semester Philosophie studiert hätte.
Ein paar soziologische Seminare wären ebenso nötig gewesen.
Hacke
Oswald Spengler:
"Urfragen"
C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
München
380 Seiten
19,50 Mark
Spengler

DER SPIEGEL 35/1965
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